Ordentliche Mitgliederzahlen im Corona-Jahr

Kein Angebot – keine Neuzugänge: Wie die heimischen Sportvereine den Lockdown verkraften

Coronastillstand: Blick auf den Fußballplatz in Meineringhausen mit einem Schild „gesperrt“
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Wann wird der Sport endlich entsperrt? Die Leere wie hier auf dem Fußballplatz in Meineringhausen macht Aktiven und Vereinen zu schaffen.

Die neuen Mitgliederbilanzen des Waldeck-Frankenberger Sports sind Corona-belastet. So viel lässt sich feststellen. Doch wie sehr hat das Virus in welchem Bestand tatsächlich gewütet? Eine Analyse.

Hat der zweifache Lockdown bestehende Trends verstärkt, die der demografische Wandel bereits eingeleitet hat? Ist die Vereinstreue auch auf dem Land brüchig geworden? Das ist nicht leicht zu ergründen. Zumal es unter den rund 300 Klubs nicht nur viele Verlierer, sondern auch manche Gewinner gibt.

Wir haben bei großen, mittleren und kleineren Vereinen sowie einzelnen Abteilungen nachgefragt. Eines lässt sich sagen: Die Bindung an die Sportvereine bleibt hoch, die Mitgliederverluste sind in Waldeck-Frankenberg nicht so groß wie im hessenweiten Trend, den der Landessportbund bekanntgegeben hat. Aber weil die Vereine keine Angebote machen können, fehlen ihnen die Neuanmeldungen. Daraus resultiert das Minus zum vermutlich größten Teil.

Pandemie-bedingte Austritte gibt es. Sie seien am ehesten von jenen erfolgt, die die Angebote des Vereins sowieso nicht genutzt hätten. sagt Jennifer Homann, Vorsitzende des VfL Bad Arolsen (480 Mitglieder). „Sie haben jetzt gesagt: Dann gehen wir raus.“ Womöglich trifft diese Aussage auf viele Klubs zu.

Quote im Sportkreis höher als gedacht

Die Mitgliedszahlen für seine Vereine hat der Sportkreis Waldeck-Frankenberg am Tag nach der Veröffentlichung vorläufiger Ergebnisse der Bestandserhebung 2021 durch den Landessportbund Hessen (LSBH) erhalten. Die Daten beruhen auf den Angaben der Vereine selbst.

Die Bestandsaufnahme ergab ein Minus von 1,3 Prozent im Sportkreis, also knapp 900 im Verein Organisierte weniger als 2020 (WLZ v. Dienstag). Ein guter Wert im Landesvergleich. Der genaue Blick aber zeigt: Der heimische Sport ist schlechter davongekommen. Genau betrachtet liegt das Minus nicht bei 894, sondern bei 1428 Mitgliedern – und damit bei 2,2 Prozent.

Denn: In den LSBH-Zahlen enthalten ist ein gigantischer Zuwachs von mehr als 500 Mitgliedern (804 statt 270) beim Gesundheits- und Reha-Sport Korbach e.V. Doch das Plus beruht nicht auf Neueintritten, sondern auf einer veränderten Zählweise: Er habe, anders als im Vorjahr, die Passiven aktuell mit aufgelistet, die keinen Beitrag zahlen würden, sagt Kassenwart Thomas Köhler. „Die Mitgliederveränderung war nicht so wahnsinnig signifikant.“

Großvereine nicht so geschwächt wie in anderen Regionen

Es sind, anders als im Hessentrend, nicht vor allem die Großvereine von der Krise gebeutelt worden. Zum Bild gehört aber auch, dass sich vier Vereine beim LSBH abgemeldet haben, Corona hin oder her. Damit verschwand von vornherein eine Hundertschaft aus der Statistik.

