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Interview: Marius Karges über Gold in Cali, viel essen und den Zwei-Kilo-Diskus

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Von: Gerhard Menkel

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Marius Karges (MItte) nach dem WM-Werfen mit seinem Teamkollegen Mika Sosna (links) und dem drittplatzierten Mykhailo Brudin.
Deutsch-ukrainische Verbrüderung: Marius Karges (MItte) nach dem WM-Werfen mit seinem Teamkollegen Mika Sosna (links) und dem drittplatzierten Mykhailo Brudin. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/International

Dass Marius Karges aus Bad Wildungen Waldecks erster Junioren-Weltmeister in der Leichtathletik ist, hat sich herumgesprochen. Hier erzählt er, wie er das Diskusfinale in Cali erlebt hat.

Frankfurt - Marius Karges klingt ausgeschlafen, als er am Dienstag gegen 11 Uhr ans Handy geht. Die Rückreise aus Kolumbien Sonntagfrüh Ortszeit gestaltete sich für den neuen Diskus-Weltmeister der U20-Junioren deutlich kürzer als für einen kleineren Tross des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Einzelne aus der dieser Gruppe seien erst etwa 48 Stunden nach ihrem Aufbruch in Cali zuhause angekommen; der Bad Wildunger landete ungefähr nach der halben Zeit in seiner Wahlheimat Frankfurt. Nun hat er Lust zu erzählen – von seinem großen Ding und was jetzt so kommt.

Weltmeister Marius Karges: Wie waren die Reaktionen nach Ihrem Sieg – hat das Handy gar nicht mehr aufgehört zu vibrieren?

Ich habe extrem viele Nachrichten erhalten, vor allem über WhatsApp und auf Instagram. Vor allem Familie, Verwandte, Freunde, mein Heimatverein TV Friedrichstein, vereinzelt aber auch völlig Unbekannte haben mir gratuliert. Es war schon irre.

Wie ordnen Sie selbst diese Goldmedaille und den Sieg über den Favoriten Mika Sosna ein? Wir haben Sie danach ein bisschen ungläubig wahrgenommen.

Ich bin mit dem Wissen nach Cali gefahren, dass wir beide das Leistungsvermögen mitbringen, Weltmeister zu werden. Aber es gehört so viel dazu, um es wirklich zu schaffen. Erst das Trainingslager in Florida, dann die Zeit in der Millionenstadt Cali – es gab immer die Herausforderung gesund zu bleiben.

Warum war das eine Herausforderung?

Es hätte passieren können, dass man sich mit Corona infiziert oder sonst wie krank wird. Wir haben uns nicht abgeschottet, aber die Teamleitung hat schon eindringlich an uns appelliert, dass wir aufpassen und etwa im Hotel unbedingt Maske tragen sollen. Ich war deshalb extrem froh, als es in den Wettkampf ging. Vor der Athleten-Vorstellung im Stadion habe ich mir gedacht: Okay, jetzt kann nur noch wenig schiefgehen, ich muss jetzt nur noch das machen, was ich schon so oft in dieser Saison getan habe: werfen.

Marius Karges: Zwischendrin war ich genervt und wütend

Und das hat ziemlich gut geklappt. Sie hatten eine kontinuierliche Serie.

Um ehrlich zu sein, fand ich den Wettkampf zumindest in der ersten Hälfte nicht so gut. Meine Weiten lagen deutlich unter denen im Trainingslager in Florida und ebenso auf dem Aufwärmplatz in Cali, wo ich beständig weiter geworfen hatte als die Konkurrenten. Man darf aber nicht unterschätzen, was es heißt, das erste Mal in so einem Wettkampf zu stehen. In der Qualifikation bin ich deshalb lieber mit einem Sicherheitswurf eingestiegen.

Der dann sofort fürs Finale gereicht hat.

Genau. Der erste Wurf im Finale war dann nicht gut, etwas verrissen, er reichte aber zum Einstieg. Ich wusste, ich konnte jetzt mehr Risiko gehen, aber anders als sonst oft konnte ich in Versuch zwei und drei keine Meter draufpacken. Ich war genervt und wütend; das war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass meine Beine nicht ganz fit waren. Vielleicht war ich unbewusst doch aufgeregter als ich mich fühlte.

