Interview mit Übungsleiterin Claudia Herrmann

Schwimmen lernen: „Eltern spielen die entscheidende Rolle“

Kinder mit Schwimmnudeln im Schwimmbecken, Freibad
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Das Wetter war keine Einladung, das Angebot schon: Dritt- und Viertklässler beim Schwimmkurs im Sommer im Freibad Korbach.

Die Bäder zu, der Unterricht ausgefallen: Geschätzt 75 000 Kinder haben im Corona-Lockdown in Hessen nicht schwimmen lernen können.  „Es besteht die Gefahr, dass mehr Kinder oder Jugendliche ertrinken könnten“, fürchtet Trainerin Claudia Herrmann.

Korbach – Die Übungsleiterin aus Korbach gibt seit rund 15 Jahren Schwimmunterricht – und sieht einen gefährlichen Trend, den Corona verstärkt hat, wie sie im Interview sagt.

Frau Herrmann, alle reden von der Corona-Lücke im Schwimmen. Sie sei entstanden, weil die Kinder in den 3. oder 4. Klassen wegen des Lockdowns keinen Schwimmunterricht bekommen hätten. Ist das so richtig?
Man kann nicht pauschal sagen, dass immer die Kinder aus den Klassen drei und vier betroffen sind. In welchem Alter sie schwimmen lernen, ist von Schule zu Schule unterschiedlich. Was man aber festhalten kann: Durch Corona haben zwei Jahrgänge keinen oder wenig Schwimmunterricht erhalten.
Deshalb gab es im Sommer von Land- und Sportkreis finanzierte Intensivkurse für Dritt- und Viertklässler. 60 Kinder konnten in zwei Wochen die Grundfertigkeiten erlernen.
Die Nachfrage war sehr groß. Corona verstärkt eine Tendenz, die mir schon vor zwei, drei Jahren aufgefallen ist: Grundschulkinder können insgesamt nicht mehr so gut schwimmen wie in meiner Anfangszeit als Übungsleiterin.
Hängt diese Beobachtung damit zusammen, dass Sport an Grundschulen oft fachfremd unterrichtet wird, also nicht von ausgebildeten Sportlehrern?
Ein schwieriges Thema. Meines Wissens müssen Lehrkräfte, die Schwimmen unterrichten wollen, das DLRG-Schwimmabzeichen in Bronze und einen zusätzlichen Qualifikationskurs nachweisen. Tiefere Lerninhalte finden da aber oft nicht statt. Das kann dazu führen, dass Schwimmunterricht nicht besonders effektvoll ist. Ich möchte aber betonen, dass es viele Lehrer und Lehrerinnen gibt, die zwar nicht Sport auf Lehramt studiert, sich aber in Lehrgängen weitergebildet haben. Sie machen das super.

„Etwa die Hälfte der Kinder hat kein Seepferdchen-Niveau“

Gleichzeitig hat man das Gefühl, die Schulen kommen mit dem Sportunterricht mitsamt Schwimmen nicht hinterher, sie brauchen Hilfe. Wie groß ist die Nachfrage nach Training durch Übungsleiterinnen wie Sie?
Riesig. Viele Schulen haben Kinder, die nicht schwimmen können, aber im normalen Unterricht können sie es ihnen nicht beibringen. Etliche fragen beim Fachdienst Sport des Landkreises nach Unterstützung. Wir sind aber nur fünf, die zum Schwimmunterricht an die Schulen gehen, wir können nicht alles abdecken. Die Schulen versuchen auch, sich selbst zu helfen und Trainer zu finden. Wir unterstützen im besten Fall so lange, bis die Schule selbstständig weitermachen kann. Wir alle bilden uns regelmäßig fort und sind mit Engagement bei der Sache.
Wie ist das Verhältnis von Schwimmern zu Nichtschwimmern an den Schulen, an denen Sie Schwimmen lehren?
Ich habe gerade eine 3. Klasse mit 22 Kindern, von denen 12 nicht oder kaum schwimmen können. An einer anderen Schule können in zwei Klassen 14 Kinder nicht schwimmen. Meine Erfahrung ist: Etwa die Hälfte der Kinder in diesem Alter hat kein Seepferdchen-Niveau. Das mag in Orten mit eigenem Freibad aber anders sein.

Seepferdchen und mehr

Die DLRG kennt vier Schwimmabzeichen mit steigenden Anforderungen. Den Einstieg nach der Wassergewöhnung bildet das Frühschwimmerabzeichen, das Seepferdchen. Dafür muss das Kind 25 Meter schwimmen, mit Sprung vom Beckenrand, und einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser holen. Es soll einfache Baderegeln kennen. In der Hierarchie folgen das Deutsche Schwimmabzeichen in Bronze, Silber und Gold. Sie sind nicht zu. verwechseln mit den DLRG-Rettungsabzeichen; in Silber berechtigt dieses Volljährige zur selbständigen Schwimmaufsicht (korrigert).

