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„Rückschläge haben mich stärker gemacht“: Karolin Horchler über Anfänge, Höhen und Tiefen ihrer Karriere

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Von: Dirk Schäfer

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Ehrenrunde: Als Gesamtsiegerin des IBU-Cups durfte Karolin Horchler 2018 in Khanty-Mansiysk eine Ausfahrt mit dem Rentierschlitten genießen – einer der Höhepunkte ihrer Karriere, die nun zu Ende ging.
Ehrenrunde: Als Gesamtsiegerin des IBU-Cups durfte Karolin Horchler 2018 in Khanty-Mansiysk eine Ausfahrt mit dem Rentierschlitten genießen – einer der Höhepunkte ihrer Karriere, die nun zu Ende ging. © imago/ITAR-TASS

Fast genau zwei Jahre ist es her, dass Nadine Horchler ihre Biathlon-Karriere beendet hat. Und jetzt weiß auch Karolin Horchler, wie emotional so ein Abschied ist.

Die Schwestern hatten lange telefoniert am Sonntag, als das Ende amtlich war. „Beide geheult ohne Ende“, berichtet Karolin vom Schwelgen in Erinnerungen. „Du kannst dich freuen auf das was kommt. Der Druck ist weg.“ Das habe ihr die ältere Schwester mit auf den neuen Weg gegeben.

Der alte hat mit Langlauf begonnen, mit zwölf stieg Karolin Horchler beim Biathlon ein. Und zwischen den Anfängen und dem Karriere-Höhepunkt, dem Gewinn der Staffel-Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft 2020 in Antholz, sieht die noch ganz junge Biathlon-Rentnerin Zusammenhänge. „Für meine ganze Laufbahn war mein allererster Trainer Karl-Heinz Kesper aus Willingen sehr prägend“, blickt Karolin Horchler zurück. Kesper habe sie mit viel Freude und Spaß an den Biathlon-Sport gebracht.

Jungspund: Die 16-Jährige Karolin Horchler 2005 bei einem ihrer Siege im Deutschland-Pokal.
Jungspund: Die 16-Jährige Karolin Horchler 2005 bei einem ihrer Siege im Deutschland-Pokal. © bb/Archiv

Dass es nicht von Anfang an um Leistung ging, blieb hängen bei Horchler. „Das kam irgendwann automatisch, weil wir soviel Spaß hatten. Natürlich macht im Profisport nicht jeder Tag Spaß. Aber den Spaß nicht zu verlieren, mit Herz und Freude an die Sache heranzugehen, dass habe ich mitgenommen auf meinem gesamten Weg“, meint die 32-Jährige.

Dieser Weg führte sie nach ersten Erfolgen im Jugendbereich 2008 zum ersten Höhepunkt: Junioren-WM. Weitere Sprossen auf der Karriereleiter: Silber bei der Junioren-WM 2010, 2011 erste Saison im IBU-Cup. Horchlers Weltcup-Karriere begann 2014 in Östersund, 2019/20 lief sie die einzige komplette Saison im Weltcup. 2018 war ein Topjahr: Im Winter prägte Horchler den IBU-Cup, holte die Gesamtwertung und die Sprintwertung. Im Herbst gewann sie bei der deutschen Meisterschaft alle drei Einzeltitel. Einmal Gold, viermal Silber – das ist ihre Bilanz von fünf Europameisterschaften.

ZUR PERSON

Karolin Horchler (32) wuchs in Ottlar als Teil einer sportbegeisterten Familie auf. Alle drei Schwestern betrieben Biathlon, Bruder Adrian ist Mountainbiker. „Karo“ erhielt nach dem Abitur 2008 einen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Seit 2014 lebt und trainiert sie am Stützpunkt Ruhpolding, seitdem startete sie für den WSV Clausthal-Zellerfeld.

