Abschied fällt schwer

„Miss Volleyball“ verlässt das Netz: Bärbel von Hagen war beim VfL Bad Arolsen fast 40 Jahre lang in drei Rollen aktiv

Mittendrin und immer dabei: Bärbel von Hagen hat vielen Arolser Mädchen das Pritschen, Baggern und Schmettern beigebracht. Das Bild zeigt die scheidende Trainerin mit dem U14-Volleyballteam im Jahr 2009; hinten (v.l.): Hannah Sadler, Bärbel von Hagen, Carina Behle, Nina Vössing; unten (v.l.) Emma Müller, Gentijana Muhadri.
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Mittendrin und immer dabei: Bärbel von Hagen hat vielen Arolser Mädchen das Pritschen, Baggern und Schmettern beigebracht. Das Bild zeigt die scheidende Trainerin mit dem U14-Volleyballteam im Jahr 2009; hinten (v.l.): Hannah Sadler, Bärbel von Hagen, Carina Behle, Nina Vössing; unten (v.l.) Emma Müller, Gentijana Muhadri.

Wer sich von einer Leidenschaft verabschieden will, weiß spätestens ab diesem Moment, warum das Wort Leiden darin enthalten ist. Bärbel von Hagen sagt gerade Tschüß zum Volleyball, aber die 51-jährige Bad Arolserin ist sich noch nicht sicher, ob sie den Volleyball überhaupt loslassen kann.

Bad Arolsen – „Die Sportart wird bei mir bleiben, aber das Trainersein und als Abteilungsleiterin die Verantwortung für alles tragen, das kann ich bestimmt ganz hervorragend loslassen“, erzählt von Hagen, die seit ihrem zwölften Lebensjahr beim VfL Bad Arolsen den Ball volley gespielt hat, rund 20 Jahre als Spielerin, etwa drei Jahrzehnte als Trainerin und auch etliche Jahre als Abteilungsleiterin.

Was einst als Schnupperkurs in der Christian-Rauch-Schule unter Wolfgang und Ulrike Schmidt begann, entwickelte sich für von Hagen zu einem engen Beziehungsgeflecht. „Ich haben den Volleyball lieben gelernt.“ Auf die Frage, was denn für sie das Liebenswerte am Volleyball ist, muss die gelernte Krankenschwester kurz überlegen. „Es ist das Teamerlebnis und Volleyball ist sehr abwechslungsreich, da ist von Taktik, Ballgefühl, Kondition, Disziplin, Kampfgeist alles drin, was ich am Sport mag.“

Eine Kämpferin mit Defensivqualitäten

Allerdings weiß von Hagen nicht, ob sie überhaupt ein Ballmensch ist. Der ist oft daran zu erkennen, dass er die Anstrengungen im Sport nur im Beisein dieses runden Begleiters aushält, sich von ihm ablenken lässt und sobald er ohne Ball laufen soll, macht ihm Laufen keinen Spaß mehr.

„Ja, dann bin vermutlich ein Ballmensch, denn joggen ist nicht nicht meine Welt“, erzählt die 51-Jährige.

Sie sagt aber auch über sich: „Ich war keine gute Volleyballspielerin.“ Was sich zunächst widersprüchlich anhört, ist aber eigentlich der größte Liebesbeweis für den Volleyball. Von Hagen konnte sich nämlich nie auf ihrem Talent ausruhen und zusätzlich war sie für diese Sportart auch noch viel zu klein. Durch ihre Körpergröße war sie für Positionen am Netz ungeeignet. Angriffe mit Schmetterbällen von einer von Hagen waren daher eher selten, dafür eignete sie sich die Praktiken der Verteidigungskunst an, den Ball mit gutem Stellungsspiel, Körperbeherrschung und Reaktionsschnelligkeit nie auf die Erde kommen zu lassen und neue Angriffe für die Mannschaft aufbauen.

„Schade, dass es zu meiner aktiven Zeit den Libero noch nicht gab, denn hätte ich gern gespielt“, erzählt von Hagen. Wer diese Position spielt, trägt auch eine andere Trikotfarbe als die Mitspielerinnen.

