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Bundesstützpunkt Winterberg-Willingen: Was nach dem Aus kommt und was gefährdet ist

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Von: Gerhard Menkel, Dirk Schäfer

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Leben in der Bude: Die EWF-Biathlon-Arena in Willingen bei einem Wettkampf. Sie gehört als Sportstätte zum Stützpunkt Winterberg-Willingen.
Leben in der Bude: Die EWF-Biathlon-Arena in Willingen bei einem Wettkampf. Sie gehört als Sportstätte zum Stützpunkt Winterberg-Willingen. © SC Willingen/pr

Nach vier Jahren ist Schluss. Der Bundesstützpunkt Ski Nordisch Winterberg-Willingen ist am 1. Januar Geschichte, das Bundesinnenministerium (BMI) entzieht ihm seinen Status. Was jetzt?

Zwar soll es laut Bundesinnenministerium (BMI) noch eine Anschlussfinanzierung für ein Jahr geben, doch wie sich die Zukunft für den Leistungssport in Skispringen, Skilanglauf, Kombination und Biathlon in der Sauerlandregion darstellt, ist offen. Hoffnungen richten sich auf Überlegungen im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), wieder zu Bundesstützpunkten für den Nachwuchs zurückzukehren – diesen Status besaß Winterberg-Willingen bis Ende 2018.

Eine Entscheidung darüber, ob das BMI sie finanziert, soll im Dezember fallen. Fragen und Antworten zu einem komplexen Thema.

Stützpunkt fehlen die Kaderathleten

Kam das „Aus“ für den Bundesstützpunkt für die Beteiligten überraschend?
Sie hatten damit gerechnet. „Die Entwicklung war nicht gut, wir hatten das befürchtet“, sagt Dr. Werner Weigelt, Präsident des Hessischen Skiverbandes. „Man habe ja dem BMI zugearbeitet und etwa die Kaderzahlen übermittelt, sagt Jochen Behle. Sportdirektor der Leistungssport gGmbH, die mit Sitz am Stützpunkt seit 2019 den Nachwuchsleistungssport im Hessischen (HSV) und Westdeutschen Ski-Verband (WSV) organisieren soll.

Am Stützpunkt (BSP) wussten sie also, dass sie die neuen Kriterien des BMI für die „großen Stützpunkte“, wie Behle sie in Abgrenzung zu den (früheren) Stützpunkten Nachwuchs nennt, nicht erfüllen würden. Die böse Überraschung war, dass die Verantwortlichen über die Medien von der Entscheidung des BMI erfuhren – und dass Ende des Jahres schon Schluss ist.

Jochen Behle
Hat das Unheil kommen sehen: Jochen Behle, Sportdirektor der Leistungssport gGmbH am Stützpunkt. © pr

Was waren die K.o.-Kriterien?
Eine Sprecherin des BMI nannte auf Anfrage folgende Anerkennungskriterien: Regelmäßiges Stützpunkttraining von Bundeskadern (Olympia-/Perspektiv-/Nachwuchs-), Verfügbarkeit einer „geeigneten Trainingsstätte in dem notwendigen Umfang“, qualifiziertes Leistungssportpersonal am BSP, langfristige Perspektive des Standorts. Aktuell gehören vom SC Willingen Michelle Göbel (Skispringen) und Linus Kesper (Biathlon) dem NK1 an, sie trainieren auch am Stützpunkt. Bei ihrem Clubkollegen Stephan Leyhe ist das anders: Er gehört zum Nationalteam, trainiert aber Skispringen am BSP in Hinterzarten. Die inzwischen zurückgetretenen Horchler-Schwestern gingen im Biathlon einen ähnlichen Weg.

Wie viele Topkader fehlten dem Stützpunkt?
Nach WLZ-Informationen soll Winterberg-Willingen nur wegen zwei Sportlern zu wenig gescheitert sein. Vielleicht auch deshalb kommt Jochen Behle zu dem Schluss: Hätte der Stützpunkt seine am Ort ausgebildeten Kader halten können, „würden wir die Zahlen erfüllen“. Er macht aber eine entscheidende Einschränkung: „Man muss fairerweise sagen, dass wir die Trainingsgruppen gar nicht hätten.“ Weiteres Problem: Bisher wurden alle Talente angerechnet, die ein Stützpunkt ausgebildet und hervorgebracht hat, auch wenn sie dort nicht mehr trainieren; also auch ein Stephan Leyhe. Das hat sich geändert.

