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Engagiertes Plädoyer: Warum Bewegung im Kindergarten so wichtig ist

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Rennende Kindergartenkinder
Rennen, toben, springen: Kindergartenkinder haben, in der Regel, Freude an der Bewegung. © Imago

Der ganze Sport leidet unter Corona, am meisten leiden die Jüngsten. Unsere Gast-Autorin Jennifer Homann zeigt Möglichkeiten und Chancen auf, wenn schon Kindergärten dem Bewegungsmangel begegnen.

„Kinderwelt ist Bewegungswelt. Kinder begreifen, erleben die Welt und sich selbst durch Bewegung. Sie müssen frühzeitig vielfältige Bewegungserfahrungen sammeln, weil sich gewisse motorische Fähigkeiten im Kindes- und Jugendalter ausbilden. Wird dies versäumt, haben wir es gleichsam frühzeitig mit dem Thema Degeneration zu tun: Zivilisationskrankheiten wie Diabetes Mellitus oder Adipositas nehmen zu, ebenso Verhaltensauffälligkeiten, psychische Erkrankungen, Ängste und Stress.

Corona hat die Aktivität teils dramatisch einbrechen lassen. Eine Anfang Juni veröffentlichte Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) stellte fest, dass sich die Vier- bis Fünfjährigen nur noch 63 Minuten pro Tag bewegen – vor dem Lockdown waren es 189 Minuten, also das Dreifache (Quelle: swr.de). Die Hälfte aller Kinder gab danach an, dass sich ihre Fitness durch den zweiten Lockdown verschlechtert habe (siehe auch die Befunde der Bundesregierung: Wie die Pandemie Kinder und Jugendliche belastet).

Ich fürchte, dass es den Kindern bei uns nicht viel besser ergangen ist. Deshalb brauchen wie sofort eine tägliche Bewegungszeit in den Kindergärten. Mein Appell an alle Kita-Leiterinnen und -Leiter: Werdet bewegungsfreundliche Kindertagesstätten!

Ich habe durchaus Verständnis, wenn Erzieherinnen und Erzieher nun zunächst zurückschrecken. Stimmt schon: Sie leisten bereits viel, und Corona hat sie immer wieder vor neue Bedingungen und vielfältige Herausforderungen gestellt. Und hat nicht der Kindergarten viele Erziehungs- und Bildungsaufträge, sind nicht alle relevant? Ja! Einige jedoch sind lebenswichtig. Das sind die Themen der Bewegungs- und Gesundheitserziehung.

Wenn Bewegung im Konzept der Kita verankert ist:

– erreichen die Vier- bis Sechsjährigen vormittags einen Großteil der für sie empfohlenen täglichen Bewegungszeit von 180 Minuten;

– beugt die Kita aktiv motorischen und konditionellen Defiziten sowie organischen Folgeerkrankungen vor, die durch Bewegungsmangel entstehen können;

– kann sie zum Stressabbau bei Personal und Kindern beitragen und so psychischen Erkrankungen sowie Verhaltensauffälligkeiten entgegenwirken;

– werden das positive Selbstkonzept des Kindes und seine emotionale Stabilität gestärkt, das Sozialverhalten kann sich verbessern;

– brauchen vielleicht weniger Kinder eine Brille, weil Bewegung bei Tageslicht helfen kann, einer Kurzsichtigkeit vorzubeugen;

– können Kinder vieles, verpackt in Bewegung, nebenbei lernen (Stichworte: Rhythmusschulung, Naturerfahrung, Kreativität, Regeln, Fairness).

Natürlich könnte man sagen, für Sport- und Bewegungsangebote seien doch die Sportvereine da. Stimmt, doch als Vorsitzende des VfL Bad Arolsen weiß ich aus der Praxis, dass wir mit unserem Nachmittagssport nur einen Teil der Kinder erreichen – und es sind vor allem die, deren Eltern Bewegung und Sport sowieso einen hohen Stellenwert einräumen.

Die Kita ist Anlaufstelle für alle

Wir erreichen gerade nicht die Kinder, die in eher Sport- und Bewegungs-fernen Familien aufwachsen. Was wird aus ihnen? Es gibt schon in der Kita Kinder, die von sich sagen, sie würden nicht gern schwitzen. Wer soll ihnen zeigen, wie sehr Bewegung zum Wohlfühlen beiträgt? Der Kindergarten! Als erste formale Erziehungs- und Bildungsstation ist er Anlaufstelle für die ganze Breite der Bevölkerung. Wenn die Kita jedem Kind täglich eine Bewegungszeit schenkt, möglichst sogar an der frischen Luft, wäre unendlich viel erreicht.