Sich von anderen abheben ist aber so gar nicht ihr Ding, aber wer das Verteidigungsspiel mag, sollte zäh und vielleicht auch etwas verbissen sein. „Verbissen bin ich eher nicht, aber ich habe seit dem plötzlichen Tod meines Mannes 2017 schwere Jahre hinter mir, da musste ich mich durchkämpfen. Vielleicht bin ich jemand, der gut kämpfen kann.“ In dieser Zeit der Trauer habe ihr auch der Sport, der Verein, die Mannschaft und die Eltern der Spielerinnen sehr geholfen. „Sie waren einfach da für mich und meinen Sohn, dafür bin ich ihnen sehr dankbar.“

„Ich möchte gucken, was es noch so gibt“ 

Dass in von Hagen eine Kämpferin steckt, hat sie auch im Traineramt bewiesen, in das sie als 19-Jährige auch ein wenig hineingeschubst wurde, das sie dann aber mit viel Lust und Leidenschaft ausgeübt hat.

Vor allem die Entwicklung von Spielerinnen mit zu beeinflussen und diese auf ihrem sportlichen Weg zu begleiten, fand von Hagen spannend. „Wenn die Kinder mit acht Jahren kommen und manchmal kaum eine Rolle vorwärts können und die eine oder andere dann irgendwann in der Hessenauswahl spielt, freut es mich sehr.“

Es sei auch spannend zu beobachten, wie aus diesen jungen Menschen Persönlichkeiten würden. „Aus schüchternen Kindern können ganz selbstbewusste Spielerinnen werden.“ Sie gibt auch zu, dass dies nicht immer gelinge. „Nicht zu allen Kindern findet man einen Draht, manchmal passt es nicht.“

Beruf verhinderte Trainerschein

Den Trainerschein wollte sie eigentlich immer machen, aber das haben die vielen Wochenendedienste im Krankenhaus verhindert. „Ich trauere diesem Schein aber auch nicht hinterher, weil ich denke, dass ich es auch so ganz gut hinbekommen habe.“ Dabei hätten ihr vor allem die Schmidts, aber auch andere Trainerkollegen aus Eschwege oder Vellmar geholfen. Die nordhessischen Volleyballerinnen kämpfen auch immer gegen Windmühlen, denn in Wiesbaden arbeitet ein Verein, fast schon unter Profibedingungen mit dem Nachwuchs. „Wenn eine Mannschaft bei der Hessenmeisterschaft Zweiter wird, kann er sich wie ein Sieger fühlen.“ Das ist von Hagen 2017 mit dem U14 Team des Vfl gelungen und sie wurden dann Vierter bei den Südwestdeutschen. Das war ihr größter sportlicher Erfolg als Trainerin.

Sie hat maßgeblich daran mitgearbeitet, dass nur noch Bad Arolsen als Volleyball-Hochburg im Waldecker Land gilt. Es sind stets Mädchen- und Frauen-Mannschaften. Warum? „Es ist schwierig Jungen zu bekommen, denn wir fangen erst mit sieben, acht Jahren an, dann sie die meist schon beim Fußball oder Handball gelandet.“

Abschiedsfeier für zwei Trainerinnen

Und am vergangenen Montag wurde es für Bärbel von Hagen schließlich ernst mit dem Abschied nehmen und sehr emotional: Sie und die zweite Trainerin Julia Schäfer-Stelter wurden vom Verein, den Mannschaften und Eltern verabschiedet. Zwei Tage wollte sie ihre letzten Trainingsstunden geben, aber sie fielen wegen dem Hochwasser aus.

Und was kommt jetzt? „Ich weiß es noch nicht, vielleicht woanders engagieren. Ich möchte einfach ein bisschen gucken, was es noch so gibt.“ Irgendwie vermittelt sie einem das Gefühl: Es wird schwer für sie etwas zu finden, das den Volleyball ersetzen kann. (rsm)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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