Erlanger Forscher wollen Wasserstoff mit Carbazol wie Diesel lagern

Wasserstoff statt Benzin im Tank, Wasserdampf statt CO2 aus dem Auspuff: Seit Jahrzehnten experimentiert die Autobranche mit Wasserstoffantrieben. Der Durchbruch blieb Technologien wie der Brennstoffzelle bislang verwehrt.

Vor allem die Lagerung des explosiven Wasserstoffs bereitet Ingenieuren Kopfzerbrechen.

Die Lösung könnte nun ein Team der Universität Erlangen liefern: Mit einer zähen Flüssigkeit, die den Wasserstoff einschließt, will man den Ökoantrieb autosalonfähig machen. Ohne hohen Druck, ohne extreme Temperaturen.

Seit einem Jahr forschen Wolfgang Arlt und Peter Wasserscheid an der Uni Erlangen am n-Ethylcarbazol, kurz Carbazol. „Pro Liter Flüssigkeit können wir darin 50 Prozent mehr Wasserstoff speichern, als wenn wir das reine Gas bei 700 Bar in den Tank drücken“, sagt Arlt. Derzeit sind diese 700 Bar Druck neben der Abkühlung auf minus 260 Grad die einzige Möglichkeit, um genug Wasserstoff in Autos unterzubringen.

Diese extremen Bedingungen verhindern aus Arlts Sicht bislang die flächendeckende Ausbreitung des Wasserstoffantriebs. „Der Mensch kann sich weder minus 260 Grad, noch 700 Bar vorstellen“, sagt der 59-Jährige. „Die Camping-Gasflasche hat 15 Bar, das Tiefkühlfach minus 18 Grad – in dem Bereich muss man der Bevölkerung Technik anbieten.“

Das Carbazol soll daher ähnliche Eigenschaften haben wie Diesel und bei atmosphärischem Druck gelagert werden. Im Energiekreislauf, den Arlt entwickelt hat, wird das Carbazol nicht verbraucht.

Angetrieben von Ökostrom, wird mittels Elektrolyse Wasser in Sauer- und Wasserstoff aufgespalten. Im nächsten Schritt wird Carbazol mit dem Wasserstoff angereichert und zur Tankstelle transportiert. Dort tauschen die Autos wasserstoffarmes Carbazol gegen wasserstoffreiches. Im Auto wird dem Carbazol der Wasserstoff wieder entzogen, „in einem Gerät, so groß wie eine Hutschachtel“, sagt Arlt. „Er kann dann in der Brennstoffzelle Strom erzeugen oder im Explosionsmotor verbrannt werden. Aus dem Auspuff kommt nur Wasserdampf.“

Ein großer Vorteil aus Sicht der Forscher: „Wir können die vorhandene Tankstellen-Infrastruktur nutzen“, sagt Arlt. „Bei der Lagerung unterscheidet sich Carbazol kaum von Benzin.“ In etwa zehn Jahren könnten die ersten Carbazol-Autos über die Straßen rollen. Die Autoindustrie ist jedoch skeptisch. So kritisiert BMW, dass hohe Temperaturen im Auto notwendig wären, um den Wasserstoff aus dem Carbazol zu lösen. Die Forscher messen der Trägerflüssigkeit allerdings keine große Bedeutung bei. „Es gibt vielleicht noch bessere Träger. Das Carbazol ist unser Arbeitspferd für die frühen Versuche“, sagt Arlt. „Und später suchen wir uns ein schönes Rennpferd.“

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