Das alles lässt Karo Horchler nun hinter sich. Bis Ende September dauert ihre Dienstzeit bei der Bundeswehr. Und dann? „Kann ich noch gar nicht sagen“, bekennt sie. Mal ohne Druck und das ständige Gefühl zu leben, gleich wieder irgendwo parat stehen zu müssen, das sei ihr erstmal wichtig. „Ich brauche eine Zeit lang, um runterzukommen und mir Gedanken zu machen. Ich freue mich aber auf neue Aufgaben, bin für Vieles offen.“

Eine Trainerlaufbahn schließt Horchler aus. Eine Rückkehr ins Upland auch. „Ich bin unglaublich gern bei mir da oben, freue mich jedes Mal, wenn ich wieder auf den Hof fahre. Aber ich bin schon viele Jahre weg, und die Gegend um Ruhpolding ist auch sehr schön.“  

Karo Horchler im Interview: „Bereue nicht eine Minute“

Angst vor diesem Moment habe sie nicht gehabt, sagt Karolin Horchler. „Spätestens nächstes Jahr wäre der Zeitpunkt gekommen, ernsthaft über das Karriereende nachzudenken, sagt die aus Ottlar stammende Biathletin im Gespräch mit der WLZ. Im Mai wird sie 33, und der besagte Zeitpunkt war für sie nun doch am Ende dieser Saison gekommen.

Auch ohne Angst und mit sich im Reinen habe sie aber gemerkt: Es ist leicht, diesen Schritt öffentlich zu machen. „Das ist nochmal ne andere Nummer als zuvor die Entscheidung zu treffen. Am Sonntag war deshalb für mich ein sehr emotionaler Tag, auch wenn ich nicht traurig bin“, sagt Horchler. Im Interview spricht sie über ihre von vielen Höhen und Tiefen geprägte Karriere.

Gut ein Jahr verletzt, dann wieder dran an der ersten Garde, aber ins dritte Glied versetzt – da hätten Viele ans Aufhören gedacht. Wann haben Sie zum ersten Mal daran gedacht?

Es hat einen Moment gedauert, bis die Entscheidung stand. Die Saison hat alles andere als gut angefangen, nachdem ich trotz guter Leistungen in der Vorbereitung früh aus dem IBU-Cup-Team genommen wurde. Ich habe noch die Hoffnung gehabt, dass ich noch höhere Ziele packen kann, habe mich dafür auch der Herausforderung gestellt, im Deutschlandpokal zu laufen. Aber als dann bei der Europameisterschaft wieder eine Verletzung auftrat und ich ganz raus war, hatte ich viel Zeit, mir Gedanken zu machen, überhaupt Gedanken zuzulassen mit der Frage: Wie geht es jetzt weiter?

Was haben Sie alles auf die Waagschalen geworfen, um eine Entscheidung zu finden?

Ich musste fast schon eine Liste machen mit Pro und Contra, Ja und Nein, um meine Gedanken zu sortieren und zu hinterfragen, was will ich wirklich. Ich habe mich gefragt: Was wäre das beste, das passieren kann, wenn ich weitermache? Das wäre eine Medaille bei der WM in Oberhof 2023. Aber ich brauche das nicht mehr, um zufrieden aufhören zu können. Die Motivation ist nicht mehr da, um nochmal die Entbehrungen und Strapazen auf mich zu nehmen. Ich habe dieses Jahr gesehen, wie schnell es gehen kann, auch wenn die Leistung da ist. Ein Fehler zu viel und das war’s. Außerdem merke ich jetzt auch, dass der Körper nicht mehr Anfang 20 ist. Und so kam immer mehr der Gedanke auf: Okay, ich glaube es reicht jetzt.

Das deutsche Trainerteam scheint mehr denn je auf junge Talente gesetzt zu haben, ohne zu wissen, ob sie die Erwartungen erfüllen. Hatten Sie das Gefühl, dass Leistung nicht primär zählte und sie es als ältere Athletin schwerer hatten?

