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Hilfe nach der Flucht: Elf Kinder aus Kiew trainieren beim SC Usseln Eiskunstlauf

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Gruppenbild mit Usselner und urkrainischen Eiskunstläuferinnen
Zufallsgemeinschaft: Die Anzahl der Eiskunstläuferinnen des SC Usseln hat sich innerhalb von acht Monaten verdoppelt, weil für elf ukrainische Kinder mit ihren Müttern das Upland ein angenehmer Zufluchtsort ist. © Artur Worobiow

Der Krieg in der Ukraine ist nicht weit weg. Die Zeitenwende spüren auch die Eiskunstläuferinnen des SC Usseln. Seit einigen Monaten trainieren sie mit elf Sportlerinnen aus Kiew. Sie helfen gern, müssen aber auch Probleme lösen.

Usseln – Es ist enger geworden auf dem Eis für die Sportlerinnen des SC Usseln. Wo sich Anfang dieses Jahres noch zehn Eiskunstläuferinnen mit ihrem Trainer Gino Thielen die Fläche in der Willinger Eishalle teilten, sind es jetzt 21, elf Sportlerinnen und eine Trainerin mehr.

Den Kader innerhalb von nur acht Monaten mehr als verdoppelt. Jeder Verein würde jetzt jubeln, aber in diesem Fall ist Freude über diesen Zuwachs das falsche Wort. Die Verantwortlichen des SC Usseln um ihre Vorsitzende Heike Wilke freuen sich eher darüber, dass sie diesen Neulingen helfen können.

Hoffnung auf ein kurzes Treffern mit dem Vater, mit dem Ehemann

Denn sie sind nicht freiwillig gekommen, der Krieg in der Ukraine hat sie ins Upland und ins Sauerland verschlagen. Kinder mit ihren Müttern, die täglich darauf hoffen, dass sie ein Lebenszeichen von ihren Vätern und Männern per Videokonferenz erhalten und wissen, dass die Rückkehr zu einem normale Familienleben noch sehr lange dauern kann.

Zu Weihnachten hoffen sie auf ein Wiedersehen mit ihren Männern und Vätern, und wenn es nur kurzes Treffen an der polnischen Grenze ist. All diese Gestrandeten vereint eins: der Eiskunstlauf. Und es war diese Leidenschaft für die Bewegung auf Kufen, die diese Gruppe in Usseln wieder zusammengeführt hat.

Als sie im März eine Mutter mit ihrem Kind in ihrem Landhotel in Usseln aufnahm, ahnte Iris Bangert noch nicht, welche Flüchtlingsbewegung sie damit auslösen sollte. Auch zwischen der deutschen und der ukrainischen Frau war der Eiskunstlauf die Andockstelle, denn Bangert ist Fachwartin für Eiskunstlauf beim Hessischen Eissportverband und ihre Tochter Marie eine erfolgreiche Läuferin im Landeskader.

Eines der wichtigsten Alltagsgegenstände für die geflüchteten Menschen ist das Handy. Dieses kleine Ding, leistet für sie Großes. Es ist vor allem ein Kontakthalter in die Ukraine, ein Informant, ein Nachrichtenüberbringer, aber auch der Briefträger für das geschriebene Wort, für Bilder und Videos.

Als die Trainerin Bilder aus Kiew zeigt, laufen ihr die Tränen

Es ist auch das Handy, das diesen Zeitungsartikel mit zusätzlichen Informationen füttert. So zückt die Trainerin Olga Kurovska während des Interviews in einem Vorraum der Willinger Eishalle immer mal wieder ihr Gerät aus der Tasche, um ihre Worte mit Bildern zu unterlegen.

Sie zeigt, wie einige Sportlerinnen ihrer Eislaufgruppe in der ukrainischen Hauptstadt Kiew mit Taschen- und Stirnlampen in einer dunkeln Halle trainieren und sie wischt auf dem Display Bilder herbei, die die zerstörte Eishalle ihrer Sportschule in Kiew zeigen, die von russischen Raketen getroffen wurde.