Quelle: www.dlrg.de

Was muss ein Kind „draufhaben“, damit es in Ihren Augen schwimmen kann?
Die Grundfertigkeiten vom Gleiten, Strecken, Schweben und Tauchen sollten gegeben sein. Wer nicht gleiten kann, wird nicht zur Brust- oder Rückenlage kommen. Wenn man als Kind schon gut gleiten und sich strecken kann, entstehen die ersten Schwimmfertigkeiten fast von allein. Wirklich schwimmen kann, wer die Anforderungen des Bronzeabzeichens erfüllt. Das werden im Vergleich zu früheren Jahren immer weniger, noch seltener sind Kinder mit Silberabzeichen; Gold ist die absolute Ausnahme. Die Pyramide hat sich sehr verändert.
Ein erstes Ziel in der Schwimmausbildung: das Seepferdchen, hier Urkunde und Abzeichen.
Reicht der Schwimmunterricht in der Grundschule aus, um zu sagen: Ich kann schwimmen?
Wenn die Kinder ein halbes Jahr lang konsequent schwimmen gegangen sind und sie von zwei Lehrkräften betreut wurden, von denen sich eine ausschließlich um die Nichtschwimmer kümmert, dann ja. Wenn nur eine Lehrkraft für eine ganze Klasse da ist, kann es dagegen eigentlich nicht funktionieren.
Es hakt also im System?
Ja. Ich erlebe es gerade in einer 5. Klasse an der Alten Landesschule Korbach: Eine Lehrkraft ist für 30 Kinder zuständig. Eine Reihe von ihnen hatte wegen Corona in der 3. und 4. Klasse kein Schwimmen; die Nichtschwimmer und die, die kein Seepferdchen-Niveau haben, mit einer Lehrkraft zu beschwimmen, klappt nicht.
Das heißt, die weiterführenden Schulen können den Unterricht, der in der Grundschule ausgefallen ist, nicht nachholen?
Jedenfalls nicht im normalen Sportunterricht. Ich komme auf das Beispiel Alte Landesschule zurück. Pro Lehrkraft dürfen nur 18 Kinder im Wasser sein, es sind aber 30. Also schwimmt jedes eine Bahn und geht wieder raus. Das funktioniert, wenn alle schwimmen können. Aber wenn der Grundstock fehlt, kann man mit einer Lehrkraft niemandem Brust- oder Rückenschwimmen beibringen. Wir haben deshalb jetzt eine Möglichkeit für zusätzlichen Schwimmunterricht für Kinder der 5. und 6. ALS-Klassen geschaffen, Emma Luckey (absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Sportkreis; Anm. der Redaktion) und ich beschwimmen, finanziert vom Sportkreis, in einem Extrakurs diejenigen, die nicht gut schwimmen können.

