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Sportler sollten nach Corona-Erkrankung erst nach Arztbesuch wieder trainieren

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Wer an Corona erkrankt war, sollte nicht mit einem Wettkampf, sondern mit leichten Lauftraining wieder in den Sport einsteigen.
Wer an Corona erkrankt war, sollte nicht mit einem Wettkampf, sondern mit leichten Lauftraining wieder in den Sport einsteigen. © Foto: Philippe Crochet/imago

Nach der Corona-Quarantäne direkt wieder in der Liga spielen. Ist das gesund oder gar gefährlich? Benötigt der genesene Körper nicht noch mehr Ruhe und auch zusätzliche ärztliche Untersuchungen?

Korbach – Man will ja keine zusätzliche Angst schüren, aber Sportler, deren erster Test nach einer Corona-Erkrankung wieder negativ ist, sollten einige Punkte beachten, bevor sie wieder einen Wettkampf bestreiten. Welche das sind, erzählt der Bad Wildunger Sportmedeziner Prof. Dr. med. Dr. Hans-Herbert Vater (60) im Interview.

Corona wütet mittlerweile häufig im Sport. Der Profi hat einen Arzt an seiner Seite, der Amateur meist nicht. Daher trifft der meist selbst die Entscheidung, wann er nach der Quarantäne wieder mit dem Training beginnt. Halten Sie das für fahrlässig?

Ja, weil auch Sportlerinnen und Sportler, die keine Symptome während ihrer Corona-Infektion bei sich festgestellt haben, durch einen zu frühen Trainingsbeginn Herz und/oder Lunge schädigen können. Laut Studien erkranken rund zwei Prozent der genesenen Sportler an einer Herzmuskelentzündung.

Wie sollte sich ein Amateursportler verhalten, wenn er aus der Quarantäne kommt, bevor er das Training wieder aufnimmt?

Er sollte unabhängig vom Krankheitsverlauf zum Hausarzt gehen und dort seine Herz- und Lungenfunktion prüfen lassen und ein großes Blutbild mit Entzündungs-, Leber- und Nierenwerten erstellen lassen. Bei Auffälligkeiten ist ein Belastungs-EKG ratsam. Außerdem sollte jeder Genesene stets gut in sich hineinhören, auf die Puls- und Atemfrequenz, Körpertemperatur, die Belastbarkeit verstärktes Schwitzen, Abgeschlagenheit und körperliche Leistungseinbußen achten.

Gibt es bei Mann und Frau Unterschiede im Krankheitsverlauf und beim Wiedereinstieg in den Sport?

Nein, dazu gibt es noch keine wissenschaftlichen Beweise, es gelten daher für beide Geschlechter die gleichen Regeln.

Falls genesene Sportlerinnen und Sportler nicht zum Arzt gehen, sollte ein Trainer das einfordern?

Der Trainer sollte sich stets nach dem Befinden der Sportler erkundigen. Wenn er den Eindruck hat, die Leistungsfähigkeit seines Athleten ist viel geringer als vor der Erkrankung sollte er auf die Vorlage eines ärztlichen Attestes bestehen.

Woran kann ein Trainer bei einem Sportlern mögliche Symptome erkennen?

Wenn der Sportler ihm sagt, er habe eine Leistungsminderung, das zweite Warnsignal wäre, er bekommt schlechter Luft, und in Ruhephasen könnte es sein, dass er bemerkt, sein Herz schlägt nicht mehr regelmäßig. Weitere Hinweise sind eine leicht erhöhte Körpertemperatur (37 bis 38 Grad) oder gar Fieber (ab 38 Grad). Hier gilt der Grundsatz: Pro Tag Fieber eine Woche Sportpause. Außerdem sollte jeder auf seinen Urin achten, ob dieser gelber ist als sonst oder anders riecht.

Wann und mit welcher Intensität sollte der Sport nach einer Corona-Infektion wieder starten?

Grundsätzlich heißt es: 14 Tage Sportpause nach der Quarantäne auch noch einer Erkrankung mit leichten Symptomen. Wenn es ein schwieriger Verlauf war, mit Fieber oder Bettlägerigkeit, sollte man erst nach sechs Wochen wieder mit Sport beginnen. Jeder sollte langsam ins Training einsteigen, 14 Tage bei 65 bis 75 Prozent der Herzfrequenz, nur gehen, leicht joggen, keine Zweikampfsituation. Wenn das der Körper annimmt, kann man das Training in weiteren zwei Wochen auf 75 bis 85 Prozent der maximalen Herzfrequenz steigern. Wenn diese Übungen in einem Zeitraum von zwei Monaten unproblematisch sind, kann man die Belastung wieder frei geben. Der mögliche Zeitraum, in dem sich eine Herzmuskelentzündung ausbilden kann, liegt bei bis zu acht Wochen nach der Erkrankung.

