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50 Jahre Olympia: Was Wilfried und Dieter Schnatz aus Rhadern 1972 in München erlebten

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München 1972: Dieter Schnatz aus Rhadern (rechts) verfolgt die Leichtathletik-Wettkämpfe im Olympiastadion
Erinnerungen an München vor 50 Jahren: Dieter Schnatz aus Rhadern (vorne rechts) verfolgte die Leichtathletik-Wettkämpfe im Olympiastadion. © pr

Olympia 1972 in München ist ein großes Thema dieser Tage. Nicht nur im TV. Auch für Wilfried Schnatz aus Rhadern. Er war einer der deutschen Olympia-Fans, die sich das Erlebnis nicht nehmen lassen wollten.

Wilfried Schnatz erinnert sich an die Tage in München mit seinem Bruder Dieter vor ziemlich genau 50 Jahren – hier sein Erlebnisbericht.

Vom 29. August bis 3. September 1972 erfüllte sich unser Traum die Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen live mit zu erleben. Für meinen Bruder Dieter (damals 18 Jahre) und mich (21 Jahre) erfüllten sich nicht alle Kartenwünsche. Aber wir hatten Tickets für fünf Wettbewerbe bekommen.

Wir reisten – gut versorgt mit Schnitzel von Mutti – am 29. August mit meinem VW-Käfer an und führen morgens gegen 5 Uhr auf einen bewachten Parkplatz im Olympiapark. Da wir noch sehr jung waren und nur über wenig Geld verfügten (Dieter hatte gerade die Schule verlassen, ich leistete meinen Wehrdienst beim BGS ab) hatten wir die Übernachtungen im Auto geplant. Die Parkgebühren im Olympiapark sparten wir schon mal, weil wir so früh dort waren, dass die Kassenhäuschen noch nicht geöffnet waren. Wir steckten eine Parkkarte hinter den Scheibenwischer, die wir gefunden hatten. .

Nach der Ankunft erkundeten wir zunächst den Olympiapark mit seinen Wettkampfstätten. Vor allem die atemberaubende Konstruktion des Olympiastadions mit seinem Zeltdach beeindruckte uns vom ersten Tag an.

Wilfried und Dieter Schnatz: Auch ohne Karte beim Weitsprung-Gold dabei

Nachdem wir am Folgetag die Geländeprüfungen in der Military erlebt hatten, war der zweite Tag der erste Höhepunkt: Erstmals sahen wir ein Fußballspiel live im Stadion. Vor gut 70 000 Zuschauern besiegte die Bundesrepublik Deutschland die USA mit 7:0 – mit vier Toren vom Frankfurter Idol Bernd Nickel.

Der 31. August 1972 sollte der Höhepunkt unseres Erlebnisses werden. Wir hatten Eintrittskarten für das Olympiastadion zu den Vormittagswettkämpfen der Leichtathletik. Unter anderem sahen wir die Qualifikation im Weitsprung der Frauen mit Weltrekordlerin Heide Rosendahl, Angelika Liebsch (DDR), Diana Jorgowa und Eva Suranowa (beide Bulgarien). Unter unseren Augen erreichte alle diese Favoritinnen das Finale am Nachmittag.

Olympia 1972 in München: Wilfried Schnatz aus Rhadern (rechts) im Stadion neben dem Olympischen Feuer.
Olympia 1972 in München: Wilfried Schnatz aus Rhadern (rechts) im Stadion neben dem Olympischen Feuer. © pr

Wie alle anderen Besucher sollten wir gegen Mittag das Olympiastadion verlassen, da die Finalwettkämpfe ab 14.30 Uhr beginnen sollten. Wir hatten leider keine Tickets dafür ergattern können. Trotz mehrfacher Aufforderung durch die Lautsprecher leerte sich das Stadion dann aber nur sehr zögernd. Auch mein Bruder und ich verließen das Stadion zunächst nicht. Da die Zeit drängte (schließlich standen vor dem Olympiastadion bereits Tausende, die auf Einlass warteten), entschloss man sich, die verbliebenen Zuschauer mit Polizeiketten heraus zu drängen. Dieter und ich flüchteten wie hunderte andere Zuschauer auf die Toiletten (Dieter erwischte dabei noch eine Einzelkabine). Auch die räumte die Polizei nach einiger Zeit.

