Reitsport und Corona

Wie reagieren die Pferde in der Pandemie? Ein Reiter sucht nach Antworten

Markus Engelhard halb verdeckt vom Kopf des Springpferds Cuno.
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Ein Duo, das sich gut versteht: Markus Engelhard und Springpferd Cuno.

Wie das Corona-Virus die Amateursportler ausbremst, ist bekannt, aber wie reagieren Pferde, die Reitsport betreiben, auf die Pandemie? Wir haben Markus Engelhard gebeten, sich in die Rolle des Pferdes zu versetzen und dessen veränderten Alltag zu erzählen.

Adorf – Jeder ist gern das beste Pferd im Stall. Cuno hat sich im Stall von Markus Engelhard auf diese Position hochgearbeitet. Seit acht Jahren trainieren der 12-jährige Schimmel und der 43 Jahre alte Adorfer auf und neben dem Parcours zusammen mit dem Ziel, beim Ritt über die Hindernisse mit den Hufen keine Stange zu Boden werfen. Die beiden waren wie jeder andere Wettkampfsportler auch jahrelang in ihrem Trott, bis Corona auch sie aus dem Tritt brachte.

Es traf dieses Duo aber nicht so hart wie die Amateurreiter und deren Tiere, die nach dem Saisonausfall im vergangenen Jahr nun darauf hoffen, dass sie zumindest in der zweiten Jahreshälfte wieder Turniere reiten dürfen. Profis durften weiterhin Wettkämpfe ohne Zuschauer mit Hygieneauflagen bestreiten.

Zu diesem Kreis zählt Engelhard, seit er sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Er sattelte vom Schreiner zum Bereiter um, zunächst in einem Betrieb in Paderborn, dann machte er sich selbstständig und bildet in Adorf Pferde aus. Als Cuno als Vierjähriger zu ihm kam, hatte er keinen langen Anfahrtsweg, denn er stammt aus Vöhl, wo ihn Burkhard und Carola Seibel aufzogen.

Mensch sendet dem Pferd Startsignal

Engelhard hat länger überlegt, ob er sich für uns in die Rolle des Pferdes versetzen soll. „Das ist schwierig, auch für mich als Pferdemann“, betont der Adorfer, weil er dabei unbedingt vermeiden will, dass man das Verhalten der Tiere zu sehr vermenschlicht.

Deshalb lautet sein Hauptsatz bei dieser Aufgabe: „Das Pferd bekommt Corona nicht mit, ihm ist es egal, ob es im April oder im Juni zum Turnier fährt.“ Doch je mehr er versucht, sich in den Alltag eines Pferdes hineinzudenken, desto deutlicher wird: Auch die Vierbeiner lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren, sie reagieren individuell auf die Wettkampfpause, weil sich dadurch Ernährung, Trainingsintensität oder bestimmte Tagesabläufe verändern.

Cuno könnte nun sagen: „Ich durfte in diesem Jahr schon ein paar Mal zu Turnieren fahren, aber dann kam im März doch das Aus auch für mich, weil der Herpes-Virus ausgebrach.“ Damit hatten auch die Pferde ihre Seuche, die den Tod bedeuten kann.

Wie reagiert ein gut trainiertes Pferd auf einen längeren Turnierausfall? Engelhard hat unterschiedliche Verhaltensweisen beobachtet. „Pferde, die alle 14 Tage zum Turnier fahren und dann lange nicht, sind aufgeregter und gestresster, wenn es wieder los geht“, sagt er und präsentiert gleich das Gegenbeispiel: „,Eine Stute von uns war wegen einer Verletzung ein Jahr und acht Monate bei keinem Turnier, und als es für sie wieder losging, hat sie sich so verhalten als ob es diese lange Pause für sie nicht gegeben hätte.“

Doch der Mensch sendet durch Rituale vor einem Turnier den Tieren auch Startsignale. „Die älteren Pferde wissen schon einen Tag vorher, wenn der Transporter vorfährt oder ihre Mähne eingeflochten und gewaschen wird, dass sie wieder los dürfen.“ Und beim Lampenfieber vor dem Auftritt gleichen sich Mensch und Pferd. Das eine ist nervös, will nicht in den Lastwagen, das andere geht entspannt hinein und ruht dort in sich. Cuno braucht etwas Lampenfieber vor dem Wettkampf, es scheint ihn anzuspornen. Engelhard lobt sein bestes Pferd im Stall: „Er ist etwas Besonderes, weil er eine gute Einstellung zum Turniersport hat. Cuno ist ein hundertprozentiges Verlasspferd.“

Tierische Freude an der Siegerehrung

In den Lockdown-Phasen hat Engelhard mit seinen zwei Turnierpferden maßvoll weitertrainiert, sodass deren Leistungsniveau stets auf Habachtstellung stand. Der 43-jährige Familienvater sieht durchaus positive Aspekte in der langen Turnierpause. „Ich konnte mir dadurch mehr Zeit für die Ausbildung der jungen Pferde nehmen und bei allen Tieren zusätzliche gymnastische Übungen einbauen.” Er bevorzugte auch vermehrt Spazierenreiten im Gelände, statt Springreiten auf dem Platz.

