Frühlingsblume von beinahe unwirklicher Schönheit

Aurikel ist die Diva im Frühlingsbeet

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Wie gemalt: Show-Aurikel „Grey Lag“.

Von den kargen Bergwiesen Südtirols schaffte sie es bis in die kunstvoll arrangierten Pflanzensammlungen der blumenverrückten (vor allem englischen) Herrschaftshäuser des frühen 18. Jahrhunderts: Die Aurikel.

Aber auch weniger solvente Gartenliebhaber in ganz Europa verfielen einst dem mitunter auch belächelten „Wahn“ um das farbenprächtige Primelgewächs – was einer weder exotischen noch seltenen Frühlingsblume erst mal so gelingen muss. Bis heute erobert die Primula Auricula als eine Art „lebende Antiquität“ Gärtnerherzen im Sturm.

Extravagant: die gefüllte „Fiddlers Green (double)“.

Damit kennt sich Ina Gebhardt aus dem brandenburgischen Heidesee nur allzu gut aus. Mit dem Erwerb von fünf Pflanzen aus einem Garten-Katalog begann für die Juristin eine „Leidenschaft fürs Leben“, der sie viele neue Freundschaften verdankt. Gemeinsam mit drei Mitsammler- und -züchterinnen aus Deutschland und Holland gewann Gebhardt für ihre Sammlung beim Fürstlichen Gartenfest in Fulda 2019 den „Landgraf von Hessen-Preis“.

Aurikel-Freundinnen: Ines Vogt aus Burtenbach bei Augsburg, Ina Ge bhardt aus Heidesee bei Berlin, Julia Boldt aus Erwitte bei Soest und Ina Ten Hove aus Zuidsbroek/Holland zusammen. 

Charakteristisch für Aurikeln ist eine weiße Schicht, die oft – mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt – auf Laub- und Blütenblättern zu finden ist. Diese „Farina“ (lat. für Mehl), erklärt Gebhardt, bildet sich aus Wachshärchen und dient der Pflanze als Schutz vor Verdunstung. Der pudrige Belag macht die Aurikeln attraktiv, aber auch empfindlich: „Eine neugierige dicke Hummel, die über das bemehlte Blütenblatt latscht, kann da schon gewisse Verheerungen anrichten“, erinnert sich Gebhardt lachend an einen von dem Insekt verpatzten Fototermin. Weil Aurikeln außerdem wasserscheu sind, fühlen sich diese bemehlten Diven in hohen, schlanken Tontöpfen an einem geschützten, halbschattigen Platz (gern in einer überdachten Holzetagere, dem klassischen „Aurikeltheater“) am besten aufgehoben und hübsch präsentiert.

Glutroter Klassiker der Alpin-Aurikel ist „Argus“.

Das A und O bei der Pflege der bunten Schätzchen sei die richtige Erde und deren Wechsel: Bei Topfkultur wird einmal jährlich direkt nach der Blüte oder im Spätsommer umgetopft. Das lockere 3:1-Gemisch aus Komposterde, Kokossubstrat und einer Handvoll Perlite oder Blähton lässt sich leicht selbst anmischen. In puncto Gießen und Düngen gilt: Weniger ist mehr. „Ich habe früher durch unbesonnene Gieß- und Düngeaktionen herbe Verluste erlitten“, erinnert sich Gebhardt an ihre Anfängerfehler.

Knallgelbe Garten-Aurikel: „Viv’s Piccotee“.

Aus der Liebhaberei könne aber im Handumdrehen eine Sammler- und vor allem eine Züchterleidenschaft werden, warnt Gebhardt. Sortenreine Nachkommen von Sammlerwert erhalte man nur auf vegetativem Weg, also durch Ableger, die von der Mutterpflanze abgepflückt werden. Abkömmlinge aus Samen („Sämlinge“) gelten dagegen immer als neue Sorten – und womöglich überraschend anders gefärbt als die Mutter.

Es bleibt also dauerhaft spannend, wenn man sein Herz an die Aurikeln verliert.

Tipps zu Aurikelpflege, -züchtung und Pflanzentausch gibt Ina Gebhardt auf aurikel-zauber.de Besondere Aurikel führen Staudengärtnerei Susanne Peters (Alpine-Peters.de), Gärtnerei Allgäustauden (allgaeustauden.de) sowie Gärtnerei Barnhaven (deutschsprachige Internetseite barnhavenprimroses.com) Auch viele deutsche Aurikelbegeisterte sind Mitglied in der englischen National Auricula and Primula Society (NAPS), (in Englisch auriculaandprimula.org.uk/)

Bemehlt, gefüllt, gerandet, gestreift - die Typen der Aurikeln:

Garten- oder Beet-Aurikeln (Borders) sind in ihrer erstaunlichen Vielzahl an Formen und Farben winterhart und pflegeleicht. Sie sind immergrün und gedeihen im Halbschatten ohne Staunässe im Freiland ebenso zuverlässig wie in Töpfen oder Trögen. Alpin-Aurikeln (Luiker/Lütticher) haben kräftig-klare Farben und jeweils ein gelbes oder weißes Auge. Sie sind frei von Bemehlung und ebenso winterhart wie blühwillig. Gefüllte Aurikeln („Doubles“) sind robust und blühfreudig, brauchen aber wegen ihrer Üppigkeit etwas mehr Nährstoffe. Schau-Aurikeln sind die Diven auf der Frühlingsbühne. Man unterscheidet Einfarbige („Selfs“ mit weißem Auge und kräftiger Blütenfarbe), Gerandete („Egdes“, Blütenblätter mit grün-, grau- oder weißbemehltem Rand), Gestreifte („Stripes“) und „Fancies“ (bunt-gerandete Blüten). Die Blüten der Sammlerstücke sind gleichmäßig rund und flach geformt und haben ein sattgelbes inneres Auge.

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