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Der grüne Flausch: Moosgärten sind ein wachsender Trend

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Von: Gisela Busch

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Moos in vielen harmonischen Farbschattierungen.. Der Anblick der üppigen Pflanzenpolster beruhigt das Auge und tut einfach nur gut.
Moos ist nicht einfach nur grün, sondern weist viele harmonische Farbschattierungen auf. Der Anblick der üppigen Pflanzenpolster beruhigt das Auge und tut einfach nur gut. © Michael Altmoos/Nahe der Natur-Museum

Naturschutz kann so einfach sein: In jeder noch so kleinen Moosecke (und im Boden darunter) können Wildbienen, Schmetterlingslarven und sonstige Kleintiere ideal leben und überwintern. Moos dient Vögeln als Nestbaumaterial, filtert Feinstäube und sorgt dank seiner „Schwammfunktion“ – es nimmt viel Wasser auf und gibt es nur langsam wieder ab – für ein gesundes Mikroklima.

Leider haben Moose trotz vieler ökologischer Vorzüge vor allem im Garten nicht gerade den besten Ruf. Im Gegenteil: Übernimmt der grüne Flausch gar die Macht im heiligen Rasen, weckt das bei manchen Gärtnern eher Kampfgeist statt Verständnis für die unbändige Lebenskraft der Pionierpflanze.

„Erst mit Moos wird ein Rasen lebendig“, widerspricht der Moosexperte und Diplom-Biologe Michael Altmoos dem gängigen Idealbild. In seinem Mitmach-Museum „Nahe der Natur“ im rheinland-pfälzischen Staudernheim begeistert er zunehmend nicht nur Gartenfreunde für die Schönheit und den Zauber von bemooster Natur.

Michael Altmoos, Moosexperte und Diplom-Biologe
Hat den Moos-Blick: Michael Altmoos räumt mit Vorurteilen über Moos auf. © Privat

Der Ökologe widerspricht damit vehement tradierten Vorbildern aus einer Zeit, in der Moose als „grüne Plage“, als lästig, unschön, ja sogar schädlich galten. „Wer einen moosfreien Garten möchte, darf weiter trimmen, schuften fluchen, vertikutieren – und verlieren“. Denn Moos zerstöre kein Gras, sondern besiedele lediglich den moosfreundlichen und grasfeindlichen Standort – weil dieser für den gewünschten Rasen zu verdichtet, zu nass, zu sauer oder zu schattig sei.

Statt also mühevoll und auf Dauer vergeblich ungünstige Standortbedingungen für Grasflächen nachhaltig zu verändern, sei es besser, mit dem Moos zu leben – ja vielleicht sogar eine schattige Rasenfläche ganz in einen stimmungsvollen Moosgarten zu verwandeln. „Wer einmal den Moos-Blick entwickelt hat, wird künftig überall in der Natur wunderbare Moose entdecken“. Statt weiterhin Strategien gegen die grüne Plage auszutüfteln, überlege man dann eher, „wie man das Gras bloß aus dem Moos rauskriegt“. Ein Interview mit dem Moosflüsterer.

Moose gehören zu den Urpflanzen, die überall auf der Welt wachsen. Gibt es überhaupt Habitate, die komplett moosfrei sind?

Entschleunigt: Moos-Kunst mit Eisenschnecke im Garten.
Entschleunigt: Moos-Kunst mit Eisenschnecke im Garten. ©  Michael Altmoos

Moose sind weltweit zu Hause und gehörten zu den ersten Landpflanzen, die damit begannen, die Erde vor 500 Millionen Jahren grün zu machen. Zuerst kamen die Lebermoose, die sich aus Algen entwickelten. Außer im Meer wachsen Moose heute überall auf der Welt. In Wüsten und Trockengebieten gedeihen nur wenige, spezialisierte Arten. In schattigen und feuchten Lebensräumen dominieren sie dagegen optisch und ökologisch. Für den Garten orientieren wir uns an häufigen Moosen (halb)schattiger Wegränder und Wälder.

Moos ist doch immer grün („moosgrün“) oder etwa nicht? Welche Farben gibt es noch und was fasziniert besonders an ihnen?

„Moosgrün“ ist eine ebenso vereinfachende wie schöne Bezeichnung. Moose sind immer grün, zeigen in ihrer Artenvielfalt aber, wie viele Grüntöne es in der Natur gibt, nämlich fantastisch viele von bräunlich bis leuchtend Grün: eben „Fifty shades of green“. Unser häufigstes Waldmoos, das ‚Schöne Frauenhaarmoos’, das sich gut für schattige Moosgärten eignet, ist tief und beruhigend dunkelgrün. Je nach Lichteinfall wirken die Grüntöne ganz unterschiedlich. Ein Moosgarten ist also eine Sinfonie der grünen Vielfalt.

Bei langer Trockenheit können einige Moosarten braun werden, ergrünen aber wieder, sobald es regnet. Neben den Grüntönen fasziniert auch die Formenvielfalt im Kleinen: vom ,Sparrigen Runzelbruder’ über das bäumchenartige Frauenhaarmoos, das kissenartige Weißmoos bis hin zu den sanften Teppichen des Schlafmooses. Je nach Feuchte und Trockenheit gibt es wiederum unterschiedliche Kleinformen, mal skurril, oft faszinierend und immer wunderschön.

Wie viele Moosarten gibt es in Mitteleuropa vor und welche davon eignen sich für den Garten?

