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Ohne Schritte keinen Sprung: Eiskunstlaufen beim SC Usseln entwickelt sich gut

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Hier gibt es nicht die Guten und die nicht so Guten: Die Eiskunstläuferinnen des SC Usseln versuchen über den Teamgeist sportlich voranzukommen.
Hier gibt es nicht die Guten und die nicht so Guten: Die Eiskunstläuferinnen des SC Usseln versuchen über den Teamgeist sportlich voranzukommen. © Reinhard Schmidt

Die Kunst des Eislaufens liegt nicht nur in der Todesspirale oder im dreifachen Axel. Die Kunst in dieser Sportart beginnt viel früher.

Usseln -Das zeigen an diesem Trainingsabend zehn junge Frauen in der Willinger Eishalle, die auf Schlittschuhen ihre Runden drehen und schon eine kleine Schrittfolge oder ein elegant gefahrener Bogen, ein Kurvenlauf auf einem Bein, kann auf den Beobachter ästhetisch wirken.

Diese Sportlerinnen, die für den SC Usseln starten, sind eigentlich nicht zum Spaß hier, denn wer die Kunst des Eislaufens erlernen will, muss dafür hart und vor allem geduldig arbeiten, aber in dieser Gruppe wird auch viel gelacht. Diesen Mix aus Ernst und Lockerheit hat Gino Thielen in den Trainingsalltag einfließen lassen.

Der hagere 42-Jährige aus Paderborn trainiert die Gruppe seit Mai 2021 und wer ihn ein wenig beobachtet, erkennt schnell, dass er diesen Mix aus Lebenslust und Ernst des Lebens selbst verkörpert und vorlebt. Wer ihn nicht gut kennt, auf den wirkt er auch wie ein Lebenskünstler, denn er scheint stets gut gelaunt zu sein, aber wenn er mit seinen Eisläuferinnen arbeitet, kann er durchaus streng und fordernd sein.

„Wir sind eine Breitensportgruppe“

Auch ein Blick in seine Biografie zeigt, dieser Mann hat schon viel geschafft. Er war selbst Eiskunstläufer ist nun ausgebildeter Preisrichter im Reiten national und im Eiskunstlaufen international, zertifizierter Mentaltrainer, Sportpsychologe und Trainer fürs Reiten, Eislaufen und Tanz. Er ist registrierter Tanztrainer bei der Royal Academie of Dance in London und die Eiskunstlauftrainerlizenz hat er in den USA gemacht.

Dabei stellte er Mentalitätsunterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Eiskunstläufern und -läuferinnen fest. „Die heutigen Kinder muss man mit Samthandschuhen anfassen, vor allem in Deutschland, in Amerika kann man mit ihnen schon noch ein bisschen schroffer umgehen.“

Die heutigen Kinder muss man mit Samthandschuhen anfassen.

Gino Thielen

Den ganz harten Weg, den Russland und China mit ihrem Nachwuchs gehen, lehnt Thielen aber ab: „Da wird einfach mit einem Taktstock auf die Sportler draufgehauen, wenn die Haltung nicht stimmt. Und da sind keine Eltern die den Trainer fragen, was hast du mit meinem Kind gemacht.“ Damit auch die Sensiblen dem Eiskunstlauf erhalten bleiben, müsse man sie mental mehr schulen, aber durch Fachpersonal, denn als Laie könne man da auch viel falsch und kaputt machen, betont Thielen.

Der Coach hat seiner Mannschaft auch einen neuen Teamgeist eingehaucht und alte Hierarchien abgebaut. „Jede Sportlerin zählt gleich viel, es gibt nicht mehr die Guten und die nicht so Guten“, sagt Heike Wilke, seit Juni 2001 Fachwartin und Vorsitzende der Einlaufsparte beim SC Usseln. „Bei Wettkämpfen gehen wir jetzt alle gemeinsam in die Jugendherberge und keiner mehr einzeln ins Hotel.“ Wilke weiß, was der Verein mit Gino Thielen für einen guten Fang gemacht hat: „Die Mädels lieben ihn! Wir auch!“

Der Coach hat mit seiner Gruppe auch schon ein paar Lorbeeren geerntet. Marie Bangert gewann vor einigen Tagen die Hessenmeisterschaft in der Klasse Jugend/Damen und Anna Wilke holte bei diesen Titelkämpfen im Figurenlauf Bronze.

Allerdings stößt die Usselner Eiskunstlaufgruppe bei der Betreuung von Marie Bangert schon an ihre Grenzen des Machbaren. Sie hätte diesen Titel vermutlich nicht mit dem Trainingspensum ihrer Teamkolleginnen gewonnen. Sie hat auf eigene Kosten zusätzlich eine Privattrainerin engagiert, die täglich mit ihr die Pirouetten und die Sprünge übt.

„Wir sind eine Breitensportgruppe und wer richtig gut ist, kann in ein Leistungszentrum wechseln, etwa nach Dortmund“, betont Wilke.

