1. Startseite
  2. Waldeckische Landeszeitung
  3. Lokalsport

Vom Krieg bis zur Pandemie: Der Turngau Waldeck wird 100

Erstellt:

Von: Dirk Schäfer

Kommentare

Eine der Veranstaltungen, die den Turngau geprägt haben: das Gaukinderturnfest mit seinem „bunten Rasen“. Hier sieht man im Jahre 2008 eine Pyramiden-Aufführung des TuSpo Mengeringhausen unter der Leitung von Kirsten Syring.
Eine der Veranstaltungen, die den Turngau geprägt haben: das Gaukinderturnfest mit seinem „bunten Rasen“. Hier sieht man im Jahre 2008 eine Pyramiden-Aufführung des TuSpo Mengeringhausen unter der Leitung von Kirsten Syring. © Artur Worobiow

Mit einem Turngauabend am Freitag, 30. September, feiert der Turngau Waldeck sein 100-jähriges Bestehen. Ab 19.30 Uhr gibt es ein Festprogramm mit Einblicken in die Geschichte sowie Turn- und Showeinlagen.

Als am 4. April 1922 in Korbach der Turngau Waldeck gegründet wurde, ahnte noch niemand, dass er einmal von einer ganzen Frauenriege geführt werden würde und dass man im 21. Jahrhundert zwei Meter Abstand zum Nebenmann halten muss, um ein Gruppenfoto zu ermöglichen. Heute kann man sich im Gegensatz dazu kaum vorstellen, dass auf dem Ettelsberg einst die Hakenkreuzflagge wehte und 10-km-Gepäckmarsch sowie Handgranaten-Zielwurf einmal turnerische Disziplin beim Sportfest waren.

Das Turnen hat ereignisreiche Zeiten hinter sich – 100 Jahre ist es nun hierzulande schon unter dem Dach des Turngau Waldeck organisiert, der sich gut 15 Jahre nach seiner Gründung „Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibeserziehung“ zu nennen hatte.

Aus den Anfangsjahren des Turngaus Waldeck: Gruppenfoto beim Turnfest in Rhoden 1930.
Aus den Anfangsjahren des Turngaus Waldeck: Gruppenfoto beim Turnfest in Rhoden 1930. © pr

Schon lange zuvor hatte das Turnen Konjunktur in Waldeck, nicht nur in den Jahrzehnten zuvor gegründeten Vereinen TV Korbach (1850) oder TV Rhoden (1863). Bis Anfang der 1920er Jahre wuchs die Zahl der Mitglieder im Turngau Nordhessen-Waldeck so stark an, dass zur besseren Organisation Waldeck als neuer eigenständiger Turngau gebildet wurde – „um Korbach herum, auch die hessischen Enklaven im Fürstentum und den Bereich an der Itter, nördlich der Eder umfassend“, wie es in der erschienen Chronik heißt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es 1948 weiter, längst hatte sich (Geräte-)Turnen auch für Frauen etabliert. Im Laufe der Zeit etablierte sich so Vieles: Gauturnfeste bzw. Kinderturnfeste lockten zahlreiche Sportler aller Altersklassen an, zumal die Geselligkeit nicht zu kurz kam; etwa auch, wenn sich die Turner in Umzügen präsentierten. Zahlreich waren die Riegen aus den Waldecker Vereinen zu Hochzeiten der Rundenwettkämpfe, eine Besonderheit war freilich auch das Ettelsberg-Turnfest. Immer wieder brachte Waldeck große Talente hervor, die sportliche Erfolge erzielten.

Auch schon 16 Jahre her: Geländelauf im Regen beim Ettelsberg-Turnfest. Bis zu 1200 Teilnehmer kamen zum beliebten Klassiker nach Willingen.
Auch schon 16 Jahre her: Geländelauf im Regen beim Ettelsberg-Turnfest. Bis zu 1200 Teilnehmer kamen zum beliebten Klassiker nach Willingen. © Artur Worobiow

Ab etwa 1970 änderte sich auch im Turnsport einiges. Freiheit statt Gehorsam war die neue Linie. Unter Willi Potthoff, der 26 Jahre Gau-Vorsitzender war, entstand eine Ära mit neuen Angeboten und mehr jungen Leuten, die sich Vereinen anschlossen. Von 3000 in Krisenzeiten stieg die Mitgliederzahl auf bis zu 11 000 wieder an.

Das 21. Jahrhundert brachte mit Monika Simshäuser erstmals eine Frau an die Spitze des Turngaus, der 2019 die größte Krise der Neuzeit überwand: Kurz vor der Auflösung stehend, entstand eine Aufbruchstimmung und ein neuer Vorstand, der fast durchweg aus Frauen besteht und sehr jung daher kommt. Das innovative Team hat mit dem Sprung auf den „Sozialmedienzug“ und tollen Angeboten zur Überbrückung der Lockdown-Zeit die ersten Herausforderungen gemeistert, um Turnvater Jahns Erbe auch länger als 100 Jahre fortführen zu können.

100 Jahre Turngau im Zeitraffer

1922: Gründung des Turngaus; er umfasst 57 Vereine und 3450 Mitglieder
1929: Weihe des ersten Gaubanners
1938/39: Erstes und zweites Ettelsberg-Turnfest in Willingen; Fortsetzung ab 1955; 1972 Rekord mit 1200 Teilnehmern
1963: Erstes Gauturnfest in Rhoden
1970: Entstehung der „Riege null“; die bekannte Turngruppe besteht bis 2010
1975: Erste dezentrale Übungsleiter-Ausbildung des Hessischen Turnverbandes findet im Turngau Waldeck statt
1983: Gründung des Fördervereins Turnen in Waldeck (heute: Turngemeinschaft Waldeck), der den Turngau finanziell und organisatorisch unterstützt
2002: 1. Hallen-Kinderturnfest mit 90 telnehmenden Kindern
2009: Im Wettkampfbüro sind erstmals Laptop, Drucker und Auswertungs-Software im Einsatz
2011: Turngau-Maskottchen „Turni Turnfrosch“ wird „geboren“
2015: Nach einem Jahrzehnt Pause findet wieder der wegen der besonderen Regeln beliebte Waldecker Turnpokal statt
2018: Vorerst letztes Gauturnfest
2019: 1. Weihnachts-Show des Turngaus
2020/2021: Mit „Bewegte Minute“ und dem Fitnesstest für Kinder macht der neue Vorstand in der Pandemie auf sich aufmerksam; mit 12.030 Mitgliedern (75 Vereine) ist ein Höchststand erreicht. (schä)

Die Turngau-Vorsitzenden

1922 – 1929: Richard Schultze; 1929 – 1933: Friedrich Schalk; 1946 – 1955: Wilhelm Bark; 1955 – 1969: Dr. Heinrich Diehl; 1969 – 1974: Herbert Sommer; 1974 – 1990: Willi Potthoff; 1990 – 1999: Hermann Emde; 1999 – 2003: Monika Simshäuser; 2003 – 2004: Marianne Becker (kommissarisch); 2004 – 2014: Marianne Becker; 2014 – 2019: Hartmut Schmidtke; seit 2019: Dörte Fabry.

Auch interessant

Kommentare