Siebenkämpferin hofft auf „Hintertürchen“

Ratingen-Start abgesagt: Carolin Schäfer bangt um Olympia

Es reicht noch nicht für Wettkämpfe: Siebenkämpferin Carolin Schäfer (hier bei der DM 2020) muss nach Götzis auch das Mehrkampf-Meeting in Ratingen absagen.
+
Es reicht noch nicht für Wettkämpfe: Carolin Schäfer (hier bei der DM 2020) muss nach Götzis auch das Mehrkampf-Meeting in Ratingen absagen.

+++ Aktualisiert +++ Um den Start von Carolin Schäfer beim Mehrkampf-Meeting in Ratingen gab es viel Wirrwarr. Nun steht fest: Sie muss passen.

Bad Wildungen – Carolin Schäfer durchlebte den Albtraum, vor dem sich wohl jeder Sportstar in Deutschland fürchtet. Ausgerechnet die Impfung gegen das Coronavirus bremste die Siebenkämpferin aus. Denn nach einigen Hin und Her in den Tagen zuvor ist seit Freitagmittag die bittere Wahrheit gewiss: Die Olympiahoffnung aus dem Waldecker Land tritt nicht an beim Formtest in Ratingen und muss um die Olympia-Teilnahme bangen.

Einen Tag vor dem Auftakt am Samstag hat Bad Wildungerin ihren Start absagen müssen, nachdem dies am Tag zuvor noch unklar war (WLZ berichtete). Die 29-Jährige wollte eigentlich ihren Leistungsnachweis für die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) erbringen. Hierfür wären 6250 Punkte nötig gewesen. Hinter ihrem Start in Japan steht damit ein großes Fragezeichen. „Bis zuletzt haben wir alles versucht. Es geht mir wieder gut. Die Vorbereitung auf Ratingen lief soweit nach Plan, aber um dort leistungsfähig zu sein, mussten wir natürlich wettkampfnah trainieren“, sagte Schäfer, „in den letzten Einheiten habe ich gemerkt, dass es für einen Start in Ratingen noch nicht reicht.“

Aktueller Leistungsnachweis fehlt

Die Veranstaltung am Wochenende bietet praktisch die letzte Chance für Deutschlands Siebenkämpferinnen, ein Olympia-Ticket zu buchen. Wegen schwerer Nebenwirkungen nach ihrer Corona-Impfung steht der Start der größten Olympia-Medaillenhoffnung aus Nordhessen dort auf der Kippe.

Anfang April hatte Schäfer die erste Corona-Impfung mit Biontech/Pfizer erhalten; vier Wochen später die zweite. Als Mitglied der Sportfördergruppe der Polizei hatte der Siebenkampf-Star diese Vorzugsmöglichkeit genutzt. Nach der Impfung traten aber schwere Nebenwirkungen bei der zuvor nach eigenen Angaben topfitten Mehrkämpferin auf. Vor allem hat Schäfer nach der Impfung Probleme mit der Impulsübertragung von den Nerven auf die Muskeln.

Nach bereits ersten abgebrochenen Tests musste sie wegen der Impf-Nebenwirkungen schon ihre Teilnahme am Mehrkampf-Meeting in Götzis am 29. und 30 Mai absagen. „Mein Körper sagt nein“, teilte sie damals mit. Danach unterzog sich die Wildungerin im Trikot von Eintracht Frankfurt im Red-Bull-Hauptsitz in Österreich einem Komplett-Check. Ihr behandelnder Arzt ist Professor Dr. Dr. Perikles Simon. Nach der Diagnose des Sportmediziners aus Mainz soll ein Start in Ratingen aktuell unverantwortlich sein.

Ein entsprechendes Attest liegt Schäfer nach eigenen Angaben vor. Brisant ist, dass die 29-Jährige die Olympia-Norm von 6420 Punkten bereits 2019 erfüllt hat. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte aber in Abstimmung mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) festgelegt, dass für das Olympia-Ticket diese Norm noch mit einem aktuellen Leistungsnachweis von 6250 Punkten bestätigt werden muss. Dieser fehlt Schäfer.

Hintertürchen: Weltrangliste oder U23-DM

Erbringt sie ihn nicht, und die anderen Olympia-Kandidatinnen wie Vanessa Grimm (Königstein) sowie Sophie Weißenberg und Anna Maiwald (beide Leverkusen) verpassen die Norm, winkt noch der Olympia-Umweg über das sogenannte World Ranking: Hier könnte ein Platz unter den Top 24 reichen, Schäfer ist derzeit Zehnte.

Bundestrainer Frank Müller hatte am Donnerstag die Hoffnung auf einen Ratingen-Start von Carolin Schäfer noch nicht aufgegeben. Weitergehend dazu äußern wollte er sich nicht. Alle Beteiligten seien auf der Suche nach Wegen, damit Schäfer bei Olympia starten könne, hieß es. Im Raum steht nach Informationen unserer Zeitung, dass die 29-jährige Athletin von Eintracht Frankfurt möglicherweise einen Leistungsnachweis zumindest über einzelne Disziplinen erbringt – zum Beispiel bei der U23-DM in Koblenz am 26. und 27. Juni.

Nach Platz fünf bei Olympia 2016 sollten die Spiele in Tokio die Karriere von Deutschlands bester Siebenkämpferin mit einer Medaille krönen. Im Herbst 2019 war Schäfer auch deshalb in die Mainzer Trainingsgruppe um Weltmeister Niklas Kaul gewechselt. Ob die Nordhessin aber wirklich bei den Olympischen Spielen (und das mit Podest-Chance) starten kann, ist angesichts der aktuellen Situation fraglich. Ihren letzten Wettkampf bestritt sie beim Gewinn der Deutschen Meisterschaft im August 2020. Der Siebenkampf in Tokio beginnt in 47 Tagen, am 4. August.

Komplett anders ist hingegen die Stimmung bei Vanessa Grimm: Vor ihrem Bestmarken-Coup in Götzis (Platz fünf/6316 Punkte) lagen die Olympia-Chancen der Hofgeismarerin ungefähr bei fünf Prozent – jetzt bei etwa bei 50 Prozent. Der Bundestrainer traut der 24-Jährigen zu, in Ratingen die Direktnorm zu knacken. Selbst wenn die Hallenmeisterin die Norm nicht schaffen sollte, hat sie gute Chancen, es über die Weltrangliste in das Starterfeld der 24 Tokio-Teilnehmer zu schaffen. (Sebastian Reichert/Dirk Schäfer/sid)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.