„Die Kinder bewegen sich insgesamt weniger“

Ist es grundsätzlich für die Kinder möglich, die Corona-Defizite aufzuholen?
Na klar. Ich hatte vor kurzem ein Kind, das hat in sechs Stunden Schwimmen gelernt. Bei Kindern, die grundsätzlich sportlich sind und Schwimmen lernen wollen, kann das relativ schnell gelingen. Wenn die Kinder allerdings wenig Sport treiben und dann lernen sollen, Arme und Beine mit Atemtechnik im Wasser zu koordinieren, tun sie sich oft schwer. Manche Kinder beherrschen nicht mehr die Grundfertigkeiten.
Zum Beispiel?
Bittet man sie, einen Strecksprung zu machen, wissen sie nicht, was das ist. Sollen sie dann Arme und Beine lang machen und können das nicht, dauert es natürlich länger, bis sie das Schwimmen lernen.
Sind die Grundfertigkeiten in Coronazeiten vermehrt verloren gegangen?
Ja. Die Entwicklung war schon davor zu beobachten, sie hat sich durch Corona verstärkt. Ich kann hier nur Kerstin Mühlhausen vom Sportkreis zustimmen: Die Kinder bewegen sich weniger, sind seltener im Verein.
Was ist Ihr Anspruch, wenn Sie Kindern das Schwimmen lehren?
Das Wichtigste ist: Ihnen beizubringen, dass sie sich im Zweifel retten können.
Partnerinnen: Trainerin Claudia Herrmann (links) und FSJlerin Emma Luckey vor dem Korbacher Hallenbad.
Sie wollen den im schlimmsten Fall tödlichen Badeunfällen vorbeugen?
Genau. Es besteht die Gefahr, dass mehr Kinder oder Jugendliche, die zum Beispiel in Seen baden, ertrinken könnten. Ein Problem dabei ist, dass Kinder sich überschätzen. Sie haben zwar grundsätzlich schwimmen gelernt, sind aber nicht drangeblieben. Sie denken dann, sie hätten den früheren Stand noch. Das stimmt aber nicht. Das sind diejenigen, die Gefahr laufen zu ertrinken. Wer gar nicht schwimmen kann, begibt sich eher nicht in eine gefährliche Situation.
Es ist nicht so wie beim Radfahren? Einmal gelernt, kann man es im Prinzip ein Leben lang.
Kommt darauf an. Wenn man zwischen DLRG-Bronze und -Silber gestanden hat, verlernt man das Schwimmen nicht mehr. Wenn man nie mindestens bis zum Seepferdchen gekommen ist – besser bis zum Bronzeabzeichen – sind die Fertigkeiten irgendwann weg, wenn man nicht regelmäßig schwimmen geht. Außerdem fehlt die Ausdauer. Wer nie gelernt hat, sechs oder acht Bahnen zu schwimmen, dem geht schnell die Kraft aus. Auch das ist gefährlich.
Welche Rolle spielen Ihrer Erfahrung nach die Eltern?
Die entscheidende. Es reicht nicht, dass das Kind einen Schwimmkurs macht. Wer danach mit ihm nicht regelmäßig zum Schwimmen geht, kann sich den Kurs, böse gesagt, gleich sparen. Wir müssen gerade sehr aufpassen, dass wir nicht eine Generation schlechter Schwimmer hervorbringen. Also: nicht immer ins Spaßbad gehen, sondern genauso oft zum Schwimmen.

„Einige Eltern lernen schwimmen wegen ihrer Kinder“

Gibt es im Winterhalbjahr in den Hallenbädern genügend Wasserflächen, um den Bedarf zu decken?
Na ja. Im Korbacher Hallenbad konnten wir den Kurs für die ALS nur deshalb anbieten, weil die Marker-Breite-Schule die ihr eigentlich zur Verfügung stehende Schwimmzeit donnerstags ab 14 Uhr abgegeben hat. Klar, das Hallenbad ist ein Wirtschaftsunternehmen und bietet seine eigenen Kurse an. Das führt dann dazu, dass in dem kleinen Lehrschwimmbecken donnerstags Babyschwimmen läuft und gleichzeitig Kinder aus drei Schulen im Bad zum Schwimmen sind. Man muss sich da schon gut absprechen. Gute Bedingungen sind anders, eigentlich fehlt ein zweites Lehrschwimmbecken.
Könnten Sie ins Arolser Arobella ausweichen?
Das ist vor allem ein Spaßbad. Im 25-Meter-Schwimmbecken ist das Wasser noch kälter als in Korbach, außerdem können die Kinder da nicht stehen. Es ist sehr schwer, ihnen unter diesen Bedingungen das Schwimmen beizubringen. Es wäre eine große Erleichterung, wenn man den Schulen morgens, bevor der Betrieb beginnt, die Nutzung des Spaßbereichs mit dem warmen Wasser erlauben würde. Dort könnte eine einzelne Lehrkraft die Nichtschwimmer beschwimmen.
Könnten die Freibäder was bewirken?
Das kommt auf das Wetter an. Die Ausbildung dauert im Freibad vielleicht etwas länger. Außerdem ist die Frage, ob sich genügend Übungsleiter finden – genau wie beim Kinderturnen. Es wächst wenig nach. Man müsste vielleicht die DLRG mit ins Boot nehmen. Es wäre gut, wenn auch sie Schwimmkurse anbieten könnte.
Bleiben Sie als Übungsleiterin am Ball?
Natürlich, jetzt erst recht. Deshalb haben wir das alles ja ins Leben gerufen, haben auch Erwachsene ins Boot geholt und bringen ihnen in einem Extrakurs das Schwimmen bei. Einige sagen, sie würden das wegen ihrer Kinder machen.

Zur Person

Claudia Herrmann (53) leitet seit rund 15 Jahren Kinder (und Erwachsene) zum Schwimmen an. Die Übungsleiterin hat Lehrgänge und Fortbildungen, für eine Schwimmschule gearbeitet und einen festen Vertrag an der Grundschule Höringhausen. Sie unterstützt im Auftrag des Sportkreises Waldeck-Frankenberg auch andere Schulen im Raum Korbach-Arolsen. Für den Landkreis gibt sie zudem Teamtraining an Schulen. Die Korbacherin ist verheiratet, sie hat einen Sohn und eine Tochter. ( mn)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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