Die besten Stauden für eine naturnahe Pflanzung

Interview: Autor Jörg Pfenningschmidt über Stauden und Naturgärten

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Ausblick aufs Blütenmeer: Mit Wildstauden lassen sich romantische und pflegeleichte Naturgärten gestalten. Hier wetteifern rosa Nachtkerzen mit dunkelrotem Kugellauch um Aufmerksamkeit. 

Stauden wie Sonnenhut und Duftnesseln gehören zu den zuverlässigsten Gartenpflanzen. Ihre Qualitäten kann man nach Ansicht von Gartenplaner Jörg Pfenningschmidt nicht genug loben. 

Von der Pflanzengesundheit über die Winterhärte bis zur Blühfreude - Stauden haben einige Vorteile. "Wir Gartenbesitzer sind undankbar. Wir machen einen Aufstand um jede zimperliche Rose, pflegen und düngen sie, spritzen und schneiden und feiern sie, wenn denn endlich mal drei Blüten im Sternrußtau zu sehen sind. Und an der Hausmauer nebenan steht der Gelbweiße Lerchensporn im Schatten, blüht dort von Mai bis Oktober unverdrossen und gesund vor sich hin und keiner nimmt´s zur Kenntnis. Wir sollten uns schämen.“

Das sagt Jörg Pfenningschmidt, Staudengartenplaner und Gartenbuch-Autor aus Hamburg. Wildstauden für den Garten könne man gar nicht genug loben. Im Interview verrät er uns, worauf es beim naturnahen Gärtnern ankommt und welche Stauden in jedem Garten einfach unverzichtbar sind.

Jörg Pfenningschmidt, Gartengestalter, Gärtner und Autor

Gärtnern ist so angesagt wie kaum jemals zuvor. Naturerfahrung soll entschleunigen, doch viele Gartenfans wissen oft nur wenig über Stauden. Woran liegt das?

Ich kann nur vermuten, dass meist die Vorbilder langsam verschwinden. Die Oma, die immer im Garten rackerte und der man als Kind zugesehen und geholfen hat, gibt es so kaum noch.

Stauden wollen gut behandelt werden, damit sie wiederkommen und gelten als arbeitsintensiv. Wie überzeugen Sie die Leute vom Gegenteil?

Ich biete die Stauden an, bei denen der Arbeitseinsatz in einem guten Verhältnis zur Freude steht. Die 100 Pflanzen am richtigen Ort machen weniger Mühe als eine Pflanze am falschen Platz.

Während eine Rose schon beim Kauf Eindruck schindet, sind Stauden selten „fertig“. Ist gärtnerische Geduld heutzutage schwer vermittelbar?

Ja, Sie werden ja auch schon hibbelig, wenn das Internet länger als fünf Sekunden für die Verbindung braucht.

Der trockene, heiße Sommer 2018 hat viele Gärten gezeichnet: Kränkelnde Bäume, vertrocknete Stauden und – am meisten beklagt – abgestorbener Rasen. Was tun, damit sich das nicht wiederholt?

Trockenheitsverträgliche Stauden pflanzen und mulchen, mulchen, mulchen, also den Boden abdecken: etwa mit Laub, Kieselsteinen, Strohhäcksel oder Rindenmulch. Moos vom Rasenvertikutieren zum Beispiel ist das beste Mulchmaterial überhaupt! Damit vermindert man Wasserverdunstung und Erosion, unterdrückt Unkraut und hält harte Lehmböden feucht und locker. Drei Viertel der Gartenarbeit kann man durch Mulchen sparen.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei Gartenbesitzern oft auseinander: Üppig gern – aber bitte keine Wildnis! Wie überzeugen Sie ordnungsliebende Gärtner von naturnahen Pflanzkonzepten?

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Ordnung und natürlichem Wuchs. In der Natur ist nichts unordentlich, ganz im Gegenteil. Ich kann mir nichts Unordentlicheres vorstellen als Stauden, die unnatürlich gepflanzt, mit viel Draht und Band an Stäben, Stöcken und Gestellen festgezurrt werden, damit sie nicht umfallen. So etwas Wirres gibt es in der wildesten Wiese nicht. Wer für Ordnung sorgen möchte, der soll regelmäßig seinen Rasen mähen. Das ist gut. Natürliche, opulente Staudenpflanzungen und gut geschnittener Rasen – das passt toll zusammen.

Sind traditionelle Gartenpflanzen wie Rittersporn oder Stockrosen angesichts des Klimawandels nicht mehr zeitgemäß?

Rittersporn etwa hat keinen Hitzesommer gebraucht, um in heutiger Zeit zu leiden. Der erlebt ja meist die Hitze im Juli gar nicht mehr, weil er schon im Mai von den Schnecken aufgefressen wurde. Stockrosen machen mittags mal schlapp, sind ansonsten aber mit ihrer Pfahlwurzel völlig trockenheitsresistent.

Problemzonen wie trockene Schattenflächen oder Beete in praller Sonne sind eine Herausforderung. Welche Stauden fühlen sich auch an kritischen Stellen wohl?

