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„Das ist doch kein Olympia!“: Jochen Behle über Winterspiele mit Corona und ohne olympischen Geist

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Von: Gerhard Menkel

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Kann es auch am Mikrofon: Jochen Behle, der als Experte für Eurosport während der Spiele Übertragungen im Skilanglauf kommentiert.
Kann es auch am Mikrofon: Jochen Behle, der als Experte für Eurosport während der Spiele Übertragungen im Skilanglauf kommentiert. © imago

Wir sind ein wenig früh dran an diesem Mittwoch mit unserem Anruf. Kein Problem, sagt Jochen Behle, er sitze sowieso am Schreibtisch. Nicht in Peking, wo er doch als Experte für Eurosport über die Skilanglauf-Wettbewerbe berichtet? Nein, sagt der Schwalefelder, „darüber sind wir auch ganz glücklich“. Dann kann es auch schon losgehen.

Warum sind Sie froh, dass Sie nicht vor Ort kommentieren?

Die Corona-Blase ist in Peking noch extremer als irgendwo anders. Du kommst an keinen Sportler, Trainer oder irgendeine andere Person heran. um Informationen zu erhalten. Du müsstest es übers Telefon versuchen, das kann ich von hier aus auch.

Es gibt massive Kritik am Gastgeber dieser Spiele, vor allem wegen der Menschenrechtsverletzungen Chinas. Es gibt Forderungen nach einem Boykott, auch durch die Sportler. Kann man das von den Aktiven ernsthaft erwarten?

Nein, fände ich auch falsch, die Sportler dafür zu instrumentalisieren. Sie wären nur die Dummen. Einen Boykott müssten andere organisieren – die, die den Sport in diese Situation gebracht haben. Auch der Deutsche Olympische Sportbund würde mit einem Boykott allein ein Eigentor schießen. Dazu müsste er sich mit anderen Nationalen Olympischen Komitees zusammentun.

Die Sportler sind das schwächste Glied in der Kette.

Eigentlich sind sie ja diejenigen, weshalb wir die Spiele veranstalten. Wenn man ehrlich ist, ist das aber längst nicht mehr der Fall. Tatsächlich sagt doch das IOC den Sportlern, wo es langgeht, damit sein Profit noch höher wird. Ihre Interessen können die Sportler gegenüber ihren nationalen Verbänden artikulieren. Die müssten handeln.

Kann bei diesen Spielen so etwas wie Olympischer Geist entstehen?

Wie in Peking olympisches Feeling entstehen soll, kann ich mir nicht vorstellen. Nicht nur wegen der Pandemie-Lage, sondern überhaupt

In einer ARD-Reportage von Felix Neureuther haben dessen Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, in den 1970er Jahren erfolgreiche Alpin-Skifahrer, davon erzählt, was für sie der Olympische Kern war, nämlich das Treffen der „Jugend der Welt“. Wie erinnern Sie sich an Ihre Spiele?

Den Film fand ich gut, sehr sachlich. Peinlich fand ich, dass Thomas Bach als deutscher IOC-Präsident nicht bereit war, sich zu äußern. – Ich war bei neun Olympischen Spielen vor Ort (sechs als Skilangläufer, drei als Bundestrainer, Anm. d. Redaktion), und wenn ich mal die ersten nehme, 1980 in Lake Placid: Das waren die einzigen Spiele, wo alle Sportler in einem Quartier untergebracht waren. Das wäre schon aufgrund der Anzahl der Teilnehmer heute nicht mehr machbar.

Damals hattest du im Olympischen Dorf diese Kontakte, von der Neureuthers schwärmen –zum Beispiel mit einem Eric Heiden (gewann in Lake Placid fünfmal Gold im Eisschnelllauf) oder Eishockeyspielern. Heute hast du verschiedene Weltmeisterschaften gebündelt als Olympische Spiele an Orten in der näheren oder weiteren Umgebung der Ausrichterstadt. Das geht vielleicht nicht anders.

Warum nicht?

Das Umfeld ist viel zu groß geworden. Es geht um absoluten Spitzensport, von der Medaillenwertung geht Sportförderung aus. Entsprechend dimensioniert sind die Stäbe an Trainern und Betreuern. Sie noch an einem Ort zusammen zu bringen, geht nicht. Was ich kritisiere, ist, dass das IOC wie in Sotschi oder Peking Orte aussucht, die für Wintersport eigentlich nicht geieignet sind. Dadurch musst du Alpine oder Nordische Wettbewerbe zwingend auslagern, und es kommt zu dieser Naturzerstörung.

Jede Fahrt auf der Bobbahn kostet umgerechnet 250 000 Euro. Das ist hirnrissig.

Jochen Behle

Ginge es anders?

Ich nehme mal die Bewerbung von München 2013 für relativ kleines Geld, Da wären alle Sportstätten in der Umgebung schon da gewesen: Biathlon in Ruhpolding, Springen in Garmisch und so weiter.

Wäre es tatsächlich ein Ansatz Olympia an Orte zu vergeben, wo die Infrastruktur vorhanden ist?

Auch, aber ich sehe ein, dass das IOC nicht nur auf die Orte zurückgreifen kann, an denen die Spiele schon waren. Das Beispiel München zeigt aber, dass ein neuer Ausrichterort die Sportstätten der näheren Umgebung hätte integrieren können.

Die Bevölkerung lehnte Spiele in München ab. Kein Einzelfall, in den klassischen Wintersportländern wollen die Leute keine Eingriffe in die Natur und nicht die Kosten. Hat das IOC eine andere Wahl als in autokratische Länder wie China zu gehen?