Wer fällt die Entscheidung über einen Stützpunkt-Status?
Sie wird im so genannten Ampelverfahren herbeigeführt. Im Fall Winterberg-Willingen heißt das: Die Fachabteilungen (Sport- und Innenministerium) der Länder Hessen und Nordrhein-Westfalen, das Bundesinnenministerium sowie der DOSB segnen nach Überprüfung des status quo den Fortbestand des Stützpunkts ab. Oder nicht. Der DOSB sowie die Bundesländer sagten „Ja“ zum hiesigen Stützpunkt. Der BMI nicht – ein Veto führt hierbei zu einer Aberkennung des Status.

Interessant: Deutscher Ski-Verband (DSV), Hessen und NRW hatten dem BMI Begründungen für die Anwendung einer Ausnahmeregelung vorgelegt, die in diesem Verfahren zulässig wäre. Der DOSB habe diese Begründung unterstützt, zumal auch der DSV eine sportfachliche Unterscheidung der Bundesstützpunkte vornehme, heißt es in einem internen Schreiben des hessischen Sportministers Peter Beuth an Bundesinnenministerin Nancy Faeser, das der Redaktion vorliegt.

War es möglich, innerhalb einer Förderperiode genügend Kader an den Stützpunkt zu binden?
Behle sagt, die Entwicklung sei irgendwie logisch, „weil wir als „Bundesstützpunkt Nachwuchs (also bis 2018) immer die Leute abgegeben haben“. Die Aufwertung zum „großen Stützpunkt“ für vier Jahre war zu kurz, um das Ruder entscheidend herumzureißen. Parallelen sieht Behle bei den Stützpunkten Clausthal-Zellerfeld und Altenberg (beide Biathlon) – auch sie kamen aus dem Nachwuchs, auch sie sind nicht mehr anerkannt worden.

Wie viele Athleten und Athletinnen trainieren derzeit am Stützpunkt?
„Was den Kaderbereich angeht, haben wir etwa 35 Athleten. Trainiert werden noch viel mehr, weil wir die Trainingsgruppen nicht nur mit den Landeskadern bestücken“, sagt Behle. Allein die Biathlongruppe zähle etwa 20 Sportler, beinahe ebenso viele seien es im Sprungbereich, wo beim SCW Jörg Pietschmann als Trainer arbeitet.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Talente und Offizielle machen es sich im November 2011 auf der Couch des neuen Wohnheims bequem.
Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Talente und Offizielle machen es sich im November 2011 auf der Couch des neuen Wohnheims bequem. © Archiv

Welche direkten Folgen hat die Aberkennung des Status?
Der Bund zahlt bisher laut Behle jeweils zur Hälfte die Stelle eines Biathlontrainers des WSV und des Geschäftsführers der Leistungssport gGmbH. Dieses Geld fließt nur noch nächstes Jahr. Die Landestrainer (wie Heinz Koch oder Susen Fischer auf hessischer Seite) seien nicht betroffen, sie würden über die jeweiligen Landessportbünde finanziert.

Inwieweit ist der Ski-Club Willingen von der Entwicklung betroffen?
Der Verein kann grundsätzlich seine gute Nachwuchsarbeit weiterführen, Pietschmann als Skisprung-Trainer ist ja beispielsweise beim SCW angestellt. Für die Sportler und Trainer des Stützpunkts sei das Aus gleichwohl sehr bitter, sagt Jürgen Hensel. Der Ski-Club, so der Präsident, habe einen Etat von 300 000 Euro für die sportliche Arbeit und könne durchaus selbst weitere Trainer beschäftigen, wenn diese durch den Stützpunkt fehlten. „Allerdings sind derzeit keine geeigneten auf dem Markt.“