2022 - Marius Karges‘ Erfolgsjahr

Marius Karges (19) schaut auf ein Erfolgsjahr sondergleichen zurück. Im Februar gewann er beim Winterwurf der U-20-Junioren mit Landesrekord seinen ersten DM-Titel, warf im Mai deutschen Rekord für seine Altersklasse und holte im Juli Silber bei der Jugend-DM im Sommer. Seine persönliche Bestleistung liegt derzeit bei 69,97 Meter mit dem 1,75-kg-Diskus, Platz zwei der Weltrangliste. Der Bad Wildunger startet seit 1. Januar 2019 für LG Eintracht Frankfurt. mn

Hat die Atmosphäre im Stadion Sie beeindruckt?

Nein, ich konnte sie eher positiv für mich nutzen. Es gab aber technische Probleme, auf die mich auch der Bundestrainer hingewiesen hat. Quasi aufgewacht bin ich im vierten Versuch, als der Endkampf (der besten acht, Anm. der Redaktion) richtig angefangen hat. Der Wurf mit 63,91 Meter war halbwegs in Ordnung, mehr aber nicht.

Vorher hatte der Ukrainer Brudin, am Ende Dritter, Sie überholt. Hat Sie das unter Druck gesetzt?

Ein gewisser Druck war von Anfang an da, weil die anderen Werfer alle um die 60 Meter draufhatten. Einer hätte ja mit einem Glückswurf Bestleistung werfen können, dann wäre es eng geworden. Die anderen schlafen nicht, hat der Bundestrainer mir gesagt. Aber ich habe weniger Druck gespürt als Ärger – ich wusste ja, die Führungsweite ist kein Problem für mich.

Nach dem vierten Wurf waren Sie Erster, drei Zentimeter vor Mika Sosna.

Ja, aber die Weite war immer noch klar unter dem, was ich kann.

Der letzte Wurf - für Karges der krönende Abschluss

Wie sind Sie in den letzten Versuch gegangen? Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie Gold schon sicher.

Ich war extrem erleichtert und froh, dass mich niemand mehr überholt hatte. In den letzten Wurf wollte ich die ganze positive Energie reinlegen, die ich hatte, und habe das Publikum und das deutsche Team animiert, noch mal Stimmung zu machen. Ich habe den Wurf genossen. Und ehrlich: Ich wäre unzufrieden geblieben, hätte ich den Titel mit einer für mich und Mika doch relativ schlechten Weite gewonnen.

Mit den 65,55 Meter war das anders?

Ich hatte mir vorher gesagt: Alles, was über 65 Meter liegt, ist in Ordnung. Der Wurf war gut und ein krönender Abschluss, weil ich auch ordentlich Abstand zu Mikas Weite geschafft hatte.

Mit dem WM-Titel ist die mediale Aufmerksamkeit für Sie gewachsen. Sport1 zum Beispiel hat gleich gefragt, ob hier eine neue deutsche Diskusära beginne. Was sagen Sie zu solche Schlagzeilen?

Ich freue mich darüber, es motiviert mich, dass wir jetzt gesehen werden – es ist ja ein ganzer Jahrgang, der sehr gute Leistungen zeigt. Im Diskuswerfen gibt es nicht nur Mika und mich, sondern auch Steven Richter, der als Weltranglisten-Dritter nicht zur WM fahren konnte. Man muss sich das überlegen: Im WM-Finale standen zwei Werfer mit Weiten über 65 Meter, bei den „Deutschen“ waren es drei. Genauso im Kugelstoßen. Bei der Jugend-DM haben vier Athleten über 20 Meter gestoßen, bei der U-20-WM drei. Unglaublich.

Marius Karges 2018 bei den deutschen U-16-Meisterschaften in Wattenscheid
Schon ein Unterschied zu heute: Marius Karges 2018 bei den deutschen U-16-Meisterschaften in Wattenscheid. Er dreht sich im Trikot des TV Friedrchstein. © Ralf Görlitz

Sie wechseln jetzt zu den U23-Junioren: Kennen Sie Ihren neuen Kaderstatus?

Sehr wahrscheinlich werde ich in den Perspektivkader des DLV eingestuft. Der Nachwuchskader U23 wird meines Wissens nach abgeschafft, dafür werden mehr Athleten in den Bundeskader genommen. Damit fängt dann zum Beispiel die finanzielle Förderung durch die Sporthilfe an.

Sie gehen noch ein Jahr zur Schule und bauen nächstes Jahr Ihr Abi.

Genau. Danach will ich eventuell versuchen, in die Sportfördergruppe der Bundeswehr zu kommen und parallel zu studieren. Aber das sind alles erst Überlegungen.

Sie wechseln ab sofort zum zwei Kilogramm schweren Männerdiskus. Ihre Erwartungen sind, dass sie damit im Prinzip genau so weit werfen können wie mit der 1,75-Kilo-Scheibe. Doch ist der Weg nicht noch weit? Ihre gültige Bestleistung liegt unter 50 Meter.

