Altes Gemüse ist wieder im Kommen

Pastinaken, Mangold, Knollenziest: Fast vergessener Genuss

+
Bunte Möhren

Pastinaken? Portulak? Puffbohnen? Spätestens beim Knollenziest, einem einst als Delikatesse geschätzten, zarten Wurzelgemüse, müssen die meisten Leute passen.

Wie so viele alte Gemüsesorten sind auch die Knollen oft aus den Gärten verschwunden. Strenge Saatgutgesetze und industrielle Lebensmittelproduktion taten ein Übriges, damit die früher viel größere Vielfalt an regionalem Gemüse nach und nach verschwand.

Um das zu ändern, engagiert sich Charlotte Ellerbrok in der Kasseler Regionalgruppe des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN). Der Verein mit Sitz in Witzenhausen will dazu beitragen, alte Sorten wieder in die Gärten zu bringen. Das mache Sinn, denn „Bauern- oder Landsorten“ seien schon früher durch private Vermehrung gut an die lokalen klimatischen Bedingungen angepasst gewesen. Es gab sogar eigene Sorten für verschiedene Verarbeitungsvarianten. Außerdem ging es bei der Züchtung vor allem um den Geschmack, sagt Ellerbrok.

Grünkohl "Ostfriesische Palme"

Mit dem kennt sich auch Reinhard Lühring aus dem niedersächsischen Rhauderfehn bestens aus. Er hat eine einst beliebte norddeutsche Grünkohlsorte – die laut Kennern sowohl geschmacklich auch hinsichtlich ihrer Wuchshöhe von 1,80 Meter überragende „Ostfriesische Palme“ – vor dem Vergessen gerettet. In den vergangenen Jahren hat der 51-jährige Biobauer, ebenfalls Mitglied im VEN, in ganz Ostfriesland über 30 alte Grünkohlsorten wiederentdeckt, die von Landwirten und Privatleuten seit Generationen angebaut und selbst weiter vermehrt wurden. Bei den „5 bis 6 im Handel erhältlichen Sorten“ sei an eine solche geschmackliche Vielfalt gar nicht zu denken. Die alten Sorten züchtet er nun weiter, damit Ertrag, Wuchs und Winterhärte heutige Ansprüche erfüllen. „Schon die Römer wussten „Brassica oleracea“ zu schätzen. Der Grünkohl stamme aus der gleichen Pflanzenfamilie wie Weißkohl, Rotkohl und Brokkoli und gelte im Norden als Nationalgericht, sagt Lühring. Seine „Palme“, deren alte ostfriesische Bezeichnung „Strunkkohl“ lautet, sei im Handel und selbst in Genbanken nicht mehr aufzutreiben, Saatgut gebe es aber als Hobbysorte online über dreschflegel-saatgut.de. Etliche erhaltenswerte, alte Sorten stellt auch der VEN im Internet vor. Auf nutzpflanzenvielfalt.dekönnen Gärtner Bewährtes entdecken, Saatgut ordern und ihren Geschmackshorizont erweitern. 

Bunter Mangold

Informationen

Pflanzenmarkt des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt, am Sonntag, 28. April, von 10 bis 17 Uhr im Gewächshaus für tropische Nutzpflanzen der Uni Kassel, Witzenhausen, Steinstraße 19, Tel. 0 55 42 98-12 31.

Praxistipps zu Anbau und Vermehrung zahlreicher alter Gemüsesorten sowie Saatgut, meist aus privater Erhaltung, bietet der VEN auf seiner Internetseite unter dieser Adresse an: zu.hna.de/altegemuese

GemüseSelbsternte mit alten Sorten bietet die Universität Kassel wieder ab Mitte Mai auf Parzellen bei der Domäne Frankenhausen bei Grebenstein und in Kassel-Waldau an. Info: Katharina Mittelstraß, Tel. 0 56 74/3 15.

Pastinaken

Alte Sorten zum Anbauen und Genießen

Kasseler Strünkchen: Lokale Spezialität, wird als Blattsalat zubereitet. Zudem werden die Blütenstiele der Pflanzen wie Spargel zubereitet. 

Grünkohl „Ostfriesische Palme“: Alte Landsorte mit krausen Blättern, die nach den ersten Frösten süßlich schmecken. Hingucker im Winter-Garten. 

Puffbohnen „Karmesin“: Sehr alte Gemüsesorte mit karmesinroten Blüten. Kann schon ab März gesät werden und ist ab August reif. Die Pflanzen wurzeln tief und lockern den Boden.

Grüner Sommer-Portulak: Sehr wüchsige, leicht salzige einjähriger Salat mit dicken fleischigen Blättern. Kann schon vier Wochen nach der Aussaat geschnitten und drei bis vier Monate lang beerntet werden. Enthält als eine von wenigen Gemüsearten Omega-3-Fettsäuren (für Veganer).

Pastinake „Halblange Weiße“: Süße, kegelförmige winterharte Wurzeln. Können auch im Winter frisch aus dem Garten geerntet werden und als Schmorgemüse zubereitet werden. 

Möhre „Violette Chantenay“: Zweijährige süße Sommersorte, außen violett, im Herzen orange. 

Knollenziest: Mehrjährige, nicht winterharte weiße Wurzelknöllchen, die roh gegessen oder in Butter gedünstet werden. Die vergessene Delikatesse ist ganz einfach per Ableger vermehrbar.

Knollenziest

Gemüse des Jahres 2019: Die Gurke

Wer bei Gurken nur an die grünen, schlanken, in Folie eingeschweißten Dinger aus dem Supermarktregal denkt, dem entgeht in Sachen Geschmack einiges: Es gibt nämlich nicht nur grüne Gurken, sondern auch weiße, gelbe und braunschalige Exemplare, die walzenförmig, kugelrund oder schlangenförmig geformt sein können. Berühmtheit als Symbol bürokratischer Regelwut erlangte der Krümmungsgrad der Gurke durch eine zeitweilige EU-Verordnung. Seither dürfen gehandelte Gurken wieder wachsen wie sie wollen. Der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) kürte sie zum „Gemüse des Jahres 2019“, einem Titel, mit dem der Verein seit 1999 auf den Rückgang alter Kulturpflanzen aufmerksam macht. Aktuell sind über die VEN-Saatgutliste 33 Sorten von Schlangen- und Salatgurken über Schmor-- bis zu Einlegegurken erhältlich. Echte Hingucker sind dabei gelbe Gurken wie „Apfelgurke“ und „Lemon“, aber auch die kugelige „Little Potatoe“ und die Netzgurke „Phoona Kheera“ sowie die braune „Sikkim“. Die Gurke gehört zur Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae) und gilt als das wasserreichste und kalorienärmste Gemüse schlechthin. Echte Fitnesskost also, für deren Erhalt sich der VEN durch die Verbreitung samenfester (und damit nachbaufähiger) Sorten einsetzt. Bei den im Fachhandel angebotenen Jungpflanzen handelt es sich oft um veredelte Sorten auf Kürbis-Sämlingen. Gurken lassen sich aber auch selbst aussäen. Ab Mitte April keimen die Samen in Töpfen auf der Fensterbank optimal bei 20 bis 25 Grad, können später etwas kühler stehen (aber nicht unter zehn Grad) und erst ab Mitte Mai ins humusreiche Freiland gesetzt werden. Dann ist aber auch noch eine Direktaussaat möglich. Die Pflanzen können kriechend am Boden kultiviert oder an einer Rankhilfe vertikal gezogen werden. Mit reichlich Gießwasser, das nicht zu kalt sein sollte, ist eine gute Ernte in Sicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.