1. Startseite
  2. Waldeckische Landeszeitung
  3. Lokalsport

Ministerin mit Ringerfahrung: Integrationsbeauftragte der Bundesregierung besucht Boxer von Inter Korbach

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Multikulturelles Treffen zwischen den Seilen: Staatsministerin Reem Alabali-Radovan steht mit den Inter-Trainern Lothar Junker (links) und Ghulam Suleimanzadah (rechts mit Kopftuch) und den Sportlern im Boxring.
Multikulturelles Treffen zwischen den Seilen: Staatsministerin Reem Alabali-Radovan steht mit den Inter-Trainern Lothar Junker (links) und Ghulam Suleimanzadah (rechts) und den Sportlern im Boxring. © rsm

Sie steht hier im Blickpunkt, aber drängt sich nie in den Mittelpunkt. Reem Alabali-Radovan könnte sich als hohen Besuch bezeichnen, immerhin ist sie Staatsministerin für Integration im Bundeskanzleramt und Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung.

Korbach – Aber von irgendwelchen Hochnäsigkeiten ist die 31-Jährige während ihres eineinhalb stündigem Besuch beim Boxtraining des FC International Korbach in der Marker-Breite-Halle weit entfernt. Sie stellt sich den rund 30 Männern und zwei Frauen kurz vor, schaut ihnen anschließend beim Trainieren zu und sucht mit dem einen oder anderen auch kurz das Gespräch.

Mit ihrem schwarzen Hosenanzug, schwarzem Shirt und schwarzen Schuhe wirkt die politisch SPD-Rot angehauchte Frau zwischen all den verschwitzten Körpern in T-Shirts und kurzen Hosen etwas fehl am Platze, aber man sieht ihr an, dass ihr dieses Milieu inmitten von Sandsäcken und Ringseilen nicht fremd ist. „Ich ziehe auch selbst gern die Handschuhe an“, sagt die Politikwissenschaftlerin bei ihrer Vorstellung und meint damit keineswegs die aus Samt. Sie ist selbst Freizeitboxerin bei ihrem Verein Traktor Schwerin und ihr Ehemann Denis Radovan boxt beruflich.

Unterhaltsame Boxschule mit Trainer Ghulem

Die Staatsministerin ist daher auch gern bereit, bei Inter-Trainer Ghulam Suleimanzadah noch einmal in die Box-Schule zu gehen. Interessiert verfolgt sie den Unterricht dieses Lehrmeisters, der auch viel Show-Talent besitzt. Er tänzelt allein im Ring und stellt Fragen in die Runde. „Die Rechte schützt beim Boxen was, Elgar? Der antwortet: „Das Kinn.“ -„Gut und was noch, Sergej?“ - „die Leber“ - „Und warum heißt die Führhand, Führhand, Justin? - „Weil man damit den Kampf führt“ - „Genau, die Führhand muss blitzschnell herausstechen, als ob ihr durch den Gegner hindurchschlagen wolltet. Das hört sich etwas brutal an, und ist es auch“, sagt der Coach und erntet dafür viele Lacher - auch von der Staatsministerin.

So manch anderer Politikerin wäre hier wohl das Lachen vergangen, aber Alabali-Radovan kennt halt die Boxersprache und weiß, wie diese Worte gemeint sind.

Aktiver Kampfsport erdet auch außerhalb des Rings. Reem Alabali-Radovan fährt nicht mit einer Staatslimousine vor und schleppt auch keinen Berater-Tross samt Bodyguards hinter sich her. Sie betritt nur mit einer Pressereferentin, einem Fotografen und einem Mitarbeiter die Halle.

Und das schafft sofort eine Nähe, die eigentlich jeder Politiker zu seinem Wahlvolk haben sollte. Niemand hat hier Berührungsängste, diese zierliche Frau anzusprechen.

Damit erfüllt sie schon selbst alle Bedingungen, die sie im Interview als Antwort auf diese Frage gibt: Woran erkennt man eine gute Integration? „An einer Begegnung auf Augenhöhe und Respekt von Anfang an und Empathie für die andere Seite.“ Integration werde oft noch falsch verstanden in Richtung Assimilation, dabei sollen die Menschen, die neu in eine Gruppe kommen, alles so über- und annehmen, wie die anderen es schon lange gewohnt seien.

Vier Menschen am Boxring
Vertraute Ecke: Reem Alabali-Radovan ist selbst Boxerin. Hinter ihr steht Dennis Winkler, Vorsitzender von Inter Korbach. © rsm

Doch Integration sei niemals eine Einbahnstraße, beide Seiten müssten stets bereit sein, aufeinander zuzugehen.

