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EM-Bilanz: Carolin Schäfer lässt viel liegen, aber bei ihr bleibt viel hängen

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Von: Dirk Schäfer

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Mit einem Lächeln verließ Carolin Schäfer nicht nur hier nach dem Speerwurf am Donnerstag das Stadion, sondern am Abend auch nach dem gesamten Siebenkampf der EM. Sie brauchte keine Medaille, um zufrieden zu sein.
Mit einem Lächeln verließ Carolin Schäfer nicht nur hier nach dem Speerwurf am Donnerstag das Stadion, sondern am Abend auch nach dem gesamten Siebenkampf der EM. Sie brauchte keine Medaille, um zufrieden zu sein. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohr

Die EM-Stimmung in München war genauso gut wie die 2018 in Berlin, als Carolin Schäfer Bronze holte. Diesmal war die Siebenkämpferin nicht ganz in Topform, hat es aber dennoch genossen.

Der sechste Platz also. Eigenes Soll erfüllt. Gut – weil sie sich rechtzeitig zurückgekämpft hat? Schlecht, weil es wieder keine Medaille gab? Carolin Schäfer, für die das Erlebnis genauso viel zählt wie das Ergebnis, hatte selbst Edelmetall nie als Ziel ausgegeben. Sicher keine bloße Tiefstapelei für die Medien, um den Druck rauszunehmen. Sicher auch die Erkenntnis aus der Zeit seit ihrem deutschen Meistertitel in Vaterstetten 2020. Und das Wissen, dass sie trotz immensen Trainingsfleißes noch nicht wieder ganz die alte ist. Der Wettkampf in München, in dem sie stets zwischen Platz fünf und zehn schwankte, spiegelte das wider.

Mit einer starken, der fünftbesten Hürdenzeit begann der EM-Siebenkampf. In 13,39 Sekunden war sie um gut zwei Zehntel Schneller als beim bis dato einzigen Wettkampf dieses Jahres Anfang Mai in Ratingen (13,57). Doch der Hochsprung mit 1,74 Metern und das Kugelstoßen mit 13,68 Metern brachten im Grunde keine Steigerung gegenüber Ratingen (1,71/13,98) mit sich. Dass sie mit dem Hochsprung auch im Training nicht zufrieden war, hatte Schäfer am ersten Tag noch einmal betont.

Carolin Schäfer: Rückstand über 800 Meter nicht mehr aufholbar

Auf ihre Sprintform konnte sich die Polizeikommissarin verlassen. 24,16 Sekunden über 200 Meter – in Ratingen (24,40) und bei Olympia voriges Jahr (24,33) war sie deutlich langsamer – weckten wieder Hoffnung auf einen sehr guten Platz.

Doch es lief eben nicht in allen Disziplinen nach Wunsch: Nach 5,83 Metern zu Beginn des zweiten Wettkampftages im Weitsprung hatte Schäfer den geheimen Medaillentraum, den irgendwo jeder Sportler in sich trägt, sicher begraben. Wie in Ratingen und Tokio war die Sechs-Meter-Marke nicht drin, die sie früher sehr häufig knackte. Ein Trainingsschwerpunkt für die kommenden Monate?

Speerwerfen muss Schäfer nicht so viel trainieren. 50,18 Meter, zweitbeste Weite im Feld. Sehr gut, aber doch etwas im Vergleich zur Konkurrenz, um ähnlich wie Trainingspartner Niklas Kaul mit einem furiosen Finale über 800 Meter noch um Edelmetall zu laufen.

Die für Frankfurt startende Wildungerin hätte mehr als 13 Sekunden aufholen müssen auf die Polin Sulek, die den Lauf gewann, und die Schweizerin Kälin, die knapp vor ihr lag. Sie holten am Ende Silber und Bronze hinter der am ersten Tag überragenden Nafissatou Thiam aus Belgien. Für Schäfer wurden mittelmäßige 2:17,55 Minuten als Neunte, gestoppt; sie war auch schon mal vier Minuten schneller unterwegs und hatte sich aufgrund ihres speziellen Krafttrainings in den letzten Wochen Hoffnung auf eine Superzeit gemacht.

European Championships · Leichtathletik Carolin Schäfer Siebenkampf
Mit dem Speer gab es nichts zu hadern für Carolin Schäfer. Sie übertraf die 50-Meter-Marke. © Sven Hoppe/dpa

Am ARD-Mikrofon stufte Schäfer den Wettkampf gleichwohl als Highlight ihrer Karriere ein. „Es war eine Achterbahn der Gefühle an den zwei Tagen. Aber es gab viele Gänsehautmoment, die ich nie vergesse“, sagte Schäfer.

Solche Momente hatte sie schon viele. „Caro“ ist 30, hat vor vier bzw. fünf Jahren mit WM-Silber in London und EM-Bronze in Berlin Medaillen geholt, die etwas zählen. Zwei Olympiateilnahmen mit Top-sechs-Plätzen kommen hinzu. Eine Steigerung war nicht zuletzt durch ihren Wechsel in die Trainingsgruppe der Mainzer Familie Kaul erwartbar. Aus vielerlei Gründen blieben aber seit jener EM in Berlin internationale Medaillen aus. Heim-EM in München – ein Rückschritt?

Platz sechs ist kein Rückschritt für Caro Schäfer

„Ich bin sehr zufrieden. Das war ein Highlight in meiner Karriere“, sagte Schäfer am ARD-Mikrofon. Und man ist geneigt, ihr das abzunehmen. Sie ist lang genug Mehrkämpferin, um sich richtig einzuschätzen und zu wissen, dass Medaillen nicht programmierbar sind.

Allein der Siebenkampf in München hat gezeigt, wie kurzlebig Träume in der vielseitigen Kräfte zehrenden Sportart sind: An Tag eins stürzte beinahe direkt neben Schäfer Medaillenanwärtin Emma Oosterwegel aus den Niederlanden gleich zum Auftakt im Hürdensprint. Nach den 200 Metern wurde Medaillenanwärterin Ivona Dadic aus Österreich disqualifiziert, weil sie die Bahn verlassen hatte. An Tag zwei mussten die Drittplatzierte Anouk Vetter aus den Niederlanden und Schäfers Teamkollegin Sophie Weißenberg wegen Verletzung bzw. Krankheit vor bzw. nach der sechsten Disziplin ihre Medaillenträume begraben.

Carolin Schäfers Traum von einer Medaille wird weiter leben, wer sie kennt, weiß, dass sie teils bis über die Grenzen dafür trainieren wird. 2024 ist Olympia in Paris. Und München 2022 war nicht der Beginn eines Abstiegs, sondern eine Station auf dem Weg dorthin. (Dirk Schäfer)

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