Gerätturnen der Frauen

Suche nach dem Wohlgefühl: Bietet Ganzkörperanzug mehr Schutz vor Sexismus?

Sarah Voss  turnt im Ganzkörperanzug.
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Meilenstein für das Frauenturnen gesetzt: Sarah Voss trat bei der EM in einem Ganzkörperanzug an und setzte damit ein wichtiges Zeichen gegen die Sexualisierung in dieser Sportart.

Die deutschen Turnerinnen haben bei der EM die gewohnte Kleiderordnung durchbrochen. Der Ganzkörperanzug soll sie besser vor Sexismus schützen. Das finden auch heimische Trainer und Aktive gut.

Korbach – Wie viel Haut darf eine Sportlerin zeigen, um vom Zuschauer, Fotografen oder Kampfrichter nicht zum Sexualobjekt missbraucht zu werden? Diese Frage wurde in den vergangenen Jahren häufig gestellt, ob bei Beachvolleyballerinnen, Turnerinnen, Schwimmerinnen, Gymnastikfrauen, ja sogar im Hockey und in anderen Sportarten. Sie wäre einfach zu beantworten, wenn man das Wort „darf“ durch „will“ ersetzen würde.

Doch so viel Freiheit erlaubt die Kleiderordnung oft nicht und so fühlen sich Frauen in so manchem Dress unwohl in ihrer Haut, manchmal sogar nackt. Doch Kleiderordnungen im Wettkampfsport zu verändern ist nicht einfach. Daher haben die deutschen Turnerinnen zu dieser Thematik vor einigen Tagen bei der Europameisterschaft ein beeindruckendes Zeichen gesetzt: Sarah Voss turnte in einem Ganzkörperanzug an.

Dörte Fabry, Vorsitzende des Turngaus Waldeck.

Letztlich trug sie nur etwas mehr Stoff an den Beinen. Dennoch bot diese kleine Veränderung danach viel Redestoff in der Turnwelt und den Medien. Die deutschen Frauen waren dadurch ein doppelter Hingucker. Aber diesmal genau so, wie sich Turnerinnen das hingucken vorstellen. Sie konnten sich erstmals voll und ganz auf ihre Übung konzentrieren, mussten nicht darauf achten, ob ihr Turnanzug verrutscht und dabei Körperstellen offenlegte, die sie lieber bedeckt halten möchten.

Was zunächst wie eine Revolution klingt, war aber eigentlich nicht einmal ein Revolutiönchen, denn die deutsche Bundestrainerin Ulla Koch sagte danach: „Ich glaube, die meisten wissen gar nicht, dass wir schon seit Jahren lang tragen dürfen.“ Die Regularien lassen einen Ganzkörperanzug bereits seit 2009 zu, allerdings nicht zwei Kleidungsstücke. Der Weltverband hatte die Kleiderordnung verändert, nachdem Turnerinnen aus muslimischen Staaten dies gefordert hatten. Doch deren Auftritte veranlasste die Konkurrenz nicht dazu, ebenfalls den Anzug zu wechseln.

Zweiteiler tragen heißt Punktabzug

Aber diesmal könnte ein Durchbruch gelingen. Das zeigen nicht nur die zahlreichen positiven Reaktionen über den Auftritt der deutschen Frauen in der großen Turnwelt, sondern auch in der kleinen. „Ich finde es gut und wichtig, dass die deutschen Turnerinnen dabei als Vorbild vornan gehen“, sagt Dörte Fabry, Vorsitzende des Turngau Waldeck.

Diese Meinung teilen Monika Trilling-Rauch, Trainerin beim TV Rhoden, und Lisanne Schwalenstöcker (18), Turnerin beim TSV Korbach (siehe Interview unten) und auch Antje Brand, die von 1972 bis 1985 aktiv geturnt hat und danach 15 Jahre lang Trainerin beim TSV Korbach war. Die Korbacher Ärztin gibt aber zu, dass diese Problematik in all diesen Jahren kein Thema gewesen sei: „Wir haben uns einfach an die Vorschriften gehalten und auch wenig darüber nachgedacht.“ Auch als Trainerin seien diese Diskussionen innerhalb der Mannschaft nicht geführt worden. „Allerdings waren die Turnanzüge damals an den Beinen etwas länger und auch nicht so eng geschnitten.“

Turngau-Chefin: Das Problem ist keine Frage des Geschlechts 

Fabry möchte sogar noch einen Schritt weitergehen als die deutsche Frauenriege, wenn der Turngau-Vorstand ihrem Vorschlag zustimmt. Sie möchte auch einen Zweiteiler für Wettkämpfe erlauben. Bislang dürfen Kampfrichter bei der Notenvergabe dafür 0,3 Punkte abziehen. Doch der Turngau kann dies nur für Veranstaltungen freigeben, die hier im Landkreis stattfinden. Schon bei einer Bezirksmeisterschaft gilt die Kleidungsordnung des hessischen Turnverbandes.