Weltweit gibt es etwa 20 000 Moosarten, in Europa 2000, in Deutschland um die 1100. Für den heimischen Garten empfehle ich maximal 20 bis 30 Moosarten, wobei man naturschonend und schön schon mit ein bis drei häufigen Arten ideal gestalten kann.

Welche Voraussetzungen braucht es, damit grüne Polster üppig wachsen?

Weil Moose überall vorkommen können, gibt es keine speziellen Voraussetzungen. Um aber das Bild eines geschlossenen Moosbestandes zu erhalten, sollte der Ort eine tendenziell schattige und luftfeuchte Lage haben, also Nordlagen, unter Bäumen und im Schatten von Mauern auf der Wetterseite. Gut eignet sich auch die sonst unbeliebte kleine nördliche Schattenecke am Haus. Dort ist ein Mini-Moosgarten die ideale Alternative zu manch anderen Bemühungen.

Es gibt Moose für eher basischen und eher sauren Boden, wobei Letztere am häufigsten und einfachsten zu haben sind. Wichtig ist einzig, dass die Herkunftsstelle in etwa der Bodenart und den Lichtverhältnissen des Gartenplatzes entspricht. Wenn Schatten- und Bodenverhältnisse in etwa stimmen, sind keine zusätzlichen Wasserläufe oder Gießaufwand erforderlich. Mit extra Wasser bieten sich aber noch zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten an und erweitern das mögliche Moos-Spektrum auf feuchtigkeitsliebendere Arten.

Auf morschem Holz aller Art im Wald, aber auch auf Steinen, die beschattet und luftfeucht sind, wachsen Moose mit der Zeit ganz von allein. Wie zähmt man die Pionierpflanzen, damit sie im Garten Steine, Totholz, Mauern oder Bodenflächen wunschgemäß erobern?

Das Schöne an Moos ist: Es kommt von alleine, wenn man es zu sich einlädt und nicht entfernt. Schattige und feuchte Stellen, Wurzelreste und Steine, auch Mauern werden automatisch gerne besiedelt. Wird freigelegter verdichteter Boden feucht gehalten, kommt Moos nach ein paar Wochen und wächst über Jahre die Fläche zu. Dann wird das Gras gerupft, statt das Moos entfernt. Das ist der einfachste Weg zum Moosfleck.

Wer noch aktiver gestalten will, legt bereits moosbewachsene Steine und Hölzer kreativ in seinen Garten oder auf bodenwachsende Moose. Ein Findling kann bei geeigneter schattiger Lage schon im ersten Jahr Moosansätze haben, in den nächsten Jahren breitet sich das Moos weiter aus. Wichtig zu wissen: Moos bildet Sporen, die fast immerzu durch die Luft fliegen, sodass häufige Moosarten früher oder später unweigerlich die für sie geeigneten Stellen von alleine finden.

Info: Moosgarten im Mitmach-Museum für Naturschutz „Nahe der Natur“ (nahe-natur.com/Moosgarten), Schulstraße 47, 55568 Staudernheim (Nahe), Tel. 0 67 51-8 57 63 70, Mobil: 072-9 10 80 39.

Lektüretipp: In seinem Buch „Der Moosgarten“ (Pala-Verlag, 208 Seiten, 24,90 Euro) schärft Michael Altmoos wissenschaftlich-fundiert und höchst vergnüglich den „Moos-Blick“ und liefert praktische Anleitungen für naturnahes Gartengestalten mit Moos.

Moos-Porträts in Text und Bild gibt es beim Bochumer Botanischen Verein.

Drei Fragen: Ein Interview mit dem Schlafmoos (Hypnum)

Michael Altmoos im Gespräch mit mit dem Schlafmoos (Hypnum), einem der häufigsten Moose unserer Zeit, das im Mittelalter ein beliebter Matratzenfüllstoff war. Es trägt weltweit viele Tarnnamen und Identitäten: von „Schlafmützen-„ und „Zypressenschlafmoos“ bis zu „Grünes Schnuffelchen“.

Hypnum ist eines der häufigsten Moose unserer Zeit.
Hypnum ist eines der häufigsten Moose unserer Zeit. © Michael Altmoos

Sind Sie etwa ein Geheimagent mit Spezialauftrag?

Nenn mich bloß nicht „Schnuffelchen“ und: ja, Geheimagent stimmt. Und zwar im fortwährenden Auftrag ihrer Majestät, der Natur. Ich bemoose alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, notfalls noch den Baumstamm hoch. Man muss flexibel sein in meinem Job: die Welt schöner, grüner, weicher, sauberer, friedlicher machen gegen die „grauen Herren“. Weltherrschaft und so – wie im Kino, aber wir sind die Guten.

Stimmt es, dass Sie als Flachmoos ganz fix Massenbestände bilden und auf liegenden Ästen, Holz und Gestein quasi undercover in jeden schattigen Moosgarten einziehen?

Hey, nenn mich nicht Flachmoos, du Flachmann. Ich bin eben pleurokarp, was bedeutet, dass sich meine Früchte zur Seite hin kriechend entwickeln. Dies gestattet mir, mich auf fast jedem Untergrund geschmeidig, schnell und überaus lautlos auszubreiten.

Pardon, wir Menschen wollen immer alles einordnen. Stimmt, es dass man Ihre Vorfahren im Mittelalter sogar sammelte?

Selbst schuld. Ich und die Natur bestehen eben immer aus Übergängen (ist aber geheim). Oh ja, damals haben wir arg gelitten, weil wir in Matratzen gestopft wurden. Aber wir wachsen ja schnell nach.

(von Gisela Busch)

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