1. Startseite
  2. Wohnen

Am Spalierbaum wächst Naschobst zum Greifen nah

Erstellt:

Von: Gisela Busch

Kommentare

Ideal auch für kleine Gärten: Spalier-Apfelbaum. Gärtnermeister Heinrich Niggemeyer zeigt, wie der Schnitt geht.
Ideal auch für kleine Gärten: Spalier-Apfelbaum. Gärtnermeister Heinrich Niggemeyer zeigt, wie der Schnitt geht. © Gisela Busch

Obstbäume, die wie botanische Kunstwerke aussehen, sind etwas aus der Mode geraten. Das ist schade, denn sie haben viele Vorteile und zudem eine lange Tradition: Gemeint sind Spalierbäume, die schon zur Barockzeit heiß begehrt waren und heute selbst in kleinste Gärten passen.

Ursprünglich erfunden wurden sie wohl von Mönchen, dann entdeckte Mitte des 17. Jahrhunderts der französische Adel die an Gerüsten zur gewünschten Form „erzogenen“ Obstgehölze als Zierwerk für seine prächtigen, höfisch-barocken Gärten. Diese Gartenkunst wurde aufwendig zelebriert und durch Erziehungsmethoden wie Anschneiden und Biegen ständig perfektioniert. Durch den Schnitt wird ihnen nur ein zweidimensionales Wachstum in Breite und Höhe gestattet.

Vor allem Äpfel und Birnen, aber auch wärmeliebende Steinobstarten wie Pfirsich und Aprikosen waren es, die damals aufgrund ihrer hübschen Blüten, ihres Fruchtschmuckes und als Kunstobjekte die weitläufigen barocken Gärten zierten. Sie wurden aber nicht nur bewundert, sondern auch als Naschobst geschätzt.

Spalierbäume sind ideal für kleine Gärten

„Heute sind die meisten Gärten sehr klein, deshalb lohnt es sich, die barocken Baumkunstwerke von einst unter ganz neuen Gesichtspunkten wiederzuentdecken: Spalierobst ist eine hervorragende Möglichkeit, platzsparend und vor allem auf ungenutztem Gartenraum – vor Mauern oder an Hauswänden – hochwertiges Obst selbst anzubauen“, sagt Dieter Levin-Schröder von der Gartenakademie Kassel im Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH). Sogar als Obsthecke, die zumindest im Sommer auch Sichtschutz bietet und zudem leckere, gut erreichbare Früchte liefert, die man ohne Leiter ernten kann, seien Spalierbäume beliebt.

Dieter Levin-Schröder Garten- akademie Kassel
Dieter Levin-Schröder Garten- akademie Kassel © Busch, Gisela

Spalierobst hat höhere Fruchtqualität

Neben dem geringeren Platzbedarf im Vergleich zu frei wachsenden Obstbäumen, so Levin-Schröder, sei auch die Fruchtqualität meist höher als bei „normal erzogenen“ Obstgehölzen, da alle Früchte die optimale Menge an Sonnenlicht, Luft und Wärme erhalten. Wählt man einen Standort mit günstigem Kleinklima wie zum Beispiel eine nach Süden ausgerichtete Hauswand, lassen sich dort auch besonders wärmeliebende Arten wie Pfirsiche, Aprikosen und Feigen erfolgreich anbauen. Auch die Gefahr für Spätfröste, die der Blüte den Garaus machen könnten, sei am geschützten Standort geringer – zudem könne man die eher kleinwüchsigen Spalierbäume bei Frostgefahr mit einem Vlies schützen. Für Bienen und andere für den Ernteerfolg wichtige Obstbestäuber wirkt eine von der Frühlingssonne aufgewärmte Hauswand zudem besonders einladend.

Spalierbäume: Schnitt braucht Zeit

Wer sich für Obstbaumschnitt interessiert, kann einen Spalierbaum ganz leicht selbst „erziehen“ (siehe Artikel unten). Vorgeformte Spalierobstbäume – zumeist in U-Form – sind auch in vielen Baumschulen erhältlich. Bei der Auswahl der für den Garten geeigneten Baumart sowie der standortgerechten Obstsorte informiert man sich am besten bei einer Baumschule vor Ort. Wer sich nur auf das Internet verlässt, gerät womöglich an eine Sorte, die im milden Weinbauklima prima gedeihen würde, es aber in rauen Lagen Nordhessens oder Südniedersachsens viel schwerer hat.

