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Nur chinesische Augen gesehen: So hat Stephan Leyhe die Olympischen Spiele mit Corona erlebt

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Abgehoben: Die deutschen Skispringer (v.l.) Constantin Schmid, Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler und Karl Geiger springen nach dem Gewinn der Bronzemedaille hoch nicht weit.
Abgehoben: Die deutschen Skispringer (v.l.) Constantin Schmid, Stephan Leyhe, Markus Eisenbichler und Karl Geiger springen nach dem Gewinn der Bronzemedaille hoch nicht weit. ©  Imago/GEPA/ Matic Klansek

Stephan Leyhe hat in China keinen Chinesen gesehen. Und wenn doch mal einer vor dem Skispringer des SC Willingen stand, versteckte der sich in einem Ganzkörperschutzanzug, unter dem nur noch die Augen des Chinesen zu sehen waren.

Willingen – Auch das waren die Olympischen Winterspiele in Peking. Ein Leben unter Laborbedingungen. Die Jugend der Welt hat sich in China sportlich duelliert, aber so richtig getroffen hat sie sich dort nicht. Das lag aber nicht nur an den Chinesen, sondern mehr an Corona und wie die Chinesen damit umgehen. Sie fahren die Sich-komplett-abschotten-Taktik.

Auf die Frage, wie Stephan Leyhe die Olympischen Spiele in Peking fand, ertappt sich der Fragesteller, dass er gern diesen Satz als Antwort hören möchte: Sie waren furchtbar!

Doch Leyhe sagt: „Es war in Ordnung, alles war gut organisiert.“ Das sagen viele deutsche Olympia-Teilnehmer. Und es ist verständlich, dass sie es so sagen, denn sie wussten schon vorher, dass in Corona-Zeiten kein Treffen zur Völkerverständigung mit Umarmungen in Peking stattfinden wird, sondern ein trauriger Maskenball mit Abstand halten und permanentem Stäbchengeschiebe in Nase und Rachen.

„Sie hatten nur für die Olympia-Teilnehmer einen ganzen Terminal gesperrt.“

Stephan Leyhe 

Und jeder wusste, ein positiver Test und die Spiele sind für ihn gelaufen. Deshalb bedurfte es keines Chinesen, der einem die Isolation befiehlt, die hat jeder Athlet sich selbst verordnet. Manche haben ihr Zimmer bis zu ihrem Wettkampf nur zum Trainieren verlassen und sich das Essen bringen lassen.

Die Chinesen haben sogar Leyhes Erwartungen übertroffen. „Ich hatte es mir viel chaotischer vorgestellt, die Corona-Sachen liefen gut, jeden morgen ein PCR-Test, der ging schnell. Das Essen war auch okay. Außerdem hat organisatorisch alles gut funktioniert, immerhin hatten die Chinesen vorher noch nie ein Skispringen veranstaltet.“

Und natürlich ist da auch noch diese Bronzemedaille im Teamspringen, die als Happy End nach zuvor schwierigen Bedingungen doch noch um Leyhes Hals baumelte. Edelmetall verschönert die Erinnerung ungemein.

Die Chinesen habe Leyhe auch immer mal wieder zum Staunen gebracht. Das erste Mal direkt nach der Ankunft am Flughafen Peking. „Sie hatten gleich einen ganzen Terminal gesperrt nur für die Olympia-Teilnehmer.“ Oder wie der Chinese mit Neuschnee umgeht: „Sie haben ihn zusammengekehrt und in einer Mülltonne entsorgt.“ Die mobilen Roboter die auf Hotelfluren wild Desinfektionsmittel versprühten oder die Essensausgabe unpersönlich erledigten, hat Leyhe aber nicht gesehen.

Er erinnert sich noch gut daran, wie groß die Erleichterung in seinem Springerteam war, als alle PCR-Tests negativ waren. „Wenn wir einen Corona-Fall gehabt hätten, wären diese Spiele für uns anders gelaufen, das hat man ja bei den deutschen Nordisch-Kombinierten gesehen.“

Die Skispringer fuhren vom Flughafen mit einem Bus sechs Stunden nach Zhangjiakou, eine Millionenstadt, die etwa 180 Kilometer nordwestlich von Peking liegt. Dort zogen sie ins Olympische Dorf ein. Ein großer Zaun umgab die rund 40 Häuserblocks. Hier kam ohne Ausweiskontrolle niemand raus oder rein. Und wer doch raus kam, musste direkt in einen Bus einsteigen. „Das war aber bei den Spielen in Pyeonchang genauso“, betont Leyhe.

Springer feuern die Biathleten an

Im Dorf wohnten natürlich auch Sportler aus anderen Nationen, aber jeder blieb so gut es ging in seiner Blase. „Beim Essen haben wir uns gesehen, aber jeder war vorsichtig“, erzählt Leyhe. Die Nahrungsaufnahme der Athleten fand in einem Zelt statt, dort war ein Büfett aufgebaut. An langen Tischen hatten rund 250 Sportler Platz, aber zwischen jedem Sitz waren Plastikscheiben angebracht, eine links, eine rechts und eine nach vorn. Mahlzeit im Glaskasten.

