Geschlechterbias als Grund?

„Beunruhigende“ Studie: Frauen sterben häufiger, wenn sie von einem Mann operiert werden

Die Gefahr negativer gesundheitlicher Folgen für Frauen ist um 15 Prozent erhöht, wenn ein Mann und nicht eine Frau sie operiert.
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Die Gefahr negativer gesundheitlicher Folgen für Frauen ist um 15 Prozent erhöht, wenn ein Mann und nicht eine Frau sie operiert.

Eine Studie aus Kanada zeigt, dass es häufiger zu Problemen nach einer OP kommt, wenn Frauen von Männern operiert werden. Andersherum ist das nicht der Fall.

Ontario – Dass Frauen in der Medizin häufig Nachteile erfahren, zeigen Recherchen zum sogenannten „Gender Data Gap“. So wird eine Datenlücke bezeichnet, die entsteht, weil viele Studien nach wie vor hauptsächlich an Männern durchgeführt werden. Ein Beispiel dafür ist, dass ein Herzinfarkt bei Frauen andere Symptome als bei Männern auslöst. Wenn aber weithin nur die männlichen Symptome gelehrt werden, wird eine lebensbedrohliche Situation bei Frauen zu spät erkannt. Nun zeigt eine Studie aus Kanada noch ein ganz anderes Problem auf: Frauen sterben häufiger, wenn sie von Männern operiert werden.

Die Studie haben Forschende in den Jahren 2007 bis 2019 in der kanadischen Provinz Ontario an mehr als 1, 3 Millionen Patientinnen und Patienten durchgeführt. Sie wurde bei Jama Surgery veröffentlicht. Untersucht haben die beteiligten Wissenschaftler dabei nach den biologischen Geschlechtern „weiblich“ und „männlich“ – und das sowohl bei den Patienten als auch bei den 2937 beteiligten Chirurgen. Die zahlenmäßige Aufteilung der OP-Konstellationen stellt folgende Tabelle dar:

Chirurg männlich, Patient männlich509.634
Chirurgin weiblich, Patientin weiblich92.926
Chirurg männlich, Patientin weiblich667.279
Chirurgin weiblich, Patient männlich50.269

Studie aus Kanada: Mehr negative Folgen nach Operationen für Frauen als für Männer

Insgesamt 189.390 Patientinnen und Patienten, also 14,9 Prozent der untersuchten Fälle, erlitten Komplikationen nach der Operation, mussten erneut ins Krankenhaus eingeliefert werden oder starben. Dabei stellte sich heraus, dass die Ergebnisse für Frauen deutlich schlechter waren, wenn sie von Männern operiert wurden, als wenn Frauen am OP-Tisch standen. Einen ähnlichen Nachteil für Männer, wenn Chirurginnen operierten, gab es der Studie zufolge nicht. Und auch nicht, wenn Männer von Männern behandelt wurden.

In Zahlen bedeutet das: Die Gefahr negativer gesundheitlicher Folgen für Frauen ist um 15 Prozent erhöht, wenn ein Mann und nicht eine Frau sie operiert. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben liegt für Patientinnen bei Chirurgen sogar 32 Prozent höher als bei Chirurginnen.

Folgen von Operationen: „Reale medizinische Folgen für Patientinnen“

„Dieses Ergebnis hat reale medizinische Folgen für Patientinnen“, sagte Dr. Angela Jerath, Professorin und klinische Epidemiologin an der Universität Toronto, dem Guardian. Sie ist Co-Autorin der Studie. Jerath nennt die Ergebnisse „besorgniserregend, denn es sollte keinen Geschlechterunterschied für die Patienten geben, egal welches Geschlecht die Chirurgen haben“. Sie sagte: „Auf einem Makrolevel sind die Resultate beunruhigend. Wenn eine Chirurgin operiert, sind die Ergebnisse bei gleichem Vorgehen im Allgemeinen besser, besonders für Frauen, selbst nachdem Unterschiede im Gesundheitszustand, Alter und andere Faktoren berücksichtigt wurden.“

Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Mann operiert zu werden, auch in Deutschland deutlich höher als von einer Frau: Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung waren im Jahr 2020 nur 14,6 Prozent der Chirurgen und Orthopäden weiblich.

Nachteile von Frauen bei Operationen: „Impliziter Geschlechterbias“ als Grund?

Die Studie ist den Forschenden zufolge die erste, die den Zusammenhang zwischen dem biologischen Geschlecht der Patienten, der Chirurgen und der medizinischen Ergebnisse untersucht hat. Laut Angela Jerath können fachliche Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Chirurgen die alarmierenden Studienergebnisse nicht erklären. Denn: „Beide Geschlechter durchlaufen die gleiche medizinische Ausbildung“, zitiert sie der Guardian.

Jerath vermutet eher einen „impliziten Geschlechterbias“ als Grund, also eine Verzerrung aufgrund des biologischen Geschlechts. Möglicherweise handelten Chirurgen nach „unterbewussten, tief verankerten Vorurteilen, Stereotypen und Einstellungen“. Auch könnten Unterschiede in der Kommunikation mit den Patienten vor der Operation und zwischenmenschlichen Fähigkeiten eine Rolle spielen – ebenso wie Unterschiede in der Arbeitsweise, Entscheidungsfindung und Urteilsvermögen weiblicher und männlicher Ärzten. Diese Mechanismen müssten aber noch wissenschaftlich untersucht werden.

Fachleute sehen nicht nur aus diesen Gründen bei bestimmten Erkrankungen eine „geschlechtsspezifische Behandlung“ als notwendig* an. Zusätzlich zu Unterscheidungen aufgrund des biologischen Geschlechts kommt auch rassistische Behandlung durch Ärzte in Krankenhäusern* vor, gerät aber selten an die Öffentlichkeit. (Kerstin Kesselgruber) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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