Die Sukkulenten können weit mehr als nur Fensterbank – Kaktusgärtner Haage klärt auf

Freilandkakteen: Exotische Stachelgewächse fürs Beet

Mit Blüten und kräftigem Wachstum bedankt sich die Opuntie für optimale Nährstoffversorgung während der Vegetationszeit ab Januar. Ebenso wichtig ist die Beachtung der Winterruhephase ab September.
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Mit Blüten und kräftigem Wachstum bedankt sich die Opuntie für optimale Nährstoffversorgung während der Vegetationszeit ab Januar. Ebenso wichtig ist die Beachtung der Winterruhephase ab September.

Sie sind begehrte Sammelobjekte, bezaubern mit exotischem Blütenflor und verfügen über perfekte Überlebensstrategien – schade nur, dass man die attraktiven Hungerkünstler hierzulande meist nur auf der Fensterbank oder im Gewächshaus findet. „Da gibt’s immer noch eine Blockade im Kopf. Die Leute denken, Kakteen sind doch nur was fürs Haus“, weiß Ulrich Haage aus Erfahrung.

Der Thüringer ist Kaktusgärtner aus Leidenschaft. Er leitet in sechster Generation die altehrwürdige Familiengärtnerei in Erfurt. Seit immerhin 1685 seien die Haages Gärtner, aber „erst seit 200 Jahren auf Kakteenzucht spezialisiert“, stapelt der Experte ein bisschen tief und lacht.

Kaktusgärtner Ulrich Haage aus Erfurt.

Unter den fleischigen, also sukkulent wachsenden Kakteen mit ihren vielfältigen Wuchsformen – vom kugelförmigen Stachel-Winzling bis zum meterhohen Säulengewächs – gibt es laut Haage etliche winterharte Arten, die sich ganzjährig im Garten, im Kübel oder Balkonkasten wohlfühlen.

Sukkulenten seien nicht nur perfekte Pflanzen für Gießmuffel, sondern fühlten sich an vollsonnigen, trockenen Gartenplätzen wie Mauerkronen, im Kiesbeet oder an „Problemlagen“ wie steilen Südhängen erst richtig wohl. In ihren Heimatregionen Nord- und Südamerika sowie Kanada seien Kakteen an raue Klimabedingungen wie Wüstenhitze, Trockenheit und zweistellige Minusgraden perfekt angepasst. „Allerdings herrschen hierzulande andere klimatische Rahmenbedingungen“, sagt Haage.

Erst ab Mai legt Echinocereus im Garten los. Für Blüten sorgt phosphatbetonter Dünger.

Bodenvorbereitung

Um Gartenkakteen gesund durch unsere nassen Winter zu bringen, sei die Bodenvorbereitung das A und O. Extrem wichtig ist beim Anlegen eines Kakteenbeetes die Drainage im Untergrund, damit die Pflanzen nicht an Staunässe zugrunde gehen. Dazu wird der Boden 40 bis 50 Zentimeter tief ausgeschachtet. Ins Loch kommt

- eine zehn Zentimeter dicke Drainage-Schicht aus „gebrochenem“ (scharfkantigem und unregelmäßigem) Kies, die für Wasserabfluss sorgt und Staunässe verhindert.

- dann folgt die Pflanzerde: Statt teurem Kakteen-Spezialsubstrat empfiehlt der Kaktusgärtner als kostengünstige Lösung, den eigenen Gartenboden zu verbessern: Dazu wird die Erde zu einem Anteil von 30 bis 50 Prozent mit gebrochenem Kies vermischt. Dies garantiert Durchlüftung – ähnlich wie bei der Geröllhalde im Gebirge. Sind die Kakteen gesetzt, bedeckt man die Oberfläche zuletzt mit

- einer Mulchschicht – je nach Vorliebe aus Kies, Lavakies oder Granitschotter (aber bitte kein Rindenmulch!).

Opuntia für Einsteiger

Als Einsteigerpflanze für Kakteenanfänger empfiehl Haage die winterfesten Arten des robusten Feigenkaktus. „Opuntia geht immer und es gibt viele winterharte Arten.“ Mit wachsender Erfahrung könne man sich an (bezüglich Dünger und Nässeschutz) anspruchsvollere Kakteenarten wie Echinocereus und Escobaria heranwagen.