Nach der Nominierung für Weltcup und IBU-Cup war es gleich schwierig für mich sowie für Franziska Hildebrandt und Maren Hammerschmidt. Wir bekamen die Ansage: Von uns drei Erfahrenen muss die schlechteste des ersten IBU-Cup-Wochenendes gehen. Natürlich weiß ich, dass man die jungen Sportlerinnen heran führen muss. Und im Alter musst du grundsätzlich damit leben, dass jüngere bei gleicher Leistung vorgezogen werden. Aber als es dann soweit war, dass ich nach Hause fliegen musste, obwohl ich Platzierungen um die 15 hatte und die Jüngeren teilweise um Platz 90, war das natürlich eine Enttäuschung.

Ich kann natürlich sagen, es lag in meiner Hand und ich habe die Chance nicht genutzt. Aber es gab auch ein paar Momente, in denen es nicht ganz gerecht gelaufen ist und ich dachte: Wie ist diese Entscheidung denn bitte zustande gekommen? Das trägt dann dazu bei, dass man zu dem Schluss kommt: Es reicht jetzt. Ich mag mich nicht mehr immer wieder aufs Neue beweisen müssen.

Sister Act: Oft feierte Karo gemeinsam mit Schwester Nadine; hier Silber und Gold bei der EM 2016.
Sister Act: Oft feierte Karo gemeinsam mit Schwester Nadine; hier Silber und Gold bei der EM 2016. © imago

War es eine Strafe für Sie, im Deutschlandpokal starten zu müssen?

Der Start bei diesen Rennen hat mir im Nachhinein noch einmal gezeigt, wofür ich diesen Sport all die Jahre gemacht habe. Ich habe es mit Herz und Leidenschaft gemacht, egal auf welcher Bühne. Es ging mir nicht um die 100. Medaille oder ähnliches. Ich habe gemerkt, es macht mir Spaß und ich mache es immer noch gerne. Vielleicht war das noch einmal wichtig für mich, das zu spüren.

Wie fällt die Bilanz Ihrer Karriere aus? Wird sie getrübt dadurch, dass der ganz große Wurf wie etwa eine olympische Medaille oder ein Einzel-Weltcup-Sieg nicht gelang?

Für mich zählt bei der Betrachtung mein ganzer Weg; auch die Rückschläge; zum Beispiel, dass ich ab und zu trotz guter Leistung nicht berücksichtigt wurde, dass zum Teil unfaire Dinge passiert sind, dass ich aber trotzdem nie aufgegeben habe. Ich bereue keine Minute. Auf die Leistungen, die ich erbracht habe, bin ich stolz. Ich habe es soweit geschafft, wie viele andere nicht. Ich lasse mir das nicht zerreden. Ich sehe nicht nur das, was ich nicht geschafft habe. Für mich zählt die ganze Reise.

Welche Momente bleiben besonders in Erinnerung?

Vor allem das, was ich mit meiner Schwester Nadine zusammen erlebt habe: Die EM in Tjumen 2016, bei der wir Erste und Zweite geworden sind, oder unser erster gemeinsamer Weltcupstart in Oberhof. Das sind tolle Erfolge, auch weil wir als Schwestern gemeinsam diese Momente teilen durften. Das Glück haben nicht viele. Für mich persönlich war natürlich die WM-Medaille 2020 in Antholz das Highlight, aber auch mein IBU-Cup-Gesamtsieg 2018, nach einer megaguten Saison, in der ich zum Abschluss ja auch nochmal im Weltcup in die Top fünf gelaufen bin.

Wie sind Sie mit den Tiefpunkten umgegangen?

Es hat viele Momente gegeben, auch schon früh in meiner Karriere, an denen ich hätte sagen können: das war’s jetzt. Über viele Jahre war es nicht einfach für mich: EM-Medaillen geholt, aber keinen Kaderplatz bekommen, zwischendurch aus der Bundeswehr ausscheiden müssen. All das hat mich aber immer stärker gemacht. Vielleicht waren diese Dinge wertvoller für meine Persönlichkeit als die Erfolge, weil man allein damit umgehen lernen muss. (schä)

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