Ettelsberg-Cup soll im Oktober sein Debüt feiern

Die Abteilungsleiterin und der Coach möchten aber schon gern noch mehr aus dieser Breitensportgruppe herausholen. Dafür braucht man nicht nur talentierte Sportler, gute Trainer, Elternhilfe, Elterngeld, Elternautos sondern auch Unterstützung vom Verein, von Gönnern und Sponsoren.

Sportlich sind Wilke und Thielen zufrieden. Sie betreuen aktuell zehn Wettkampfsportler und zwölf jüngere Kinder. Und obwohl derzeit alle deutschen Eiskunstläuferinnen, -läufer und Paare meilenweit von der Weltklasse entfernt sind, überrascht es schon, dass viele Kinder diese Sportart ausüben wollen. „Da wir in Willingen gegenüber vielen anderen Orten eine ganzjährige Eiszeit anbieten können, haben wir zahlreiche Anmeldungen, sogar aus Kassel, Paderborn und dem Sauerland, aber auch aus Korbach, Frankenberg oder Vöhl“, sagt Wilke.

Mann und Frau
Sie wollen das Eiskunstlaufen beim SC Usseln voranbringen: Abteilungsleiterin Heike Wilke und Trainer Gino Thielen. © Reinhard Schmidt

Das Sprichwort, früh übt sich, wer ein Meister werden will, gilt besonders für den Eiskunstlauf. „Das beste Anfangsalter ist drei bis sieben Jahre“, sagt Thielen. Der Verein arbeitet künftig auch mit der Willinger Schule zusammen, seit diesem Monat gibt es eine Eislauf AG, ab Klasse fünf. Im Sommer solle auch Tanztraining mit angeboten werden. „Auch über diese Schiene könnten wir mehr Sportler für den Verein gewinnen“, sagt Wilke.

Die beiden Macher des SCU würden den Eltern gern etwas weniger Kosten aufbürden. „Der neue Vorstand kümmert sich schon besser um unsere Interessen“, betont die Abteilungsleiterin. Doch vielleicht ginge da noch mehr. „Durch die Stützpunkte im Langlauf oder Skispringen werden die Trainer vom Land Hessen bezahlt, aber bei uns müssen ihn die Eltern zahlen.“

Eltern bei den Kosten entlasten

Die Übungsleiterpauschale, die man vom Verein bekomme, sei zu gering, dafür könne man keinen Trainer aus Paderborn anreisen lassen und auch die Eiszeiten müsse die Abteilung teilweise selbst zahlen. Wilke schätzt die Kosten für Eltern eines Eislaufkinds auf rund 100 Euro pro Monat. Talente, die Privattrainer engagierten, müssten mit 50 Euro pro Stunde rechnen. Wilke wäre auch dankbar dafür, wenn der Verein nicht nur die Langlaufskier den Mitgliedern stellen würde, sondern auch die Schlittschuhe.

„Wir bauen derzeit eine Pool von Schuhen auf“, sagt die Abteilungsleiterin und weist darauf hin, dass es derzeit mehr Eiskunstläuferinnen beim SC Usseln gebe als Skilangläufer. Ein gutes Paar Schlittschuhe koste zwischen 200 und 500 Euro. Wer es zur Wettkampf-Eiskunstläuferin schafft, muss natürlich auch ein Kostüm tragen und selbst finanzieren. „Dafür sind auch 100 bis 150 Euro fällig, das ist die untere Grenze, man kann sie auch selbst nähen.“

Wilke und Thielen basteln derzeit außerdem an einem sportlichen Wettkampf, den sie in Willingen etablieren möchten und den sie schon getauft haben: der Ettelsberg-Cup. Er soll am 15. und 16. Oktober 2022 in der Willinger Eishalle sein Debüt feiern. „Dafür brauchen wir auch finanzielle Unterstützung, wir wären sehr dankbar, wenn wir dafür auch einige Sponsoren gewinnen könnten.“

Eiskunstlaufen ist auch für den Zuschauer keine einfache Sportart: Rittberger, Axel, Salchow, Toeloop, Flip und Lutz. Diese Namen kommen vermutlich vielen Leuten bekannt vor. So heißen die sechs Sprünge, die es in dieser Sportart gibt.

Toeloop ist ein gepfuschter Sprung

Aber nur der Experte kann sie unterscheiden, wenn sie auf dem Eis gezeigt werden. Der Toeloop sei der einfachste von allen, sagt Thielen. „Es ist ein gepfuschter Sprung, denn der Sportler muss beim einfachen Toelop nur eine halbe Drehung machen, beim doppelten eineinhalb.“

Der schwierigste Sprung sei der Axel, weil man vorwärts von der Außenkante des linken Fußes abspringt und nach eineinhalb Drehungen rückwärts auf der Außenkante des rechten Fußes wieder landet. Thielen betont aber: Der Sprung ist nicht das erste Ziel beim Eiskunstlauf, sondern die Schritte, was ist eine Einwärtskante, was eine Auswärtskante. Ohne Schritte keinen Sprung.“ Er findet es schade, dass das Eiskunstlaufen in der Weltspitze nur noch ein Sprungwettbewerb ist. Die Kunst geht dadurch immer mehr verloren. rsm

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