Sie möchte einige Worte dazu sagen, aber ihre Stimme wird zittrig, ein, zwei Tränen laufen ihr über die Wange, die sie wegwischt, einige Sekunden später ist ihre Stimme aber schon wieder da, jetzt klingt sie wieder klar, fest und entschlossen. Die neben ihr sitzende Dolmetscherin Olesia Gebhardt, die schon seit mehreren Jahren in Rhadern wohnt, wird im Laufe des Gespräches auch immer mal wieder von diesen Emotionen der Trauer und des Mitgefühls eingeholt.

Eiskunstläuferin Oleksandra Yurchenko
Kader-Sportlerin aus Kiew: Oleksandra Yurchenko © Artur Worobiow

Die Möglichkeiten, die ein Handy bietet, waren es vor allem auch, die aus einer Mutter mit einem Kind im Usselner Landhotel, elf Mütter mit elf Kindern plus Geschwistern und die Trainerin Olga Kurovska haben werden lassen. Iris Bangert und ihre Familie konnten sie nicht alle bei sich aufnehmen, sie vermittelten viele von ihnen nach Brilon.

In der Eishalle steht auch eine ukrainische Frau, die gerade zu Besuch ist, sie ist mit ihrer Tochter in Polen untergekommen. Einige ihrer Schülerinnen hätten sich auch aus Großbritannien oder Griechenland bei ihr gemeldet, sagt Kurovska, die mit ihrer fünfjährigen Tochter Daria geflüchtet ist.

Sie wirkt ein wenig unruhig, kann es kaum aushalten, dass „ihre“ Kinder in diesem Moment auf dem Eis trainieren, während sie hier im Innenraum herumsitzt. Obwohl jedes Mädchen die Mutter an seiner Seite hat, fühlt sich die Trainerin im Exil doch noch ein wenig mehr für sie verantwortlich als in Kiew, wo sie nur die sportliche Verantwortung für diese Kinder trug.

Olga Kurovska: Unsere Kinder machen nur zwei Wochen Ferien

Sie hat die meisten dieser Eisprinzessinnen im Alter von fünf bis zwölf Jahren, die jetzt in Willingen trainieren auch in der Sportschule in Kiew betreut. Erst im vergangenen Jahr erwarb sie die höchste Trainerlizenz und sie wollte sie auf ihrem Weg zum Leistungssport begleiten, sechs Stunden Training am Tag, mit allem was dazugehört, Ballett, Tanz und Krafttraining.

Kurovska lässt auch ihre härteren Trainerseiten durchschimmern: „Eiskunstläufer dürfen keinen Trainingsstopp machen, immer weiter, die Kinder an unserer Schule machen im Jahr nur zwei Wochen Ferien und haben nur einen trainingsfreien Tag in der Woche.“

Die Trainerin wundert sich auch darüber, dass in deutschen Sportschulen, der schulische Teil mindestens so wichtig genommen wird, wie der sportliche. „Bei uns liegt das Verhältnis bei 80 Prozent Sport und 20 Prozent Schule.“

Die Kriegswirren haben die Trainerin und die Kinder aber von ihrem ambitionierten sportlichen Weg weggeführt und wenn Kursovska als Lehrerin spricht, weiß sie nicht, ob ihre Schülerinnen diese Fehltage auf dem Eis jemals wieder aufholen können.

Das Training ist ein Stück Alltag weit weg von der Heimat

Das klingt für den Zuhörer ohne Kriegserfahrung alles etwas seltsam. Haben die Mütter mit ihren Kindern und diese Trainerin in diesen kriegerischen Zeiten nichts Wichtigeres im Kopf als Eiskunstlauf und dass sich die Kinder auf dem Eis weiterentwickeln sollen und möglichst auf gleichen hohen Level trainieren sollten wie vor dem Einmarsch der Russen?

Doch deren Erklärungen leuchten halbwegs ein: „Die Kinder haben so viele schlimme Sachen erlebt und daher ist es wichtig, dass sie hier eine Aufgabe haben und sie den Alltag, den sie vorher hatten, wenigstens noch im Eislaufen so gut es geht fortführen können“, sagte die Trainerin und Bangert fügt hinzu: „Die Kinder müssen den Kopf frei bekommen und wieder fröhliche Gedanken haben. Das geht durch Eislaufen.“

Auch eine Mutter stimmt den beiden zu. „Manche Kinder haben ihnen nah stehende Menschen verloren oder ihre Häuser, Sport war ihr Mittelpunkt in der Ukraine und sollte es auch hier sein, gut, dass sie auch wieder zur Schule gehen.“ Und dabei gehe es nicht um Lernerfolge.

