1. Startseite
  2. Waldeckische Landeszeitung
  3. Lokalsport

Katar-Boykott oder nicht? Fanprojekt-Mitarbeiter diskutiert mit Korbacher Schülern über die WM

Erstellt:

Kommentare

Interview-Quartett: Die Schülergruppe (von links): Lorenz Erbroth, Thorben Schnell, Jannis Kesting und Finja Hufeisen stellten Dennis Pfeiffer, Sozialarbeiter beim Fanprojekt Kassel Fullestadt, einige Fragen zum Thema „Fußball-Weltmeisterschaft in Katar“. Das Fanprojekt boykottiert das Turnier.
Interview-Quartett: Die Schülergruppe (v. links): Lorenz Erbroth, Thorben Schnell, Jannis Kesting und Finja Hufeisen stellten Dennis Pfeiffer, Sozialarbeiter beim Fanprojekt Kassel Fullestadt, einige Fragen zum Thema „Fußball-Weltmeisterschaft in Katar“. Das Fanprojekt boykottiert das Turnier. © rsm

Wenn Deutschland bei der Fußball-WM spielt, geht er zur Lesung. Dennis Pfeiffer, Sozialarbeiter bei einem Kasseler Fanprojekt, erörterte an der ALS seine Sicht auf die Fifa und den WM-Gastgeber.

Geht da etwa einer in die Schulen und fordert die Schülerinnen und Schüler zum Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft auf? „Nein, ich rufe nicht zum Boykott auf, sondern möchte nur mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass Fußball nicht nur Spaß bereiten, sondern Menschen auch Schaden zufügen kann“, betont Dennis Pfeiffer, Sozialarbeiter beim Kasseler Fanprojekt Fullestadt, nach seinem Vortrag vor den Zwölftklässlern des Politik/Wirtschaftskurses ihrem Lehrer Johannes Grötecke in der Alten Landesschule in Korbach.

Pfeiffer beginnt seinen Redebeitrag in Zeiten als der Fußballfan noch unbetreut in die Stadien pilgerte und wütete. Er beschreibt Fangruppierungen, vom alten folkloristischen Kuttenträger, über Hooligans und Ultras, erzählt dann von einigen Fußballtragödien mit zahlreichen Todesopfern in den 1980er-Jahren, die die Politik, den Deutschen Fußballbund (DFB), Vereine dazu drängten, Fanprojekte ins Leben zu rufen, die präventiv gegen die Gewalt im Stadion arbeiten sollten. 72 gibt es davon mittlerweile bundesweit.

WM-Boykott: Warum Deutschland nicht Norwegen sein kann

Und aus dem Fanlager, vor allem von Ultras, sei auch der Aufruf am lautesten, die WM in Katar zu boykottieren, betonte Pfeiffer, nachdem immer öfter Meldungen von erheblichen Menschenrechtsverletzungen und tausenden Todesopfern auf den Baustellen für die WM an die Öffentlichkeit kamen.

Warum sei der DFB nicht dem Beispiel der Norweger gefolgt, die dieses Turnier boykottierten, lautete eine Schülerfrage an Pfeiffer. Seine Antwort: Geld. Wenn die deutsche Mannschaft nicht mitmachen würde, koste das den DFB zig Millionen, allein schon wegen Vertragsbruch bei den Sponsoren.

Korbacher Schüler sagen Ja zum Boykott, sehen aber auch die Fußballersicht

Aus den Wortbeiträgen der Schülerinnen und Schüler lässt sich vage heraushören, dass die Mehrheit einem Boykott zustimmen würde. Allerdings sind auch Stimmen darunter, die an die Sportler denken, „Eine WM ist für viele Fußballer eine einmalige Chance, die sollte man ihnen nicht verwehren.“

Pfeiffers Anliegen an seine Zuhörer ist auch eher in die Zukunft gerichtet. Er fordert andere Strukturen beim Weltverband Fifa, aber auch beim DFB: „Es darf keine WM mehr an Diktaturen oder autokratisch regierte Länder vergeben werden.“ Der Druck auf die Fifa habe ja inzwischen schon bewirkt, dass nicht mehr der kleine elitäre Kreis der Fifa-Exekutive mit seinen 24 Teilnehmer die WM-Vergabe allein bestimme, sondern die Mitgliederversammlung. Damit steige die Chance, dass nicht mehr Korruption die Vergabe des Turniers bestimme und eine WM nicht immer nur an den Meistbietenden gehe.

