Jürgen Feder kämpft für die Rettung der Arten

Botaniker: Wildpflanzen gehört die Zukunft

Jürgen Feders Liebe zum Schmalblättrigen Weidenröschen teilt nicht jeder Gartenfreund. Das Nachtkerzengewächs – bekannt als „Kennart von Trümmerflächen“ – ist sehr vermehrungsfreudig. Auf seine Arche, so der Botaniker, gehört es dennoch. 
+
Jürgen Feders Liebe zum Schmalblättrigen Weidenröschen teilt nicht jeder Gartenfreund. Das Nachtkerzengewächs – bekannt als „Kennart von Trümmerflächen“ – ist sehr vermehrungsfreudig. Auf seine Arche, so der Botaniker, gehört es dennoch. 

111 Arten hat Jürgen Feder für seine persönliche  Pflanzenarche gesammelt - nur ein Bruchteil der tatsächlichen Vielfalt unserer heimischen Lebensräume und doch wichtige Stellvertreter der  Arten in Deutschland. Wildpflanzen passen auch prima in den Garten.

Wenn man Jürgen Feder fragt, welche drei Pflanzen für ihn unverzichtbar wären, braucht er nicht lange zu überlegen: „Hätte ich selbst einen Garten und dürfte selbst bestimmen, hätte ich Maiglöckchen für den Schatten, die Gewöhnliche Waldrebe als Klimmpflanze und die Schwanenblume im besonnten Gartenteich.“ Ungleich schwerer fiel ihm dagegen die Auswahl von unbedingt rettenswerten Arten für sein Buch – ein „Tatgeber“, der Mut machen soll, selbst für die Natur aktiv zu werden.

Pflanzenretter Jürgen Feder mit dem Gemeinen Wasserdost.

111 „Pflanzen for Future“ aus deutschen Lebensräumen – von der Stadtbrache über den Lehmacker und Laubwald bis zur Bergwiese – hat der Landschaftsgärtner für seine persönliche Arche Noah gesammelt. Sie stehen repräsentativ für unsere botanische Vielfalt, die dank einer „fatalen ökologischen Entwicklung“ mehr denn je auf dem Spiel stehe: „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern längst halb eins.“ Mit viel Herzblut, Sachverstand und Enthusiasmus kämpft Feder für den Artenschutz. Um der zunehmenden Naturentfremdung entgegenzuwirken, veranstaltet der Botaniker Wildpflanzen-Safaris, bei denen er die Aufmerksamkeit auch aufs Unkraut zwischen Mauerritzen lenkt. Im Interview spricht er über Pflanzen, die ihm am Herzen liegen.

Mit welchen Wildpflanzen hilft man Nützlingsinsekten im Garten?

Ob unsere heimischen 561 Wildbienenarten, die in Heiden, Mooren, Magerrasen und Trockengebüschen leben, überhaupt den Weg in unsere Gärten finden, halte ich für absolut unmöglich. Wichtiger ist es, die heute noch bestehenden Naturflächen vor Geschäftemacherei zu schützen. Insekten freuen sich zudem im Garten über Gewöhnliche und Acker-Kratzdistel, Schmetterlingsstrauch, Wiesen-Flockenblume, Schneeball, Teufelsabbiss und Efeu – und natürlich massenhaft Gänseblümchen im moosreichen, weil ungedüngten Hausrasen.

Schwanenblume

Was macht Pflanzen wie Gänseblümchen, Kamille oder Klee so faszinierend?

Faszinierend und daher schützenswert sind alle Arten – auch Moose, Flechten und Pilze in all ihren Unterschieden. Sie blühen oft hübsch und unermüdlich, werden aber gering geschätzt, wie eben das Gänseblümchen oder der Boden verbessernde Gewöhnliche Wundklee.

Wald-Sauerklee

Wildstauden sind „in“, die Distel hat es sogar zur Staude des Jahres 2019 geschafft. Gibt es da einen Bewusstseinswandel?