Beim Baumkauf auf Unterlage achten

Für die spätere Wuchsstärke ist grundsätzlich die Veredlungsunterlage eines Obstbaumes ausschlaggebend, nicht die veredelte Sorte. Deshalb empfiehlt der Gartenberater für kleinere Wände bei Äpfeln schwach- („M9“ oder „M26“) beziehungsweise mittelschwachwachsende Unterlagen („M106“) und bei Birnen die Unterlage „Pyrodwarf“ oder „Quitte“, die jeweils auf dem Sortenschild vermerkt seien. Bei Kernobst wie Aprikose, Pfirsich und Sauerkirsche (Süßkirschen eignen sich nicht als Spalier) kommen grundsätzlich alle gesunden und schmackhaften Sorten infrage.

Spalierschnitt bietet Schutz vor Krankheiten

Auch im Hinblick auf Pflanzenkrankheiten wie Birnengitterrost oder Kräuselkrankheit (bei Pfirsichen) bietet Spalierkultur einige Vorteile. An einem vor Regen geschützten Standort, wie einer Hauswand unterm Dachüberstand, seien solche Pilzkrankheiten deutlich weniger zu finden, sagt Levin-Schröder.

Beliebte Spalierformen

Baumschulen bieten unterschiedliche Arten von Formobstgehölzen an, deren junge Triebe bereits vorsichtig in die gewünschte Form gebogen wurden. Zu den häufigsten Spalierformen gehören:

Pflanzzeit im Herbst oder auch im Frühjahr

Bester Pflanzzeitpunkt für Spalierobst ist, ebenso wie für alle anderen Gehölze, in der Regel der Herbst. Nur frostempfindlichere Exemplare wie Pfirsiche, Aprikosen und Feigen kommen besser erst im Frühjahr in die Erde. Weil an Mauern und vor Hauswänden der Boden oft von schlechter Qualität oder verdichtet ist, sei es ratsam, das Pflanzloch doppelt so groß wie sonst auszuheben und den Untergrund aufzulockern.

Reichert man beim Pflanzen des Spalierbaums den womöglich schweren Unterboden dann noch etwas mit Blähton, Kies oder Splitt an und spendiert dem humosen Oberboden ein wenig Kompost oder Pflanzerde, kann man sich (bei richtiger Schnittpflege) schon nach ein paar Jahren einem klassischen Gartenkunstwerk erfreuen, das wohl auch den französischen Gärtnern der Barockzeit gefallen hätte.

So „erzieht“ man ein Obstgehölz zum Spalierbaum

Jeder Baum im Garten wächst von Natur aus in alle Himmelsrichtungen, nämlich immer dem Licht entgegen. Für ein Spalier ist diese natürliche Form aber gänzlich ungeeignet, weshalb dafür vorgesehene Bäumchen von Anfang an „erzogen“ werden müssen zum zweidimensionalen Wuchs: nur nach links, rechts und in die Höhe.

Heinrich Niggemeyer von der Baumschule Pflanzlust in Wolfhagen mit einem Spalierbaum
Heinrich Niggemeyer von der Baumschule Pflanzlust in Wolfhagen. © Gisela Busch

Auch sollte der Baum am Ende, damit Ernte und Pflege leicht fallen, nicht höher als etwa zwei Meter werden. Bei der „Erziehung“ werden ausgewählte, geeignete Äste am Spaliergerüst nach einer individuell gewählten Form festgebunden und alle überflüssigen mit der Astschere entfernt, erklärt Baumschul-Gärtnermeister Heinrich Niggemeyer von der Baumschule Pflanzlust aus Wolfhagen.

Das Gerüst besteht aus zwei Holzpfosten, je zwei Meter hoch, mit vier dazwischen übereinander in je 50 Zentimetern Abstand waagerecht gespannten Drähten oder Querlatten. Es sollte mindestens 40 Zentimeter Abstand zur Hauswand oder Mauer haben, damit eine Belüftung des Baums gewährleistet ist.

