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Willinger Jens Krüger am Ziel: Erster Länderkampf der deutschen Turn-Senioren in Japan

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Turngeschichte geschrieben: (v.l.) Sebastian Merker, Frank Pollmeier, Maik Schäfer , Roland Hagner , Wilfried Hofer, Jens Krueger und Jan Anselm haben die deutschen Farben beim ersten Turnländerkampf der Senioren in Japan vertreten.
Turngeschichte geschrieben: (v.l.) Sebastian Merker, Frank Pollmeier, Maik Schäfer , Roland Hagner , Wilfried Hofer, Jens Krueger und Jan Anselm haben die deutschen Farben beim ersten Turnländerkampf der Senioren in Japan vertreten. © pr

Er ist geturnt. Der erste Senioren-Turnländerkampf ist Geschichte und damit hat der gebürtige Willinger Jens Krüger sein Ziel erreicht. Japan besiegte Deutschland 163,65:162,96.

Tokio/Willingen – Aber Sieg und Niederlage waren Nebensache bei diesem turnerischen Wettstreit, der in der Arena Tachikawa-Tachihi in Tokio stattfand. Krüger ist ein leidenschaftlicher Turner, er hat es bis in die 3. Bundesliga geschafft und geht mit seinen 54 Jahren immer noch an die Geräte. Doch Barren, Reck und Pferd stehen für ihn seit rund zehn Jahren in einer Halle in Tokio. Er arbeitet dort für einen deutschen Autobauer.

Durch das Training mit japanischen Turnern kam ihm vor einigen Jahren die Idee, einen Turnländerkampf der Senioren zu veranstalten. Diese Idee hatte scheinbar noch niemand vor ihm gehabt, denn Ländervergleiche zwischen Turnern in den Altersklassen ab Ü30 gab es bisher nicht.

Sieben Turner blieben übrig

Das war für den gebürtigen Willinger ein Anreiz mehr, einen Turnländerkampf auf die Beine zu stellen. Der erste Schritt dorthin, war eine Anfrage beim Deutschen Turnerbund (DTB). Doch dort stieß Willinger mit seinem Vorhaben auf wenig Interesse. „Der DTB hat den Länderkampf nur erlaubt, aber nicht aktiv unterstützt“, erzählt Krüger. Dann organisiere ich es eben allein, sagte er sich.

Zunächst fragte er bei der deutschen Seniorenmeisterschaft im Turnerlager nach, wer Lust auf einen Länderkampf habe. Von mehreren Zusagen am Anfang blieben am Ende nur noch sechs Turner übrig: Sebastian Merker (31 Jahre/HSV Weimar), Frank Pollmeier (49/TuS Leopoldshütte), Maik Schäfer (57/Bonner TV), Roland Hagner (50/KTV Ries), Wilfried Hofer (55/KTV Ries) und Jan Anselm (34/KTV Straubenhardt).

Sportler zahlen alles aus der eigenen Tasche

Doch die reichten aus, um den Wettkampf auszutragen. Krüger schien 2019 schon alle Hürden übersprungen zu haben, da stellte ihm Corona ein unüberwindbares Pandemie-Hindernis in den Weg. Als das endlich wieder fiel, kramte er seine Pläne erneut hervor. Die Interessenslage beim DTB hatte sich nicht verändert, aber auch der japanische Turnverband distanzierte sich anfangs von einem offiziellen Altersklassen-Senioren-Länderkampf mit Turnern im Alter von 30 bis 70 Jahren. Nun hatten die Turner ein Problem: Der DTB war zwar bereit, Trikots und Trainingsanzüge zu bestellen, damit auch der Bundesadler auf dem Hemd erscheinen darf, aber die Kosten dafür und auch alle weiteren, wie etwa den Flug nach Japan, mussten aber die sieben Sportler selbst übernehmen.

