Mehr Bedarf, weniger Nachwuchskräfte

Fachkräftemangel bei Erziehern in Waldeck-Frankenberg wächst

Gute Nachrichten für viele Eltern: Die Gebühren für die Betreuung ihrer Kinder zwischen 3 und 6 Jahren sinken ab 1. August 2018. Das Land Hessen trägt die Kosten für sechs Stunden.
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Erzieherinnen und Erzieher spielen bei der Prägung von Kindern eine große Rolle. Neues Personal zu finden, wird aber schwieriger.

Der Fachkräftemangel macht sich bei den Erziehern bemerkbar: Dabei trifft der demografische Wandel auf steigenden Personalbedarf wegen längerer Betreuung und höherer Anforderungen.

  • Die Träger von Kitas und anderen Einrichtungen vermelden, dass es schwieriger wird, Erzieher zu finden.
  • Dabei spielt nicht nur der demografische Wandel eine Rolle, sondern auch gestiegener Personalbedarf wegen höherer Anforderungen.
  • Die Träger werben verstärkt auch um Quereinsteiger, für die gerade die Praxisintegrierte Ausbildung eine Option ist.

Waldeck-Frankenberg – „Der Fachkräftemangel ist da“, erklärt Christian Peter, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Frankenberg. Es dauere länger, bis vakante Stellen mit Erziehern besetzt werden können. Noch gelinge dies zwar, aber die klassische Personal-Akquise reiche bei weitem nicht mehr. Also würden auch Social-Media-Kampagnen und überregionale Agenturen herangezogen.

Das Problem werde dringlicher, erklärt Pfarrer Christian Rehkate, Vorsitzender des Kita-Zweckverbands Nordwaldeck: Durch das „Gute-Kita-Gesetz“ werde der Betreuungsschlüssel angehoben, das Stundenkontingent wird erhöht, um auch mittelbare Zeiten wie Fortbildungen und Vertretungen abzudecken. Zum Start eines Kita-Jahres seien die Kindergärten noch gut besetzt, Ausfälle in den Folgemonaten seien aber ein Problem: „Lücken zu füllen ist tatsächlich extrem schwierig geworden.“ Deshalb werde von vorherein mit Personal-Überhang gearbeitet.

Auch das Lebenshilfewerk spürt den Fachkräftemangel, berichtet Dorike Hentrich, Leiterin des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie. In der Kita sei das lange weniger schwerwiegend gewesen, doch Erzieher kommen auch etwa in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung zum Einsatz – dort bestehe das Problem schon länger. In den Kitas mache sich nun bemerkbar, dass Kinder früher in den Kindergarten kommen, teils noch im ersten Lebensjahr. Im Landkreis seien in den vergangenen Jahren auch vergleichsweise viele Kinder zur Welt gekommen.

Das Evangelische Fröbelseminar bemerkt eine schwächere Bewerberlage, erklärt Stefanie Müller, Koordinatorin der Praxisintegrierten Ausbildung: „Am Ausbildungsmarkt konkurrieren alle um eine geringere Anzahl an Menschen.“ Der Bedarf steige derweil weiter, der Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler ab 2026 müsse dann auch bedient werden: „Wir wissen nicht, wo die Fachkräfte herkommen sollen.“

Praxisintegrierte Ausbildung als Option für Quereinsteiger

In Ansatz, dem Problem zu begegnen, ist die praxisintegrierte Ausbildung (PiA). In ihr arbeiten angehende Erzieher von Anfang an mit: „Es macht die Ausbildung attraktiver, wenn man etwas verdient“, sagt Christian Peter – das locke Quereinsteiger. Mit 1100 bis 1300 Euro erhielten sie ein normales Azubi-Gehalt, sagt Stefanie Müller vom Fröbelseminar, was schon vorher Berufstätigen neue Wege eröffne. Auch Studenten kämen in der Pandemie: „Sie wollen Menschen sehen und nicht nur vor dem Bildschirm sitzen.“

Bislang gewährt das Land Hessen pauschal pro Monat für einen Azubi im ersten Jahr 1450 Euro, im zweiten 1130 Euro und im dritten 540 Euro. Derweil gibt es noch keine Möglichkeit, Anträge für die Förderung der PivA – mit dem zusätzlichen „v“ betont das Land die Vergütung – für das nächste Ausbildungsjahr zu stellen, erläutert Stefanie Müller.

Auf Anfrage unserer Zeitung erklärt das Hessische Ministerium für Soziales und Integration: „Im von der Landesregierung eingebrachten Haushaltsplanentwurf für das Jahr 2022 sind Mittel in Höhe von 26 Millionen Euro für die Fortsetzung der Fachkräfteoffensive Erzieherinnen und Erzieher vorgesehen, 16 Millionen Euro davon für 400 Plätze der praxisintegrierten, vergüteten Ausbildung.“ Über den Haushalt wird im Februar entschieden.

Die Betreuung sehr junger Kinder hat zum erhöhten Bedarf an Erzieherinnen beigetragen.

Die Fachkräfteoffensive Erzieherinnen und Erzieher, zu der die Förderung gehört, bewertet das Ministerium als „äußerst erfolgreich“: Im Ausbildungsjahr 2020/2021 haben sich hessenweit 8655 Personen zu staatlich anerkannten Erziehern ausbilden lassen, das seien so viele wie nie zuvor.

Fachkräftemangel mit vielfältigen Ausbildungsformen begegnen

Die Förderung mache die PiA für die Träger attraktiver, betont Stefanie Müller: „Meine Wahrnehmung ist, dass es in den letzten beiden Jahren aufgrund dieses Programms ein erhöhtes Interesse der Praxisstellen gab, PivA-Stellen zur Verfügung zu stellen, da dies eine andere Möglichkeit ist, Fachkräfte zu gewinnen.“ Aber die duale Ausbildung und die damit verbundene Finanzierung von Ausbildungsplätzen habe sich im sozialpädagogischen Bereich noch nicht bei allen Trägern ganz durchgesetzt. Stefanie Müller findet, dass weiterhin finanzielle Anreize bereitgestellt werden müssten. „Mir ist natürlich klar, dass dies irgendwann auch ohne Förderung laufen müsste.“ Das Fröbelseminar selbst bot sie schon vor der Förderung an, aber die Verbreitung in Hessen sei durch die Förderung gekommen.

Sie hält auch fest: „Um dem bestehenden und zukünftigen Fachkräftemangel zu begegnen, sollten meiner Meinung nach weiterhin verschiedenste Ausbildungsformen – Vollzeit, Teilzeit oder praxisintegriert – angeboten werden, die unterschiedliche Menschen, Männer und Frauen ansprechen.“ (wf)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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