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Carolin Schäfer will zurück zur alten Stärke

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Von: Dirk Schäfer

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In den Startlöchern für 2023: Carolin Schäfer bei der EM in München im vorigen Jahr. Im neuen Jahr soll die WM in Budapest der Höhepunkt werden. „Ich hoffe, wieder zu der werden zu können, die ich war“, sagt die Siebenkämpferin.
In den Startlöchern für 2023: Carolin Schäfer bei der EM in München im vorigen Jahr. Im neuen Jahr soll die WM in Budapest der Höhepunkt werden. „Ich hoffe, wieder zu der werden zu können, die ich war“, sagt die Siebenkämpferin. © imago / Beautiful Sports

Das neue Jahr hat begonnen, für Carolin Schäfer mit einer ersten Auszeit. Für die Siebenkämpferin liegt der Jahreswechsel schon beinahe mitten in der neuen Saison. Eine, in der sie wieder die alte werden will.

Sie steht auf einem Felsplateau vor schneebedeckten Gipfeln und blickt, mit Rucksack bepackt, in den grauen Himmel. Das Bild zu ihrem Neujahrsgruß entstand beim Wandern im Kleinwalsertal. Ein bisschen Urlaub vor den nächsten Trainingsetappen. „Aktivurlaub mit bis zu 16 Kilometern Wandern in den Bergen“, berichtet Carolin Schäfer. Tage ganz ohne Sport gibt es selbst beim Besuch in der Wildunger Heimat zu Weihnachten nur selten.

Ihren Weg als harte Arbeiterin setzt die 31-Jährige auch im Jahr 2023 fort, das Aufbautraining läuft schon seit drei Monaten. Nur soll das sich den Hintern aufreißen diesmal mehr Lohn einbringen. Im Interview teilt Schäfer die Ergebnisse ihrer Selbstreflexion, zu der auch gehörte, zu hinterfragen, ob im Training neue Akzente gesetzt werden müssen.

In den sozialen Medien schreiben sie zum Jahreswechsel: „2022 - Du warst eine harte Lektion! 2023 - Du wirst mir gehören.“ Wie ist das gemeint?

Das Jahr 2022 war auf jeden Fall eine Lehrstunde, für mich ein frustrierendes Jahr, sportlich gesehen. Das war nicht das, was ich mir vorgestellt habe und nicht das, was ich von mir kenne und erwarte. Ich war sehr sehr ehrlich in der Reflexion und Wertung nach der Saison. Ich habe mir nach der Saison 2022 sehr viel Zeit und die nötige Ruhe genommen, um die richtigen Schlüsse für die neue Saison zu ziehen.

Wie lange dauert Selbstreflexion bei Carolin Schäfer – eine Tasse Tee oder eine ganze Woche lang?

Der Frust nach der EM saß ziemlich tief. In den Wochen danach hatte ich einiges zu verdauen. Die Saisonpause war mit vielen Gesprächen verbunden, um die Saison aufzuarbeiten, um sich Kernfragen zu stellen wie „woran hat‘s gelegen?“. Es war für mich eine enorme mentale Herausforderung, mich unmittelbar nach der Saison damit auseinanderzusetzen. Mein Umfeld konnte mich dabei ordentlich unterstützen, um einen kühlen Kopf zu bewahren und den Blick nach vorn zu richten. Ich bin mir jetzt umso klarer darüber, was ich will und wie mein Weg auszusehen hat.

Haben Sie sich denn etwas vorzuwerfen, rückblickend auf 2022? Im Jahr nach ihren Problemen durch die Impfnachwirkungen lief das Training ebenfalls nicht nach Wunsch, was Sie die WM kostete.

Nein, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Rein objektiv betrachtet wäre mehr als Platz sechs bei der EM nicht drin gewesen. Wenn ich aber die Punktzahl dahinter sehe (6223; Anm. d. Red.), wirft das große Fragezeichen auf. Das ist nicht die Caro, die ich kenne. Ich bin immer ehrlich zu mir selbst und suche die Schuld erst einmal bei mir. Aber wir sitzen alle in einem Boot – Athlet und Trainerteam. Da muss dann gemeinsam Verantwortung für übernommen werden.

Mit welchem Ergebnis?

Ich denke, wir haben im Training nicht zu wenig gemacht, sondern den Fokus auf das Falsche gelegt. Die Art Trainingskonzept ist nicht das für mich passende. Nach drei Jahren muss man also im Team überlegen, wie wir die Stellschrauben drehen und das Konzept auf mich anpassen können, um am Ende wieder erfolgreich sein zu können. Das ist das große Ziel.

Was passt aus Ihrer Sicht nicht?

