Wer braucht´s im Garten schon quietschbunt?

Blüten in Blattfarben: Aller Anfang ist grün

Kein bisschen bunt: Die grün-weiße Tulpe Tulipa viridiflora ‘Spring Green’ blüht ab Mai und wird 40 Zentimeter hoch.
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Kein bisschen bunt: Die grün-weiße Tulpe Tulipa viridiflora ‘Spring Green’ blüht ab Mai und wird 40 Zentimeter hoch.

Während da draußen die bunten Sommerfarben bald weitgehend verschwunden sein werden und sich der Garten jeden Tag etwas mehr dem November-grau ergibt, stellt sich – keineswegs von Melancholie überwältigt – die Frage, ob das Auge all die quietschbunten floralen Reize im Garten überhaupt braucht?

Gefüllte Frühlingsbotin: Primula x auricula „Fiddlers Green double“.

Botanische Puristen schwärmen ja schon immer für das Prinzip der Zurückhaltung. Für Farnliebhaber sind Blüten überhaupt kein Thema und der Großteil der Funkienfreunde fragt sich ohnehin, was die schnell vergänglichen Blütenstängel an all den großartigen Blattschmuckstauden ihrer Leidenschaft überhaupt verloren haben? Aufs wohlgeformte, allenfalls hübsch panaschierte oder blaustichig schimmernde Grün kommt’s schließlich an. Sprichwörtlich steht die Farbe für den Neubeginn im Frühling, Hoffnung und Unsterblichkeit: Aller Anfang in der Natur ist grün.

Wuschelköpfe: Allium vineale ´Hair‘ zieht alle Blicke auf sich.

Grüne Blüten: Pflanzengrün tut gut

Schon der Blick ins Grüne, so erklärt Marion Hüning, Staudengärtnerin bei Stade in Borken/Nordrhein-Westfalen, lässt den Blutdruck sinken und uns sogar auf vielerlei Art psychisch gesunden: „Er steigert erwiesenermaßen die Kreativität und die Denkfähigkeit und verbessert sogar das soziale Verhalten.“ Warum also nicht mal mutig ein ganzes Beet, vielleicht fürs Erste eine größere Schattenpartie unter dem Motto „Alles Ton in Ton“ gestalten?

Marion Hüning, Staudengärtnerin in Borken.

„Grün polarisiert nicht, es wirkt als Einheit auf den Betrachter“, ist sich Marion Hüning sicher: „In grünen Gärten herrscht meist eine wunderbare Harmonie, die dadurch entsteht, dass unser Blick nicht ständig und überall durch bunte Farbkleckse abgelenkt wird, sondern weit werden kann für das große Ganze.“ Ein großer Vorteil solcher Beete sei es auch, dass sich Grüntöne problemlos miteinander kombinieren lassen, ohne dass man Gefahr läuft, Fehler zu machen bei der Zusammenstellung von gegensätzlichen Farben – dies sei oft nicht ganz so einfach und bedürfe eines geschulten Gärtnerauges.

Varianten von Grün

Von der wichtigsten Gartenfarbe Grün existieren im Reich der Botanik zahllose Farbvarianten. Vom satten Grasgrün bis hin zu allen möglichen Schattierungen in Richtung anderer Farben wie Gelb, Blau, Grau und Braun. Ein ausschließlich in Grüntönen gestaltetes Beet muss also keineswegs eintönig wirken. Zumal vielen Pflanzen außerhalb ihrer (meist kurzen) Blütezeit ohnehin nur ihr Blattgrün bleibt, um sich während der übrigen Vegetationszeit in Szene zu setzen. Gelbgrün, wie etwa das klassische Maigrün oder auch Limettengrün, wirkt lebendig und energetisch. Diese Farbe haben viele frisch ausgetriebene Blätter im Frühling. Daher steht sie für Hoffnung und Neuanfang. Es ist auch die Farbe etlicher Arten von Wolfsmilchgewächsen (Euphorbiaceae). Blaugrün, die Blattfarbe vieler Funkiensorten (Hosta), wirkt kühl und edel und strahlt nachdenkliche Ruhe aus. Graugrüne Blattfarben weisen viele mediterranen Gewächse wie Salbei (Salvia) und Oliven (Olea) auf. Beruhigendes Braungrün und dunkles Olivgrün findet man in großer Vielfalt bei den sukkulenten Hauswurzen (Sempervivum) und manchen wintergrünen Elfenblumen (Epimedium).

In der Grünen-Fraktion des Blütenreiches gibt es viele außergewöhnliche Schätzchen zu entdecken, deren Schönheit sich erst auf den zweiten Blick offenbart. In knallfarbener Beet-Gesellschaft drohen diese eher unterzugehen. Man denke nur an den zurückhaltenden Zauber der Stinkenden Nieswurz (Helleborus foetidus) und der Duftnessel (Agastache rugosa ‘Alabaster’).

Grüne Blüten für schattige Bereiche

Unbedingt ins grüne Halbschattenbeet gehören für Hüning das Japangras (Hakonechloa macra), die Ramie (Boemeria platanifolia), die Palmblatt-Nieswurz (Helleborus foetidus ‚Sopron‘) und das Purpurglöckchen (Heuchera micrantha ‚Lime Ricky‘).

