Wildunger Siebenkämpferin im WLZ-Interview

„Die Leistung von Tokio macht mich ruhiger“ – Carolin Schäfers Lehren aus dem alten und Ziele für das neue Jahr

Nochmal gut gegangen: Carolin Schäfer kann aus dem siebten Platz bei Olympia, über den sie sich hier freut, viel Positives für die Saison 2022 ziehen.
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Nochmal gut gegangen: Carolin Schäfer kann aus dem siebten Platz bei Olympia, über den sie sich hier freut, viel Positives für die Saison 2022 ziehen.

Die Saison 2022 hat ihre Höhepunkte im Sommer. Begonnen hat sie für die meisten Leichtathleten schon Mitte/Ende September 2021. So auch für Carolin Schäfer.

Bad Wildungen/Frankfurt – Die Siebenkämpferin hat vor gut zwei Wochen den finalen Block des ersten Vorbereitungsteils abgeschlossen. Silvester unternahm sie einen Trip auf der Zugspitze. In der Heimat in Bad Wildungen war die 30-Jährige in den Tagen vor Weihnachten zu Besuch.„Familienzeit zum Entschleunigen“ nennt das die in Frankfurt lebende Leichtathletin, die vor der Entschleunigung schon wieder mit Tempo trainiert hat. Vielleicht hat die Siebenkämpferin das noch nie so gerne gemacht wie in diesem Herbst, nachdem das halbe Jahr davor so sehr von den Nachwirkungen der Corona-Impfung gezeichnet war.

Im Interview blickt Schäfer darauf zurück, aber auch nach vorn. Schließlich gibt es im neuen Jahr WM- und EM-Medaillen zu gewinnen.