Bei ihrer politischen Arbeit, die sie schon für die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns ausgeübt hat und nun seit vier Monaten im Auftrag der Bundesregierung, sind Alabali-Radovan auch ihre eigenen Lebenserfahrungen sehr hilfreich. Sie weiß von ihren Eltern, was es bedeutet ein Flüchtling zu sein, sie mussten aus dem Irak fliehen und gingen zum Studieren nach Moskau. Dort kam ihre Tochter zur Welt und sechs Jahre später führte ihr Weg nach Deutschland.

Aufnahme in Gemeinschaft für Einwanderer wichtig

Alabali-Radovan weiß, wie es sich anfühlt in einer Flüchtlingsunterkunft auf engstem Raum mit anderen zu wohnen und mit viel Toleranz miteinander auszukommen. Aus eigener Erfahrung weiß sie auch, dass es vermutlich das wichtigste für einen Einwanderer ist, wenn er oder sie sofort in einer Gemeinschaft aufgenommen wird. „Ich bin gleich in die Grundschule gekommen, das war großes Glück für mich“, sagt die Staatsministerin.

Ihre Offenheit hat aber auch Grenzen, denn der Frage, welch schlechte Erfahrungen sie in Deutschland als Ausländerin gemacht habe, weicht sie aus. „Natürlich gab es einige Momente, die schwierig waren, die erleben aber viele Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte. Aber das ist ja auch ein Teil meiner neuen Aufgabe als Antirassismus-Beauftragte der Bundesregierung jetzt auch dagegen zu halten.“

Der Sport ist ein Integrationsmotor

Das Boxtraining ist jetzt in vollem Gange, einige Sportler schlagen gegen Sandsäcke oder messen sich im Sparring, andere boxen allein gegen ihre Schatten. Alabali-Radovan spricht derweil mit dem Vereinsvorsitzenden Dennis Winkler. Er ist nicht nur dankbar für ihren Besuch, sondern auch über das Fördergeld, das der Verein vom Projekt „Willkommen im Sport“ für die Arbeit mit Geflüchteten erhält. Es wird vom Deutschen Olympischen Sportbund angeboten und von der Integrationsbeauftragten gefördert.

„Ohne dieses Geld könnten wir gar nicht arbeiten“, erzählt Winkler und er ist findet es gut, dass er seiner Besucherin zeigen kann, wofür der Verein diese Fördergelder einsetzt. „Viel Geflüchtete, die noch kein Geld haben, versorgen wir mit Bandagen, Handschuhen, Springseilen oder wir kaufen fürs Training Sacksäcke oder andere Ausrüstung.“

Verein wünscht sich Halterung für Sandsäcke in der Halle

Der Verein hat auch einen Wunsch, den ihm die Integrationsbeauftragte allerdings nicht erfüllen kann. „Wir würden uns über eine Vorrichtung an der Hallenwand freuen, ähnlich wie in Bad Wildungen, damit wir die Sandsäcke nicht immer auf- und abhängen müssen. Die sind schwer und es wäre eine Erleichterung für uns, vor allem beim Training der Jugendlichen und Kinder.“

Der Sport gilt als ein großer Integrationsmotor. Die Ministerin zeigt mit der Hand ins Hallenrund auf die Sportler und sagt: „Das ist typisch für den Sport, man kommt zusammen, ob man sich gut kennt oder nicht und niemand wird gefragt, woher er kommt und was er arbeitet und alle sind hier gleich.“ Das klingt eher nach Wunschvorstellung. Gerade in diesen Tagen werden nämlich wieder viele Geflüchtete gefragt, woher sie kommen. Und es gibt oft nur eine Antwort: Aus der Ukraine.

Während sich die Staatsministerin am nächsten Tag mit allen Integrationsbeauftragten der Bundesländer treffen und besprechen will, wie Bund und Länder den hier gestrandeten Ukrainern helfen können, müssen Winkler und seine Vereinshelfer keine großen Pläne schmieden, wie sie mit diesem neuen Flüchtlingsproblem, was da auch auf sie zukommen wird, umgehen sollen.

Auf die Frage, wann er mit dem ersten Flüchtling aus der Ukraine in der Trainingsgruppe rechne, zeigt Winkler mit der Hand auf einen Mann in der Halle: Der erste Ukrainer ist schon da. (rsm)

Auch interessant

Kommentare