Vorstand wiedergewählt, geringe Beteiligung

Turngau Waldeck: So weiblich und digital wie nie

Sechs Frauen vor Aufsteller mit Logo des Turngaus Waldeck
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Weibliche Führung: Der wiedergewählte geschäftsführende Vorstand des Turngaus und die Kindeswohl-Beauftragte (von links): Monika Trilling-Rauch, Dörte Fabry, Stefanie Emde, Anna-Lena Hennecke, Caroline Bangel und Melissa Tent.

Der Turngau Waldeck befindet sich im 99. Jahr seines Bestehens. Nie war der Fachverband weiblicher, nie digitaler. Und er hat eine frischernannte Ehrenvorsitzende.

Rhoden - Dem beim Gauturntag am Freitag neugewählten, leicht veränderten Führungsteam um die Vorsitzende Dörte Fabry gehören nun elf Frauen und ein Mann an. Erstmals fand die Versammlung virtuell statt; nur der Vorstand kam, in Rhoden, zusammen.

Die Vorstandsfrauen zeigten sich mit Imagevideo, abwechslungsreichen Präsentationen und visuellen Einsprengseln digital auf der Höhe der Zeit – das Geld aus dem Förderprogramm „Ehrenamt digitalisiert!“ des Landes Hessen scheint gut angelegt zu sein. Dass technisch nicht alles wie am Schnürchen lief, geschenkt.

Und doch blieb eines wie immer zuletzt: Die Vereine ließen auch diesen jungen, agilen Vorstand, der mehr als zwei Jahre nach seinem vielbeachten Aufbruch erstmals Auskunft über seine Arbeit und seine Pläne gab, ziemlich im Stich. Lediglich 18 eingewählte Stimmberechtigte verzeichnete das Konferenztool. Ein Teil von ihnen zählte noch zum Team an der Spitze – dem Turngau gehören 71 Vereine mit mehr als 10 500 Mitgliedern an.

Vielleicht lag es am recht kurzfristig anberaumten Termin? Man habe Fristen des Hessischen Turnverbands (HTV) wegen des kommenden Landesturntags einhalten müssen, sagte Dörte Fabry. Ob das Video-Format auf die Vereine abschreckend wirkte? Es ist in Zeiten der Pandemie allgegenwärtig.

Jetzt Ehrenvorsitzende: Marianne Becker.

Marianne Becker: Das Vorbild wird Ehrenchefin

Die Turngauführung zeigt sich nach den Wahlen etwas anders aufgestellt als beim Start des Vorstands im März 2019, auch wenn weiter Posten unbesetzt sind. Monika Trilling-Rauch (TV Rhoden) hat zusätzlich das Amt der Beauftragten für Kindeswohl inne, Marianne Becker ersklärte sich am Freitag bereit, als Verbindungsfrau zum Sportkreis mitzuarbeiten.

Die Adorferin erfuhr eine besondere Anerkennung: Der Gauturntag ernannte sie einstimmig zur Ehrenvorsitzenden. Marianne Becker hatte im Fachverband 20 Jahre lang in führenden Positionen mitgearbeitet, allein zwölf Jahre lang leitete sie ihn. Im Vorjahr war sie für ihr vorbildliches Lebenswerk mit dem Lu-Röder-Preis des Landessportbunds Hessen geehrt worden.

Von Dörte Fabry bis Marianne Becker

Wie sich der neue Turngau-Vorstand zusammensetzt:

1. Vorsitzende: Dörte Fabry (Meineringhausen); Stellv. Vorsitzende, Kampfrichterwartin: Melissa Tent (TSV Korbach); Geschäftsführerin: Anna-Lena Hennecke (VfL Adorf); Schriftführerin: Stefanie Emde (VfL Bad Arolsen); Kassenwartin: Caroline Bangel (VfL Adorf). Vorsitzende Fb Allgem. Turnen: Anna-Lena Hennecke, Caroline Bangel.

Fachwarte: Öffentlichkeitsarbeit: Nina Wissemann; Jugendarbeit: Jana Klabunde (TSV Korbach); Finanz- und Vereinsverwaltung: Kerstin Bach (TV Rhoden); Kinderturnen/Ausbildung: Birgit Kleinschmidt (TSV Elleringhausen); Wandern: Uwe Pohlmann (TuS Rhenegge).

Beauftragte Kindeswohl, Fachwartin Jugendarbeit, stellv. Schriftführerin: Monika Trilling-Rauch (TV Rhoden); Beauftragte Sportkreis: Marianne Becker (VfL Adorf). mn

„Auch für uns ist Marianne ein Vorbild. Ohne sie wären viele von uns gar nicht im Vorstand“, sagte Dörte Fabry. Die neue Ehrenvorsitzende selbst betonte ihr Leitmotiv: Es sei ihr immer wichtig gewesen, ehrenamtlich zu arbeiten und vor allem: dabei gestalten zu können.