Natürlich erhielt jeder Sportler ein Einzelzimmer. „Die Einrichtung war tiptop“, erzählt Leyhe. Es gab auch einen Gemeinschaftsraum. Allerdings bereitete die Heizung Probleme. In manchen Räumen war es heiß, in anderen kalt. Die Heizkörper waren nicht einzeln einstellbar. „Das war nervig am Anfang, mein Zimmer war sehr warm und ich bin morgens bei 27 Grad aufgewacht“, erzählt Leyhe. Er habe dann immer das Fenster eine Spalt geöffnet und habe gut geschlafen.

Begegnungen mit anderen Sportlern seien anfangs noch verkrampft und vorsichtig gewesen, aber „das wurde von Tag zu Tag entspannter“. Die Springer haben zweimal die Biathleten besucht und die deutschen Männer und Frauen bei ihren Rennen angefeuert. „Das war schon cool“, sagt Leyhe. Und so kam doch noch ein wenig olympisches Feeling auf.

Olympische Medaille zu Hause wirkt beruhigend 

Die Stimmung im Olympischen Dorf beschreibt Leyhe so: Man hat sich nicht so richtig wohl dort gefühlt, aber fühlte mich auch nicht gestört.“ Da bot das Verhältnis der deutschen Springer zu den Sprungschanzen erheblich mehr Störpotential. Keiner im Quintett kam anfangs richtig auf Weite, auch nicht Mitfavorit Karl Geiger.

Ein Weltcup-Springen auf diesen Neubauten war ausgefallen und nur anhand von Fotos oder Videos sei es unmöglich, die Schanzen kennenzulernen, zumal diese auch noch auf 1700 Höhenmeter stehen“, meint Leyhe und versucht das Problem zu beschreiben: „Schwierig war der Anlauf, ein sogenannter Klothoiden-Anlauf, dabei wird der Radius immer enger und man hat deshalb das Gefühl, am Schanzentisch geht es wieder bergauf. „Nur wenige Springer sind damit sofort klargekommen, 60, 70 Prozent haben sich schwergetan.“ Hinzu kamen die Höhenmeter. „Durch die dünne Luft ist alles feinfühliger beim Springen, du hast nicht das tragende Gefühl und der Unterschied, ob man Aufwind oder Rückenwind hat, wirkt sich stärker aus.“

Die deutschen Springer lösten das Schanzen-Rätsel aber noch. Die Trainer haben viel Videomaterial analysiert. Jeder hat seinen Sprung gesehen und in sich hineingehorcht, wie fühlt sich das an und wie sieht es auf dem Video aus. „Wir Springer haben auch viel untereinander darüber gesprochen, sogar beim Kartenspielen“, erinnert sich Leyhe.

Die Lösung liest sich so: Direkt nach dem Absprung gegen den Ski zu arbeiten, funktioniert auf diesen Schanzen nicht, da fällt man sofort unten durch auf eine Flugkurve, die nur eine geringe Weite zulässt. Gegen den Ski arbeiten heißt, sie leicht nach vorn drücken, damit der Winkel stimmt und man die Geschwindigkeit in den Flug mitnimmt.

Leyhe hat die Kurve zunächst nicht gekriegt. Nur Platz 24 auf der Normalschanze und nach der Qualifikation auf der Großschanze aus dem Team geflogen. Pius Paschke durfte ran. Was ist ihm da durch den Kopf gegangen? „Eigentlich nichts, weil ich war einfach schlecht und fand es auch nicht so schlimm, es war gerechtfertigt.“ Allerdings habe er gewusst, wenn einer von den Vieren nicht gut im Einzel springe, werde er noch eine Chance erhalten. „Wenn alle gut gesprungen wären, auch Pius, wäre es für mich auch in Ordnung gewesen, denn ich habe ja schon eine olympische Medaille, diese Gedanke hat mich beruhigt.“

Keiner von uns muss extra betätschelt werden 

Und dieses in sich selbst ruhen, gab Leyhe Kraft, er verdrängte Paschke im internen Duell noch aus der Mannschaft. Ist da nicht die Stimmung im Team getrübt? „Nein, wir wissen doch alle wie es läuft, wir sind fünf Springer, da ist jedem klar, dass einer immer zuschauen muss, da gibt es auch keine Sticheleien.“

Und als vier Springer eine Medaille in der Hand hielten, nur Paschke nicht, wie ist die Mannschaft mit ihm umgegangen? „Auch ganz normal. Ich glaube, keiner von uns ist der Typ, der noch extra betätschelt werden will oder muss.“ Man nehme aber schon Rücksicht auf diese Person, zeige Empathie, aber trage ihm nicht noch die Koffer hinterher. „Im Sport gibt es harte Entscheidungen.“

Der Sport trifft auch freudige Entscheidungen. Dazu zählt Leyhe den Weg zu Bronze, denn das deutsche Team sprang nur rund 40 Zentimeter weiter als die Norweger.

Nicht nur Upländer haben diesen Schanzen-Krimi im Fernsehen verfolgt und einmal mehr einen souveränen Teamplayer Stephan Leyhe gesehen. „Als ich im Training eine Lösung für mich auf dieser Schanze gefunden hatte, bin ich ziemlich unaufgeregt an die Sache herangegangen“, erzählt der 30-Jährige.

Sein Vater saß in Schwalefeld allein vor dem Bildschirm und seine Mutter hat einmal mehr nicht hingesehen, sie hält die Spannung nicht aus. „Wenn du mal selbst Kinder hast, wirst du mich verstehen“, prophezeit sie ihrem Sohn. Der hat Olympia gedanklich bereits verdrängt, am Wochenende ist schon wieder Weltcup. rsm

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