Von den im heimischen Maßstab großen Vereinen (rund 1000 Mitglieder und mehr) hat keiner jene im Durchschnitt 6,2 Prozent Mitglieder eingebüßt, die der LSBH für Hessens Megaklubs ausgerechnet hat – diese zählen allerdings ein Mehrfaches an Mitgliedern. Dennoch: Vom Spitzenreiter TSV Korbach (2858/-24) über TSV Battenberg (1102/-49), TSV Frankenberg (1351/-24) bis zu TuSpo Mengeringhausen (1057/-28) und TV Rhoden (1155/-11) fällt das Minus recht moderat aus.

Nicht niedergeschlagen hat sich die Krise im Bestand des Ski-Clubs Willingen. „Gott sei Dank nicht“, sagt Jürgen Hensel, Präsident und OK-Chef. Im Gegenteil, hat der SCW auf ganz aktuell 1182 Mitglieder zugelegt. Es habe Abmeldungen gegeben und auf der anderen Seite Kinder, die neu angemeldet worden seien, sagt Hensel. Trotz der schwierigen Situation der Sportler, die in der Mehrzahl immer nur einzeln trainieren dürfen. Auch der VfL Adorf wuchs, die Diemelseer kabelten ein Plus von acht auf 988 Mitglieder nach Frankfurt.

Beim TSV Korbach löst die Entwicklung Besorgnis aus, obwohl das Mitgliederminus unter einem Prozent liegt. Der Wachstumstrend ist gebrochen, den das neue Sportzentrum ausgelöst hatte – von 2019 auf 2020 etwa gewann der TSV 133 Mitglieder. „Uns fehlen die Neueintritte“, sagt der zweite Vorsitzende Thorsten Spohr. „Wenn alles vernüftig gelaufen wäre, vor allem mit dem Sportzentrum, hätten wir jetzt annähernd 3000 Mitglieder erreicht.“

So fehlen Einnahmen, die Kassenlage wird schwieriger. Wie alle wünscht sich Spohr dringend eine allmähliche Öffnung für den Breitensport, jedenfalls im Freien. „Je nach dem, wie sich das entwickelt, kann sonst der große Knall auch in diesem Jahr kommen.“

Auch mittelgroße Vereine kommen glimpflich davon

Die Vereine ab etwa 500 Mitglieder sind fast alle geschrumpft, eine Ausnahme ist der TV Külte (plus vier auf 663). Größere Verlierer sind etwa TSV Sachsenhausen (497/-64), TV Volkmarsen (848/-47) oder TV Bergheim (537/--64). Auch in Bad Wildungen stehen Minuszeichen. Der VfL verlor laut Bestandserhebung 36 Mitglieder. „Wir sind erstmals von einem Rückgang betroffen“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Ochs für die letzten zehn Jahre, in denen sich der Verein stabil bei annähernd 900 Mitgliedschaften hielt.

Das Loch reißen nicht Lockdown-motivierte Kündigungen, sondern – wie in Korbach – die fehlenden Neuanmeldungen von Jugendlichen und Kindern, die die üblichen Abmeldungen etwa wegen Wegzügen oder Todesfällen ausgleichen. „Wir konnten das nicht kompensieren, weil uns die Sportangebote weggebrochen sind“, sagt Ochs.

Spielfreude mit Abstand: Tennis erfreut sich eines Mitgliederbooms. Hier bleiben Andre Dämmer und Steffen Henckel vom TC 88 Sachsenhausen auf Distanz.

Zu ganz ähnlichen Schlüssen kommt Hans-Jürgen Kramer, Geschäftsführer des TV Friedrichstein, der 903 Mitglieder und damit 50 weniger als ein Jahr zuvor meldete. Das sei vor allem auf die normalen Fluktuation zurückzuführen, der Corona-Anteil falle kaum ins Gewicht. Was fehle, seien die Zugänge, sagt Kramer: „Es ist wenig los, wer soll denn da eintreten.“

Im Mittelzentrum Bad Arolsen verzeichnete der VfL ebenfalls mehr Austritte (48) als Anmeldungen (43) – im Jahr davor war das Verhältnis noch 81 zu 115. Zumindest Mitgliedschaften auf Zeit brachten laut Vorsitzender Jenni Homann die Onlinekurse, die für VfLer günstiger sind als für Nichtmitglieder.

