Abschieds-Interview

„Gehe mit erhobenem Haupt“: Landrat Kubat über zwölf Jahre im Kreishaus

Hat heute seinen letzten Arbeitstag: Waldeck-Frankenbergs Landrat Dr. Reinhard Kubat in seinem Büro.
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Hat am 31. Dezember 2021 seinen letzten Arbeitstag: Waldeck-Frankenbergs Landrat Dr. Reinhard Kubat in seinem Büro.

Nach zwölf Jahren im Amt übergibt Waldeck-Frankenbergs Landrat Dr. Reinhard Kubat zum Jahreswechsel den Staffelstab an seinen Nachfolger Jürgen van der Horst. Im Interview mit unserer Zeitung blickt er zurück.

Vom relativ beschaulichen Rathaus in Frankenau sind Sie im Januar 2010 ins Kreishaus mit rund 1000 Mitarbeitern gekommen.

Kubat: Ich hatte mir damals auch Gedanken gemacht, wie das wohl werden wird. Rückblickend kann ich sagen, es ist unheimlich gut gelaufen. Ich hatte das Gefühl, es mit guten Leuten in allen Abteilungen zu tun zu haben. Ich bin von Jürgen Fehlinger, der mein Büroleiter werden sollte, gut eingearbeitet worden. Die Aufstellung des Haushaltes, für die ich da schon verantwortlich war, war von ihm trefflich vorbereitet.

Er hatte mir die allerdings nicht sehr erfreulichen Zahlen vorgestellt, die Folge der Wirtschaftskrise waren. Das war dann schon ein Schreck: Ein Fehlbetrag von 19 Millionen Euro im ersten Amtsjahr. Noch schlimmer war aber die mittelfristige Prognose der nächsten fünf Jahre. Da sollten sich den Planzahlen zufolge 100 Millionen Defizite ergeben. Deshalb war und ist es die oberste Aufgabe des Landrates – und das wird auch Jürgen van der Horst erleben – die Finanzen im Griff zu behalten, ohne die Investitionstätigkeiten abzuwürgen.

Der Start in ihre erste Amtszeit war mit einer Hypothek belastet, der Aufarbeitung der Ära Eichenlaub.

Damals herrschte hier im Haus eine ganz bedrückte Stimmung, eine große Verunsicherung vor dem Hintergrund, was sich im Kontext Helmut Eichenlaub abgespielt hatte. Aber erst Anfang Juni platzte die Bombe in puncto Provisionen. Die LB Swiss teilte mir mit, dass das Geld auf von Helmut Eichenlaub benannte Konten verteilt wurde. Dann nahm die Aufarbeitung dieser Affäre erst ihren Lauf. Die dumpfe Stimmung, die hier herrschte, wurde noch mal dramatisiert durch den Akteneinsichtsausschuss und durch die Fragen, die dann das Parlament beschäftigt haben.

Wie hat sich diese Stimmung aufgelöst?

Das war keine Geschichte von heute auf morgen, sondern ein langer Prozess. Ich glaube, es hat rückgekoppelt mit der Art und Weise, wie ich selbst mit den Menschen hier im Haus kommuniziert habe. Allmählich ist so Vertrauen gewachsen. Das ist überhaupt die wesentliche Erkenntnis, die ich nach zwölf Jahren gewonnen habe, dass alles darauf basiert, wie man mit den Menschen redet und ob man sich gegenseitig vertraut.

Nach zwölf Jahren ist die juristische Aufarbeitung der Sache Eichenlaub immer noch nicht abgeschlossen.

Ich wage auch keine Prognose, ob überhaupt ein echter Schlussstrich gezogen werden kann. Das ist für alle ärgerlich. Auf der anderen Seite: Das Haus hat Eichenlaub komplett vergessen. Er spielt bei uns im täglichen Leben keine Rolle mehr.

Als eines Ihrer wichtigsten Projekte nennen Sie die Reaktivierung der Bahnstrecke Korbach – Frankenberg.

Das hatte ich als eine der großen Aufgaben selbst im Wahlkampf zum Thema gemacht. Die Reaktivierung war ja bereits mal beschlossen und wurde im Zusammenwirken Helmut Eichenlaub und Otto Wilke aus dem Aufsichtsrat heraus wieder gestoppt. Und dieser Weg war mühsam. Aber ich war offenbar beharrlich genug. Ich erinnere mich an eine Anekdote: Ich kam von einer Veranstaltung nach Hause und eines meiner Kinder hatte auf einen Zettel gekritzelt, konnte gerade schreiben: „Das Land macht mit.“ Und da wusste ich: Jetzt hast du es geschafft.