Wie gefährdet ist die Lunge?

Die Lunge steht zwar immer im Fokus der Diskussion, aber das Virus geht auf den ACE2-Rezeptor um in die Zelle einzudringen. ACE2 gibt es in vielen Geweben, es kann neben der Lunge auch die Gefäße treffen, da löst es Entzündungen aus, die zu Blutgerinnungsstörungen führen. Die Lunge ist letztendlich immer mit befallen, denn Covid ist ja eine Multiorganerkrankung, es trifft auch das Gehirn, wodurch dieses Schlappheitsgefühl und der Ermüdungszustand ausgelöst wird. Hinzu kommt, dass Covid 19 das Immunsystem so sehr beschäftigt und dadurch andere Erreger, wie etwa einige Herpes-Viren (z. B. Pfeiffersches Drüsenfieber oder Gürtelrose), die das Immunsystem ohne Corona normalerweise in Schach halten kann, sich zusätzlich ausbreiten können.

Gibt es Sportarten, bei denen man besonders sensibel auf eine Corona-Erkrankung reagieren sollte?

Grundsätzlich betroffen sind alles Mannschaftssportarten, da sich der Einzelne im Teamverbund nicht schonen kann. Des Weiteren sind alle Kraftausdauer- und Ausdauersportarten, die ein hohes Herzzeitvolumen sowie ein hohes Atemminutenvolumen fordern wie Radfahren, Laufen, Schwimmen. Hier sollte die körperliche Belastung kontrolliert gesteigert werden.

Den Ball besser liegen lassen?

Nein, technische und taktische Trainingseinheiten sind möglich, wie etwa Schusstraining oder Flanken schlagen. Der Spieler sollte aber noch keinen Zweikampf und kein Trainingsspiel bestreiten.

Welchen Zeitraum sollte man für dieses eingeschränkte Training ansetzen?

Hier gilt auch: Quarantäne plus zwei Wochen und dann nochmal zwei bis vier Wochen. Wenn alles gut läuft, könnte der Sportler nach sechs Wochen wieder uneingeschränkt einsteigen.

Das wird ja so gut wie nie praktiziert, oder?

Eingeschränkt. Im Profisport werden diese Empfehlungen durchaus befolgt. Im Freizeit- und Amateursport fehlt es einerseits an Informationen und es fehlt dort oft ein Vereinsarzt.

Machen Sie sich Sorgen um den Amateursport, was Corona betrifft?

Die Gesundheit und das Wohlbefinden der Sportler sollte immer oberste Priorität besitzen. Aber leider gibt es Sportler, aber auch Trainer, die die sportlichen Ziele über die Gesundheit stellen und so billigend Gesundheitsschäden für den kurzfristigen Erfolg in Kauf nehmen.

Bisher ist aber keine größere Krankheitswelle im deutschen Sport zu beobachten, weil sich Athleten falsch verhalten haben, oder?

Nein, das Infektionsgeschehen im Sport entspricht den Infektionsverläufen in der Bevölkerung. Grundsätzlich besitzen Sportler wie auch körperlich aktive Menschen gegenüber Inaktiven den Vorteil, dass sie über mehr T-Zell-Lymphozyten verfügen. Jede regelmäßige Bewegung, auch der tägliche Spazier- oder Hundegang, stimuliert das Immunsystem und sorgt für effektive T-Zell-Lymphozyten, die bei der Abwehr und im Verlauf eines Virusinfektes eine entscheidende positive Rolle spielen.

Ist dadurch der Hallensportler mehr gefährdet als ein Freiluftsportler?

Ich denke nein, weil Hand-, Volley- oder Basketballer auch ihre Ausdauertrainingseinheiten außerhalb der Hallen absolvieren. (rsm)

Mann
Sportmediziner Hans-Herbert Vater © pr

Vereinstrainer: „Der Sport muss an die zweite Stelle rücken“

Es ist so ein bisschen wie die Quadratur des Kreises: Wie wahre ich meine sportlichen Chancen in der Liga und nehme gleichzeitig Rücksicht auf die mal mehr, mal weniger große Zahl an Spielern, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben?

Im Waldecker Land hat es viele Vereine schon getroffen, unterschiedlich stark. Sie waren gezwungen, sich Gedanken zu machen – und zumindest bei unseren Beispielen sind alle zu diesem Schluss gekommen: Die Gesundheit geht vor!

