Neben Glücksgefühlen gibt es auch Blumenschmuck und reiche Ernte

Das Wunder steckt im Samenkorn - so gelingt das Abenteuer Aussaat

Querschnitt zeigt die Entwicklung von der Erbse bis zur Erbsenpflanze.
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Vom Samen bis zur Erbsenpflanze

Wer Pflanzen für den Garten selbst aussät, bekommt neben Glücksgefühlen auch Gemüse und Blumen - und wird Zeuge eines Wunders: Egal, ob staubkornklein oder erbsengroß, knollig oder körnig, kugelrund oder bohnendick - Samen tragen in ihrer ganzen Vielfalt das neue Leben, die künftige Pflanze, fix und fertig in sich.

Das Wunder des Lebens kommt aus einer Papiertüte und hat viele Gesichter. Die Natur hat diesen „Embryo“ in Trockenstarre zwischengelagert, allzeit bereit für den Tag X, dann, wenn alle Voraussetzungen für das neue Leben endlich passen.

„Es ist immer wieder faszinierend, zu beobachten, wie sich aus winzigen Körnern, die der Erde anvertraut wurden, innerhalb kurzer Zeit kleine Setzlinge und in einigen Wochen fertige Pflanzen entwickeln. Fertige Jungpflanzen für Blumenkasten oder Gemüsebeet kaufen kann jeder, interessanter ist es aber, seine Pflanzen selbst heranzuziehen“, sagt Gärtnermeister Wolfgang Kawollek aus Kassel.

Ausgefallene Arten und besondere Sorten müssen ohnehin meist selbst aus Samen gezogen werden, weil sie als Jungpflanzen im Handel kaum angeboten werden. Für den Anfang empfiehlt der ehemalige technische Leiter der Botanischen Lehr- und Versuchsanlagen der Uni Kassel, mit größeren, unkomplizierten Samen wie Erbsen und Bohnen im Freiland zu beginnen. Bei Sommerblumen gelingen Sonnen- und Studentenblumen, Sommer-astern und Zinnien besonders schnell und problemlos.

Gärtnermeister Wolfgang Kawollek.

Wärme und Licht

Auch wenn es viel Geduld abverlangt, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten: Beliebte und wärmeliebende Gemüsearten wie Tomaten und Paprika brauchen eine Keimtemperatur von optimalerweise 22 bis 25 Grad. Um Anfang Mai ins Freie umziehen zu können, reicht also bei der Vorkultur ein Aussaattermin ab März. Nach der Erfahrung von Gärtnermeister Kawollek legen aber viele ungeduldige Hobbygärtner schon im Januar oder Februar, also viel zu früh, mit der Aussaat auf der Fensterbank los. Das Ergebnis sind zarte Pflänzchen auf dünnen, knickanfälligen Stielen, die aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse im Winter (kurze Tage mit zu wenig Lichtintensität) schnell lang und länger werden – „vergeilen“ heißt das im Fachjargon. Werden sie später ins Freiland ausgepflanzt, haben sie Anwuchsschwierigkeiten und entwickeln sich langsamer als später ausgesäte Artgenossen.

Vorkultur: Im Eierkarton wächst die junge Kürbispflanze heran, bis sie ins Freie darf.

Saat auf Fensterbank

Bei der Aussaat in Pflanzkisten oder Töpfen auf der Fensterbank sollte das Substrat möglichst feinkrümelig sein. Am besten eignet sich spezielle Aussaaterde oder eine Erde-Sand-Mischung. Zwar keimen die meisten Gemüse- und Blumensamen gleichermaßen bei Licht und Dunkelheit, doch brauchen manche Arten einen lichtgeschützen Platz, bis der Spross ans Licht drängt. Grundsätzlich gilt: Je kleiner der Samen, desto weniger Nährgewebe enthält er und desto nötiger braucht er Licht zur Entwicklung.

Kleinklima unter Glas

Bekommt die Saatkiste eine transparente Abdeckung aus Kunststoff, Folie oder Glas, reduziert sich nicht nur die Verdunstung, sondern es entsteht ein keimungsförderndes Kleinklima, erklärt Kawollek. Ebenso wichtig sind gleichmäßige Wassergaben, damit der Samen ohne Unterbrechung quellen und aufgehen kann. Wenn sich die ersten Blättchen zeigen, sollte die Abdeckung entfernt werden und die Jungpflanzen aus dem warmen Wohnzimmer in einen kühleren, hellen Raum umziehen, damit sie im Wuchs gedrungen bleiben.

Abhärtung nötig

Leider, so bedauert Kawollek, werde die „Abhärtung“ der Jungpflänzchen durch Temperatursenkung oft versäumt. Je besser aber die Pflanzen akklimatisiert und auf den späteren Umzug ins Freiland vorbereitet seien, desto zügiger würden sie dort an- und weiterwachsen.

Die kräftigsten Exemplare werden nun pikiert, also vorsichtig vereinzelt und in kleine Töpfchen (auch Eierkartons eignen sich gut) umgepflanzt, damit sie mehr Platz, Licht, Luft und Nährstoffe erhalten. Beim späteren Auspflanzen ins Freiland bleiben die Wurzeln dadurch unbeschädigt. Fürs spätere Auspflanzen ins Freie nach den Eisheiligen ist ein schattiger Tag ideal, um sie an die direkte Sonne zu gewöhnen. In Vorkultur auf der Fensterbank gedeihen besonders gut Gemüse und Salate für die frühe Ernte wie Kopfsalat, Kohlrabi, Kohl, Brokkoli und Mangold, aber auch langsam wachsende und besonders wärmebedürftige Gemüse wie Tomaten, Paprika, Auberginen, Melonen und Zucchini. Bei Sommerblumen erreicht man durch die Vorkultur eine frühere Blüte.

