„Vielleicht tut mir das einfach mal gut“

Karolin Horchler spricht positiv über eine Biathlon-Saison, in der sie kein Rennen lief

Karolin Horchler
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Zeit um über neue Ziele nachzudenken: Karolin Horchler hat in der vergangenen Biathlon-Saison keinen Schuss abgegeben. Dennoch blickt sie optimistisch auf Olympia 2022.

Karolin Horchlers Telefonnummer wählen und als das Freizeichen ertönt, schießt einem diese Frage durch den Kopf: Wie wird sie sich wohl melden, wie ist die Gemütsverfassung der Biathletin?

Willingen/Ruhpolding – Die Stimmung der gebürtigen Ottlarerin könnte tief im Keller sein, denn sie absolvierte in der vor einigen Tagen beendeten Saison nicht ein Rennen, weder im Weltcup, noch im IBU-Cup.

Solch eine lange sportliche Wettkampfleere hat die 31-Jährige seit ihrer Jugendzeit nicht mehr erlebt. Aber vielleicht ist die Staffel-Vizeweltmeisterin von 2020 auch gut gelaunt, weil sie endlich mal genügend Zeit hatte, all ihre Wehwehchen und Verletzungen auszukurieren ohne den Druck so schnell wie möglich wieder in der Loipe zu stehen. Ein Rippenbruch hatte sie während Saisonvorbereitung im Juni aus der Bahn geworfen, und dieser Knochen brach Wochen später noch einmal entzwei.

Horchler nimmt das Gespräch entgegen und schon nach wenigen Sätzen spürt der Zuhörer: Sie ist gut drauf, redselig und lacht viel.

Keine Angst vom DSV vergessen zu werden

Das Lachen vergeht der Biathletin allerdings schon ein wenig als sie noch einmal auf diese Monate des Wartens, des Bangens, des Hoffens zurückblickt, während ihre Teamkolleginnen bereits auf der Jagd nach Weltcup-Punkten und Weltmeisterschaftsmedaillen waren und sie einsam und allein in ihrer Wahlheimat Ruhpolding ihre Trainingsrunden drehte.

„Zwischenzeitlich hat es in mir ganz schön gekribbelt, natürlich vor allem während WM-Zeit“, erzählt die 31-Jährige. Auf diesen Weltmeisterschaftszug der Ende Februar rollte, wollte sie noch aufspringen.

So dachte sie im Oktober und auch noch im November als die Saison begann. Dafür war sie hart zu sich selbst und ihrem Körper. Und immer, wenn sie im Training ihre körperlichen Grenzen ertastete, kam ihr zur Entlastung der Januar in den Sinn. Das erste Rennen und dann…

Die deutschen Frauen starteten im Weltcup mäßig bis schlecht. Das war gut für Horchler, auch wenn sie das niemals so aussprechen würde. Hatte sie nie Angst, vom Deutschen Skiverband und der Mannschaft vergessen zu werden, schließlich heißt sie nicht Neuner oder Dahlmeier? Sie war stets die Nummer vier bis fünf im Team. „Dieses Gefühl hätte ich vermutlich vor ein paar Jahren noch gehabt, aber mit den neuen Bundestrainern habe ich es nicht mehr“, erzählt die Biathletin. Sie sei mit Kristian Mehringer und Florian Steirer stets in Kontakt. „Ich merke auch, dass eine Wertschätzung von beiden Seite besteht.“

Doch während eines Gespräches mit den Trainern im Dezember flackerte bei Horchler ganz kurz doch noch mal ein Zweifel in ihre eigenen Worte auf. Sie nahmen ihr den Januar. Doch damit nicht genug, sie nahmen ihr die Saison, ließen ihren WM-Traum platzen. Die Trainer gaben Horchler bei diesem Gespräch aber auch etwas: Vertrauen. „Sie sagten zu mir, Karo, wir wollen dich nächstes Jahr bei der wichtigen Olympiasaison wieder dabei haben. Mit diese Entscheidung wollten sie mir den Druck nehmen und dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar.“