„Ich werde meinen Mädels künftig sagen: Wenn ihr eine Hose zum Turnanzug anziehen wollt, macht das, das haben die bei der EM auch gemacht, und wenn es dafür Punktabzüge gibt, gibt es Ärger“, erzählt Trilling-Rauch. Das Kindswohl sollte über allem stehen, meint die Trainerin und erinnert sich an ihre eigenen Erfahrungen als Teenager: „Ich habe auch geturnt und als ich in die Pubertät kam, war der kurze Turnanzug ein Grund dafür, warum ich aufgehört habe.“

Ästhetische Aspekt keine Frage des Alters 

Doch hinter dem Vorhaben, mehr Kleidungsfreiheit ins Frauenturnen zu bringen, verbirgt sich ein weiterer Grund. „Beim Waldecker Turnpokal sind auch ältere Frauen wieder dazugekommen, nachdem klar war, dass sie in langer Hose antreten dürfen. Ich denke, mit dem normalen Turnanzug hätte niemand von ihnen mitgemacht“, erzählt Fabry. Hier gehe es nicht nur um mehr Schutz vor Sexismus, sondern auch um Ästhetik, denn auch ältere Turnerinnen wollten natürlich bei ihren Übungen weiterhin eine gute Figur abgeben.

Trilling-Rauch ging als Seniorin auch nur unter dieser Bedingung an die Geräte. Sie weist aber darauf hin, dass der ästhetische Aspekt keine Frage des Alters sei. „Wir haben Mädchen in unserer Turngruppe, über die bin ich total happy, die kommen regelmäßig zum Training, die sind aber ein bisschen fülliger und fühlen sich deshalb unwohl im Turnanzug. Das wiederum sehen dann auch die Kampfrichter, eine Turnerin strahlt dann nicht so.“

Auch für Fabry ist der Ganzkörperanzug längst überfällig, denn auch sie erinnert sich noch daran, wie unwohl sie sich selbst an manchen Tagen in Turnanzug gefühlt hat. Je höher man sportlich klettert, desto strenger wird die Kleiderordnung. „Bei kleineren Wettkämpfen war auch der Zweiteiler möglich, aber als ich zum KSV Baunatal in die Landesliga gewechselt bin, war der Turnanzug sogar die normale Trainingskleidung.“

Fabry betont, dass nicht die Anwesenheit von Männern in der Halle dieses mulmige Gefühl auslöse. „Ich glaube, das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, es ist letztlich egal, wer hinguckt, es ist so oder so unangenehm.“ Sie räumt allerdings ein, dass ein Mann als Punktrichter bei ihr ein anderes Gefühl ausgelöst habe als eine Frau. Doch Männer sitzen beim Frauenturnen selten in der Jury. „Wenn da nur Männer sitzen würden, wäre es problematischer“, vermutet Fabry. „Ich bin auch froh, dass ich immer von einer Frau trainiert wurde.“

Monika Trilling-Rauch, Trainerin beim TV Rhoden.

Die Turngau-Vorsitzende weist aber auch daraufhin, dass die enge Kleidung beim Turnen schon auch Sinn macht, sie sogar auch schützen kann. „Die Kampfrichter und Trainer müssen jede Bewegung genau sehen können.“ Das gelte nicht nur aus sportlicher Sicht, sondern auch aus gesundheitlicher. Bei einem weiten T-Shirt, könnten sie ein Hohlkreuz beim Handstand oder nach einem Salto nicht sehen und diese Fehlhaltung könne böse Rückenverletzungen verursachen. Auch bei der Hilfestellung sei eine enge Kleidung wichtig, damit die Trainerin weiß, wo sie Hand anlegen müsse. Fehlgriffe könnten auch hier die Folge sein.

Was mit der Ganzkörperanzug-Debatte begann, sollte nach Ansicht von Fabry und Trilling-Rauch zu einem Ziel führen: Jede Turnerin kann selbst entscheiden, welche Kleidung sie während ihrer Übung trägt. Fabry möchte bei diesen Fragen das Heft des Handelns so weit wie möglich selbst in der Hand behalten: „Wir werden das im Vorstand regeln und nicht warten, bis da was von oben kommt.“ rsm

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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