Ein Busch- oder Halbstamm ist für die Spaliererziehung ideal, da dieser auf einer schwachwüchsigen Unterlage veredelt wurde. Die zu erwartende Endhöhe liegt bei maximal drei bis vier Metern. Ein Hochstamm kann dagegen locker sechs bis acht Meter erreichen. Vom Stamm eines Buschbaums gehen in der Regel in etwa 50 bis 60 Zentimetern Höhe bereits die ersten Zweige seitlich ab.

Geeignete Seitentriebe, die noch jung und biegsam sind, können schon direkt nach dem Pflanzen im Herbst oder Frühjahr (bei frostempfindlichen Obstsorten) waagerecht mit mitteldickem Bindeband (zum Beispiel Sisal, das schneidet nicht ein) am untersten Draht befestigt werden. Diese „Leitäste“ bilden das künftige Grundgerüst des Spalierbaumes. Die waagerechte Bindung fördert (anders als beim natürlich wachsenden Obstbaum) zudem den Fruchtansatz. Die kurzen Fruchttriebe, die aus dem Leit-ast wachsen, können mehrere Jahre lang Obst tragen.

Nach dem Anbinden werden die noch jungen Leittriebe an der Spitze gekappt, um das weitere, in dieser Richtung sehr erwünschte Wachstum anzuregen. Gleichermaßen verfährt man mit weiteren Seitentrieben weiter oben in der zweiten, dritten und vierten Etage, wo ebenfalls nach links und rechts je nur ein(!) junger Zweig in etwa der richtigen Höhe behutsam waagerecht gebogen und am Draht befestigt wird. Alle weiteren, überflüssigen Zweige, die an falschen Stellen, nach vorn oder hinten wachsen, werden entfernt. „Die Form des künftigen Spalierbaumes wird vom Gärtner erzogen, nicht etwa geschnitten“, betont Niggemeyer.

Bei der Schnittpflege eines jeden Obstbaumes – egal ob er in einer individuell festgelegten Spalierform oder nach allen Seiten wachsen darf – kommt es vor allem auf den Zeitpunkt an: Denn je nachdem, ob man im Herbst/Winter oder aber im Sommer die Schere ansetzt, reagiere der Baum mit völlig unterschiedlichem Wuchsverhalten, erklärt der erfahrene Baumschulgärtner. Grundsätzlich gilt: Winterschnitt (laubloser Zustand) regt einen starken Austrieb an – und führt etwa an Apfelbäumen zu den gefürchteten „Wassertrieben“. Beim Sommerschnitt (belaubter Zustand) ist der Austrieb viel weniger stark. Deshalb sei es bei der Spaliererziehung wichtig, zu wissen, ob ein starker Austrieb an dem Trieb erwünscht ist oder eben nicht – und entsprechend den Schnittzeitpunkt auf den Herbst oder Sommer zu legen.

Wenn die gewünschte Spalierform nach ein paar Jahren erreicht sei, brauche der Baum, so Niggemeyer, im Prinzip nur noch zur Erhaltung der Form einen Pflegeschnitt – und zwar stets im Sommer.

Tipps und Links zum Spaliergärtnern

Tipps zum Spaliergärtnern gibt es auf der Website des Gartenjournals .
Über die Spaliererziehung eines Obstgehölzes informiert anschaulich Katis Gartenblog.
Über Spalierbaumschnitt informiert in einem Video auf Youtube der Blogger „Der Gartencoach“
Über Spalierobsthecken informiert online die Bayerische Gartenakademie.
Im Buch „Spalierobst im Garten“ (blv-Verlag) gibt der aus Kassel stammende Baumschulgärtner Heinrich Beltz, Leiter Sachgebiet Baumschulen bei der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Bad Zwischenahn, viele Tipps zu Anbau, Schnitt und Pflege.
Am Gartentelefon Kassel gibt Dieter Levin-Schröder praktische Hausgarten-Tipps, Tel. 05 61/72 99-3 77 (jeweils montags bis freitags, 9-11 Uhr, mittwochs 14-16 Uhr)

(Von Gisela Busch)

Auch interessant

Kommentare