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Neandertaler wurden zu Kannibalen - weil es immer wärmer wurde

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Von: Julia Volkenand

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Neandertaler aßen sich teils gegenseitig auf - so viel ist schon länger bekannt. Allerdings entdeckten Forscher eine mögliche Erklärung für den Kannibalismus unter den Urmenschen.

Stuttgart - Kannibalismus als Folge von globaler Erwärmung? Das zumindest ist eine Erklärung, die Wissenschaftler dafür verantwortlich machen, dass Neandertaler dazu übergingen, sich vom Fleisch ihrer Artgenossen zu ernähren. Eine Wärmeperiode vor knapp 120.000 Jahren soll laut geo.de dafür gesorgt haben, dass die Frühmenschen diesen Schritt gingen.

Bei Untersuchungen verschiedener Gesteinsschichten in der Baume-Moula-Guercy-Höhle im französischen Tal der Rhône, fanden Forschende Hinweise genau darauf. In den 90er Jahren hatte man dort die skelettierten Überreste von sechs Neandertalern entdeckt. Es handelte sich laut eines Berichts des Business Insiders von 2019 dabei um zwei Erwachsene, zwei Heranwachsende zwischen zwölf und 15 Jahren und zwei Kinder im Alter von etwa vier Jahren. Alles wies darauf hin, dass sie von ihren Artgenossen zerteilt und abgenagt worden waren. Spuren von Schnitten durch Steinwerkzeuge und Nagespuren auf Fingerknochen stützten den Verdacht. Die Bissspuren passten zum Gebiss der Neandertaler, ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Skelette Opfer ihrer eigenen Artgenossen wurden.

Kannibalismus als Folge von Wärmeperiode - Forscher machen Entdeckung in Frankreich

Ähnliche Funde wurden auch in Spanien und Kroatien gemacht. Doch warum neigten Neandertaler überhaupt zum Kannibalismus? Eine Antwort auf diese Frage ließ auf sich warten. Natürlich gab es unter Wissenschaftlern verschiedene Thesen zur Ursache des prähistorischen Speiseplans: Religiöse Rituale, Hunger und Not standen auf der Liste der Thesen. Erst eine 2019 im Journal of Archaeological Science veröffentlichte Studie lieferte Einblicke.

Figuren von Neandertalern in Museum
Forscher entdeckten offenbar die Ursache für Kannibalismus unter Neandertalern. © Federico Gambarini/dpa

Im Fall der französischen Funde vermuten Forscher inzwischen, dass es nicht etwa Blutlust oder der Geschmack der Neandertaler war, das zum Verzehr der eigenen Spezies führten. Vielmehr vermuten sie, dass eine anhaltende Wärmeperiode dafür verantwortlich war. „Es benötigte außergewöhnliche Voraussetzungen, damit menschliches Fleisch verzehrt werden konnte“, betont Alban Defleur, der Autor der Studie.

Und genau diese Voraussetzungen scheinen vor 120.000 Jahren erfüllt worden zu sein. Der Boden der Höhle, in der man die Überreste fand, besteht aus 19 Schichten. Diese lagerten sich in mehreren Jahrtausenden ab, wodurch Pflanzen und Tierreste, die darin eingeschlossen wurden, bestimmten Zeitepisoden zugeordnet werden können.

Wärme rottete wohl Beutetiere aus - Neandertaler griffen zu drastischen Mitteln

Schicht „XV“ (15) korreliert so mit einem Zeitabschnitt, in dem die verstorbenen Frühmenschen gelebt haben dürften. Zeitgleich war in dieser Ära das Klima wärmer als vorher und danach (Eem-Warmzeit). Es handelte sich um die höchste globale Erwärmung der letzten 400.000 Jahre, so Defleur.

Als Konsequenz wuchsen vermutlich Wälder dort, wo zuvor noch Graslandschaften waren, Waldbewohner wie Hirsche und die griechische Landschildkröte ersetzten die Steppentiere der vorangegangenen Phase. In vorangegangenen Zeiten hatten Neandertaler vor allem Jagd auf Tiere wie Wildpferde, Wollnashörner und Kleintiere wie Vögel gemacht. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass das Verschwinden der Steppentiere und neu gewachsene Wälder die Jagd auf die gewohnten Beutetiere der Neandertaler beendeten. Der Verzehr der eigenen Artgenossen könnte demnach eine Reaktion auf das Wegfallen der altbekannten Beutetiere und dem daraus resultierenden Hunger sein.

Vor knapp 42.000 Jahren sorgte dann ein Magnetfeldkollaps augenscheinlich für das Ende der Neandertaler auf dem europäischen Kontinent.

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