Aussaat vor Ort

Weniger für die Fensterbank geeignet sind Gemüsearten wie Erbsen, Bohnen, Radieschen, Möhren und viele Pflücksalate sowie die meisten einjährigen Sommerblumen. Sie können nicht vorkultiviert und pikiert werden und sollten daher gleich an Ort und Stelle ins Beet. Den optimalen Zeitpunkt jeder Art findet man auf der Samentüte. Er richtet sich nach den nötigen Keimtemperaturen, die je nach Art zwischen 5 und 25 Grad liegen können.

Bohnensamen liegen in der Erde.

Fürs Keimen hat Gärtnermeister Kawollek noch einen Tipp: Sehr hartes Saatgut wie das von Zwiebeln, Sellerie, Porree, Pastinake, Möhren und Sonnenblumen geht durch Vorquellen deutlich schneller auf und erhält damit einen Wachstumsvorsprung. Dazu wird der Samen in einem Stoffbeutel für einige Stunden in Wasser getaucht. Dann sind die Körner noch schneller startklar für ein glückliches Pflanzenleben. (Gisela Busch)

Infos: Ein Aussaatkalender zeigt, wann was ausgesät wird. Infos über Licht- und Dunkelkeimer gibt es bei plantura.garden.

Buchtipp: „Alles über Pflanzenvermehrung“

Ein Gartenratgeber-Klassiker ist das preisgekrönte Praxisbuch von Wolfgang Kawollek mit gut verständlichen Schritt-für-Schritt-Anleitungen in Text und Bild schon längst. Die überfällige Neuauflage ermutigt hoffentlich viele Gartenfreunde, das Abenteuer Vermehrung von Gemüse, Bäumen, Sträuchern, Stauden, Sommerblumen und Zimmerpflanzen selbst zu wagen. Ein Muss für experimentierfreudige Gartenfans.

„Alles über Pflanzenvermehrung“ von Wolfgang und Marco Kawollek, Ulmer, 260 Seiten mit 871 Fotos, 29,95 Euro.

Samen sind ein echtes Wunder: Überleben im Dornröschenschlaf

Pflanzliche Samen enthalten das gesamte genetische Material einer Pflanze. Sie können fliegen, schwimmen, durch den Magen-Darmtrakt von Tieren wandern, Hitze, Feuer und Kälte überleben, jahrelang im Dornröschenschlaf verbringen, hunderte von Kilometern zurücklegen und nach oft sogar mehreren dieser Strapazen auskeimen und wieder zu einer vollständigen Pflanze heranwachsen, heißt es auf der Internetseite der Freien Universität Berlin.

Die meisten Samen können bis auf eine minimale Restfeuchte vollkommen austrocknen und bleiben trotzdem noch lebensfähig. Während einige Samen ihre Keimfähigkeit nur kurz und unter bestimmten Umweltbedingungen behalten, können andere Jahrzehnte lagern, ohne Schaden zu nehmen: 1000 Jahre alte Samen der Lotospflanze keimten aus und wuchsen zu gesunden Pflanzen heran.

Samenkörner sind im Prinzip junge Pflanzenkeimlinge, die – umgeben von einer festen Hülle – ihr Wachstum in einem gewissen Entwicklungsstadium unterbrochen haben, um widrige Umweltbedingungen wie Kälte oder Hitze in einer Art Trockenstarre unversehrt zu überstehen, erklärt Gärtnermeister Wolfgang Kawollek. Eine Keimhemmung schützt zudem viele Samen davor, zur falschen Zeit (im Winter oder während der Trockenheit) auszutreiben.

Ohne die Kälteeinwirkung, welche die Hemmstoffe abbaut, geht bei diesen „Kaltkeimern“ nichts. Keimhemmend wirken aber zum Beispiel auch Stoffe im Fruchtfleisch der Tomaten und Gurken. Erst wenn dieses vom Samen entfernt wird oder die Stoffe von selbst abgebaut sind, kann die Keimung starten. Grundsätzlich gilt für alle Samen: Wasser, Sauerstoff, Wärme und Licht müssen in optimaler Menge vorhanden sein, damit etwas wächst. (Gisela Busch)

Empfehlenswerte Saatgutanbieter

Culinaris: Göttinger Saatgut-Initiative für ökologisches Saatgut für Anwendung im Freizeitgartenbau culinaris-saatgut.de

Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt: Der Witzenhäuser Verein bietet samenfestes Saatgut, vor allem für alte Sorten, die aus dem Handel verschwunden sind, mit dem Schwerpunkt Gemüsesorten. nutzpflanzenvielfalt.de

Irinas Tomaten: Spezial-Tomatengärtnerei in der Oberpfalz mit Samen-Shop (über 900 Tomatensorten, 180 Chili/Paprikasorten), irinas-tomaten.de

Dreschflegel: Knapp 20 Gartenbetriebe bieten gemeinsam biologisches Saatgut aus langjähriger Sortenentwicklung für Hausgarten und Selbstversorgung an, Schwerpunkt: alte Gemüsesorten. dreschflegel-saatgut.de

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