Olympia funktioniert heute so, dass sich die diejenigen, die die Rechte haben, die Taschen voll machen. Sie haben ein Interesse an noch mehr Gigantismus. Deshalb gibt es diese Eingriffe in die Natur, deshalb sind die Kosten so hoch. Die Spiele in Sotschi in Russland haben 55 Milliarden gekostet, Peking könnte noch teurer sein. Ein Beispiel ist die Bob- und Rodelbahn dort: Wenn man die Kosten auf einzelne Fahrten herunterbricht, kostet jede Fahrt etwa 250 000 Euro. Das ist hirnrissig, und nach Olympia wird nie wieder jemand darauf fahren. Welcher Politiker im Westen soll da „ja“ sagen zu Spielen im eigenen Land? Es muss alles wieder auf etwa kleinerer Flamme gekocht werden.

Der Veränderungsdruck müsste aus der Politik kommen. Das IOC sagt nun aber, man dürfe Sport und Politik nicht vermischen.

(lacht) Wer meint, Sport und Politik vermischten sich nicht, muss sehr blaue Augen haben und die dann auch noch verschließen. Der Veränderungsdruck muss aus der Politik in das IOC getragen werden. Vielleicht müssen Disziplinen gestrichen werden. Oder man lagert Sportarten an ganz andere Orte aus; die Wettkämpfe fänden dann nur zur gleichen Zeit statt.

Begreifen die Aktiven nicht schon den Wettkampf als Kern der Spiele, nicht die Begegnung?

Olympische Spiele sind für einen Sportler das Nonplusultra. Der Stellenwert ist immens, gerade bei Randsportarten wie zum Beispiel Rodeln. Einen Georg Hackl würde vielleicht keiner kennen, wenn er nicht dreimal Olympiasieger geworden wäre. Deshalb rückt die Olympia-Teilnahme an sich in den Hintergrund. Außerdem gibt es längst Quoten, Ausscheidungen etc. Die sogenannten Exoten fallen hinten runter.

Dem Team voran: Jochen Behle als Fahnenträger 1998 in Nagano.
Dem Team voran: Jochen Behle als Fahnenträger 1998 in Nagano. © imago

An diesem Punkt ist der Olympische Gedanke schon halbtot. War das 1998 in Nagano schon so, als Sie Deutschlands Fahnenträger waren?

Das waren auch schwierige Spiele. Wir waren weit weg untergebracht, die Unterkünfte katastrophal und die Wettkämpfe? Was soll ich sagen: Die am schlechtesten organisierten Wettkämpfe hast du bei Olympia. Grund: Bei Weltmeisterschaften und Weltcups hat man Funktionspersonal, das sich auskennt. Bei Olympia in Ländern, die in bestimmten Sportarten keine Tradition haben, oft nicht.

China droht mit der Härte der chinesischen Gesetze im Falle unliebsamer Meinungsäußerungen von Aktiven. Sie sind immer als mündiger Athlet aufgetreten: Wie würden Sie sich heute verhalten?

Ich würde denken, dass ich sagen kann, was ich will. Das Problem dabei: Du wirst dich unwohl fühlen. Deshalb habe ich Verständnis, wenn es viele lassen. Ich bin mal gespannt, ob Wolfgang Maier, Sportdirektor Alpin, Reaktionen erfährt auf seine Äußerungen zu den Covid-Tests.

Er sorgt sich wegen möglicher Manipulationen.

Ich muss eigentlich davon ausgehen, dass das ordentlich läuft. Wenn das nicht gewährleistet sein sollte, dann muss das IOC klarmachen: Ihr seid kein Veranstalter für uns. Ob manipuliert wird, wissen wir nicht. Aber den Verdacht hat jeder im Kopf.

Wäre eine Verschiebung der Spiele besser gewesen?

Sogar absolut notwendig. Spiele in China sind sowieso problematisch. Covid kommt oben drauf.. Nehmen wir Skispringerin Marita Kramer. Sie hat keine Chance, die Goldmedaille zu gewinnen, obwohl sie die Beste ist, weil sie sich angesteckt hat. Solche Fälle werden sich häufen und sie werden sich im Medaillenspiegel niederschlagen. Das war vorhersehbar. Dazu kommt, dass sich alle nur in ihrer Blase bewegen dürfen, schon in der Vorbereitung – das ist doch kein Olympia!

Trotzdem ist Stephan Leyhe, wie Sie ein Schwalefelder, bestimmt froh, dass er nominiert worden ist. Was trauen Sie ihm zu?

Die Erwartungen sollte man vielleicht nicht gerade auf eine Einzelmedaille richten. Ich glaube, dass er im Team um eine Medaille mitspringen wird. Das wäre top für ihn, gerade nach so einer Verletzung wie er sie hatte.

Wie sehen Sie die Medaillenchancen der deutschen Skilangläufer, deren Rennen Sie ja kommentieren?

Eine Medaille wäre eine Überraschung, wenn überhaupt, dann bei den Frauen und am ehestens Katharina Hennig über zehn Kilometer klassisch zuzutrauen. Dazu muss aber alles passen. Eine kleine Chance besteht vielleicht in der Staffel. Man darf aber die Komponente Corona nicht vergessen. Heißt: Wer wird wirklich starten? Wer fällt noch aus? Für mich wird im Langlauf der Norweger Johannes Klæbo der Mann der Spiele sein, ich traue ihm dreimal Gold zu. Fällt jemand wie er aus, gibt es ein ganz neues Spiel.

Von Gerhard Menkel

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