Auch heimische Aktive auf den Barrikaden

Der neue Öko-Ball verdirbt Tennisspielern den Spaß

Tennisspieler hinter Netz und vor HTV-Banner beim Aufschlag.
+
Gerade ist das Verhältnis etwas angespannt: Aktive ärgern sich über den Verband wegen des neuen Wettspielballs. Diesen spielt hier Ben-Elian Linder vom TuSpo Mengeringhausen.

Tennisspieler in Hessen sind sauer. Der neue offizielle Wettspielball für die Medenrunde 2021 treibt sie auf die Barrikaden.

„Er ist eine absolute Katastrophe und muss so schnell wie möglich abgeschafft werden“, sagt Marcel Zirpins, Nummer eins der Bezirksoberliga-Herren des TuSpo Mengeringhausen und Abteilungsleiter. Und: „Mit diesem Ball macht Tennis keinen Spaß mehr.“ Wie er denken viele.

Der Hessische Tennis-Verband hat den Ball mit der Bezeichnung „HTV TRINITI PRO“ der Firma Wilson mit allerbesten Absichten eingeführt. „Er wurde mit dem Ziel konzipiert, einen nachhaltigeren, langlebigeren als auch leistungsstarken Tennisball anbieten zu können“, schreibt der HTV. Doch eine beträchtliche Zahl der Aktiven ist nach drei Spieltagen der – für alle Begegnungen der Erwachsenen – vorgeschriebenen Filzkugel überdrüssig. Und zwar alters- und geschlechts-übergreifend

„Gruselig“, nennt ihn Dirk Jung, Mannschaftsführer des Gruppenliga-Teams der MSG Bad Arolsen/TSC Korbach in der Altersklasse 55. Petra Jacobs, zweite Vorsitzende des TV Odershausen und für die Damen 30 ihres Klubs am Schläger, sagt: „Egal, ob Männer oder Frauen, bei uns sind alle total negativ für den Ball eingestellt. Wir möchten ihn am liebsten abschaffen.“

Schmerzen im Arm, Probleme mit der Schulter

Die Aktiven stoßen sich an den Eigenschaften des Spielgeräts, das der Hersteller mit einer neuartigen Kunststoffmischung im Kern, weniger Innendruck und verändertem Filz entwickelt hat. „Knallhart“, sagt Jacobs, die schon eine Reihe von Ballmarken gespielt hat. „Quasi wie ein druckloser Ballmaschinenball“, ergänzt der Mengeringhäuser Zirpins.

Beide sprechen von Gefahren für die Gesundheit. Viele Spieler würden über Armprobleme klagen, berichtet die Odershäuserin. Ihre Tochter aus dem Verbandsliga-Team des TVO etwa habe sowieso Probleme mit der Schulter. „Jetzt aber erst recht.“ Zirpins lässt wissen, er sei froh, „dass endlich Sommerpause ist, damit ich meine Armschmerzen auskurieren kann“. Auf einen weiteren Aspekt macht Dirk Jung aufmerksam. „Der Ball verändert das Tennis komplett, weil er wirklich springt wie ein Flummi. Man muss umdenken: Wenn man ihn richtig trifft, fliegt er an den Zaun. Wenn man Halbgas spielt, kriegt man ihn um die Ohren.“

Ein Teil der Medenspieler allerdings begrüßt die Innovation – etwa die mit den „Mondbällen“. Jung sagt es so: Jemand, der sowieso ohne Druck und nur hoch spiele, habe „Riesenvorteile. Wenn der Ball senkrecht aufkommt, dann springt er übern Zaun oder Sie müssen ihn über die Schulter zurückspielen. Aber 95 Prozent aller Spieler bei uns in der Truppe hassen das Ding.“

Ist der Ball nicht langlebiger?

Dem Ansinnen des HTV, mit der Einführung eines nachhaltigeren Balls einen Beitrag zum Schutz der Umwelt zu leisten, können viele Aktive folgen. .„Ich verstehe das Thema Nachhaltigkeit“, sagt der Arolser Jung.