Frau Schäfer, Ihr letztes Reiseziel vor Bad Wildungen hieß Rotenburg ob der Tauber. Weniger aus sportlichen Gesichtspunkten, sondern als Ausflugsziel zu ihrem 30. Geburtstag Anfang Dezember. Ist die dritte Null für sie ein Grund, um innezuhalten und über das Leben zu philosophieren?
30 ist schon eine Schallmauer, aber am Ende ist es aber doch nur eine Zahl. Ich bin ein reflektierter Mensch und reflektiere in jedem Jahr, nicht nur weil ich jetzt 30 bin, was war gut, was war schlecht, was ist alles passiert. Zumal es im Sport ohnehin individuell ist, wie lange man ihn noch ausüben kann. Ich fühle mich im Moment gut, mein Körper ist gesund, und an die 30 habe ich mich gewöhnt, obwohl: Ich bin jetzt schon 15 Jahre im internationalen Geschäft, das ist schon eine lange Zeit.
Wenn Sie das Jahr 2021 reflektieren, welches Schlagwort steht drüber?
Ich muss ehrlich sagen: Bei dem Ergebnis bei den Olympischen Spielen in Tokio überwiegt echt der Stolz. Wenn man mich gesehen hätte in den acht Wochen Vorbereitungszeit für die Spiele, dieses ständige Pendeln zwischen der Verzweiflung und der Hoffnung, dass es noch irgendwie funktioniert. Dabei immer die Zeit im Nacken zu haben und auf der anderen Seite die körperliche Gesundheit voran zu treiben und sich sich die nötige Zeit zu geben – das war eine sehr, sehr harte Zeit. Dass ich da mit Platz sieben rausgehe, macht mich sehr stolz bzw. ich bin sehr stolz auf das Team um mich herum, weil ohne diese Menschen hätte ich das in der Zeit nicht schaffen können.
Es war für mich elementar, dass ich da so aufgefangen wurde durch meine Trainingsgruppe und Trainer, dass mir alternatives Trainings angeboten wurde und ich ein so gutes medizinisches Team hatte. Ich bin wirklich stolz darauf, dass ich die Saison noch so schaukeln konnte. Es hätte auch alles nach hinten losgehen können.
So wie Ihre Äußerung „Es war, als hätte man mir Gold gespritzt“ nach ihrer ersten Impfung. Und nach der zweiten ging die Misere los. Und in den sozialen Medien gab es nicht nur Mitleid...
Ich bin ein sehr ehrlicher und authentischer Athlet. Es war mir wichtig, gegenüber Verband und Öffentlichkeit transparent zu sein. Das heißt nicht, dass ich es bereut habe, mich impfen zu lassen; ganz im Gegenteil. Es sind eben Nebenwirkungen aufgetreten. Das musste man so akzeptieren und das Beste draus machen. Die Entscheidungen danach sind mir alles andere als leicht gefallen, also zum Beispiel auf meine Qualifikationswettkämpfe zu verzichten. Aber es war komplett richtig, den Fokus nur auf die Olympischen Spiele zu legen.
Es gab auch andere Athleten, die Nebenwirkungen hatten, aber keiner hat sich getraut, dass richtig zu kommunizieren. Aber das ist doch menschlich. Einerseits wollte ich transparent sein, andererseits brauchte ich die Ruhe und das abgeschottet sein, um mich auf mich selbst zu konzentrieren. Es war nicht immer einfach, das zu händeln und mir das Vertrauen des Verbandes zu erkämpfen. Aber wer mich kennt, weiß, dass ich nie irgendwo hinfahre, wenn ich nicht fit wäre. Wenn ich vor der Abreise nach Tokio durch meine Leistungen auf dem Papier sehe, es funktioniert nicht, dann habe ich bei Olympia nichts zu suchen, auch wenn ich nominiert worden wäre.
Wussten Sie vor dem Start in Tokio eigentlich, was sie drauf haben?
Der Testwettkampf in Frankfurt drei Wochen vor Abflug war für mich der Richtwert. Da habe ich gemerkt, ich habe wieder einen Zugriff auf meinen Körper und die Leistungen kommen wieder. Im Vorbereitungs-Trainingslager in Miyazaki ist der Knoten endlich geplatzt. Die Wärme, das abgeschottet sein, keine Presse vor Ort – das kam mir alles zu gute. Ich konnte mich nur um mich und meinen Körper kümmern. Es war, als wäre ein Schalter umgelegt worden und ich habe in diesen anderthalb Wochen wieder Leistung gebracht.
Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich bin da total selbstbewusst hingereist. Das bisschen Unsicherheit, sich blamieren zu können bleibt natürlich. Aber ich bin das Risiko eingegangen, weil ich ein Wettkampftyp bin und aus den vergangenen Jahren einen großen Erfahrungsschatz habe und mir das zugetraut habe.
Trotzdem blieb das Risiko, das Pensum nicht voll durchziehen zu können. Denn es war durch die Vorbereitung absehbar, dass ich nicht die Substanz hatte, um den Siebenkampf an zwei Tagen in der Qualität einheitlich durchzuziehen. Es wäre vermessen gewesen, das zu denken. Am Ende habe ich alles richtig entschieden. Es war für mich sehr sehr wichtig, mit Leistung in Tokio überzeugen zu können – und vor allem macht es mich im Nachhinein ruhiger: Wenn ich sehe, dass ich mit solch einer schwierigen Vorbereitung bei Olympia 6419 Punkte machen kann, weiß ich, wie sehr ich mich auf meine Fähigkeiten und meinen Körper verlassen kann und was in mir steckt, wenn ich gesund durch die Vorbereitung gekommen wäre.
Das lässt hoffen für 2022. Wie ist der Stand der Vorbereitungen?
Ich bin echt sehr sehr happy, dass das gesamte Training bisher so erfolgreich gelaufen ist und dass ich verletzungsfrei durchgekommen bin. Die Trainingsleistungen stellen mich sehr zufrieden, sodass ich gut ins neue Jahr starten kann.
Beginnt das wieder mit einem Trainingslager oder müssen Sie wegen der neuen Pandemie-Welle zu Hause bleiben?
Das ist natürlich extrem schwierig zu planen. Eigentlich war Ende Februar Südafrika geplant gewesen. Im Moment steht das noch ein wenig in den Sternen. Wir überlegen, alternativ nach Gran Canaria zu fliegen. Wir müssen eben schauen, wie kalkulierbar das Risiko ist.
Welche Kriterien spielen bei der Auswahl eines Trainingslager eine Rolle?
Im Vordergrund steht die Wärme. Denn ein so genanntes Klima-Trainingslager ist im Frühjahr schon extrem wichtig. Aber es ist natürlich auch eine Frage des Tapetenwechsels. Wir haben in Mainz optimale Bedingungen. Aber es fällt einem irgendwann die Decke auf den Kopf und der Lagerkoller ist vorprogrammiert. Da ist es schön, wenn man mal was anderes sieht und mal raus ins Warme kommt.
Gleich zwei Höhepunkte stehen 2022 für die Leichtathleten an: Die Weltmeisterschaften in Eugene (USA) ab 15. Juli und die Europameisterschaft in München ab 15. August. Zwei Top-Wettkämpfe so dicht hintereinander: Ist das ein Problem?
Das ist schon ziemlich komplex und eine neue Herausforderung, aber auch ein neuer Anreiz. Denn bisher waren Europameisterschaften für Mehrkämpfer meist tabu, wenn sie im gleichen Jahr wie Olympia stattfanden. Es ist eine Frage der Trainingssteuerung. Hierbei geht für mich um Feinheiten bei der individuellen Trainingsausrichtung, weil ich natürlich an WM und EM teilnehmen möchte. Die WM ist natürlich höherwertig, aber sicherlich ist die EM in München emotional hochwertiger. Die Planung ist so, dass wir Ratingen (Meerkampf-Meeting am 7./8. Mai; Anm. d. Redaktion) als einzigen Qualifikations-Wettkampf ins Auge fassen, weil wir danach noch mehr als zwei Monate Zeit hätten bis Eugene, um beide Wettkämpfe optimal vorbereiten zu können.
Können wir schon über Medaillen und ihre Farbe plaudern oder lieber erst im Sommer?
Eine Medaille ist immer eine Wunschvorstellung, für die ich jeden Tag arbeite. Ob es eine wird, ist immer von vielem abhängig: Tagesform, Vorbereitung, und auch ein Quäntchen Glück. Ich bin fürs erste zufrieden, so wie der aktuelle Leistungsstand ist. Ich habe schon bei den Olympischen Spielen gesehen, dass wieder einiges möglich ist, wenn ich gesund bin und bleibe. Also von daher wäre eine Medaille immer schön, vor allem bei Titelkämpfen im eigenen Land.
Zum Ausblick auf 2022 gehört auch der Versuch, die Corona-Lage einschätzen zu können. Sehen Sie einen Weg, die Impfquote in Deutschland zu erhöhen? Anders gefragt: Haben Sie, auch angesichts Ihrer eigenen Erfahrungen, Verständnis dafür, wenn sich Menschen nicht impfen lassen wollen, etwa aus Angst vor Nebenwirkungen?
Ich persönlich bin bisher nur Sportlern begegnet, die immer nur für das Impfen waren. Wir alle wünschen uns wieder Normalität und aus sportlicher Sicht natürlich auch wieder volle Stadien bei Großereignissen und ein unbeschwertes Beisammensein. Die Angst vor einer möglichen Covid-Erkrankung und deren möglicher Langzeitwirkung überwiegt gegenüber der Impfung und deren möglichen Impfreaktionen.
Ich hoffe, dass selbst die, die sich noch Gedanken um das Thema machen, noch überzeugt werden und die Entscheidung treffen, sich impfen zu lassen, damit wir schnellstmöglich wieder alle ein normales Leben führen können. Ich glaube, es ist immer schwierig, Menschen unter Druck zu setzen, sich impfen zu lassen. Aus meiner Sicht ist es sinnvoller, die Menschen durch aufklärende Gespräche davon zu überzeugen, dass die Impfung der richtige Weg ist. (schä)