Gießen und Düngen

„Die Kunst, einen Feigenkaktus im Freiland gesund durch den Winter zu bringen, besteht darin, seine Wasserspeicher zu Jahresbeginn aufzufüllen und im Spätsommer rechtzeitig wieder zu leeren“, sagt Haage. Was Düngung angeht, seien „Opuntien die Kartoffeln unter den Kakteen, denn sie gelten als besonders gefräßig“. Daher werden sie schon sehr früh im Jahr (ab Februar, wenn der Boden Wasser aufnehmen kann) angegossen und bis zum Sommer regelmäßig mit stickstoffbasiertem Volldünger versorgt. Alle anderen winterharten Kaktus-Arten starten erst im Mai aus dem Winterschlaf in die Wachstumsphase. Während der Vegetationszeit ist ein Wechsel von tiefgründigem Wässern und längeren Trockenphasen wichtig – sechs Wochen Urlaubs-Gießpause überstehen die Sukkulenten schadlos.

Winterruhe ist wichtig

Ab August ist Schluss damit: Nun wird nicht mehr gedüngt, ab September auch nicht mehr gegossen – die „fettgefütterte“ Pflanze magert für den Winter ab. Strengen Frost übersteht sie nur, wenn das in den Zellen gespeicherte Wasser bis dahin abgebaut, der Zellsaft gummiartig verdickt ist. Wäre das nicht der Fall, würde der Frost die Pflanzenzellen sprengen – und vom Kaktus bliebe nur Matsch. Deshalb legen sich Opuntien während der Winterruhe auch gerne mal nieder, werden schlaff und schrumpelig, was aber kein Anlass zur Sorge ist. Steigen im Frühjahr die Säfte, kommen sie schnell wieder in Form.

Eis und Schnee können Opuntien im Freiland nichts anhaben. Die winterharte Kakteengattung braucht eine Ruhephase und durchlässigen Boden, um bei uns gut durch die kalte Jahreszeit zu kommen.

Pflanzzeit im Februar

Auch wenn Kakteen lichthungrige Sonnenkinder sind: Beim Einpflanzen in den Garten ist ein kalter Nieselregentag genau richtig. Idealerweise schon im Februar, denn bei einer Sommerpflanzung reicht zum Eingewöhnen am Freilandstandort die Zeit nicht. Die Wartezeit bis dahin übersteht die stachelige Neuerwerbung problemlos kühl, hell und trocken im Treppenhaus.

Kakteengeschichten und Pflegetipps präsentiert Ulrich Haage in seinem cactusblog. Informationen über Kakteen geben auch die Kakteenfreunde „Friedrich Ritter“ (Deutsche Kakteengesellschaft) in Kassel, Kontakt: Dieter Rüsseler, Tel. 05 61 / 4 75 79 69.

(Gisela Busch)

Glossiert - Frühkindliche Prägung oder: Der Kaktus fürs Leben

Eine Gartenkolummne über den Kaktus? Ist es mit der Klimaerwärmung schon so schlimm, dass wir uns bald bei der Beet-Gestaltung für stachelige Wüstenbewohner neben durstfreien Gräsern im staubtrockenen Präriebeet erwärmen müssen?

Keine Sorge, noch behaupten sich bei kluger Pflanzplanung die meisten lieb gewonnenen Stauden im Gartenbeet. Allerdings spielt der Kaktus nicht nur wegen seiner zunehmenden Freilandtauglichkeit eine immer wichtigere Rolle. Er gilt nämlich seit der Erfindung der Zimmerpflanze als wichtiger Baustein unserer frühkindlichen Gartensozialisation. Eine Prägepflanze gewissermaßen, die den Erstkontakt zum Pflanzenkosmos herstellt, das Botanik-Gen aktiviert und gehörigen Respekt (Stacheln = Aua) vor der Schöpfung lehrt. Solange man sie nicht vor lauter Liebe ersäuft.

Ambitionierte Eltern tun ihrem Nachwuchs also mit kapriziösen Prestige-Gewächsen wie der (in Kinderhand leider kurzlebigen) Venus-Fliegenfalle keinen Gefallen. Dagegen kann ein Kaktus – in meinem Fall ein walnussgroßes Geschenk der Klavierlehrerin für fleißiges Üben Anfang der 1970er Jahre – zur botanischen Beziehung fürs Leben werden. Mein Goldkugelkaktus (Echinocactus grusonii) erwies sich über die Jahre nicht nur als extrem wartungsarm dank eingebautem Wasserspeicher, sondern begrenzte mit wehrhaften Stacheln meine Pflegeambitionen auf ein Minimum. Inzwischen ist er melonengroß, seine Perspektive weiterhin vielversprechend. Erben in spé, ihr müsst mit dieser Zimmerpflanze rechnen.

(Von Gisela Busch)

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