Lauftreff-Pionier und Waldmarathon-Veranstalter - Heinrich Kuhaupt blickt zurück

Laufclub Bad Arolsen abgemeldet: Siegerehrung findet jetzt zu Hause statt

Wald- oder Adventsmarathons, der vom Lauftreff Bad Arolsen veranstaltet wurde.
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Zähfließender Verkehr am Twistesee: Vollbesetzte Starterfelder waren einst das Markenzeichen des Wald- oder Adventsmarathons, der vom Lauftreff Bad Arolsen veranstaltet wurde. Heute läuft hier kaum noch jemand.

Einige Bad Arolser sprangen Anfang der 70er-Jahre früh auf die noch kleine Lauf- und Fitnesswelle. Der Lauftreff vereinigte viele Sportler, heute sind nur noch zwei übrig geblieben. Was ist passiert?

Bad Arolsen – Alter schützt vor Laufen nicht. Heinrich Kuhaupt mag die Beinarbeit. Der Wetterburger wird im kommenden Jahre 80 Jahre alt und der Leichtathlet in ihm behandelt seinen Körper immer noch wie einen Jungspund. Er kommt manchmal vom Training zurück und stellt seinem Körper diese Frage: „Wo nimmst du nur die Kraft noch her?“

Wenn der ihm antworten könnte, würde er vermutlich sagen, diese Kraft hast du mir selbst gegeben. Kuhaupt verlangt sich und seinem Körper wahrlich noch einiges ab, Kraft- und Intervalltraining, da wird die Leichtathletik bisweilen immer noch zur Schwerathletik.

Es gibt eigentlich nichts, was den agilen Fast-Achtziger in seinem Bewegungsdrang stoppen kann. Doch der Corona-Virus zwang auch ihn zur Vollbremsung.

Dabei hat er sich für 2021 so viel vorgenommen, denn er wechselt in die Altersklasse M80 und schaute sich quasi als Teil der Vorbereitung schon die eine oder andere gelaufene Zeit der neuen Konkurrenz im Internet an. „Was die in der deutschen Spitze laufen, das laufe ich im Training. Und jetzt machen die den Laden zu“, empört er sich. „Keine Meisterschaft, keine Motivation.“

Rund 80 Sportler trafen sich zum Auslauf 

Doch Resignation oder gar Aufgeben haben keinen Platz in Kuhaupts Laufrepertoire. „Die Siegerehrung findet jetzt immer bei mir zu Hause statt“, scherzt er. Wenn er nach dem Training heimkommt, bemüht er den Eigenlob als Motivator: „Heute habe ich meine Vorgaben wieder gut erfüllt.“

Noch vor einigen Jahren kamen solch aufmunternde Worte von Trainingskollegen im Bad Arolser Lauftreff, den Kuhaupt 1972 mit seinem Bruder gegründet hatte. Sie sprangen damals mit dieser Idee früh auf die heranrollende Fitnesswelle, denn es war erst der sechste Lauftreff in Hessen und als einige Jahre später die Woge der Laufbegeisterung in Deutschland auf ihren Höhepunkt zuschwappte, waren Kuhhaupt & Co wegen ihrer bereits gesammelten Erfahrung medial bundesweit gefragt.

Da es in dieser Laufbewegung auch einige Athleten gab, die sich gern im Wettkampf messen wollten, gründete Kuhaupt 1995 mit dem Laufclub eine Art Verein. Wo sich in Bad Arolsen oder am Twistesee über Jahrzehnte bisweilen 80 Läuferinnen und Läufer für einen gemeinsamen Auslauf trafen, treffen sich heute aber nur noch zwei Athleten: die Altherren Kuhaupt und Manfred Zoske. Und den Laufclub hat er zum Ende dieses Jahres abgemeldet. Kuhaupt und Zoske wollen sich einem anderen Verein anschließen.

Doch wo ist sie hin, die Laufbewegung, diese Lust vieler Leute, möglichst schnell ein Bein vor das andere zu setzen? Sie habe sich in verschiedene Richtungen verlaufen, meint Kuhaupt. „Wir waren noch eine Zusammenkunft von Gleichgesinnten, heute wird der Individualismus bevorzugt.“

Das Interesse sei zunehmend in Richtung Fitness, Muckibude oder Nordic Walking abgedriftet. „Es hat sich für viele immer mehr herausgestellt, dass Laufen doch sehr anstrengend ist.“

Wenn der Durst kommt, ist es zu spät

Der 80-Jährige sieht vor allem in der Altersgruppe der 35- bis 45 -Jährigen die Zerstörer der Lauftradition. „Das sind Leute, die haben was anderes für sich entdeckt, die sitzen intensiv vor dem PC und suchen dort, was sie sportlich machen könnten, sie besitzen teure GPS-Uhren, hochqualifizierte Mountainbikes, aber auf dem Sattel sitzt ein Körper, aus dem nur noch 600 bis 800 Watt kommen. Die erhöhen ihre Schlagzahl nur mit Knöpfchen drücken.“

Hinzu komme eine gesellschaftliche Haltung, die auch mehr in Richtung Einzelkämpfer tendiere: Ich will mich nicht binden, will keinen festen Termin, will mich nicht mit anderen messen, indem ich da vielleicht als schwächster hervorgehe, ich will Pausen machen wann und wie ich will.