Aber die finanziellen Voraussetzungen waren deutlich schlechter als beim ersten Anlauf, der Landkreis musste sich mehr einbringen. Hat es sich gelohnt, das Geld in die Hand zu nehmen?

Wir haben uns mit drei Millionen Euro am Bau beteiligt und es war zustimmungspflichtig im Kreistag und es war die spannende Geschichte, dafür ein positives Votum zu bekommen. Heute sind die Fahrgastzahlen erfreulicherweise viel besser als damals die Prognosen. Allein, dass wir aus Süden, aus Nordwesten und aus Richtung Kassel mit der Bahn erreichbar sind, ist ein unglaublicher Mehrwert für den Nationalpark, den Edersee, den Skisprung-Weltcup und den Tourismus in Willingen.

Und wir sind als ländlicher Raum nicht mehr vom öffentlichen Personennahverkehr abgeschnitten. Die Reaktivierung hat erst das nächste Millionen-Projekt möglich gemacht, den Bau der Werkstatt in Korbach für Inspektion und Instandhaltung der Züge mit fast 40 Arbeitsplätzen. Und jetzt denken wir über die nächsten Schritte nach, etwa die Elektrifizierung der Bahn.

Der Ausbau der Breitband-Infrastruktur war ein weiteres großes Projekt.

Hier bestand ein riesiger Handlungsbedarf. Wir haben uns dieser Aufgabe durch die Gründung der Breitband Nordhessen gestellt, mit der wir einen Gegenpart zu den großen Playern der Telekommunikationsbranche gebildet haben. Die nämlich haben den Ausbau nur dort betrieben, wo es für sie am lukrativsten war. Verloren haben dabei die Orte im ländlichen Raum. Mit einem riesigen Investitionsvolumen von deutlich über 140 Millionen Euro haben wir ein Glasfasernetz von 2200 Kilometern in Nordhessen gebaut. Und nur weil wir diese Infrastruktur gebaut haben, war es jetzt in der Pandemie möglich, die Schulen an das schnelle Internet anzuschließen.

Apropos Schulen, in ihrer Amtszeit mussten sie auch kleine Grundschulen schließen, was für heftige Widerstände in den Orten gesorgt hat.

Ich habe gemeinsam mit dem Kreisausschuss vier Grundschulen geschlossen, in Löhlbach, Freienhagen, Rhena und zuletzt in Waldeck. Das waren alles sehr unangenehme Entscheidungen, die wir getroffen haben, zu denen ich aber auch stehe. Ich war der Überbringer der schlechten Nachricht und habe es den Eltern erklärt und war dann natürlich sofort zur Persona non grata erklärt worden. Dafür bin ich der Landrat und stehe vorne und kneife auch nicht davor.

Aber wenn die Schulen so klein werden, dass sie nicht mehr die Lehrer zugewiesen bekommen, um die Breite des notwendigen Unterrichts abzubilden, dann haben sie ein Problem. Es gibt eine entsprechende Untergrenze der Schülerzahlen, die der Kreistag im Schulentwicklungsplan festgelegt hat. Auf der anderen Seite haben wir eine neue Schule in Sachsenhausen gebaut, die ein perfektes Lernumfeld bietet und heute neue Wege gehen kann und qualifizierte Ganztagsangebote eingeführt hat.

Mit dem Thema eng zusammen hängt die demografische Entwicklung. Bei ihrem Amtsantritt sahen auch diese Zahlen ziemlich düster aus.

Die Bertelsmann-Stiftung hatte eine Studie mit Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung herausgegeben. Demnach hätten wir einen Bevölkerungsschwund bis 2030 um die 20 Prozent gehabt. Gott sei Dank ist diese Prognose nicht eingetreten, wir haben uns sukzessive stabilisiert und wachsen wieder. So schlimm die Pandemie ist, da spielt uns auch Corona in die Karten: Homeoffice bietet eine neue Perspektive für ländliche Gebiete. Dass ländliche Räume sehr wohl attraktiv sind, sehen wir an verschiedenen Stellen, etwa am Immobilienmarktbericht für Waldeck-Frankenberg: Da steigen Nachfrage und Preise auch auf den Dörfern.

Zu den großen Herausforderungen der letzten Jahre gehört auch die sogenannte „Flüchtlingskrise“.

