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Ein Gang mit 70 Kilo an jeder Hand: Sina Schramme über ihren Strongman-Sport und die nahe WM

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Von: Gerhard Menkel

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Frau vor Lkw: Sina Schramme mit einem Achteinhalb-Tonner im Rücken, den sie auf Zeit 20 Meter weit ziehen muss.
Frau vor Lkw: Sina Schramme mit einem Achteinhalb-Tonner im Rücken, den sie auf Zeit 20 Meter weit ziehen muss. © Stephanie Zerbe

Eigentlich fand Sina Schramme das Pumpen im Fitnessstudio ziemlich doof. Doch dann nahm ein Freund die gebürtige Berndorferin mit zum Kraftsport-Training. Heute zieht sie Lastwagen mit der eigenen Körperkraft.

Germersheim/Berndorf – Sina Schramme ist sofort am Handy, es ist 8 Uhr morgens, und der Interviewer meint bald, einen Hauch von Ungeduld in ihrer Stimme zu erkennen. Ob es daran liegt, dass sie wieder einem in Angelegenheiten des Truck Pull, Farmer’s Walk oder Deadlift recht ahnungslosen Menschen ihren Sport Strongman erklären soll?

Aber der erste Eindruck ist falsch. Die 34-Jährige mit Elternhaus in Berndorf und Wohnsitz in Germersheim/Südpfalz wird freundlich, kompetent und geduldig sagen, was sie macht und daran findet, mit Leibeskräften gegen die Gesetze der Schwerkraft anzuarbeiten. Sie ist in diesem Jahr durchgestartet bis zur Weltmeisterschaft („Official Strongman Games“), die sie vom 11. bis 13. November nach Daytona Beach, Florida, führt.

Frau Schramme, Sie ziehen Lkw, heben Betonkugeln und schleppen schwere Gewichte über die Bühne. Nicht gerade das, was junge Frauen so tun. Warum machen Sie das?

Ich fand tatsächlich Kraftsport und das ganze Pumpen im Fitnessstudio immer ziemlich doof, Dann hat mich ein Freund zum Kraftsport-Training mitgenommen. Er wusste, dass ich Kraft habe – etwas, was ich wohl von meinem Vater geerbt habe, ein Mann mit Bärenkräften. Ich habe beim Umzug schon immer mehr die schweren Sachen geschleppt. Außerdem wollte ich was Neues ausprobieren, nachdem ich gerade mit Handball aufgehört hatte. Es hat mir dann so viel Spaß gemacht, dass ich tiefer reinschnuppern wollte. Ein paar Monate später habe ich beim stärksten Mann Deutschlands trainiert, um mir eine professionelle Meinung einzuholen.

Dennis Kohlruss aus Rastatt.

Genau. Ich habe bei ihm schon Gewichte gehoben, die andere vielleicht nach zwei Jahren Training schaffen. Er stand da mit offenem Mund und sagte: Mach so weiter, dann bist du in drei Jahren stärkste Frau Deutschlands.

Das sind Sie in Ihrer Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm schon jetzt, haben in diesem Jahr zudem ihre Ligawettkämpfe gewonnen und waren jeweils Zweite bei der Europameisterschaft sowie bei der Truck-Pull-DM.

Ich habe nach dem Besuch in Rastatt begonnen, dreimal die Woche zu trainieren. Seit Anfang des Jahres habe ich außerdem einen professionellen Trainer. Die richtige Entscheidung.

Was mussten Sie für den DM-Titel in welchen Disziplinen so leisten?

Beim Kreuzheben (Deadlift) musste ich zum Beispiel 140 Kilo innerhalb von einer Minute so oft wie möglich anheben; das habe ich zehnmal geschafft. Es gibt auch andere Varianten, das Auto-Kreuzheben etwa. Dafür wird ein Auto auf ein Gestell gefahren, das man dann so oft wie es geht anhebt. Bei der Deadlift Ladder (Leiter) geht es darum, an vier Stationen hintereinander auf Zeit jeweils immer höhere Gewichte anzuheben.

Der Disziplin-Kanon beim Strongman hält auch den Umgang mit Betonkugeln oder Baumstämmen bereit.

Genau, den Stamm hebt man sich auf den Schoss, rollt ihn am Körper hoch und stößt ihn über dem Kopf aus. Die Steinkugeln werden auf Podeste gehoben. Bei den „Deutschen“ war Farmer’s Walk im Programm: Man nimmt eine Art Gestell wie einen Koffer in jede Hand und legt damit auf Zeit eine Strecke von zweimal 20 Metern zurück; sie wogen jeweils 70 Kilogramm. Ich habe knapp 26 Sekunden gebraucht.

Was ist beim Truck Pull, dem Ziehen eines Lkw genau gefordert?

Bei den Deutschen Meisterschaften mussten wir einen Achteinhalb-Tonner ziehen – einmal mit umgelegtem Brustgeschirr geradeaus auf Zeit 20 Meter weit; dafür habe ich rund 32 Sekunden gebraucht. In der zweiten Disziplin zieht man den Lkw im Sitzen zu sich heran. Ich habe ihn in 75 Sekunden 10,90 Meter weit bewegt.

Besteht bei diversen Disziplinen nicht die Gefahr, dass man sich was reißt oder zerrt – haben Sie sich schon mal verletzt?

Tatsächlich geht der Sport gar nicht so sehr auf Sehnen oder Gelenke, weil man im Training wenig mit Maximalgewichten arbeitet. Da geht es vor allem um die Zahl der Wiederholungen. Was Verletzungen angeht: Ich habe mir im Training mal den Finger gequetscht, er musste mehrfach genäht werden. Sonst gab es nichts weiter.