Kuhaupt erzählt von einer Begegnung mit einem Läufer am Twistesee. Der junge Mann hatte einen Gürtel umgeschnallt, an dem viele kleine Trinkflaschen hingen. „Mensch, du bist ja gut ausgerüstet, willst du eine längere Tour laufen?“, fragte Kuhaupt ihn und bekam diese Antwort: „Wenn der Durst kommt, ist es zu spät.“

Für Kuhaupt ist daher klar, woher er diesen Satz hat. „Die lesen heute irgendwas im Internet und wissen dann oft mehr als es den Tatsachen entspricht.“

Gute Luft am Twistesee als Markenzeichen

Außerdem funktioniere heute eine Lauftreff-Gruppe nur noch auf der Whatsapp-Schiene. „Die spricht einen Typ wie mich aber nicht mehr an“, gibt Kuhaupt zu. Dabei seien dann einige Läufer miteinander vernetzt und da heiße es dann: „Kommst du heute? - „Nein, es regnet oder heute ist es zu heiß, nein, der Wind kommt heute von vorn. Das Wetter dient als Ausrede.“ Und das sei kein Bad Arolser Problem, versichert Kuhaupt, er wisse von den Lauftreffs in Korbach und anderen Orten, dass es dort genauso ablaufe. Er kann von seinem Wintergarten aus auf den Uferweg des Twistesees schauen. „Wenn dort noch jemand läuft, dann sind das vor allem jüngere Frauen wegen der Figur, den Läufer, der dort trainiert, gibt es nicht mehr.“

Auf hundert Meter und mehr schlängelte sich einst der Läufertross beim Wald- oder Adventmarathon auf dem Uferweg des Twistesees, der meist Anfang Dezember gestartet wurde. 33 Ausgaben hat Kuhaupt mit vielen Helfern von diesem bundesweit bekannten Lauf auf die Beine gestellt. Was mit 20 Leuten anfing, wuchs und wuchs und starb.

Und er läuft und läuft und läuft: Heinrich Kuhaupt (links) hofft, dass er im kommenden Jahr bei Wettkämpfen wieder richtig durchstarten kann.

„Beim Frankfurt Marathon mussten wir damals die grünen Abgase von Höchst einatmen, da haben wir bemerkt, die gute Luft am Twistesee ist unser Markenzeichen“, erinnert sich Kuhaupt. „Wir mussten in den Hochzeiten sogar Anfragen von Läufern ablehnen.“

Der Wetterburger hat aber keine Bedenken, dass auch die großen Stadtmarathons in naher Zukunft ebenfalls dem Läuferschwund zum Opfer fallen werden.

Unterstützung von der Stadt vermisst

Die seien mittlerweile so groß geworden, Firmen, Kommerz und auch das Ansehen einer Stadt hingen daran, sodass die jeweilige Stadt diese Marathonläufe weiterhin mit anschiebe. „Das veranstaltet auch kein Verein mehr, sondern extra dafür gegründete Gesellschaften.“ Die holten Sponsoren ran und versuchten immer, die Stadt mit einzubeziehen, etwa für Verkehrsregelungen. Diese Unterstützung habe er zum Schluss in Bad Arolsen schon etwas vermisst. „Wenn die mal eine Straße absperren sollten, musste ich dafür zahlen, obwohl wir es waren, die alle Hotelbetten der Stadt an diesem Wochenende belegt hatten“, erzählt Kuhaupt und man hört am Tonfall den Ärger immer noch heraus.

Wie sich die Laufszene in naher Zukunft entwickelt, steht seit Corona mehr denn je in den Sternen. Kuhhaupt ist davon überzeugt: „Die Pandemie verursacht jetzt einen harten Schnitt, es wird für jeden Veranstalter eines Wettkampfes schwer, sich davon wieder zu erholen. Mit Maske laufen geht nicht und die Auflagen für die Läufe sind enorm.“

Die Organisatoren der Winterlaufserie in Ippinghausen hätten ihre Veranstaltung lange aufrechterhalten, doch seien immer mehr Auflagen und Vorschriften hinzu gekommen. „Wer diese Gebrauchsanweisung liest, der bleibt gleich zu Hause“, meint Kuhaupt.

Dennoch hofft der Wetterburger, dass die Leichtathletik im kommenden Jahr wieder auf Wettkampfmodus umschalten darf. Der Neuling in der M80 hat doch noch so viel vor… (rsm)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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