Wenn du keinen Zugriff auf den Körper hast: die Leidenszeit der Caro Schäfer

Wie ist es Carolin Schäfer ergangen in der Leidenszeit nach der zweiten Covid19-Impfung und den bald auftretenden Nebenwirkungen?

„Dir sind ja die Hände gebunden“, beginnt Schäfer ihren gedanklichen Rückblick. „Wenn du morgens aufwachst und nicht weißt, ob ein besserer Tag ist als gestern oder du merkst nach dem Warmlaufen, dass dein Blutdruck so hoch ist, dass du nicht richtig trainieren kannst. Mein Körper ist mein Kapital. Aber wenn du keinen Zugriff darauf hast, ist das eine echte Tortur“, beschreibt die 30-Jährige die physische wie psychische Handbremse, mit der sie ihren Trainingsalltag bewältigen musste.

Wobei an Alltag eigentlich gar nicht zu denken war. Stattdessen war Improvisation und Alternativtraining angesagt. Beispiel Kugelstoßen. Selbst ein Standstoß funktionierte nicht bei Caro Schäfer, wie sie berichtet. „Ich habe dann teilweise nur 12 Meter gestoßen. Also mussten wir überlegen, wie kriege ich die Muskulatur und das Nervensystem aktiviert? Beispielsweise musste ich dann fünf Stöße mit dem Medizinball an die Wand machen und dann sofort die Kugel in die Hand nehmen und stoßen.“

Lange Tempoläufe seien gar nicht drin gewesen, um das System nicht zu überlasten. Und bei Sprints mussten die Pausen extrem lang sein, um sich zu erholen, so die Wildungerin. Dreimal wöchentlich ging es ins sportmedizinische Institut, um mittels Laufanalyse zu sehen, ob eine Entwicklung erkennbar ist, wie gut Fettstoffwechsel und Laktatwerte sind.

Ich hatte keinen Trainingsplan mehr. Aber jeder mich kennt, weiß: Ich bin absoluter Trainingsplansklave. Wenn ich keinen Trainingsplan habe, ist das für mich die größte Bestrafung“, sagt Schäfer mit Blick auf das tägliche „aufstehen und gucken, was geht“. Es leuchtet ein, dass einem da manchmal sogar so eine nette Frage wie „Wie geht es Dir heute?“ auf die Nerven gehen kann. (schä)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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