Wie viel Show ist beim Strongman dabei und wie viel Sport?

Gerade für Zuschauer, die diesen Sport nicht betreiben, ist er faszinierend anzuschauen – wenn wir Betonkugeln auf hohe Podeste heben, mit einem Joch von ein paar hundert Kilo Gewicht auf dem Rücken laufen oder einen Lkw mit reiner Muskelkraft bewegen. Aber für uns Athleten geht es um Sport, um Kraftwerte, um Ausdauer, aber auch um Taktik – gerade in den Disziplinen mit mehreren Wiederholungen ist Taktieren gefragt: Wie setze ich meine Wiederholungen an, um nicht zu überpacen und direkt auszubrennen.

Nur stark sein, reicht nicht?

Nein. Strongman ist noch eine Randsportart, wird aber immer populärer und geht zusehends von der Figur des nur großen massigen Kerls weg, wie man das vielleicht im Kopf hat, hin zu den durchtrainierten muskulösen Sportlertypen, die mit Köpfchen an die Sache rangehen. Mit meinem Trainer überlege ich mir vor jedem Wettkampf die richtige Taktik für die jeweilige Disziplin.

Der Kraftsportbranche sagt man eine Anfälligkeit für das Doping nach. Ist das ein Thema beim Strongman?

Es gibt mit Sicherheit den ein oder anderen, der nachhilft; man sieht das ja auch. Dazu kommt: Beim Strongman in Deutschland gibt es keine Dopingtests.

Bestmarke: Sina Schramme bringt beim Loglift 67,5 Kilogram hoch, deutscher Rekord für ihre Gewichtsklasse.
Bestmarke: Sina Schramme bringt beim Loglift 67,5 Kilogram hoch, deutscher Rekord für ihre Gewichtsklasse. © Stephanie Zerbe

Eine Lücke, die geschlossen werden müsste?

Meiner Meinung nach, ja. Ich persönlich mit meinen chronischen Erkrankungen würde sowieso nie auf die Idee kommen zu dopen. Ich finde auch, dass alle die gleichen Bedingungen haben müssen – von daher müsste es bei den Wettkämpfen eigentlich eine Unterteilung in gedopt oder nicht gedopt geben.

Sie sind an Diabetes und Asthma erkrankt. Stellt Sie das vor besondere Probleme im Kraftsport?

Vielleicht habe ich es nicht gar so leicht wie andere, aber ich kriege es hin. Ich habe hier am Ort einen guten Diabetologen gefunden. Natürlich gibt es immer mal Tage, an denen ich das Training sein lassen muss. Teilweise hatte ich bei Wettkämpfen wegen des höheren Adrenalinspielgels mit höheren Zuckerwerten zu kämpfen. Ich muss da proaktiv handeln. Das Asthma macht mir Gott sei Dank wenig Probleme.

Kann mals als Strongwoman Geld verdienen?

(lacht) Um Gottes willen, gar nicht. Es gibt auch keine Vereinsstruktur; man muss also alles selbst finanzieren. Wenn Sie bedenken: Ich hatte Wettkämpfe in Hamburg, Bremen, in Nürnberg, dann die EM in Sevilla – für Reise- und Übernachtungskosten musste ich jeweils selbst aufkommen. Wenn es mal ein Preisgeld gibt, dann reicht es gerade mal für die Reisekosten.

Wie finanzieren Sie die Ihren Start bei der WM in den USA?

Mein Arbeitgeber wird mich parallel auf Dienstreise zu unserer Niederlassung in New York schicken. Die Überseeflüge muss ich also nicht bezahlen, sondern nur Unterkunft und Inlandsflüge. Dafür habe ich eine Spendenaktion im Internet (https://gofund.me/9b3d1b90) ins Leben gerufen, weil es dann insgesamt doch um viel Geld geht, und sie auf meiner Facebook- und meinem Instagram-Account geteilt.

Was rechnen Sie sich bei der WM aus?

Weil ich in Liga-Wettkämpfen und bei den „Deutschen“ mehrere deutsche Rekorde aufgestellt habe, ist mein erstes Ziel, an den ersten beiden Wettkampftagen keine Nullnummer zu machen, also: in jeder Disziplin das Gewicht einmal zu schaffen, hier und da auch mehrfach. Das Beste, was mir passieren könnte, wäre unter die ersten zehn zu kommen. Dann wäre ich für den dritten Tag, das Finale qualifiziert. Das wäre, bei 25 bis 30 Teilnehmerinnen aus der ganzen Welt, der absolute Wahnsinn.

Warum?

Na ja, ich weiß, was auf mich zukommt.

Das wäre?

Überkopfdrücken mit 84 Kilo, Kreuzheben mit 186 Kilo, jeweils auf Wiederholungen, dann den Farmer’s Walk mit 90 Kilo pro Hand für die erste Strecke; dann wird auf 109 Kilo pro Hand gesteigert. Und als vierte Disziplin Sandsackschultern. Dabei muss man fünf Sandsäcke aufheben, schultern und einhändig halten. Es beginnt bei 65 Kilo und endet bei 113.

Puh, trauen Sie sich das zu?

Es wird spaßig (lacht). Beim Farmer’s Walk bin ich mit 90 Kilo an jeder Hand im Training schon das erste Mal gelaufen. Es fiel mir überraschend leicht. Ob ich die 109 Kilo schaffe, weiß ich nicht. Mein persönlicher Anspruch ist, sie zumindest anzuheben und ein paar Zentimeter zu bewegen. Wäre ich am Finaltag noch dabei, kämen Disziplinen wie Autotragen oder Betonkugeln auf Podeste heben dazu.

Von Gerhard Menkel

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