Aber wir hatten Glück: Gut 90 Minuten vor Beginn der Nachmittags-Veranstaltung öffneten sich die Tore für die Besucher mit gültigen Eintrittskarten und man löste die Polizeiketten auf, obwohl noch mindestens 1000 Besucher von vormittags drin waren. Auch Dieter (den ich allerdings inzwischen verloren hatte) und ich. Nachdem ich, wie viele andere, einen Zaun überwunden hatte, war ich im Stadioninnenbereich zurück. Hier konnte ich das Finale ohne Karte live mit erleben.

Erinnerungen an Olympia 1972: „Man hätte eine Nadel fallen hören können“

Zu Beginn der Wettkämpfe schockte Heide Rosendahl mit einer Weite von 6,78 Mete bereits im ersten Versuch die Konkurrenz. 80 000 Zuschauer jubelten. Während die Mitfavoritinnen Jorgowa und Suranova sich von Sprung zu Sprung steigerten, schied Angelika Liebsch (DDR) nach drei Versuchen mit 6,23 m vorzeitig aus. Jorgowa (6,77 m) und Suranova (6,67 m) kamen im vierten Versuch Heide Rosendahl sehr nahe. Im sechsten und letzten Sprung erreichte die Dramatik ihren Höhepunkt. Heide Rosendahl (6,71) und Eva Suranova konnten sich nicht mehr verbessern. Bei Diana Jorgowa spritze der Sand verdächtig an der Sieben-Meter-Marke. War das die Goldmedaille?

Im Stadion war es still, man hätte eine Nadel fallen hören können. Doch plötzlich hob der Kampfrichter die „rote Fahne“ – ungültig. Der Jubel im Stadion kannte keine Grenzen mehr, selbst Zuschauer aus der ehemaligen DDR neben mir applaudierten. Heide Rosendahl holte die erste Goldmedaille für die Mannschaft der BRD bei diesen Spielen. Später führte sie ja die 100-Meter-Staffel der Frauen zu einer weiteren Goldmedaille, im Fünfkampf fehlte ihr „ein Schritt“ zum dritten Gold.

Olympia vor 50 Jahren in München. Wilfried und Dieter Schnatz aus Rhadern waren dabei. Unter anderem sahen sie einige Ruderentscheidungen in Oberschleißheim. Hier der Gold-Vierer mit Steuermann auf der Regattastrecke.
Olympia vor 50 Jahren in München. Wilfried und Dieter Schnatz aus Rhadern waren dabei. Unter anderem sahen sie einige Ruderentscheidungen in Oberschleißheim. Hier der Gold-Vierer mit Steuermann auf der Regattastrecke. © pr

Erst abends nach den Finalwettkämpfen traf ich übrigens meinen Bruder vor dem Stadion wieder. Am 1. September verfolgten wir die Viertel- und Halbfinals im Bahnradsport. Am Tag darauf mussten wir für die Endläufe im Rudern zur Regattastrecke nach Oberschleißheim. So wie viele andere auch. Wir hatten uns schon damit abgefunden, zumindest einen Teil der Wettkämpfe zu verpassen, als wir doch noch einen Stehplatz in einem der letzten Zubringer-Busse bekamen.

Ein Glück war auch, dass der Busfahrer auf der Fahrt nach Oberschleißheim fast ausschließlich die linke Fahrbahn benutzte; der Gegenverkehr musste teilweise warten, rechts überholten wir unzählige andere Fahrzeuge. Nachdem wir den Busfahrer mit Applaus verabschiedeten, konnten wir noch rechtzeitig auf der Zuschauertribüne Platz nehmen.

Etwas enttäuschend war, dass anschließend nur der „Herren Vierer mit Steuermann“ eine Gold- und der „Herren Vierer ohne Steuermann“ eine Bronzemedaille holten. Ein eher mageres Erebnis für die sonst so erfolgsverwöhnten westdeutschen Ruderer.

Samstag, der 2. September war für uns der letzte Tag in München. Bereits in den frühen Morgenstunden des Sonntags ging unsere Fahrt zurück nach Rhadern. Schließlich wollten wir nachmittags für die SG Lichtenfels noch die Fußballschuhe schnüren.

Insgesamt bleiben die gesehenen Wettkämpfe, die tolle heitere Stimmung und Atmosphäre in den Stadien, aber auch der schöne „Waldecker Abend“ in einem der Lokale in der Innenstadt in unvergesslicher angenehmer Erinnerung. Im Nachhinein waren wir froh, dass wir den Terroranschlag am 5. September 1972 auf die israelische Mannschaft nicht vor Ort mit erlebten.

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