Bemerkt ein Pferd, wenn die Trainingsintensität nachlässt? Cuno schweigt dazu. Sein Reiter weiß auch keine genaue Antwort: „Eher nein, alle Pferde müssen täglich am Laufen gehalten werden. Sie würden am ehesten in der Saisonvorbereitungsphase Unterschiede bemerken, aber nicht während der Saison, denn wenn wöchentlich ein Turnier ansteht, wird unter der Woche eher verhaltener trainiert.“

Noch Luft nach oben: Markus Engelhard startet mit Cuno für den westfälischen Verein RFV Altenautal. Sie schafften kürzlich erstmals eine Platzierung in einem Drei-Sterne-Springen.

Dass dem Sportler die Zuschauer als zusätzlicher Motivator fehlen ist eindeutig. Gilt das auch für Pferde? Engelhard muss einige Sekunden darüber nachdenken: „Ich glaube nicht, dass Pferde sagen würden, ohne Zuschauer macht mir das keinen Spaß, aber sie reagieren durchaus auf Musik, etwa beim Einreiten und auch auf den Beifall der Zuschauer.“

Genau wie beim Menschen könne Applaus vor dem Ritt die Motivation und die Aufmerksamkeit erhöhen. Allerdinges könne Beifall von den Ränge bei Pferden auch negative Reaktionen auslösen. Manche Pferde leben für die Siegerehrung. „Sie freuen sich, wenn sie einreiten, ihnen die Schleife an die Trense gehängt wird und auf die Ehrenrunde im Galopp.“ Andere wiederum scheuen sich vor der Preisübergabe.

Einstellung von Pferd zu Pferd unterschiedlich

Wenn das Pferd nach seinem Hindernislauf vom Reiter gelobt wird, spürt es auch dessen Gemütsverfassung. „Ich versuche danach, immer zu loben, egal wie es im Parcours war“, erzählt der Adorfer. Er bezweifelt aber, dass ein Pferd weiß, wann es fehlerlos gegangen ist. „Die meisten bemerken schon, dass ein Fehler nicht so toll ist, aber einige Fehler bemerken die Tiere erst gar nicht.“

Engelhard glaubt nicht, dass ein Pferd vor dem Start weiß, ich darf gleich keine Stange berühren. „Es denkt schon ans Springen und es will sich dabei an den Stangen auch nicht weh tun.“ Dennoch gebe es durchaus Parallelen zum Sportler, manche Tiere seien im Wettkampf vorsichtiger, nervöser oder risikobereiter als andere. Auch die Einstellung zum Sport sei von Pferd zu Pferd unterschiedlich.

Und in Richtung Tierschutz sagt der Profi: „Wenn ein Pferd nicht über das Hindernis springen wollte, könnte der Reiter es auch nicht darüber bringen. Die wollen den Sport auch selbst und die Zusammenarbeit mit dem Reiter.“ Dieses gegenseitige Vertrauen müsse man sich mit dem Tier erarbeiten.

Benötigt ein Pferd vor dem Sprung überhaupt die Signale des Reiters? Weiß es nicht selbst, wann es abspringen muss? Natürlich könnte ein Pferd auch allein über das Hindernis springen, meint Engelhard, aber der Reiter helfe ihm dabei, vor allem, den richtigen Abstand zum Hindernis einzuschätzen. Ein guter Reiter gebe dem Tier Impulse, die wiederum von Pferd zu Pferd unterschiedlich seien. „Bei dem einen schnalze ich mit der Zunge, dass es schneller wird, bei anderen sage ich, hoho oder brrr, dass es langsamer, ruhiger wird, auf mich wartet und nicht auf Eigeninitiative losstartet.“ Es liege oft auch am Reiter, wenn das Pferd nicht den richtig getakteten Galoppschritt habe.

Belohnungsmöhre fehlt den Tieren nicht

Bleibt noch die Ernährung in der Lockdownphase. Wer kein Sport mehr treiben darf, benötigt auch nicht mehr so viel Energie. Für Engelhards Pferde änderte sich der Ernährungsplan kaum. „Viel Rauhfutter, wie Heu oder Gras, da ist es egal ob Sport oder nicht Sport, das ist wichtig für das Kauverhalten.“

Die Hauptenergiezufuhr über Eiweiß erfolgt durch Hafer und Mineralfutter im Frühjahr auch über junges Gras. Daher sollte anfangs der Weidegang zeitlich eingeschränkt werden. Bei Bedarf füttere er auch Nahrungsergänzungsmittel. „Mit den Eiweißfuttermitteln kann ich spielen, geht das Pferd gerade kein Turnier, kann ich die Portion um die Hälfte reduzieren.“ Engelhard glaubt nicht, dass die Tiere an der Futtermenge erkennen können, ob die Saison läuft oder nicht. „Ein Pferd merkt nicht, ob es ein halbe oder eine ganze Kelle Hafer bekommt.“

Der Adorfer stellt seine Vierbeiner auch nicht auf die Waage. „Profis, die internationale Turniere reiten, tun das, weil deren Pferde noch bessere Leistungen erbringen müssen. Ich glaube, dass bei denen die Futterabstimmung noch hundertmal feiner ist als bei mir, da wird jedes Tier individuell gefüttert.“

Fehlt den Pferden in der Wettkampfpause zumindest die Belohnungsmöhre nach getaner Arbeit im Parcours? Auch daran glaubt Engelhard nicht. Allerdings, so sagt er, reiche ein Turnier aus, um beim Pferd wieder alte Reflexe zu wecken, dabei gehe der Kopf beim Ausreiten aus dem Parcours sofort nach links oder rechts zu dort stehenden Personen, weil sie denken, da gebe es ein Leckerchen. Ein toller Moment! Reiter und Pferd vermissen ihn sehr. (rsm)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.
Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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