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Bewegungsmangel immer dramatischer: Schon die Beine hochheben fällt Kindern schwer

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Kinder beim Spielen
Bewegung ist für Vorschulkinder wichtig, denn in dieser Zeit werden motorische Fähigkeiten ausgebildet, die sich später nur noch mühsam aneignen lassen. ©  imago/Baumann

Bewegungsmangel bei Kindern. Ja, ja der ist bekannt, schon seit Jahren. Es wird durchaus auch etwas dagegen getan, aber nicht viel und nie genug, denn dann wäre dieser Mangel längst beseitigt.

Korbach – Die Corona-Pandemie hat die Bewegungsdefizite bei den Kindern noch einmal dramatisch erhöht, durch Lockdowns, Hallenschließung, Gruppensportverboten und Schule ohne Sportunterricht. „Das ist keine Panikmache“, betont Kerstin Mühlhausen, Vorstandsmitglied beim Sportkreis Waldeck-Frankenberg.

Für sie und viele Übungsleiter ist mittlerweile Gefahr in Verzug. Mühlhausen kann das auch belegen, denn sie nimmt derzeit in den Schulen im Landkreis das Sportabzeichen ab.

Diese Einschätzung bestätigt auch Stephan Schulz-Algie, Referatsleiter im Bereich Sport, Bewegung, Erlebnis beim Landesportbund Hessen. „Corona hat da noch mal richtig reingehauen.“ Und einige politische Entscheidungen in der Pandemie hätten einmal mehr gezeigt, welch niedrigen Stellenwert in unserer Gesellschaft die Bewegung für Kinder und Jugendliche habe, weil man die bei den Entscheidungen über die Einschränkungen nie im Fokus gehabt habe.

Der Ballwurf ist mittlerweile eine Katastrohe

„Als schlecht und immer schlechter“, beklagt Mühlhausen den motorischen Ist-Zustand bei den Sechs- bis Elfjährigen. Es sei bisweilen schon erschreckend, wenn Kinder beim Seilspringen nicht mehr mit beiden Beinen gleichzeitig abspringen könnten, oder sie die Reihenfolge, erst die Arme und damit das Seil bewegen, dann springen, koordinativ nicht mehr hinbekämen.

Mühlhausen glaubt manchmal nicht, was sie da sieht: Während die Kinder in früheren Jahren im Sportunterricht auf dem schmalen Holz einer umgedrehten Bank balancieren mussten, schafften es nun viele Kinder nicht mehr auf der breiten Sitzfläche der Bank das Gleichgewicht zu halten. Der Ballwurf sei mittlerweile eine Katastrohe, egal ob Mädchen oder Junge, erzählt sie.

Als Sportabzeichen-Prüferin ist Mühlhausen noch ein weiteres verändertes Verhalten aufgefallen: Es falle Kindern heute im Vergleich zu früheren Jahren schwerer, bestimmte Tätigkeiten länger durchzuhalten und wenn sie den Wettkampf vorzeitig aufgäben, diese Entscheidungen oder Niederlagen allgemein, auch als solche zu akzeptieren.

Sie erinnert sich an einen Jungen, dem sie vor dem 8-Minuten-Dauerlauf gesagt habe, er solle nicht so schnell losrennen, sonst schaffe er den Lauf nicht. Der hielt sich aber nicht dran, gab vorzeitig auf und fragte die Prüferin: „Habe ich das jetzt geschafft?“ Sie verneinte und sagte ihm, er könne es das im nächsten Jahr noch einmal probieren. Darauf erhielt sie die Antwort, „Nein, dann habe ich dazu keinen Lust mehr.“

Aus der Erkenntnis, dass nur noch sehr wenige Erstklässler das Sportabzeichen schaffen würden, schließt Mühlhausen, dass der Sport nicht nur in der Grundschule, sondern bereits im Kindergarten keine große Rolle mehr spiele. „Ich weiß, es gibt Kindergärten, die bieten genügend Bewegungsangebote, aber das ist nicht die Mehrheit“, betont die Sportkreis-Mitarbeiterin.

Hälfte der Grundschulsportlehrer haben kein Sport studiert

Diese Aufgabe können man nicht allein den Schulen überlassen, denn bis zum sechsten Lebensjahr sollten bereits einige motorische Fähigkeiten ausgebildet sein, die sich ein Kind später nur noch mühsam aneignen könne. Der Mangel an guten Bewegungsangeboten setze sich aber oft in der Grundschule fort, wo rund die Hälfte des Sportunterrichts von Lehrerinnen und Lehrern gegeben werde, die kein Sport studiert hätten.

