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Die Aufräumerin - wenn nur noch radikales Ausmisten hilft

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Sabine Nietmann
Sabine Nietmann am Kleiderschrank in ihrer Wohnung in Frankfurt. Die 35-jährige arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Flugbegleiterin als Ordnungscoach. © Boris Roessler/dpa

Ordnung macht das Leben leichter. Davon ist die Aufräumexpertin Sabine Nietmann überzeugt. In Zeiten von Instagram und Co warnen Experten aber auch vor einem Selbstoptimierungswahn.

Frankfurt - Chaos und Unordnung sind ihr Metier. Wenn es darum geht, vollgepackte Schränke, Keller oder Küchen aufzuräumen, steht Sabine Nietmann parat.

Die 35 Jahre alte Frankfurterin ist Ordnungscoach und hilft, wenn einem das eigene Chaos über den Kopf wächst - oder man einfach nur ein paar Tipps beim Aufräumen benötigt. „Ordnung kann das Leben in vielerlei Hinsicht erleichtern. Zudem spart man Geld und Ressourcen“, sagt sie.

Von Dingen loslassen

Zu ihrem Job ist Nietmann, die in Mainz studiert hat, aus eigener Erfahrung gekommen. In ihrem Hauptberuf als Flugbegleiterin habe sie viele Jahre gedankenlos auf der ganzen Welt eingekauft und immer mehr Sachen in der eigenen Wohnung angehäuft, erzählt sie. „Irgendwann habe ich meine Schränke aufgemacht und gedacht, das alles kreiert eigentlich mehr Frust als Freude.“ Dieser Frust habe sich dann in der eigenen überfüllten Hausapotheke manifestiert, in der sie nichts mehr gefunden habe. Es folge eine radikale Aufräumaktion - und ein sehr befreiendes Gefühl, wie sie berichtet. „Dieses Gefühl von Ballast abwerfen möchte ich auch an andere abgeben.“

Clean Your Life
Sabine Nietmann hält in ihrer Wohnung in Frankfurt ein Schild mit der Aufschrift "Clean your life" in den Händen. © Boris Roessler/dpa

Auch wenn man inzwischen wahrscheinlich in jeder größeren Stadt Aufräumexperten findet, gesetzlich geschützt ist der Beruf des Ordnungscoach bislang nicht. Nietmann hat nach eigenen Angaben viel zum Thema gelesen und sich in Teilen von der japanischen Bestseller-Autorin Marie Kondo - dem Star der Szene - inspirieren lassen. Dann habe sie erst einmal bei Freunden und Familie geübt, wie solche Aufräumaktionen ablaufen könnten. Inzwischen ist sie gut gebucht und neben Frankfurt vor allem im Rhein-Main-Gebiet - etwa in Wiesbaden, Mainz und Darmstadt - aber auch mal in Gießen oder Marburg im Einsatz. Ein fünfstündiger Einsatz kostet bei ihr rund 500 Euro.

Fächerordnung
Genau geordnet sind die Accessoires im Schrank von Sabine Nietmann in ihrer Wohnung in Frankfurt. © Boris Roessler/dpa

Ihr Kundenstamm bestehe aus ganz unterschiedlichen Menschen. Singles, Familien oder Paare aus verschiedensten Altersgruppen. „Jeder hat seine eigene Geschichte, warum es zu dem Chaos gekommen ist.“ Das Begleiten und Loslassen von Dingen aus der Vergangenheit gehe auch mal sehr tief, „und ich bin immer wieder berührt, wie mich die Leute in ihre Lebensgeschichte reinlassen“. Und: „Das Aufräumen hat manchmal erstaunliche Auswirkungen auf das weitere Leben.“ So bekomme sie mitunter das Feedback, dass Kundinnen und Kunden, nachdem sie Ordnung geschafft hätten, auch andere Dinge in ihrem Leben hinterfragen würden, etwa was die Beziehung oder den Job betreffe.

Ausgemistete Gegenstände werden weiterverwendet

Wie läuft ein Aufräumprozess konkret ab? „Es gibt drei Schritte: Reduzieren, Sortieren, Optimieren“, erklärt Nietmann. Es gehe darum, systematisch zu reduzieren und jedem Gegenstand seinen festen Platz zu geben. Zunächst einmal müsse aber alles ausgeräumt werden. „Gerade die Küche ist oftmals ein Friedhof der Dinge, die man gar nicht braucht.“ Dann stelle man schnell fest, dass man zum Beispiel drei Dosenöffner besitze. Wenn die Schränke leer seien und alles auf einem Haufen liege, sei das ein Punkt, an dem sich viele überfordert fühlten. „Ich bin dann wie ein Personal Trainer, der motiviert, Ziele vorgibt und hilft, das Projekt erfolgreich zu Ende zu bringen.“

Wichtig sei ihr, dass die ausgemisteten Sachen möglichst weiterverwendet werden. „Alles was irgendwie verwertbar ist, wird weitergegeben“, versichert sie. Sie habe inzwischen ihre Mutter eingestellt, die ihr dabei hilft, die Spenden zu sortieren und zielgerichtet zu verteilen, beispielsweise an Hilfsorganisationen, Flüchtlingsunterkünfte oder Frauenhäuser.

„Ich bin ein Freund davon, weniger Dinge zu haben, denn die machen auch weniger Arbeit“, sagt Psychologe Gereon Lex aus dem rheinland-pfälzischen Kusel. Ohnehin sei es ratsam, Geld nicht nur in materielle Dinge zu investieren, sondern in Erlebnisse.

Nicht nur physisches Aufräumen berücksichtigen

„Grundsätzlich ist es empfehlenswert, regelmäßig auszumisten“, so der Experte. Sich von Lasten zu befreien, verschaffe ein gutes Gefühl. Und: „Ein geordnetes Leben und ein geordneter Geist hängen zwangsläufig zusammen.“ Dabei müsse es nicht nur um das physische sichtbare Aufräumen gehen, sondern etwa auch darum, sich einen Überblick über die eigenen Finanzen zu verschaffen oder Abos überprüfen.

Aber Lex betont zugleich: Gerade in Zeiten von Social Media und unzähligen Ratgeberbüchern gelte es aufzupassen, nicht in einen Selbstoptimierungswahn zu verfallen. „Nicht dass man einer perfekten Instagram-Welt entsprechen will, die nichts mehr mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat.“

Auch ihr gehe es nicht um Perfektion, sondern darum, die Leute zu sensibilisieren, achtsamer zu konsumieren, bekräftigt Nietmann. Sie nehme auch nicht Anfragen von Menschen an, die ihren vermeintlich unordentlichen Partner unterrichten lassen wollen. „Ich erziehe niemanden, ich gehe nur zu Leuten, die bereit sind, etwas zu ändern.“ dpa

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