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Historische Staudenschätzchen blühen auf

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Von: Gisela Busch

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Filigrane Strahlenkränze: Die Blüten der Großen Sterndolde ‘Roma’ erinnern an Omas Nadelkissen.
Filigrane Strahlenkränze: Die Blüten der Großen Sterndolde ‘Roma’ erinnern an Omas Nadelkissen. © Gisela Busch

Kassel - Die einen möchten ihre filigran aufgebauten Blütenstände als elegantes Gesamtkunstwerk der Natur einfach nur feiern, die anderen denken bei ihrem Anblick ganz gerührt an die kleinen Nadelkissen aus Omas Nähkorb: Die Große Sterndolde (Astrantia major) ist einfach nicht zu übersehen. Im naturnahen Staudengarten ist sie angesagter denn je.

Die Sterndolde gehört zu den historischen Gartenstauden und hat vor 20 Jahren für einen regelrechten Hype in England gesorgt. „Spätestens seit ihrem gefeierten Auftritt bei einer Chelsea Flower Show zu jener Zeit hat sie als Trendpflanze für naturnah gestaltete Gärten ein glanzvolles Comeback gefeiert“, sagt der Illertisser Staudengärtnermeister Dieter Gaißmayer.

Da verwundert es umso mehr, dass ein gewisser Philip Miller, Kurator des Apothekergartens von Chelsea nahe London, die hübsche Staude in der 1754 erschienen Auflage seines Gardener Dictionary als „weder nützlich noch schön“ verriss. Zum Glück gab es späte Gerechtigkeit für die ebenso unkomplizierte wie auffällige Gartenschönheit. Mit ihrer Vielfalt an Farben und Zuchtformen eignet sie sich hervorragend als Rosenbegleiterin, samt sich gerne aus (wenn man sie lässt) und erfreut nach einem Rückschnitt nach der Blüte mit einer Nachblüte im September.

Zeitlos schönes Kleinod: Der gefülltblühende Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius ´Pleniflorus´).
Zeitlos schönes Kleinod: Der gefülltblühende Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius ´Pleniflorus´). © Gisela Busch

Dagegen hatte es der entzückende Eisenhutblättrige Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius ´Pleniflorus´), ein gefüllt blühendes reinweißes Kleinod, zu allen Zeiten deutlich leichter. Gaißmayer vermutet, dass die auch unter dem Trivialnamen Silberknöpfchen bekannten Pflanzen bereits 1596 von hugenottischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich nach England gebracht wurde, wo sie als die „Holden Jungfern aus Frankreich“ für Furore sorgten. Ranunculus wurde sogar – ebenso wie die die Jahrzehnte zuvor in England geschmähte Sterndolde – 1613 von dem Nürnberger Apotheker Basilius Besler in seinem legendären Pflanzenbuch „Hortus Eystettensis“ mit einem ganzseitigen Kupferstich geehrt.

Fackeln in violett: Von oben nach unten blüht die fast vergessene Prachtscharte (Liatris spicata), einst eine beliebte Bauerngartenpflanze.
Fackeln in violett: Von oben nach unten blüht die fast vergessene Prachtscharte (Liatris spicata), einst eine beliebte Bauerngartenpflanze. © Gisela Busch

Eine andere historische Blütenstaude wurde trotz ihres imposanten Trivialnamens lange unterschätzt: Die Ährige Prachtscharte (Liatris spicata) erblühte schon 1736 in deutschen Privatgärten. Die kurz zuvor in England erfolgte fehlerhafte Zuordnung zur Gattung der Kratzdisteln (Cirsum) dürfte ihr Ansehen aber nicht eben gefördert haben. Es sollte noch bis Ende des 19. Jahrhunderts dauern, bis ihre violettpurpurnen, ährenförmigen Blütenköpfe für den Staudengarten wiederentdeckt wurden. In kleinen Gruppen gepflanzt, kommt Liatris am besten in gemischten Staudenpflanzungen zur Geltung, empfiehlt Gaißmayer. Kuriosum: Ihre langen, walzenartigen Blütenstände erblühen ganz unüblich von oben nach unten. Sie gelten als Schmetterlingsmagnet.

Brennende Liebe: Der Name ist Programm bei dieser in flammendem Rot blühenden Staude.
Brennende Liebe: Der Name ist Programm bei dieser in flammendem Rot blühenden Staude. © Gisela Busch

Obwohl als Zierpflanze seit dem 17. Jahrhundert in Europa geschätzt, ist die einst vor allem in romantischen Bauerngärten beliebte, ebenfalls bienenfreundliche Scharlach-Lichtnelke (Lychnis chalcedonica ) lange Zeit aus der Mode geraten. Doch der Trend zum Bauerngarten lässt die „Brennende Liebe“ dank ihrer leuchtend roten Blüten gerade aufs Neue entflammen. Die auffällige Blütenform hat ihr auch den Beinamen „Malteserkreuz“ eingebracht. Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schwärmte sogar, sie sei „als Gartenschmuck das Schönste, was man sehen kann“.

Historische Blüten

Bewährte Blumenschätzchen aus Omas Zeiten finden sich bis heute in gut sortierten Gärtnereien. Eine Fundgrube für Fans historischer Gartenpflanzen sind die historischen Kataloge europäischer Gärtnereien und Pflanzenzüchter. Bei der TU Berlin kann man in historischer Gartenliteratur aus der Zeit von 1805 bis 1992 stöbern. Die digitalisierten Druckwerke aus ganz Europa lassen sich nach Jahreszahlen und Stichworten durchsuchen und sind zum Teil reich bebildert. Wer also mehr wissen möchte, zum Beispiel über die 35 dort aufgelisteten Farbvarianten Englischer Sommer-Levkojen aus dem Erfurter Benary-Sortiment von 1885 und das 1934 ebenfalls in Erfurt erstmals vorgestellte Riesenstiefmütterchen (Roggli-Riesen „Kornblumenblau“) von Friedrich A. Haage oder lieber im Gemüse- und Blumensamenangebot der „Casseler Samenhandlung Stephan Münch“ von 1835 nach Adonisröschen und anderen angesagten Blütenschönheiten der Biedermeierzeit stöbern möchte, ist hier an der richtigen Adresse.