„Dieser Unterricht sei dann nicht auf die jeweilige motorische Entwicklungsstufe der Kinder abgestimmt, sondern da kommt ein Ball in die Mitte und damit hat sich’s“, erklärt Mühlhausen, die sich auch von den Eltern mehr Engagement für einen guten Sportunterricht wünschen würde.

Kerstin Mühlhausen,
Kerstin Mühlhausen, Vorstandsmitglied beim Sportkreis Waldeck-Frankenberg. © pr

„Kaum ein Lehrer kann heute noch im Turnen eine Übung vormachen, also wird nicht mehr geturnt.“ Dass all diese Mängel hingenommen würden, bestätige ihre Ansicht, dass der Sport im Kindergarten und in der Schule von der Gesellschaft, der Politik, den Lehrern, Eltern und vielleicht sogar von den Kindern selbst immer noch nicht als wichtig genug eingestuft werde.

„Viele Kinder sind schon so schief“, erzählt Mühlhausen. In Anbetracht dieser vielen körperlichen Haltungsschäden fordert sich mindestens drei, am besten vier Stunden Schulsport als eine Reaktion auf den Bewegungsmangel.

Sie könne sich auch gut Sport als Hauptfach vorstellen, gleichgestellt neben Deutsch und Mathematik gepaart mit den Nebenfächern Gesundheit, Ernährung/Kochen. „Doch davon sind wir leider immer noch weit entfernt.“

Die sportlichen Durchschnittskinder sind bereits verloren

Die Mittelschicht ist schon weg. Die sportlichen Durchschnittskinder sind bereits verloren gegangen. Diese Meinung vertritt Birgit Kleinschmidt, die seit rund zehn Jahren einen Kinderturn-Test für Siebenjährige anbietet, sowohl als Sportlehrerin in Grundschulen als auch als Übungsleiterin beim TSV Elleringhausen. Außerdem ist sie Fachwartin für Kinderturnen im Turngau Waldeck .

Vor Corona schafften die Kinder bei diesem Test im Schnitt 14 bis 18 Liegestütze. Von 20 Kindern schafften zehn diese Leistung, fünf mehr und fünf weniger.

Ihre Erkenntnis heute: Zehn sind sehr sportlich, die schaffen über 20 und zehn schaffen keine zwei Liegestütze mehr. „Als ich das gesehen habe, sollten sich die Kinder zur Entspannung auf den Rücken legen und in der Luft Radfahren, aber auch hier schaffte die Hälfte der Kindern nicht mal mehr, die Beine hochzuheben. Ich war total geschockt. Das ist wirklich dramatisch.“

Bisher habe sie diesen Test immer nur angeboten, um die Kinder zu motivieren, den kann doch jeder. Doch das war einmal ein Kinderspiel. Kleinschmidt ist wütend, dass dieser Bewegungsmangel von allen Seiten immer wieder beklagt wird, aber kaum einer bereit ist, ihn zu beenden.

Forderung: Vier Sportstunden in der Schule

Kleinschmidt hat dafür einige Vorschläge: Auch sie fordert vier Sportstunden in Schulen. Die Antwort der Politik darauf kennt sie bereits: Dafür haben wir nicht genügend Lehrer. Damit ist dieses Diskussion meist beendet, aber Kleinschmidt und ihre Mitstreiterinnen wollen sich damit nicht mehr zufrieden geben. „Das was mit unseren Kindern gerade passiert ist eine Notsituation und so sollten wir auch handeln.“

Sie schlägt einen Runden Tisch vor, an dem Vertreter der Politik Vereine, Schule, Eltern, Kindergarten einen schnell umsetzbaren Plan aufstellen. Vereinstrainer, Lehrer in Pension und andere Freiwillige könnten mithelfen, wieder mehr Bewegung in die Kinder zu bringen.

„Ich könnte mir vorstellen, dass der Turngau eine Fortbildung anbietet Wie gestalte ich eine Sportstunde mit methodischen Aufbauten.“

Eltern sollten bei ihrem Kind mit Übungen prüfen, wie fit es sei. Auch in der Stadtplanung sollten stets Bewegungsräume eingebaut werden, auf Plätzen oder in Fußgängerzonen. Und falls die Politik die Hallen wieder dicht machen sollte, appelliert Kleinschmidt an sie: „Für Schulen und Kitas nicht wieder schließen.“ rsm

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