Seminare und Beratung für sensibles Thema

Sportkreis Waldeck-Frankenberg hilft Vereinen bei Umgang mit Kindeswohl-Gefährdung 

Gefühle ausleben können: Kinder sollen sich im Sportverein wohlfühlen. Tun sie das nicht, muss man ihre Sorgen ernst nehmen im Sinne des Kindeswohls. Die heimischen Vereine werden vom Sportkreis sensibilisiert für das knifflige Thema.
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Gefühle ausleben können: Kinder sollen sich im Sportverein wohlfühlen. Tun sie das nicht, muss man ihre Sorgen ernst nehmen im Sinne des Kindeswohls. Die heimischen Vereine werden vom Sportkreis sensibilisiert für das knifflige Thema.

Hinsehen und handeln, nicht verharmlosen – das ist das Wichtigste beim sensiblen Thema Kindeswohlgefährdung. Der Sportkreis Waldeck-Frankenberg will es mehr ins Bewusstsein rücken.

Der Sportkreis Waldeck-Frankenberg hat sich auf die Fahne geschrieben, seine Vereine und deren Mitglieder mehr zu sensibilisieren für Situationen, die Fehlverhalten von Übungsleitern oder Unbehagen bei Kindern und Jugendlichen hervorrufen könnten. Denn: Der Begriff „Kindeswohlgefährdung“ ist den meisten seit einzelnen Kampagnen bekannt; was alles dahinter steckt, den meisten noch nicht richtig.

Seit 2019 ist der Sportkreis Waldeck-Frankenberg, genau wie Schwalm-Eder, Lahn-Dill, Hochtaunus und Groß-Gerau, Teil eines Modellprojekts des Landessportbundes Hessen (LSBH). Ziel ist es, Kinderschutz im Sport zu verankern. Vereine, Verbände und Sportkreise sollen in die Lage versetzt werden, Probleme wahrzunehmen und anzusprechen.

„Wenn man Vereine auf potenzielle Probleme von Kindern oder mögliches Fehlverhalten von Trainern anspricht, hört man oft: Darüber haben wir noch nie nachgedacht“, schildert Sylvia Kuhnhenn ihre Erfahrungen. Die Hatzfelderin ist Beauftragte für Kindeswohlfragen im Sportkreis Waldeck-Frankenberg, der erreichen will, dass sich Vereine intensiver mit dem Thema auseinandersetzen, bereit sind, betroffenen Kindern Gehör zu schenken.

Kindeswohl-Beauftragte Sylvia Kuhnhenn hilft den Vereinen

Kuhnhenn kann verstehen, „dass jeder Verein denkt, in seinen Reihen ist alles in Ordnung“. Das sei sicher auch ein wenig ein Schutz-Mechanismus. Im Sportkreis will man dazu beitragen, dass Vereine den Schutzmantel ablegen und mehr bereit sind, sich einzugestehen, dass es trotz guter Organisation und Atmosphäre zu Fehlverhalten kommen kann und dazu, dass Kinder und Jugendliche Ängste oder Unbehagen empfinden könnten.

Das Modellprojekt, das im hiesigen Sportkreis vor 16 Monaten gestartet ist, soll helfen. „Es ist wichtig, sich mit dem Thema Kindeswohl zu beschäftigen, weil es um mehr geht als um sexuelle Gewalt. Es fängt im Kleinen an, mit Beleidigungen unter Kindern, und kann ausarten, zum Beispiel in Mobbing via Handy und Internet“, umreißt Uwe Steuber die Bedeutung des Themas.

Aus Sicht des Sportkreis-Vorsitzenden ist das Projekt in Waldeck-Frankenberg gut angelaufen. „Die Rückmeldungen sind positiv, und die Seminare sind inhaltlich sehr gut gestaltet“, so Steuber. Er selbst nahm wie auch andere Mitglieder des Sportkreis-Vorstandes bereits an Schulungen teil. Denn auch im Gremium selbst steht erst am Anfang eines Lernprozesses. „Wir Erwachsenen müssen noch sehr viel lernen“, sagt Sylvia Kuhnhenn – und meint damit vor allem: Vereinsvorständler müssen lernen, Kinder und deren Gefühle ernster zu nehmen. „Man darf keine Angst haben, dass Kinder widersprechen könnten“, sagt Kuhnhenn.

Es gibt körperliche und seelische Gefährdung

Der Landessportbund unterscheidet in seinen Leitlinie zur Kindeswohlgefährdung zwischen Vernachlässigung (körperliche und seelische) und Misshandlung. Es gibt emotional/seelische Misshandlung (Ablehnung, Ausgrenzung, Demütigung, Beschimpfung), körperliche Misshandlung (sichtbare Verletzungen) und sexuelle Handlungen mit oder an Minderjährigen. Dazu zählen absichtliche sexuelle Übergriffe, unabsichtliche „Grenzverletzungen“ wie anzügliche Bemerkungen, „Glotzen“ in der Umkleide oder ungeschickte Hilfestellungen an sensiblen Körperteilen.

Sie will die Vereine dazu animieren, Verhaltensregeln aufzustellen und dabei auf Kinder mehr Rücksicht zu nehmen. Und den nötigen Mut zu haben, den Kindern zuzuhören und im Bedarfsfall zu handeln. „Grenzwertiges Verhalten muss angesprochen werden. Nicht jeder angesprochene Trainer wird auf Anhieb dann sein Verhalten ändern. Aber man muss um Verständnis werben“, fordert Kuhnhenn.