Von früher her war ich zum Beispiel erhöhtes Krafttraining und sehr sprintkraftorientiertes Arbeiten gewöhnt. Das spielte in der neuen Trainingsgruppe keine so gewichtige Rolle. Ganz objektiv betrachtet hat man gesehen: Meine Sprungergebnisse waren Mist, und ich habe nicht mehr das Sprintniveau, das ich bräuchte. Wenn dir 400 Punkte über die Sprung- bzw. Sprintdisziplinen verloren gehen, ist das zu viel. Ich brauche also eine bessere Sprung- und Kraftbasis, um wieder schnellkräftiger zu werden.

Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen? Greifen Sie mehr in die Trainingsgestaltung und -planung ein als früher?

Wir haben der Philosophie eine Chance gegeben, aber jetzt müssen Trainingsinhalte aus meinen früheren Trainingsjahren mit integriert werden, die mein Training erfahrungstechnisch positiv beeinflusst haben. Ich bin froh und dankbar, dass Kauls so offen sind und meine Impulse mit ins Training integrieren. Das heißt, es ist für mich das erste Mal in meiner Sportlaufbahn, dass ich so aktiv mit gestalte, was für mich komplett neu, aber auch zeitgleich spannend ist.

Was machen solche bitteren Lehren mit Ihnen – spornt ein ernüchterndes Jahr an oder erhöht es den Druck?

Mich packt so etwas bei meiner Ehre. Ich brauche immer eine Erklärung für dieses oder jenes Ergebnis. Solange ich die habe, habe ich den Ansporn, es in der nächsten Saison besser zu machen. Druck empfinde ich nicht. Ich habe in meiner Karriere so gut wie alles erreicht. Aber ich will es mir einfach beweisen, da die Ergebnisse des letzten Jahres nicht dem entsprechen, was ich kann und tagtäglich investiere. 2022 soll ein Einmal-Ausrutscher sein. Seit dem Trainingsstart am 1. Oktober liegt alles hinter mir, es geht bergauf und es geht mir gut.

Zurück zur „Jahreslosung“ vom Interviewbeginn. Sie glauben daran, dass 2023 Ihnen gehören wird, also erfolgreicher wird als die jüngere Vergangenheit. Haben Sie deshalb so früh mit der ersten Aufbauphase begonnen?

Ich habe früher losgelegt, weil ich mir bewusst bin, dass ich Nachholbedarf in den Kraftgrundlagen habe, die mir in den vergangenen Jahren abhanden gekommen sind. Daher brauchte ich in den ersten Wochen die nötige Zeit, um Umfänge und Intensität kontinuierlich hochzufahren. Getreu dem Motto „in der Ruhe liegt die Kraft“.

Bei Hallen-Wettkämpfen hat man Sie in den vergangenen Jahren nicht gesehen. Wie stehen Sie diesmal zur Hallensaison?

Geplant sind bislang zwei Starts in der Halle, bei den rheinland-pfälzischen sowie den süddeutschen Meisterschaften, einfach um zu testen, wie es in einzelnen Disziplinen läuft. Der Weitsprung wird zum Beispiel im Fokus stehen. Das soll Aufschluss über die weitere Trainingssteuerung in Richtung Sommersaison geben.

Der Sommer hält wieder eine Weltmeisterschaft bereit – ab 19. August in Budapest. Diesmal wollen Sie sicher dabei sein.

Die Qualifikation dafür steht im Vordergrund. Die offizielle Qualifikationsnorm liegt bei 6480 Punkten. Es wird immer härter. Entscheidend wird sein, entweder die direkte Quali-Norm zu schaffen oder über zwei Qualifikationswettkämpfe wie etwa Götzis und Ratingen im Vorfeld so nah wie möglich an die geforderte Punktzahl heranzukommen, um sich über die Weltrangliste zu qualifizieren. Wir haben Starts in Götzis und Ratingen geplant, ob beides Sinn macht, wird der Verlauf der Vorbereitung zeigen. Die WM in Budapest ist das große Ziel.

Wie weit ist Olympia 2024 in Paris noch weg?

Das spielt auch im Jahr davor eine Rolle. Es ist wichtig für mich, zu sehen, ob der Weg, den ich jetzt gehe, auch der ist, den ich für die Olympischen Spiele gehen muss, die das magische große Ziel als i-Tüpfelchen in meiner Karriere sind. Darauf laufen all die Änderungen hinaus.

Haben Sie Angst vor einem erneuten Jahr mit harter Lektion?

Nein. Für mich gibt es nur noch den Knopf Vollgas und die Flucht nach vorne, ich werde für 2023 alles in die Waagschale werfen. Alles andere kann ich nicht beeinflussen. Ich hoffe, dass ich allen Herausforderungen trotzen und wieder zu der werden kann, die ich war.

Die Athletin und der Trainer: Carolin Schäfer und Michael Kaul arbeiten seit 2019 zusammen. Sie sind dabei, andere Trainingsschwerpunkte zu setzen.
Die Athletin und der Trainer: Carolin Schäfer und Michael Kaul arbeiten seit 2019 zusammen. Sie sind dabei, andere Trainingsschwerpunkte zu setzen. © IMAGO/Sven Simon

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