Allerdings hat er bisher nicht den Eindruck gewonnen, dass der neue „Öko-Ball“ langlebiger wäre als das Vorgängermodell. Der sei nach fünf, sechs Sätzen genauso dreckig wie der alte. „Dann landet er genauso in der Tonne, weil der Filz dann irgendwann abgespielt ist.“

Diese Beobachtung bestätigt Jeremias Tent, Kapitän des Verbandsligisten TC Sachsenhausen: „Viel mehr als ein Medenspiel ist, glaube ich, auch nicht mit dem neuen Ball drin.“

Auf seiner Homepage hebt der HTV einen Aspekt besonders hervor, der mit dem Wechsel des Ballanbieters verbunden ist: „Mit dem neuen Wettspielball wollen wir erreichen, die Umwelt um über 100 000 Dosen Plastikmüll pro Jahr zu entlasten.“ Der Triniti Pro wird nicht mehr in Vakuum-Aludosen verpackt, sondern in Altpapier. „A better ball für the planet“ (ein besserer Ball für den Planeten), unkt der Hersteller.

„Mehr Nachhaltigkeit ist ein richtiger Schritt“

„Grundsätzlich ist es ein Schritt in die richtige Richtung, wenn man davon spricht, dass die Verpackung zu hundert Prozent recycelbar ist und der Tennissport ein stückweit nachhaltiger wird“, erklärt Jeremias Tent vom TC Sachsenhausen. Es sei hier aber „definitiv noch viel Entwicklungspotenzial vorhanden“.

Petra Jacobs lässt das Verpackungsargument nur bedingt gelten. Umweltfreundlich verpacken könne man ja auch andere Bälle. Das begründet für sie nicht den Ball-Wechsel. In diesem Punkt widerspricht allerdings HTV-Vizepräsident Michael Otto (siehe untenl).

Immerhin ist der neue Wettspielball bei Kosten von 2,50 Euro pro Stück nicht teurer als der im Vorjahr gespielte. Der TV Odershausen hat trotzdem erst mal vorsichtig nur bis zur Sommerpause bestellt. Auch Marcel Zirpins schaut, „wie es dann nach den Ferien weitergeht“. Hoffnungen, dass der Verband den Ball während der Saison wechselt, sollten sich die Aktiven nicht machen.

Schon in der Anschaffungsphase hatte der HTV mit Lieferkettenproblemen und explodierenden Rohstoffkosten zu kämpfen gehabt. Diese Lieferengpässe erlebten auch die Aktiven. Es sei deshalb nicht einfach gewesen, sich während der Vorbereitung an den Ball zu gewöhnen, sagt der Sachsenhäuser Tent.

HTV: Nächstes Jahr kommt ein neuer Ball

Immerhin stellt der HTV einen neuerlichen Wechsel in Aussicht . „2022 wird es einen neuen Ball geben“, verspricht Michael Otto, der für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbands zuständige Vizepräsidenten. Seine Botschaft an die Basis: Wir nehmen eure Bedenken gegen unseren umstrittenen neuen Wettspielball ernst.

Bloß, was das für ein neuer Ball sein wird, ist gar nicht so einfach zu sagen. Otto beteuert, ein Kriterium stehe ganz vorn: „Dem HTV ist das Wichtigste, dass die Spielerinnen und Spieler zufrieden sind und einen Ball haben, mit dem sie gut zurecht kommen.“

Otto, das wird einem rasch klar, hat selbst Herzblut und viel Arbeit in die Einführung des Triniti Pro vom US-amerikanischen Hersteller Wilson gesteckt. Er glaubte an das nachhaltige Produkt, dass Firma und Verband gemeinsam entwickelten. Das kann man sich als eine Art Pingpong vorstellen, bei der die Partner die Leiter der Entwicklungsstufen hochklettern.

Dieser Prozess litt unter der Corona-Pandemie. Lieferketten rissen, Rohstoffe wie Kautschuk oder Filz waren begrenzt lieferbar. „Und dann hängen auch noch Schiffe im Suezkanal fest.“ Otto zufolge kamen deshalb die Testbälle mitunter nicht rechtzeitig oder in ungenügender Anzahl an. „Irgendwann war es aber soweit, dass wir gesagt haben: Der Ball ist jetzt gut.“

Otto versichert, dass der Ball ausreichend getestet wurde. Und zwar nicht nur von Profis, sondern dem „ganzen Querschnitt“. Auch er selbst habe ihn testweise geschlagen. Allerdings nicht im Match, nicht auf Asche, sondern auf Rebound Ace, einem speziellen Belag. Sein Urteil nach anfänglicher Ablehnung: „Okay. Mit dem Ball kann man arbeiten.“