Die Kindeswohl-Beauftragte ist dabei, ihr Netz zu erweitern und immer mehr Kontakte zu den heimischen Vereinen zu knüpfen. Sie rät allen dazu, durch die Teilnahme an Schulungen und Seminaren mehr Bewusstsein für das Thema Kindeswohl zu entwickeln. Es gehe darum, dass sich Vereine dafür rüsten, besser mit Problemfällen umgehen zu können, wenn sie auftreten, so Kuhnhenn. „Jeder empfindet eine Situation anders. Man muss verinnerlichen, dass andere Personen bestimmte Gesten oder Worte womöglich unangenehm empfinden, ich selbst aber nicht.“

Eines der Seminare, wie es sie regelmäßig gibt, hatte der Sportkreis Waldeck-Frankenberg kürzlich im Vorfeld der Jugendvollversammlung angeboten. 18 Teilnehmer erfuhren online via „Zoom“ von Referent Bastian Zitscher Basics und Interessantes über den richtigen Umgang mit dem Thema Kindeswohl.

Seminare, Fragebogen und Musterkonzepte für Vereine

Wünschenswert wäre aus Kuhnhenns Sicht – auch für einen regelmäßigen Austausch –, wenn möglichst viele Vereine einen Kindeswohl-Beauftragten installieren. Anleitungen dazu geben auch in diesem Jahr wieder einige Seminare. Fortbildungen als Qualifikation für neue Ansprechpersonen im Verein finden als Online-Seminar am 7. und 9. Juni (jeweils 18.30 - 21.45 Uhr) statt. Für den 12. September 2021 (9-17 Uhr) ist ein Präsensseminar im Sportjugend-Camp Edersee geplant. Für die Online-Fortbildung am 18. und 20. Mai gibt es bereits eine Warteliste.

Für Vereine gibt es zudem Handlungsleitfäden, Mustervorlagen u.a. für ein Kindeswohlkonzept. In Kürze werden alle Vereine angeschrieben, um an einer Umfrage zum Thema teilzunehmen; für eine Bestandsaufnahme. Sylvia Kuhnhenn ist für Anmeldung und Fragen aller Art zu erreichen per E-Mail an sylvia_kuhnhenn@t-online.de oder unter Telefon 01520/5748152. Eine Reihe Fallbeispiele halfen, Situationen einzuordnen.

Ein Seminar, wie sie es regelmäßig gibt, hatte der Sportkreis kürzlich im Vorfeld der Jugendvollversammlung angeboten. 18 Teilnehmer erfuhren von Referent Bastian Zitscher online via „Zoom“ interessante Fakten zum Thema. Anhand vieler Fallbeispiele konnte man sich in die Situation von betroffenen Kindern, aber auch Trainern und Vorständlern gut hineindenken.

Bei der Suche nach Lösungen stand vor allem eine Frage im Vordergrund: Was kann ich tun – als Verein, an den ein solcher Fall herangetragen wird? Als Einzelner, der eine solche oder ähnliche Situation beobachtet? „Erst einmal selbst Hilfe holen, zum Beispiel beim Kindeswohl-Beauftragten in Verein oder Sportkreis“, riet Zitscher. Das Kind direkt anzusprechen, könne für dieses unangenehm sein. Und wenn ein Trainer zu Unrecht beschuldigt wird, könne das seinen Ruf ruinieren. „Dann kannst du in dieser Region einpacken.“

Anschaulich verdeutlichte das Online-Seminar das Thema Kindeswohl – zum Beispiel mit einem Quiz.

Bei der Analyse weiterer Fallbeispiele ergaben sich viele weitere nützliche Ratschläge fürs Vorgehen im Verein: Kinder stärken darin, dass sie Probleme ohne Angst ansprechen können; Sexualität auch daheim in der Familie nicht tabuisieren; aber auch: nicht alles dramatisieren. „Man muss authentisch bleiben, nicht alles hinterfragen“, so Zitscher. „Wenn man das Gefühl hat, das Kind braucht eine Umarmung als Trost, dann umarmt man es. Man kann es ja vorher fragen.

Auch der Landessportbund Hessen leistet Unterstützung. Bei der Sportjugend Hessen arbeiten drei Expertinnen eigens für das neue Projekt „Kindeswohl im Sport“. Sie beraten Vereine, sind präventiv tätig, aber es gibt auch eine Beratung im Verdachtsfall sowie bei konkreten Vorfällen. Hilfe kann man auch anonym erhalten.

Sportjugend berät: „Transparenz und Leitlinien geben Sicherheit“

Referentin Ann-Christin Pieper hat einige Tipps für Vereine parat, damit diese mit Fällen von Kindeswohlgefährdung besser umgehen können. „Wir raten zunächst dazu, dass die Vereine klare Verhaltensregeln oder Leitlinien erstellen, die allen geläufig sind und zu denen sich alle bekennen müssen: Vorstand, Eltern, Sportler, Trainer. Das gibt allen Sicherheit, und die Kinder werden selbstbewusster, wenn sie wissen, dass ihre Anliegen respektiert werden“, sagt Pieper. Und sie sagt ganz klar: „Autoritäre Strukturen sind fehl am Platz.“.

In den Verhaltensregeln sollte zum Beispiel drin stehen, wie generell der Umgang miteinander ist, wo Trainern, aber auch den Kindern untereinander Grenzen gesetzt sind. Außerdem sei es wichtig, klar zu definieren, wer mit wem spricht, wenn es zu Vorfällen gekommen ist. Dann habe auch der Vorstand eine Handlungsgrundlage, so Pieper. „Je mehr Transparenz der Verein bietet, umso weniger bekommt jemand ein ungutes Gefühl.“ (schä)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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