Schanzenbau und Internat auf der Kippe

Auch viele indirekte Folgen hat das Aus für den Stützpunkt Winterberg-Willingen. Auch Folgen für den Ski-Club, der eine neue HS87-Schanze für das Nachwuchstraining bauen möchte. Jochen Behle und Werner Weigelt, der Präsident des Hessischen Skiverbandes, befürchten das Aus für das Millionenprojekt. „Die Aberkennung als Bundesstützpunkt beinhaltet alle Fördermaßnahmen, die eingeplant sind. Kein Bundesstützpunkt, keine Bundesförderung“, so der ehemalige Skilanglauf-Bundestrainer.
Auch die Sportinternate in Winterberg und Willingen könnten geschlossen werden. „Und dann bekommen auch das Geschwister-Scholl-Gymnasium in Winterberg sowie die Uplandschule Willingen ihren Status als „Eliteschule des Sports aberkannt. Das ist das katastrophale an der Entscheidung“, erklärt Weigelt. Daran hängt zum Beispiel wieder die Finanzierung der Lehrertrainer. Das alles, so Jochen Behle, passiere zwar alles nicht von jetzt auf gleich. Doch insgesamt wäre es ein „gravierender Schlag für den Leistungssport“.
Das Willinger Internat hat ohnehin auf der Kippe gestanden. Ja, es sei „dünn besetzt“, sagt Behle. Auch ein Grund: Der HSV findet einfach keinen geeigneten Nachfolger für den nach Österreich abgewanderten Langlauftrainer Konstantin Zakhvatkin. Ein Langlauftalent wie Lou Delgado (Gersfeld) hat deshalb das Internat verlassen und ist nach Bayern gewechselt. Im Vorjahr war bereits die Willingerin Ilva Kesper den gleichen Weg gegangen.

Warum sind Bundesstützpunkte Nachwuchs wieder ein Thema?
Beim DOSB und im BMI habe man umgedacht, sagt Behle. Er hält die Rückkehr zu Nachwuchsstützpunkten für wahrscheinlich – „weil sie gemerkt haben: Irgendwo müssen die Nachwuchssportler ja herkommen“, Die fünf verbleibenden großen Stützpunkte für Ski Nordisch könnten ihre Sportler ja keineswegs alle selbst heranziehen.

Wie realistisch ist die Hoffnung für Winterberg-Willingen auf eine Zukunft als Nachwuchs-Stützpunkt?
Die Entscheidung, ob die Stützpunkte kommen, trifft der DOSB im Dezember. Fällt sie positiv aus, werde man die Anerkennung beantragen, so Behle. „Das würde uns weiterhelfen.“ Ein Nachwuchs-Stützpunkt würde etwa Gelder für die Finanzierung des Trainings von 14 bis 17 Jahre alten Talenten bekommen. Spekulation ist, ob es auch positive Effekte für den Fortbestand des Internats gäbe. Werner Weigelt vom HSV rechnet dann im November 2023 mit der Bekanntgabe, wer Nachwuchs-Stützpunkt wird. „Unsere Chancen stünden nicht schlecht“, schätzt er.

Und wenn es keine Anerkennung als Bundesstützpunkt Nachwuchs gibt?
Wenn nicht alternative Finanzierungsmodelle gefunden werden – dass etwa die Vereine einspringen oder das Land Hessen – sieht Jochen Behle schlicht Talentsichtung und -förderung durch Kinder- und Jugendtraining nicht mehr gewährleistet. „Wenn du die Nebenstützpunkte, die Zulieferer, wie wir es ja immer waren, alle totmachst, hast du irgendwann aus der Region gar keine Sportler mehr.“ Das schade dem gesamten deutschen Sport.

Auf jeden Fall arbeiten wir bis Ende der Saison weiter wie bisher.

Stützpunkt-Sportdirektor Jochen Behle

Wie geht es kurzfristig weiter?
Zunächst mal gehe die Arbeit ganz normal weiter, sagt Behle. „Das Land hat signalisiert, zunächst alles weiterlaufen zu lassen, die Trainer, die in der Anstellung sind, können normal weiterarbeiten.“ Auch die Gelder für Trainingslager und Wettkämpfe seien da. „Auf jeden Fall arbeiten wir bis Ende der Saison weiter wie bisher.“

Auf was hatten die Verantwortlichen am Stützpunkt gehofft, wenn sie die Zahlen doch kannten?
„Wir hatten schon mit einem Übergang auch in der Anerkennung gerechnet“, sagt Behle. Zwei Jahre hätten sie sich gewünscht – wegen des erhofften Comebacks als Nachwuchsstützpunkt. Seine Sorge: Vielleicht werde jetzt „kaputt gemacht“, was, wenn es eine Zukunft für Winterberg-Willingen gibt, wieder aufgebaut werden müsste. (Dirk Schäfer/Gerhard Menkel)

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