Was die Verpackung mit dem Ball zu tun hat

Am Ende habe der Verband den Ball „mit gutem Gewissen eingeführt“. Keine kleine Rolle spielt dabei der Umweltaspekt. Dieser liege dem HTV „sehr am Herzen“, versichert Otto. Auch immer mehr Vereine hätten Nachhaltigkeit eingefordert, etwa: weg vom Plastikmüll. Dann führt einen der HTV-Vize ein in das Wechselspiel zwischen Tennisball und Verpackung.

Wilson arbeite schon seit Jahren an einem Ball, bei dem der Luftdruck weniger schnell entweiche als bei einem herkömmlichen Produkt. Dank veränderter Innenmembran und geringerem Druck halte die Neuentwicklung den Innendruck von etwa fünf bar über einen sehr langen Zeitraum – Otto spricht von Jahren. Herkömmliche Bälle, angeliefert mit zu elf bar, verlören dagegen innerhalb einer halben, drei Viertel Stunde auf drei bis vier Bar.

Das Produkt, das Ärger macht: Der neue Wettspielball des HTV samt nachhaltiger Verpackung.

Deshalb werden die üblichen Tennisbälle luftdicht verpackt. Das in die Verpackung geleitete Gas hält den Druck in den Bällen auf einem Level. Beim Triniti Pro ist das nicht mehr nötig, er wird in einer Packung aus Altpapier geliefert.

Michael Otto versichert Weiteres. Der neue Ball habe „nachgewiesen ein gleichbleibendes Absprung- und Flugverhalten“. Auch sei er von der Langlebigkeit her „den anderen Bällen ganz klar überlegen“. Doch die Erfahrungen der Teilnehmenden an der Medenrunde sind teils ganz anders. Was den HTV überraschte. „Dass jetzt die Rückmeldungen so negativ sind, damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Otto.

Auch er selbst steht dem Triniti Pro nun kritischer gegenüber. Einerseits. „Im Match ist er für mich schwieriger zu kontrollieren.“ Andrerseits habe er sich mit der Zeit an den Ball gewöhnt. Dieses ambivalente Bild vermittelt genau so die Umfrage, die der HTV wegen der Ballsache gestartet hat.

Schon 2000 Reaktionen bei Umfrage

„Wir machen nicht alles richtig. Im nächsten Jahr wird es das bessere Produkt geben. da wollen wir die Vereine mit einbinden. Das ist der einzige Weg, den wir gehen können“, begründet Otto die Befragung. 2000 Personen haben bisher geantwortet.

Noch sind die Reaktionen nicht ausgewertet, aber ein erster Überblick vermittelt: Unentschiedenheit. Otto: „Die Rückmeldungen gehen nicht eindeutig in dieselbe Richtung. Einfacher wäre es, wenn 80 Prozent der Leute sagen, der Ball ist zu hart.“ Ein durchaus erheblicher Teil finde ihn sogar zu weich.

Einzelne Kritiker lädt der Verband gezielt ein. „Wenn jemand sagt, ich habe Armschmerzen, der Ball muss weg, sagen wir, super, dann komm doch zum Blindtest und hillf uns, den Ball zu verbessern“, erzählt Otto.

Otto schließt Umstieg im Sommer aus

Der Frankfurter verweist auf viel sachliche Kritik, berichtet aber auch von unverschämten Rückmeldungen – etwa wenn dem Präsidium unterstellt werde, es mache sich mit dem Geld von Wilson die Taschen voll. Er habe sehr viel Arbeit in das Projekt gesteckt, sagt Otto: „Ich habe dafür noch nie einen Cent bekommen.“

Einen Umstieg nach der Sommerpause auf einen anderen Ball schließt Michael Otto aus. Der Triniti Pro sei nun mal produziert, „und wahrscheinlich möchte keiner, dass die Bälle auf dem Müll landen“. Zum zweiten sei der Markt für die gelben Filzkugeln pandemie-bedingt gerade sehr angespannt: „Wir könnten nicht mal auf einen anderen Wilson-Ball umsteigen. Es gibt einfach nicht genügend Bälle auf dem Markt.“ (Gerhard Menkel)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.