Porträt Jennifer Homann
Engagiert für Bewegung schon in der Kita: Jennifer Homann. © pr

Eine solche Erweiterung des Erziehungsauftrags befreit die Eltern nicht von der Pflicht, sich mit ihren Kindern zu bewegen. Viele Mütter und Väter meinen es vielleicht sogar gut, wenn sie ihr Kind mit dem Auto, dem Buggy oder dem Schiebe-Dreirad zum Kindergarten bringen oder abholen. Vielfach sind Eltern auch zu erschöpft oder zu sehr in Eile, um mit dem Kind zu Fuß zu gehen und ihm auf diese Weise eine kleine Bewegungszeit an der frischen Luft zu ermöglichen.

Kinder wollen sich bewegen. Wenn sie ihrem natürlichen Bewegungsbedürfnis nicht nachkommen können (und eines Tages vielleicht nicht mehr möchten), kann eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang kommen. Dem bewegungsarmen Vormittag folgt der bewegungsarme Nachmittag, womöglich sind Bildschirmmedien im Spiel, weil sich Kinder damit sehr wirkungsvoll ruhigstellen oder beschäftigen lassen.

Liebe Eltern, bitte macht das nicht. Das ist mein Appell an euch: Wann immer möglich, geht die Schritte vom Haus zum Kindergarten und zurück zu Fuß. Interessiert euch dafür, wie lange und wie „gut“ sich eure Kinder in der Kita bewegt haben. Versucht selbst, in den Alltag mit euren Kinder immer kurze Bewegungszeiten einzubauen. Der Heimweg ist nur eine Möglichkeit. Geht raus, sammelt Tannenzapfen, werft auf Ziele, klettert Abhänge hoch – die Natur ist ein prima Bewegungsraum.

Firmen müssen mithelfen

Ihr könnt auch den Computer als „Vorturner“ nehmen: ein Tänzchen unter Youtube-Anleitung macht Spaß. Euren Kindern und euch. Und wer kann, engagiert sich als Übungsleiter oder Helfer im Kindergarten.

An dieser Stelle kommen die Arbeitgeber ins Boot. In der WLZ war der Vorschlag zu lesen, Arbeitnehmer/innen vormittags freizustellen, damit sie – freiwilligen Einsatzkräften ähnlich – als Übungsleiter in die Kindergärten (oder auch Grundschulen) gehen können. Gerade in Zeiten von Homeoffice fällt es vielleicht leichter, die Mitarbeiter mal zwei Stunden am Vormittag freizustellen. Womöglich schlummern auch bei Eltern in Elternzeit Potenziale?

Unsere Autorin

Jennifer Homann (36) ist Sportlehrerin mit Erfahrung im Sportförderunterricht, ehemalige Schulsportkoordinatorin, Vorsitzende des VfL Bad Arolsen und Übungsleiterin. Die dreifache Mutter lebt in Rhoden.

Ich, weiß wovon ich spreche. ich habe drei kleine Kinder und bin als Sportlehrerin in Elternzeit. Weil ich unterstützen wollte, bin ich an die Kindergartenleitung und den Bürgermeister mit der Bitte herangetreten, im städtischen Kindergarten Rhoden ein konkretes Bewegungsangebot zu ermöglichen. Sie haben zugestimmt. Ich gehe nun in dieser licht- und bewegungsarmen Zeit seit ein paar Wochen mit den Vorschulkindern regelmäßig raus und gestalte mit ihnen ein erlebnis-turnerisches Outdoor-Bewegungsprogramm.

Kinder außerhalb des Vereins erreicht

Es ist zwar kalt, die Wiesen sind matschig, aber die Kinder dauerhaft bewegt – keine Chance für kalte Finger und Füße. Die Kinder sind mit Feuereifer dabei, haben großen Spaß, meistern Herausforderungen und Aufgaben, nutzen extra angeschaffte Kleingeräte und Alltagsmaterialien, arbeiten zusammen und kehren gut gelaunt und ausgeglichen zurück.

Es zeigt sich, dass ich Kinder erreichen kann, die noch nicht den Weg zum Vereinsangebot am Nachmittag gefunden haben. Vielleicht gelingt das nun. Vielleicht kann der Verein ja auch in den Kindergarten kommen, und zwar am Vormittag?

Vielleicht lässt sich eine Hallenzeit in der Stadt- oder Sporthalle reservieren? Vielleicht geben kulante Arbeitgeber Übungsleitern in ihrer Belegschaft die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit mit Übungszeit zu kombinieren?

Ich wünsche mir ein tägliches Angebot für alle Kinder in allen Kommunen. Ich hoffe, dass der Funke überspringt und sich überall Kindergärten auf den Weg zu einem bewegungsfreundlichen Ort machen. Ich werde mir auch im kommenden Jahr wieder die Zeit nehmen, „meinen“ Kindergarten zu unterstützen. Versprochen.

Packen wir’s an! Jeder, wo er kann.“

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