Die kam ja nicht unvorbereitet, aber in der Intensität im September 2015 schon. Wir hatten aus dem Innenministerium den Einsatzbefehl, innerhalb von 72 Stunden 1000 Menschen aufzunehmen. Das war keine leichte Aufgabe, hat aber gut geklappt. Da hat sich das Zusammenspiel mit den Städten und Gemeinden und den zivilen Kräften wie Feuerwehren und Rettungsdiensten bewährt. Aber auch die Vereine und Verbände, viele engagierte Menschen haben sich eingebracht – auch was die Integration im Nachgang betrifft.

Der Wilke-Skandal hat es bundesweit in die Schlagzeilen geschafft. Dabei gab es auch Kritik an den Strukturen im Kreishaus. Wie sehen Sie das in der Nachschau?

Wilke war ein schlimmes Ereignis. Das Ausmaß war uns zunächst gar nicht bekannt. Die Lage spitzte sich innerhalb weniger Tage zu, es gab mehrere Telefonate mit der Taskforce in Wiesbaden und dem Umweltministerium. Dann wurde mir klar, das ist eine gefährliche Geschichte, die sich da bei Wilke abspielt. Ich habe hier in meinem Büro mit Thorsten Winter aus unserer Rechtsabteilung und meinem Büroleiter Andreas Mann zusammen gesessen und gesagt: „Zumachen.“ Beide haben mir zugenickt. Mir war sehr schnell klar, es gab keine Alternative zur Schließung des Werkes, es gab aber auch eine unternehmerische Mitverantwortung, und die haben Verantwortliche in dem Unternehmen nicht so ausgeübt, wie sie es hätten machen müssen.

Wir hatten schon vorher die Produktion mehrfach stillgelegt, es gab Auflagen im Benehmen mit dem Regierungspräsidium, aber es hat am Ende nicht gefruchtet – oder es war nicht gewollt. Wilke war bitter, aber in dem jetzt hoffentlich kommenden Abriss liegt auch eine Chance für den Ort Berndorf.

Seit fast zwei Jahren muss die Kreisverwaltung die Corona-Pandemie vor Ort managen.

Wir haben nicht wie andere Kreise das Impfgeschehen an Dritte abgegeben, sondern komplett selbst organisiert. Und wir haben die in Quarantäne befindlichen Menschen jeden Tag angerufen, tun es auch weiterhin, um uns um deren Befinden zu erkundigen und Hilfestellung anzubieten. Dafür haben wir zwei Telefonzentren eingerichtet, die jeden Tag besetzt waren. Wir haben die Mitarbeiter aus den Fachdiensten in die Schichten der Impfzentren delegiert. Das war eine große Herausforderung und trotzdem ist die Verwaltung arbeitsfähig geblieben. Ich bedanke mich dafür ausdrücklich bei meinem Personal.

Was ist ihr Resümee nach zwölf Jahren?

Ich schaue gerne auf diese zwölf Jahre zurück, es war eine unglaublich erfüllte Zeit. Und wenn ich jetzt auf das Haus blicke, erlebe ich eine andere Verwaltungsstruktur und eine andere Grundstimmung als an dem Tag, an dem ich hier angefangen hatte.

Klingt nach einem Umfeld, in dem Sie gerne weiter gearbeitet hätten.

Ja, jetzt ist es aber nicht so.

Woran hat es gelegen?

Das haben mich schon viele gefragt, aber ich habe keine Antwort und werde mir darüber auch nicht den Kopf zermartern. Da ist etwas passiert, was sich meiner Wahrnehmung entzogen hat. Ich habe keine Wechselstimmung im Wahlkampf gespürt. Ich habe verloren, mich damit arrangiert, gehe mit erhobenem Haupt hier aus dem Haus und freue mich, dass ich zwölf Jahre hier arbeiten durfte.

Was sind ihre Pläne?

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mich nicht in den Liegestuhl setze. Ich werde den Dörfern weiter gewogen bleiben und auch versuchen, den Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ als Bundesvorsitzender weiter zu begleiten. Neben der Dorf- und Regionalentwicklung ist die Biologie und damit der Natur- und Klimaschutz mein Themenbereich.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Dass ich ihm viel Glück wünsche für alles, was vor ihm liegt. Dass er sich auf eine wirklich spannende Aufgabe freuen darf und dass ich ihm ein geordnetes Haus übergeben werde ohne versteckte Hinterlassenschaften. So etwas, wie ich damals erlebt habe, soll er nicht erleben. Und dass ich ihm den Landkreis und die Menschen anvertraue.

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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