Rückendeckung der Trainer sehr wichtig

Dennoch klangen diese Worte auch noch einige Tage danach anders in ihren Ohren als heute. „Das war für mich zunächst ein ziemlicher Schock, ich bin sogar nachts aufgewacht und habe gedacht, oh nein, ich laufe jetzt wirklich keine Rennen mehr in diesem Winter.“ Doch sie spürte auch dieses Vertrauen. „Diese Rückendeckung war sehr wichtig. Wenn ich gemerkt hätte, denen ist es egal, was mit mir passiert, so nach dem Motto, wenn ich es nicht bin, nehmen sie die nächste, wüsste ich nicht, ob ich noch die Motivation gehabt hätte, weiter zu machen.“

Wichtig sei auch dieser Satz der Trainer gewesen: „Wir können dich noch fit machen, dann kannst du noch Rennen laufen, aber wir sehen mehr das Große ganze.“ Damit sei es eine gemeinschaftliche Entscheidung gewesen, betont Horchler.

Und als sich die gebürtige Ottlarerin mit dem Saison-Aus angefreundet hatte, spürte sie, welche Anspannung, die sie bewusst nie so richtig wahrgenommen habe, innerlich bei ihr abfiel. Sie kannten keinen Winter mehr ohne Wettkampf- und Reisestress, ohne diesen Druck der in diesen Monaten eigentlich immer in meinem Körper ist.

Plötzlich waren alls diese Aufreger weg und sie konnte schließlich zu sich selbst sagen: Vielleicht tut mir das einfach mal gut.“ Sie akzeptierte diesen kleinen Reset.

Auf dem richtigen Weg Richtung Olympia

Diese Vollbremsung auf Wettkampfebene auszuhalten, war dennoch schwierig für Karolin Horchler. „Zwischenzeitlich hat es in mir ganz schön gekribbelt, natürlich vor allem während der WM-Zeit. Ich habe auch ab und zu mal mit den Mädels telefoniert.“ Ob sie wohl noch weiß, wie sie den 20. Februar verbracht hat? Sie denkt einige Sekunden nach. „Nein, was war da?“

An diesem Tag fand das WM-Staffelrennen statt, mit einem großen Auftritt der deutschen Mannschaft und der Silbermedaille. Es hätte auch ihr Silber sein können. Jetzt erinnert sie sich: „Ich habe trainiert und dann das Staffelrennen im Fernsehen verfolgt.“ Horchler hatte ihren Teamkolleginnen am Vortag des Rennens per Whatsapp geschrieben, dass sie ihnen die Daumen drücke und sie das Rennen genießen sollten. „Alle haben mir geantwortet. Janina (Red.: Hettich) schrieb zurück, sie sei supernervös, da habe ich ihr zurückgeschrieben, dass ich das im Vorjahr auch war und dass das ganz normal ist.“

Für Horchler war es nun in Ordnung, die WM von außen zu betrachten. „Es wäre anders gewesen, wenn ich es nicht ins Team geschafft hätte.“ Das gute Gefühl, das ihr die Trainer vermitteln, setzt bei Horchler zusätzliche Kräfte für ihr Trainingsprogramm frei, das es in sich hat. „Ich war von mir selbst überrascht, dass ich allein so heftig trainieren kann.“ Sie geht auch neue Wege. Die Norweger, die derzeit der Biathlon-Welt etwas enteilt sind, haben beim Biathlon sportwissenschaftlich noch einmal etwas genauer hingesehen und sich gefragt, was ist wirklich wichtig bei dieser Sportart.

Trainingsmethoden, die unheimlich weh tun

Eine Antwort darauf lautet: Eine Biathlet/in sollte einen Anstieg so schnell wie möglich hochlaufen können, in der Abfahrt das in der Muskulatur entstehende Laktat so schnell wieder verarbeiten, um dann wieder hurtig den nächsten Anstieg hoch zu laufen. Untersuchungen ergaben bei Horchler, dass sie viel Laktat bilden kann, sie aber zu wenig in den Ruhephasen verarbeitet.

Dieses Manko will sie mit einer viermonatigen hochintensiven Trainingsform verbessern. Dafür ist ein Intervalltraining vorgesehen, mit Einheiten, die von nur wenigen Sekunden bis zu einer Viertelstunde dauern können. „Da bewegt man sich in Bereichen, die unheimlich weh tun“, erzählt Horchler.

Diese Quälerei nimmt sie aber gern auf sich. „Ich weiß, dass der Weg, den ich jetzt gegangen bin, der richtige war.“ Olympia 2022 kann kommen. (rsm)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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