Dramatische Verluste beim Landesverband

Der aktuelle Turngau-Vorstand ist vom Sportkreis Waldeck-Frankenberg ebenfalls für den Lu-Röder-Preis vorgeschlagen worden, und zwar in der Kategorie „Engagierter Nachwuchs“. Nachdem er vor gut zwei Jahren einen starken Aufbruch mit viel Schwung hingelegt habe, wie Sportkreis-Chef Uwe Steuber in einem Video-Grußwort sagte. Er fügte hinzu: „Ich spüre Teamgeist bei euch.“

Helmut Reith, HTV-Vizepräsident Turngauangelegenheiten, lobte ebenfalls: „Es freut den Verband, dass in so einem jungen Team erfolgreich gearbeitet wird.“ Doch Reith verbreitete nicht nur Freundlichkeiten, sondern er nahm die Turngaue auch in die Pflicht.

Der HTV als größter Fachverband im Landessportbund verlor im Corona-Jahr 2020 rund 40 000 Mitglieder – vor allem Kinder bis 14 Jahre. „Wir wissen noch nicht so genau, wie wir sie zurückgewinnen können“, sagte Reith. Bei dieser Aufgabe seien auch die Turngaue gefordert. Als „Worstcase“ für den HTV bezeichnete er einen neuerlichen Lockdown im Herbst.

Auch der Turngau hat als Verband, der vor allem Hallensport repräsentiert, die Folgen der Pandemie deutlich zu spüren bekommen, aber auch früh den Kontakt vor allem zu den Kindern gesucht. Der Stillstand bei Wettkämpfen und Veranstaltungen hatte aber auch ein Gutes: Der Vorstand habe die Zeit genutzt, um die Turngau-Homepage neu zu gestalten und seine Präsenz in den Sozialen Medien auszubauen, berichtete Geschäftsführerin Anna-Lena Hennecke.

Vorteile durch das Regionalkonzept

Ein neues Angebot zum Ausleihen für die Vereine stellte die stellvertretende Vorsitzende Melissa Tent vor: Der Turngau hat eine Art Spielgerätepool angeschafft. „Wir haben uns dafür ganz viele Sachen einfallen lassen“, sagte Tent. Im HTV nimmt der Turngau an einem Pilotprojekt teil: dem Regionalkonzept Nordhessen. Zwei Regionalreferenten sollen Turngaue und Vereine in ihrer Alltagsarbeit unterstützen. „Wir haben sie mit Fragen bombardiert“, erzählte Dörte Fabry. Sie begrüßte das Projekt: Der Vorstand werde etwa bei der Planung von Aus- und Fortbildungen entlastet.

Ein gehätscheltes Format war am Freitag der Rückblick. Während andere Fachverbände ihre Jahresberichte regelmäßig vorab verbreiten, blieb der neue Vorstand der Tradition treu – wenn auch die einzelnen Beiträge alles andere als trocken rüberkamen, von Bildern und Videos begleitet wurden.

Im Turngau-Studio: Mit Einsatz von moderner Technik gestaltete der Vorstand von Rhoden aus den Gauturntag. Hier Birgit Kleinschmidt vor der Kamera.

Die Berichte zeigten einmal, wie jäh der neue fulminant gestartete Vorstand von der Pandemie ausgebremst wurde. Für 2019 listete Carolin Bangel als eine der Fachwartinnen für das Gerätturnen allein fünf Wettkämpfe bis hin zu den Regionalmeisterschaften im Gerätturnen mit insgesamt mehr als 450 Teilnehmenden auf, erinnerte ihre Kollegin Anna-Lena Hennecke an das „Highlight“ der ersten Weihnachtsshow. Ins Jahr 2020 startete der Turngau frohgemut mit einer Kampfrichter-Ausbildung – doch an Wettkämpfen konnte seither nichts mehr laufen.

Rasch Antworten auf die Pandemie gefunden

Auf der anderen Seite fand der Turngau schnell Corona-Antworten. Birgit Kleinschmidt, Fachwartin für das Kinderturnen, zählte sie auf, voran „Die bewegte Minute“, die sich früh im ersten Lockdown viral und in der WLZ verbreitete und es bis ins Hessenfernsehen schaffte. „Es war ein toller Erfolg“, sagte sie. Auch ins Bild passte der Lehrgang, der den Aufbau einer Übungsstunde unter Corona-Regeln vermittelte.

Natürlich hoffen sie im Vorstand jetzt auf die Rückkehr zu normalen Zeiten. Der von der stellvertretenden Vorsitzenden Melissa Tent ins Bild gesetzte Terminkalender des laufenden Jahres wurde noch von Ausbildungen etwa zur ersten Lizenzstufe für Übungsleiter im Herbst und dem Gauwandertag Mitte September in Diemelstadt bestimmt.

Nächstes Jahr das „Hundertjährige“

Tent warf den Blick ins Jahr 2022 – dann will der Turngau Waldeck sein „Hundertjähriges“ groß feiern. Es werde bereits geplant, sagte sie. Womöglich gibt dann die „Riege Null“ ein Comeback, Burckhard Höhle, der Vorsitzende der Turngemeinschaft, stellte es vorsichtig in Aussicht.

Die Erarbeitung eines Konzepts zum Kindeswohl kündigte die Beauftragte für dieses Thema, Monika Trilling-Rauch, an. „Ich gehe davon aus, dass wir in zwei Jahren soweit sind.“ Kindeswohl solle dann auch in der Satzung verankert werden. (Gerhard Menkel)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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