Foodwatch macht Banken für hohe Lebensmittelpreise verantwortlich – Ökonomen widersprechen

Zockerei schuld am Hunger?

Warten auf die Verteilung von Lebensmittelspenden: Frauen in Mogadischu. Weltweit hungern etwa 925 Millionen Menschen, weil die Preise für Nahrung immer weiter steigen. Foto: dpa

Berlin. Finanzspekulanten sind Schuld an den weltweiten Hungersnöten. Zu diesem Ergebnis kommt die Verbraucherorganisation Foodwatch in einer am Dienstag vorgestellten Studie. Seit dem Einstieg von Banken, Versicherungen und Stiftungen in Agrarfonds seien die Preise für Getreide kontinuierlich gestiegen, sagte Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode und verwies auf die verarmte Bevölkerung, die die Risiken von hochspekulativen Wetten zu tragen habe.

Harald von Witzke, Professor für internationalen Agrarhandel und Entwicklung an der Berliner Humboldt-Universität, kritisierte die Foodwatch-Studie im Gespräch mit unserer Zeitung. Tatsächlich seien die Preise für Nahrungsmittel seit der Jahrtausendwende in die Höhe geschnellt.

„Stark schwankende Agrarpreise haben allerdings nichts mit Spekulationen zu tun“, sagte der Wissenschaftler. In einer Analyse für das Humboldt Forum for Food and Agriculture hat von Witzke die steigenden Rohstoffkosten untersucht. „Die Gründe sind höhere Ausgaben für Öl und Transport, Ausfälle durch Naturkatastrophen, die Abwertung des US-Dollars und Exportbeschränkungen“, sagte der Agrarökonom.

Laut Welthungerbericht 2011 hungern heute rund um den Globus etwa 925 Millionen Menschen. In einigen Entwicklungsländern müssen die Menschen inzwischen 70 Prozent ihres Einkommens für Essen aufwenden.

Foodwatch-Geschäftsführer Thilo Bode forderte die Politik auf, Anleger wie Banken, Versicherungen und Pensionsfonds aus dem Rohstoffgeschäft auszuschließen und attackierte mit der Deutschen Bank und Goldmann Sachs zwei Banken namentlich. Beide wurden von Bode zum Verzicht auf Spekulationen im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln aufgerufen.

Versicherer des Marktes

Zur Diskussion stehen insbesondere Termingeschäfte, sogenannte „Futures“. Produzent und Spekulant schließen dabei Verträge ab, um eine zukünftige Warenlieferung zu festen Preisen zu garantieren. Foodwatch sieht in diesen auf Spekulationen begründeten Summen Referenzpreise für den gesamten Markt, die „Getreide und Speiseöl um bis zu 25 Prozent verteuert haben“.

Von Witzke spricht – wie Experten des Kölner Instituts für Wirtschaftspolitik – von einer notwendigen Methode: „Ein Landwirt, der eine feste Summe zugesichert bekommt, kann entsprechend in seine Felder investieren.“ Spekulanten dienten als „richtige und wichtige Versicherer“ für die Landwirte.

Von Sonja Broy

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