Den japanischen Turnern ging es nicht anders. Sie durften anfangs nicht die Nationalflagge auf ihren Trikots tragen. Allerdings stellte sich der japanische Verband ebenfalls nicht gegen diesen Länderkampf, denn er übernahm zumindest die Visa Bürgschaft für die deutsche Mannschaft. „Das war der Kick, der Auslöser für alles“, betont Krüger, denn Japan hatte seit drei Jahren wegen Corona keine Ausländer mehr ins Land gelassen und ohne diese Hilfe des Verbandes hätte der Länderkampf nicht stattgefunden.

Doch mit den Vorgaben der Verbände wollte sich Krüger nicht abfinden und er hatte noch einen Joker im Ärmel: die deutsche Botschaft in Japan. Er schrieb einen Brief dorthin mit der Ankündigung, dass erstmals ein deutsches Turn-Senioren-Nationalteam zu einem Länderkampf nach Japan komme. Und die Reaktion darauf war positiv: „Der Botschafter Clemens von Goetze zeigte sich uns gegenüber offen und organisierte für beide Mannschaften einen Empfang“, erzählt Krüger.

Hier schien Corona auch mal einen positiven Effekt zu haben, denn „die Botschafter hatten zu diesem Zeitpunkt noch sehr wenige Empfänge und Clemens von Goetze nahm sich daher viel Zeit für uns - zweieinhalb Stunden“.

„Die Nationalhymne zu hören, war schon cool“

Mit diesem Treffen erhielt dieser Länderkampf einen viel höheren Stellenwert und eine politische Note, sodass der japanische Turnverband doch noch mit einstieg und dessen Präsident Zenjiro Yanagi bei dem Empfang eine kleine Rede für die Turnriegen beider Länder hielt.

Diese Zusammenkunft hatte Folgen: Die Japaner durften nun doch mit Nationalflagge auf ihrem Trikots antreten. Hinzu kam auch, dass Mitsuo Tsukahara sich für die Austragung dieses Länderkampfs aussprach. Das Wort des 74-jährigen fünffachen Turn-Olympiasiegers habe in Japan Gewicht, sagt Krüger.

Eine Grundidee für einen Senioren-Länderkampf musste wegen Personalmangels aber wieder verworfen werden. Es sollte jeweils ein Turner der Altersklassen Ü30 bis Ü70 in der Riege vertreten sein. Doch in der deutschen Mannschaft standen nur Turner im Alter von 31 bis 57 Jahren, der älteste japanische Sportler war 76 Jahre alt.

Rückkampf für das Jahr 2023 geplant

Der erste Ländervergleich der Senioren erhielt nach dem Botschaftsbesuch nun auch eine andere Bühne. Er wurde in die Wettkämpfe der japanischen Turnmeisterschaft eingebettet, hatte somit auch zahlreiche Zuschauer und die Nationalhymnen wurden auch gespielt. Und als Krüger diese Melodie hörte, wurde er schon ein wenig melancholisch. „Ewige drei Jahre hat es gedauert, bis wir es gepackt haben und dann stehen wir tatsächlich hier auf der Matte und hören die Nationalhymne. Das war schon cool.“

Doch der Willinger sieht seine Mission „Senioren-Turnländerkampf“ noch nicht als erfüllt an. Er möchte ihn nicht als einmalige Veranstaltung sehen, sondern als einen oder mehrere jährlich wiederkehrende Wettkämpfe, die dann im Terminkalender des DTB auftauchen. „Ich habe schon ein Gespräch mit DTB-Präsident Alfons Hölzl vereinbart.“ Außerdem sei ein Rückkampf mit den Japanern im Oktober 2023 geplant, erklärt Krüger.

Es gebe mittlerweile auch Anfragen für einen Länderkampf aus den USA, Norwegen und Lettland. Vielleicht treten zum Rückkampf neben Japan auch Riegen aus diesen Ländern an. „Es darf ruhig ein bisschen größer werden“, betont Krüger. Erst dann wäre seine Idee, auch eine historische Idee. (rsm)

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