Aktuelles Beispiel: die Fußballer der SG Edertal. Wegen sieben Corona-Fällen fiel am vergangenen ihr Kreisoberliga-Spiel aus. Wie sollte Spielertrainer Mathias Siebert, darauf reagieren, wie könnte die Rückkehr der betroffenen Spieler ins Team aussehen? Die Antwort darauf sei nicht einfach, gab Siebert zu: „Wir sind uns einig: Die Gesundheit ist uns wichtiger als der sportliche Erfolg.“

Die Kardinalfrage lautet: Wie lange ist „erst einmal nicht spielen“?

Zu Wochenbeginn hatten sich fünf Spieler wieder freigetestet, drei davon kamen am Dienstag ins Training. Auch das war nicht einfach für den Coach: „Ich habe gesagt, wenn es euch gut geht, dann kommt.“ Die betroffenen Spieler hätten allerdings nur lockere Einheiten absolviert. Für ihn als Trainer sei klar, dass er die Spieler mit positivem Befund erst einmal nicht einsetzen werde, aber die letzte Entscheidung überlasse dem Spieler selbst. „Wenn einer kommt und will spielen, kann ich es ihm nicht verbieten. Aber ich hätte kein gutes Gewissen dabei“, verrät Siebert.

Die Kardinalfrage lautet: Wie lange ist „erst einmal nicht spielen“? Bei den Fußballerinnen des VfR Volkmarsen haben die Verantwortlichen um Trainer Martin Funke auch die Langzeitfolgen der Corona-Erkrankung im Blick. Wissenschaftlich ist noch unklar, wer dafür empfänglich ist und wer nicht. In den eigenen Reihen haben die Gruppenliga-Kickerinnen erfahren, wie lange eine Sportlerin außer Gefecht gesetzt sein kann. Aktuell haben zwei Spielerinnen Sportverbot vom Arzt im Nachgang an ihre Coronaerkrankung. „Natürlich ist ein kleiner Kader wie unserer sehr betroffen von solchen Ausfällen“, sagt Funke.

Aber für den Coach steht auch fest: „Der Sport muss hier an die zweite Stelle rücken.“ Wenn er im Training sehe, dass eine Spielerin Probleme hat oder nicht voll bei Kräften ist, lasse er sie nicht weitermachen, betont der Coach. „Es bringt nichts, zu früh wieder anzufangen. Wenn man nicht aufpasst, können sich jungen Menschen ihr ganzes Leben versauen.“

Die Fußballer der SG Goddelsheim/Münden hatten in der Vorbereitungsphase zwölf positiv getestete Spieler innerhalb von fünf Tagen. Wichtig war den Verantwortlichen, die Trainer damit nicht allein zu lassen. „Nach einer gemeinsamen Sitzung lautete der Tenor: „Die Gesundheit geht vor“, berichtet Karl-Reinhard Grosche vom SG-Vorstand. Die Mannschaften verzichteten auf das Hallentraining und trainierten in kleineren Gruppen. „Die Teilnahme war freigestellt, niemand sollte unter Druck gesetzt werden“, sagt Grosche.

Lieber einen Tag länger pausieren als einen zu wenig.

So lautet auch die Devise bei den Handballern des TV Külte, die auch einige Corona-Fälle im Team zu beklagen hatten. Der Umgang mit den Rückkehrern sei problemlos verlaufen, betont Trainer Sigurd Wachenfeld. „Wir waren relativ sicher im Umgang mit diesen Spielern und haben auch keinen unter Druck gesetzt.“ Der Coach hatte anfangs das Training komplett ausgesetzt und dann konnte jeder Spieler selbst entscheiden wann er sich fit genug fühlt und wieder miteinsteigt“ Der Coach vertritt allgemein bei Verletzung7Krankheit den Vorsatz: Lieber einen Tag länger pausieren als einen zu wenig.

Wie schwierig der Umgang mit Coronafällen vor dem Hintergrund der Fortsetzung und dem rechtzeitigen Ende der Saison, zeigen die Richtlinien bzw. Vorschläge des Hessischen Fußballverbandes. Beispiel SG Edertal: Der Klassenleiter müsste eigentlich das abgesetzte Spiel binnen zehn Tagen wieder ansetzen.

Für die Siebert-Elf hätte das bedeutet: Fünf Spiele in fünf Tagen, da am 25. März bereits in Freienhagen ein vorgezogenes Spiel stattfindet. Eine derartige Belastung unmittelbar nach einer Coronawelle im Team: Da sagen nicht nur Mediziner: Diese Regeln dienen primär dem geregelten Spielbetrieb, nicht der Gesundheit. (schäf/rsm)

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