Den Tag für die Kinder zu organisieren sei wichtig, betont die Trainerin. Weiter könne man sowieso nicht denken: „Wer den Krieg gesehen hat, für den ist es ganz schwer weitreichende Pläne zu machen.“

Eiskunstläuferin Marie Bangert
Kader-Sportlein aus Usseln: Marie Bangert. © Artur Worobiow

Für mehr Eiszeiten fehlt dem Verein das Geld

Obwohl die ukrainischen Kinder derzeit in ihrem Land mehr als nur eine politische Eiszeit erleben, wünschen sie sich nichts lieber als mehr Eiszeit. Sie würden gern mehr Zeit auf der kalten Fläche in Willingen verbringen, aber das ist derzeit nur schwer möglich.

Während sie in Kiew Trainingsbedingungen hatten wie etwa in den hiesigen Stützpunkten in Oberstdorf oder Dortmund, ist die Eishalle in Willingen für den Tourismus ausgelegt mit vielen öffentliche Laufzeiten, ab den Weihnachtsferien auch morgens, und da sind Sprünge aus Sicherheitsgründen verboten. Aber gerade den Axel, den Rittberger, Flip, Salchow oder Toeloop müssen Leistungssportler immer und immer wieder üben, am besten doppelt und dreifach.

„Wir kriegen kaum noch Eiszeiten, in denen die Ukrainer allein trainieren können“, sagt die Vereinsvorsitzende Heike Wilke. „Die Gemeinde Willingen kommt uns zwar schon sehr entgegen, aber wir lösen das Problem dadurch noch nicht“, betont Iris Bangert. Die Eismeister seien bisher immer verständnisvoll und behilflich gewesen, wenn es auf der Fläche nicht so voll gewesen sei.

Eiszeit in der Halle kann man auch zusätzlich kaufen. „Das zahlen die Ukrainer meist selbst, denn wir können uns das als Verein nicht leisten. Das tut mir schon auch ein bisschen leid“, betont Wilke, „Wir, der Verein, buchen zwei Tage pro Woche Eiszeiten für jeweils eine Stunde, das kostet uns 700 bis 900 Euro im Monat, mehr geht für uns nicht. Die Ukrainer kaufen für rund 600 Euro im Monat weitere Eiszeiten hinzu. „Aber das ist noch nicht genug, etwa für Marie Bangert und für die Ukrainerin Oleksandra Yurchenko, die beide im hessischen Landeskader sind.

„Wir fühlen uns hier sehr willkommen“

„Sie müssten eigentlich täglich aufs Eis“, betont Bangert. Der Verein habe einen Antrag beim Landessportbund auf finanzielle Unterstützung gestellt. Aber das kann dauern. Wilke weist auch darauf hin, dass einiges an Arbeit neben der Eisfläche anfalle, wie etwa Pässe für die Ukrainer zu beantragen und weitere bürokratische Formalitäten, die auch Zeit und Geld kosteten. Die Gruppe würde sich natürlich gerade jetzt über Spenden und Sponsoren sehr freuen.

 Trainerin Olga Kurovska.
Ein Stück Alltag bewahren: Trainerin Olga Kurovska. © Artur Worobiow

Die Möglichkeit, in eine Stützpunktstadt wie Berlin, Chemnitz, Dortmund, Mannheim oder Oberstdorf zu ziehen, schließt Olga Kurovska derzeit noch aus. „Wir haben nach unserer Flucht natürlich als erstes einen sicheren Platz zum Wohnen gesucht und ihn hier gefunden. Wir fühlen uns sehr willkommen hier, und würden auch gern hier bleiben“, sagt die Trainerin, die keine Prognose abgeben will, wann sie mit ihren Kinder wieder nach Kiew zurückkehren kann.

Olesia Gebhardt übersetzt ihre Worte wieder geduldig ins Deutsche. Die Dolmetscherin aus Rhadern hat mit ihrem Mann schon einige Hilfstransporte in die Ukraine organisiert, sie hilft in diesem Konflikt, wo sie nur kann. Sie versteht sich auch gut mit Kurovska. Das ist nicht selbstverständlich. Sie ist eine Russin. (rsm)

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