Wächst sukkulent und kommt mit Trockenheit gut klar: Steppen-Wolfsmilch (Euphorbia seguiera)

Mit bodendeckenden Stauden wie dem Kaukasischen Frauenmantel (Alchemilla caucasica) oder der großblättrigen Alchemilla mollis lassen sich auch trockene Flächen unter Bäumen problemlos besiedeln. Auf fast jedem Boden kommen rhizombildende Farne und Funkien (Hosta) zurecht. Mit ihren variantenreichen Blattstrukturen und -formen kommen die Blattschmuckstauden vor allem in Gruppen zur Geltung. Bloß die Wahl fällt schwer angesichts all der vielen Farbvarianten von hellem Gelbgrün über Mai-, Apfel-, Moos-, bis zu Gras- und Olivengrün – von den extravaganten Arten in gedeckten Blau- und Grautönen ganz zu schweigen.

Rarität: Die grün blühende Bengal-Rose (Rosa Viridiflora) wurde 1855 gezüchtet.

Grüne Blüten: Sonne bis Halbschatten

Für sonnige Gartenplätze sind Gräser die erste Wahl. In der Pflanzengattung der Seggen (Carex) findet man zum Beispiel zahlreiche immergrüne Arten im Farbspektrum von Grün über Grün-Weiß-Panaschiert bis hin zu Braun- und Bronzetönen. Mit ihren extravaganten, stacheligen Blütenkugeln zieht zum Beispiel die anspruchslose Morgenstern-Segge (Carex grayi) alle bewundernden Blicke auf sich.

Blüten im Teich: Die nicht-winterharte Muschelblume (Pistia stratiotes).

Bei den Blütenstauden sollten laut Hüning der Scheinsonnenhut (Echinacea purpurea ‘Green Jewel‘) und die Agaven Edeldistel (Eryngium agavifolium) unbedingt mit auf die Pflanzliste. Fehlen nur noch die vielseitigen Wolfsmilchgewächse (Euphorbia), die mit ihrem gelbgrünen Blütenflor unverzichtbar im grünen Garten sind – je nach nach Art gedeihen sie an nahezu jedem Standort von Sonne bis Schatten.

Grüne Blüten in großer Auswahl gibt es zum Beispiel bei Stauden Stade in Borken und Gaissmayer in Illertissen. Zusätzliche Informationen mit Fotos bietet der Botanische Verein Bochum auf seiner Internetseite.

Zarte Blüten – anrüchig ist nur der Name: Die Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus) bereichert das Frühlingsbeet.

Grün in Grün: Weiße Blüten setzen Lichtreflexe

Lichtreflexe im grünen Beet unterstreichen die harmonische Farbwirkung, weiße Blüten eignen sich hier am besten. Die Auswahl ist riesig, vor allem bei Wildblumenarten. Eine Orientierung geben die Pflanzenbilder auf der Internetseite des Botanischen Vereins Bochum: Von der „Staude des Jahres 2021“, der Schafgarbe (Achillea millefolium) über verschiedene weiße Zierlauch-Varietäten (Allium cepa/Mount Everest/neapolitanum/tuberosum und ursinum) bis hin zu Stockrosen (Althaea rosea) und Windröschen (Anemone blanda/nemorosa). Beliebte weiß blühende Stauden sind auch Löwenmäulchen (Antirrhinum majus), Akelei (Aquilegia spec.), Schachblume (Fritillaria meleagris) und ganz früh im Jahr die Christrosen (Helleborus niger/olympicus/orientalis).

Zum Verwildern neigen Hasenglöckchen (Hyacinthiodes nonscripta ´Alba´), Frühlingsstern (Ipheion uniflorum und Milchstern (Ornithogalum balansae). Das strahlende Weiß von Märzenbecher (Leucojum vernum) und Schneeglöckchen (Galanthus) wird jeweils mit grünen Tupfen verziert und das Efeublättrige Alpenveilchen (Cyclamen hederifolium) bezaubert mit einzigartig gemusterten Blattrosetten und schneeweißen Blüten bis in den grauen November hinein – einer Zeit, in der sich das allermeiste Grün im Garten verabschiedet hat.

Buchtipp: Famoses Blattwerk

Bekennende Funkien-Fans haben es schon immer gewusst. Allen anderen, welche die unterschätzte Schönheit formvollendeter Blättern bisher vor lauter Blütenblendwerk übersahen, wird es nach der Lektüre dieses Buches buchstäblich wie Blätter (sorry, ihr Schuppen) von den Augen fallen: Blätter sind überraschend variantenreich und äußerst dekorativ. Dabei werden die zumeist grünen Wunderwerke der Natur, deren Fotosynthese unser Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglicht, oft übersehen. Unfair ist das, denn während Blüten nur kurzzeitig für Furore sorgen, bildet vielgestaltiges Laub ganzjährig das Herzstück einer jeden Gartenpflanzung.

Blaugrünes Blattwerk mit Blüte: die Funkie

Ob Funkien in allen erdenklichen Grüntönen, gefiederte Farne, faszinierend gemusterte Alpenveilchen oder schokoladenfarben belaubte Fetthennen: Das Spektrum an Blattschönheiten für Garten oder Balkon ist unermesslich. Durch geschickte Kombination unterschiedlicher Blattschmuckpflanzen lassen sich interessante Texturen im Staudenbeet schaffen, die niemals unruhig oder überladen wirken. Das Buch stellt über 50 der schönsten Stauden, Kräuter, Gräser, Gehölze und Balkonpflanzen im Porträt vor und klärt über Standort- und Pflegebedarf auf. Info: Robert Sulzberger, Tobias Mayerhofer: „Blattschönheiten“, Ulmer Verlag, 20 Euro.

(Von Gisela Busch)

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