Nein. Dieses ganze Gerede um Klima und Artenschwund geht mir gewaltig auf die Nerven. Jahrzehntelang haben Wissenschaftler des Club of Rome sowie Organisationen wie der BUND und TV-Journalisten wie Horst Stern („Sterns Stunde“) und Dieter Wieland („Grün kaputt“) gemahnt und angeklagt und es änderte sich bis heute fast nichts. Es gibt nur eine Weltmacht hier, das ist die Natur. Das haben viele noch immer nicht verstanden.

Bunter Hohlzahn.

Haben wir trotz Botanik-Apps fürs Smartphone überhaupt noch genug Wissen um die Zusammenhänge der Natur, wenn uns Wildblumen bereits exotisch erscheinen?

Was das angeht, herrscht oft totale Tristesse, Unwissenheit pur. Nichts wird mehr selbst draußen erlebt. Biologie-Studenten inspizieren zwar die Flora auf Teneriffa, kennen sich aber kaum vor der eigenen Haustür aus. Und Bienenblumen auszusäen, ist zwar nett, aber Scheinaktionismus. Wir müssen uns vielmehr grundlegend wieder mehr für die Natur begeistern.

Manche rettenswerten Pflanzen wie der Giersch haben ein mieses Image. Wie macht man den den Gärtnern schmackhaft?

Den Giersch preise ich immer an: sein sattes Grün, sein Geschmack im Salat, der Duft, die tolle Blüte. Müsste man den für fünf Euro in der Gärtnerei als Bodendecker oder gar Rosenbegleitstaude kaufen, dann würde man ihn geradezu feiern.

Gewöhnliche Waldrebe.

Welche Arten haben außerdem einen Platz im Garten der Zukunft verdient?

Als Bodendecker das blau blühende Gewürzkraut Gundermann (Glechoma hederacea), das gelbe Scharbockskraut (Ficaria verna) und den Blauroten Steinsamen (Lithospermum purpurocaeruleum), für die Küche den aromatischen Waldmeister (Galium odoratum), den frostfesten Winterportulak (Claytonia perfoliata) sowie die in Blatt und Blüte delikate Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) und fürs Auge das zauberhafte Busch-Windröschen (Anemone nemorosa).

Information: juergen-feder.de

Buchtipp: „Der Pflanzenretter“ von Jürgen Feder, Graefe und Unzer Verlag, gebunden, 224 Seiten, 100 Fotos, Preis 22 Euro.

Dieter Wielands "Grün kaputt" ist aktueller denn je

1983 dokumentierte der niederbayerische Journalist Dieter Wieland die Zersiedlung seiner Heimat in einem aufsehenerregenden Film und einem Buch. 37 Jahre später haben wir aus dem von ihm beschworenen Szenario vom bedrohlichen Sterben der Artenvielfalt und dem Verschwinden der Insekten offenbar noch immer nichts gelernt. Dabei sind Wielands Mahnungen und die erschütternden Bilder von der Zerstörung gewachsener ländlicher Räume und von zu Tode gestalteten Gärten aktueller denn je. Zu Bedeutung der Wieland-Dokumentation stellte der Publizist Dr. Wolfgang Zängl (Gesellschaft für ökologische Forschung, München) erst 2019 in einem Vortrag fest: „Wir leben in Zeiten wo Einheitsgrün aus Gartencentern und Baumärkten den Ton angibt, Mähroboter jeden Ansatz einer Blume wegfräsen und „moderne“ Gärten fast schon das Szenario im Klimawandel vorwegnehmen.“ Mit Blick auf mausetote Schottervorgärten hinter Steingabionen erinnern wir uns an Wielands gruselige „Krüppelkoniferen-Batallione“ der 1970er Jahre beinahe mit etwas Wehmut. 

Der Film „Grün kaputt“ ist in der ARD-Mediathek  zu sehen.

Das Buch „Grün kaputt“ von Dieter Wieland ist antiquarisch im Internet erhältlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.