Klare Haltung: Dennis Pfeiffer und seine Fanprojekt-Kollegen werden einer Vorleserin zuhören, während die deutsche Mannschaft in Katar um WM-Punkte spielt.
Klare Haltung: Dennis Pfeiffer und seine Fanprojekt-Kollegen werden einer Vorleserin zuhören, während die deutsche Mannschaft in Katar um WM-Punkte spielt. © rsm

Pfeiffer wies auch darauf hin, dass Nachhaltigkeit eine immer größer Rolle bei sportlichen Veranstaltungen spielt. „Weltmeisterschaften sind immer Zahltage für die Fifa“, sagt er und fordert vom Weltverband weiter Veränderungen. „Ein Land bekommt die WM, die Einnahmen fließen aber alle an die Fifa, die darauf noch nicht einmal Steuern zahlt, aber die Stadionbauten und alle anderen Kosten überlässt sie dem Gastgeberland.“

Pfeiffer und seine drei Teamkollegen vom Fanprojekt Fullestadt haben sich dafür entschieden, diese WM zu boykottieren. Sie bewiesen schon vor vier Jahren Weitblick, weil sie der WM in Russland bereits keines Blickes gewürdigt haben. „Allein schon wegen dieser Tausenden von Todesopfern in Katar habe ich keine Lust, mir ein WM anzusehen, die auf dem Friedhof stattfindet.“

WM-Alternativprogramm in Kassel

Das Kasseler Quartett hat aber ein WM-Alternativprogramm ausgearbeitet. Wenn das Eröffnungsspiel läuft, eröffnen sie eine Ausstellung zum Thema „Fußballklub und Migration“ mit den Fußballprofis Anthony Modeste (Borussia Dortmund) und Bakery Jatta (Hamburger SV). Während der Deutschland-Spiele finden Lesungen in den Räumlichkeiten des Fanprojekts in der Kurt-Schumacher-Straße statt.

„Wir thematisieren während der WM-Tage Fußball, nur nicht die WM. Ein anderer Fußball ist möglich, das aufzuzeigen ist im Endeffekt auch das Ziel unseres Boykotts“, sagt Pfeiffer. Sein Verein Hessen Kassel vor auch der Vorreiter für die Aktion „#boycott-qatar“. Hier haben sich inzwischen auch Vereine wie Fortuna Düsseldorf, der Karlsruher SC und der SV Babelsberg angeschlossen. Sie hatten auch ein Projekt bei der Documenta, in das die Fan-Szene Kassel miteinbezogen wurde. Sie ließen zwei Zeichner ein Kunstwerk erstellen auf dem Zuschauer mit vielen schlechten Eigenschaften auf der Tribüne zu sehen sind.

In dieser Diskussionsrunde stand für die Schülerinnen und Schüler nicht nur der Sport im Vordergrund, denn sie hatten auch einen anderen Aspekt im Blick: „Wir hatten vorher im Unterricht verschiedene politische Systeme besprochen, in der Theorie, und die Idee war nun, diese mal in Praxis darzustellen“, sagt Grötecke.

Er und Pfeiffer hoffen, dass diese Runde in den Schülerinnen und Schülern eine gewisse emotionale Stimmung ausgelöst habe. „Wir finden es in Ordnung, wenn sie sich die Spiele in Katar ansehen, aber wir hoffen, dass sie die WM mit anderen Augen sehen.“ (Reinhard Schmidt)

Auch interessant

Kommentare