Für den Allgäuer Staudenexperten Gaißmayer haben diese und viele andere historische Staudenschätze unsere Wertschätzung mehr als verdient. Zwar entwickele sich die Gartenwelt mit dem Streben nach Neuzüchtungen immer weiter. Doch seien Pflanzenneuheiten auch stets für Überraschungen gut – positive wie negative, gibt Gaißmayer zu bedenken. Im Hausgarten lohne es sich daher, auf historische Gartengewächse zu setzen. Die eint nämlich nicht nur ihre in Jahrhunderten bewährte Kulturzuverlässigkeit, die zeitlosen Schönheiten entziehen sich auch allen floralen Modetrends.

Buchtipp: „Alte Staudenschätze – bewährte Arten und Sorten wiederentdecken und verwenden“ von Dieter Gaißmayer und Frank M. von Berger, Ulmer Verlag, 39,90 Euro.

So zauberhafte sind die alten Pflanzennamen

Dass unsere Vorfahren am Schachtelhalm feine Pferdehaare zu erkennen glaubten, tröstet kaum beim erfolglosen Jäten, zaubert aber ein versöhnliches Lächeln herbei. So wie viele der wunderschön illustrierten Geschichten über alte Pflanzennamen: bezaubernde wie „Jungfer im Grünen“, aber auch seltsame wie „Käsepappel“, wobei die hübsche Malvenart weder an Käse noch Pappeln erinnert. Warum heißen Pflanzen so? Viele waren fast vergessen wie Bärlauch und Knoblauchrauke, haben mit Aberglauben oder Heilkräften zu tun, sind überliefert aus Büchern und Liedern. Über „Schlafmützchen“ und „Rührmichnichtan“ klärt Botanikerin Rosemarie Gebauer mit fundiertem Wissen auf, sodass wir viele (Wild)Gewächse mit ganz neuem Verständnis bestaunen dürften.

Info: „Jungfer im Grünen und Tausendgüldenkraut“ von Rosemarie Gebauer, Transit Verlag, Preis 19,80 Euro.

Die besten Adressen für Gärtnerinnen und Gärtner

Eines vorweg: Das Buch ist ein Muss, keine Frage. Aber der Reihe nach.

Wir wissen: Gärtner sind glücklichere Menschen, das weiß spätestens seit Corona jeder, der das Säen und Pflanzen, das Blühen und Ernten als Balsam für seine pandemie-geschundene Seele entdeckt hat.

Doch das reicht bald nicht mehr: Mit ersten Pflanzerfolgen und gärtnerischen Glücksmomenten – egal, ob im Balkonkasten oder im Gartenbeet – wächst die Freude am Gärtnern und der Wunsch nach „mehr davon“: Mehr Wissen über interessante Pflanzen, die es nicht an jeder Ecke zu kaufen gibt, mehr Austausch mit Gleichgesinnten, mehr Arten und Sorten. Gut sortierte Gärtnereien daheim sind die erste Anlaufstelle für Herzens- und Pflanzenwünsche. Später erweitert sich der Radius durch Mundpropaganda und Empfehlungen von Gartenfreunden. Wer Spezialinteressen entwickelt, will bald wissen: Wo gibt es das nur?

Staudengärtnermeister Dieter Gaißmayer aus Illertissen.
Staudengärtnermeister Dieter Gaißmayer aus Illertissen. © Privat

Wie herrlich, dass sich diese Frage nun ganz einfach mit einem Blick in ein Buch beantworten lässt, das die 100 interessantesten Gärtnereien Deutschlands (und einer Handvoll in südlichen Nachbarländern) vorstellt: von 1., den „Allgäustauden“ der Kasseler Uni-Absolventen Ulrike Bosch und Mathias Röttgen bis zu 100., dem „Lautrejardin“ des Schweizers Xavier Allemann.

Gartenbuchautorin Anja Birne und Fotografin Marion Nickig, beide in unterschiedlichen Disziplinen fundierte Kennerinnen der Garten- und Gärtnereienszene, stellen die Betriebe mit ihrer Geschichte und ihren Menschen vor und zeigen, wie diese den Pflanzen, der traditionellen Handarbeit und der Gartenkultur verpflichtet sind – und ihr grünes Geschäft mit Herzblut und Enthusiasmus betreiben.

Eine Leidenschaft, die auch der fortgeschrittene Hobbygärtner teilt, weshalb er den preisgekrönten „Besten Garten-Reiseführer 2021“ gerne mitschleppen wird, wenn er zu nahen oder fernen Spezialgärtnereien aufbricht, um begehrte Gewächse endlich in natura bewundern (und kaufen) zu können. Adressen und Sortimente sowie gärtnerisch relevante Ausflugstipps in jeweiliger Umgebung runden das schwergewichtige Kompendium ab, dem es hoffentlich gelingt, mehr Naturliebe, gärtnerisches Wissen und Pflanzenverständnis in die Welt zu tragen.

Info: Anja Birne & Marion Nickig: Das große Buch der Gärtnerinnen und Gärtner, Callwey, 39 Euro.

(Von Gisela Busch)

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