Sie stammt aus dem Vorjahr. Im Training ging es weiter; nur Wettkämpfe mit dem Männerdiskus hatte ich in dieser Saison nicht – ich habe mich ganz auf die U20 konzentriert. Natürlich muss ich mich erst an den Zweier gewöhnen. Rechnerisch liegt der Unterschied zwischen zwei Kilo- und 1,75-Kilo-Scheibe bei fünf, sechs Metern Weite. Das wären bei Mika und mir rechnerisch Weiten von 65 und 63 Meter – das wäre schon der Männerbereich. Wahnsinn. Ich bin mir aber sicher, dass ich grundsätzlich so weit werfen kann.

Geben Sie sich die Zeit, sich zu entwickeln?

Die Saison ist zu Ende, ich habe den ganzen Winter Zeit, den schwereren Diskus zu werfen und mich daran zu gewöhnen.

Karges musste Gewicht zulegen und viel essen

Werden Sie damit sofort vom Dopingkontrollsystem der Nada erfasst?

Als Mitglieder im Nachwuchskader mussten wir schon einen Wochenplan abgeben und bereit sein für spontane Testungen. Ab dem Perspektivkader wechselt man in den nächsthöheren Testpool und muss zum Beispiel angeben, wenn man mal wegfährt.

Diskuswerfen ist eine durchaus verletzungs-trächtige Sportart. Wie beschäftigen Sie sich damit?

Ich versuche alles zu tun, um trainingsbedingte Verletzungen zu vermeiden, also die Belastungen und Umfänge richtig zu dosieren. Das A und O ist die Regeneration. Dazu gehört ausreichend Schlaf und eine Ernährung, die dem Körper das zuführt, was er braucht. Immer wichtiger ist für mich außerdem der Gang zur Physiotherapie geworden; hier am Olympiastützung in Frankfurt kann ich sie gut nutzen.

Sind Sie beim Essen diszipliniert?

Ja, das geht. Ernährung war gerade ein wichtiges Thema für mich. Ich musste an Gewicht zulegen, und das ist harte Arbeit gewesen. Man muss viel essen, aber nicht irgendwas, sondern ausgewogen und Lebensmittel, die dem Muskelaufbau dienen, Eiweiß und gesunde Fette zum Beispiel. Ich muss noch weiter zunehmen, weiß jetzt aber, wie es geht.

Ein Familie mit Sportbegabung: Marius‘ Cousin ist Fußball-Profi Marvin Friedrich

Darf ich wissen, wie schwer Sie sind?

In der Wettkampfphase lag ich bei 112, 113 Kilogramm – was bei meiner Größe relativ schwer ist. Die guten Werfer sind meistens ziemlich groß, mit meinen 1,89 Meter habe ich da im Vergleich wortwörtlich den Kürzeren gezogen. Bis jetzt habe ich das gut kompensieren können, ich hoffe, dass es so im Männerbereich so bleibt. Vielleicht muss ich mehr investieren.

Wie geht es in nächster Zeit weiter für Sie?

Ich werde einige Wochen pausieren, zehn Tage in Urlaub fahren, meine Familie in Bad Wildungen besuchen, alles verarbeiten, ein bisschen runterkommen. Im Herbst werde ich dann wieder voll in die Vorbereitung auf das nächste Jahr einsteigen.

Entstammen Sie eigentlich einer besonders sportlichen Familie?

Ich würde sagen, ja. Meine Geschwister sind ebenfalls sportlich, sie haben alle Fußball gespielt, eine mögliche Sportkarriere aber nicht weiterverfolgt. Meine Schwester Franziska hat in der Hessenliga gespielt; vielleicht hätte sie es bis ins Nationalteam bringen können, hätte sie es durchgezogen. Wie sportlich wir sind, sieht man auch an der Familie meiner Tante aus Guxhagen: Meine vier Cousins und Cousinen sind sportlich sehr erfolgreich. Steffen Friedrich hat bei Hessen Kassel gespielt; mein anderer Cousin ist Marvin Friedrich, Bundesliga-Profi und im Januar von Union Berlin zu Borussia Mönchengladbach gewechselt; meine Cousine Melissa spielt bei Bayer Leverkusen in der Bundesliga der Frauen Fußball und ihre jüngere Schwester Carolin war 2018 Elfte im Speerwurf der U-18-Europameisterschaften. Ich würde also schon sagen, dass in der Familie eine gewisse Sportbegabung liegt.

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