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Ein neuer Schritt ins Ungewisse: Tatjana Schilling hat erstmals bei einer WM den Mut zur Lücke

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Leichtathletin mit Flagge
Motivationssteigerndes Foto: Tatjana Schilling holte 2019 EM-Gold im Siebenkampf mit Weltrekord in der Altersklasse W45. Sie weiß, dass sie an diese Leistungen in Tampere nicht mehr herankommen wird, hofft in der W50 aber trotzdem auf den WM-Titel. © pr

Dabei sein ist alles. Dieses olympische Motto passt eigentlich nicht zur sportlichen Einstellung von Tatjana Schilling (51). Das ist zu wenig.

Korbach – Wenn die Leichtathletin vom TSV Korbach an den Start geht, bereitet sie sich stats so gut vor, dass sie vorn mit dabei sein kann. Durch dieser Arbeit am Detail und die Disziplin, nichts dem Zufall überlassen zu wollen, hat es Schilling zur mehrfachen Senioren-Weltmeisterin gebracht.

Diesen Titel strebt sie in der kommenden Woche bei der WM im finnischen Tampere zwar auch wieder an, aber sie weiß, dass sie diesmal wegen verschiedener Ursachen näher am dabei sein ist alles sein wird als sie es jemals zuvor bei einem WM-Start war.

Sie wurde Ende Februar zum dritten mal am lädierten Knie operiert und vier Wochen später warf ein Autounfall all ihre sowieso schon eng gestrickten Trainingspläne über den Haufen. Sie erlitt dabei ein Schleudertrauma und schmerzhafte muskuläre Probleme taten sich plötzlich auf.

Die Worte „WM vom 29. Juni bis zum 10. Juli in Tampere“ wollte sie schon aus ihrem Kalender streichen, da sagte ihr Körper zu ihr: Ich bin trotz des Trainingsrückstands fit für die WM.

Schilling überrascht sich im Training selbst

Ende April stieg sie wieder ins Training ein. Sie ging noch auf Krücken ins Fitnessstudio und der Bringer war Aqua-Jogging. „Nicht so larifari, sondern nur Sprints und das hat mir enorm dabei geholfen, dass ich relativ schnell wieder dran war.“ Es dauerte auch nicht mehr lang, dann durfte sie wieder zurück zur leichten Athletik. „Je öfter ich auf der Bahn trainierte, desto näher rückte die WM-Teilnahme wieder“, sagte Schilling und überraschte sich im Training auch immer wieder selbst.

Ihre Tochter Alica stärkte ihr zusätzlich den Rücken, nach Finnland zu fahren. Sie erinnert sich noch genau an ihre Worte: „Mama du musst doch nicht gewinnen und perfekt vorbereitet sein, lass uns einfach dahin fahren und schauen was du errreichen kannst.“ Die mehrfache Weltmeisterin zeigt darauf eine unerwartete Reaktion: „Sie hat ja so recht. Ich bin eine Perfektionistin, möchte immer alles war geht rausholen, und gerade das mache ich diesmal anders.“

Schilling weiß nicht, ob es richtig ist, im Mehrkampf bei der WM zu starten, aber hier kann sei nicht anders: „Mein Herz gehört nun mal dem Siebenkampf.“

Hürdenstart aus dem Erinnerungsvermögen

Und es ist ihr diesmal egal, dass sie bisher noch keinmal den Hürdensprint trainieren konnte. Sie startet diese Disziplin aus dem Erinnerungsvermögen raus. „Ich weiß wie Hürden geht und ich glaube, es ist jetzt noch mehr Kopfsache als vorher.“ Sie weiß auch, dass sie an die Leistungen des Siebenkampfs bei der EM 2019 mit Weltrekord nicht mehr herankommen wird. „Das ist aber vor allem meinem Alter geschuldet.“

Leistungsfördernd wirke aber ihre Ernährungsumstellung. Die Vegetarierin isst keine Kohlehydrate mehr und sie ist nur noch ketogen unterwegs. Sie ist nun im Fettstoffwechsel und nicht mehr im Glukosestoffwechsel. „Das gibt einem eine ganz andere, viel stärkere Energie“, betont die 51-Jährige. Gemüse, Salate, wenig Obst, Quark, Fette und Öle sind ihre Haupternährungsquellen. Es sei ein Selbstversuch, aber ihre guten Laufzeiten gäben ihr bisher recht. „Ich fühle mich gut vorbereitet.“

Siebenkampf und vier Einzeldisziplinen

Wenn der Körper den Siebenkampf (29./30.Juni) unbeschadet mitmacht, will die 51-Jährige entscheiden, in welcher Disziplin sie bei der WM noch an Start gehen will. Gemeldet ist sie für Kugel, Weitsprung, 200 und 400 Meter. Auch diese Disziplinen sind für die erfolgsverwöhnte Leichtathletin ein weiterer körperliche Schritt ins Ungewisse. Dann nennt sei noch einen weiteren Grund, warum sie diese WM unbedingt noch mitnehmen will: „Wer weiß, was künftig noch auf uns zukommen wird und was sportlich aufgrund von Krieg und steigenden Preisen noch möglich ist.“ (rsm)

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