Dass der Verein im April keine Beiträge einzog, sondern nur zum zweiten Termin im Oktober, bewirkte vielleicht auch etwas. „Es ist super, dass uns so viele Mitglieder die Treue halten, obwohl es so wenig Sportangebot gibt“, sagt Homann.

Das Coronajahr hatte auch Gewinner 

Das Coronajahr 2020 kennt im Sport nicht nur Verlierer, sondern es gibt auch viele gute Nachrichten. Tennis zum Beispiel ist ein Gewinner in der Krise. Beispiel Grün-Weiß Bad Wildungen: Laut Bestandserhebung gewann der Club 40 Mitglieder dazu. Oder der TV Odershausen, der in der gleichen Größenordnung zulegte. „Wir hatten ein Wahnsinnsjahr“, sagt TV-Kassenwartin Elke Vaupel.

Tennis als Individual- und Freiluftsport darf selbst im Lockdown gespielt werden. Anmeldungen habe es etwa von Fußballern gegeben, die das Virus monatelang ausbremste, berichtet die Kassenwartin: „Sie sind so um die 30“. Gerade in dieser Gruppe habe der Verein Bedarf. „Das ist für uns toll, vor allem, weil sie auch Mannschaft spielen wollen.“ Für die Medenrunde 2021 konnte der TVO zusätzliche Teams melden.

Ebenfalls erfreulich: Bestimmten Sportarten, die laut LSBH große Probleme haben, kann Corona im Waldecker Land nicht soviel anhaben. Turn- und Schwimmverband verlieren überdurchschnittlich um jeweils 6,6 Prozent.

Taekwondo-Sparte zog keine Beiträge ein

Die Schwimmer des VfL Bad Arolsen hätten Grund gehabt, zu kündigen. Von 70 Aktiven durften im vorigen Jahr nur 20 ins Becken – die Leistungsschwimmer. „Doch die wenigen Abmeldungen bei uns sind von Mitgliedern, die zum Beispiel zwecks Studium den Wohnort wechseln. Solche gibt es jedes Jahr“, berichtet Abteilungsleiterin Gudrun Hähnel. Die Anfänger hätten ein Jahr kein Training gehabt – „hoffentlich kommt da nicht in diesem Frühjahr noch eine Austrittswelle.

Auch Dörte Fabry, Vorsitzende des Turngaus Waldeck, hält es für möglich, dass sich die Coronafolgen erst in diesem Jahr zeigen. „Wenn es wieder Wettkämpfe gibt, sieht man womöglich, dass einige Vereine mangels Masse keine Mannschaften mehr melden konnten“, sagt Fabry.

Für Kontaktsportarten sind Abstandsregeln Gift – so verwundern die Mitgliederrückgänge im Judo (-11,6 Prozent), Ju-Jutsu (-9,9), Kickboxen (-9,1) und Taekwondo (-7,3) kaum. In der Korbacher Taekwondo-Sparte des TSV sind sie aber bisher verschont geblieben, obwohl gleich zweimal Gürtelprüfungen für den Nachwuchs ausfallen mussten. „Nach dem ersten Lockdown waren alle Gruppen wieder in gewohnter Zahl aktiv“, berichtete Spartenleiter Gerd Lange. Wie es nach dem zweiten Lockdown aussehe, lasse sich schwer vorhersagen. Bisher sehen die 90 Mitglieder von Abmeldungen ab, was Lange auf ein Entgegenkommen der Abteilung zurückführt: „Den Abteilungsbeitrag, den wir pro Quartal einziehen, haben wir schon dreimal ausgesetzt.“ (mn/schä)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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