Trockener Schatten: Knotiger Storchschnabel (Geranium nodosum), Gamander (Teucrium hyrcanicum), Wucherblume (Tanacetum macrophyllum), Frühlings-Alpenveilchen (Cyclamen coum). Pralle Sonne: Bronzefenchel (Foeniculum vulgare „Atropurpureum“), Storchschnabel-Hybride „Patricia“„ (Geranium „Patricia“), Mittelmeer-Wolfsmilch (Euphorbia seguieriana niciciana), Steppen-Salbei (Salvia nemorosa).

Alle wollen jetzt Bienen und Hummeln retten. Statt der dafür perfekten Brennnesseln und Brombeeren boomen „Bienenweiden-Sortimente“ und „Hummel-Buffet-Sets“. Was ist davon zu halten?

Das hängt davon ab, wie gut diese Pflanzpakete zu den Bodenverhältnissen, dem Angebot an Licht, Wasser und Nährstoffen passen. Meist funktioniert Instantgärtnern nicht sehr gut.

Von Stauden wie Duft-Nessel, Garten-Dost und Amstelraute hat mancher noch nie gehört, obwohl der Bund deutscher Staudengärtner sie als Insektenweiden empfiehlt. Worauf muss man bei der Auswahl von Stauden zum Bienenretten noch achten?

Den Garten im Mai und Juni zum Blühen zu bringen ist einfach. Dann geht es auch Bienen und Hummeln gut. Aber wie sieht es im Juli und August aus? Da ist meistens nichts Blühendes mehr im Garten und die Insekten verhungern oft. 

Hier gibt es Tipps für den naturnahen Staudengarten.

Buchtipp: „Hier wächst nichts“ – Gartennotizen von Jörg Pfenningschmidt und Jonas Reif, Ulmer Verlag, Preis 19,95 Euro.

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Zehn Lieblingsstauden...

...die wir auf eine einsame Insel mitnehmen müssen:

Kaum überschaubar ist das Angebot an Gartenpflanzen. Die Auswahl an Stauden ist laut Gartengestalter Pfenningschmidt für viele Leute oft verwirrend, das Wissen um ihr Gedeihen eher gering. Dabei liegt in der Vielfalt der Stauden gerade die Chance auf einen pflegeleichten Garten. Hier verrät uns der Experte seine privaten Favoriten: Zehn Stauden für die Insel.

  • Helleborus orientalis Hybriden (Lenzrose)
Lenzrose

Jedes Frühjahr das gleiche Erstaunen und Entzücken über die Vielfalt der Blütenformen und die unendliche Bandbreite der Blütenfarben. Dabei aber niemals aufdringlich. Das Laub ebenso vielgestaltig und das ganze Jahr ansehnlich und pflegeleicht dazu.

  • Euphorbia polychroma (Gold-Wolfsmilch)
Gold-Wolfsmilch

Vom frühen Erscheinen im April, über die große, gelbgrüne Blüte im Mai, den stets ordentlichen halbkugeligen Wuchs im Sommer bis zur rötlichen Laubfärbung im Herbst macht diese Pflanze einfach Freude. In Einzelstellung oder in lockeren Pulks in voller Sonne und trockenem Boden.

  • Aruncus „Horatio“ (Geißbart)
Geißbart

Eine Geißbart-Hybride von Staudenzüchter Ernst Pagels. Unverzichtbar in schattigen Pflanzungen, weil sie Größe und Wucht mit Eleganz vereint. Schon der rötliche Austrieb ist sehenswert und das ändert sich auch nicht, wenn im Juni die cremeweißen Rispen an dunklen Stielen über dem gefiederten Laub stehen. Dazu trockenheitsverträglich, wenn eingewachsen und keine Probleme mit Schnecken.

  • Potentilla atrosanguinea (Blutrotes Fingerkraut)
Blutrotes Fingerkraut

Zuverlässigkeit ist für mich eine Tugend und deshalb gehört dieses Fingerkraut mit seiner zuverlässigen Blüte im Hochsommer zu meinen Lieblingspflanzen. Volle Sonne, Boden trocken bis normal und dann erlebt man eine Farbigkeit der Blüten, die man kennt, wenn man sich ganz, ganz tief in den Finger geschnitten hat. Ein tolles Rot.

  • Sedum telephium „Herbstfreude“ (Fetthenne)
Fetthenne

Altbekannt, aber man kommt, wenn es um gute, zuverlässige Stauden geht, um die Fetthenne nicht herum. Schön das ganze Jahr, vom Austrieb im Frühling über die wirklich leuchtende Blüte im Herbst bis zu den Fruchtständen im Winter – perfekt.

  • Corydalis lutea oder auch Corydalis ochroleuca (Lerchensporn)
Lerchensporn

Beide Stauden liebe ich, weil sie mutiger sind als ich und auch an Stellen im Garten erscheinen, die ich ihnen niemals zugetraut hätte. Dabei hübsches Laub und dauernde Blüte. Ganz wichtig für Stauden mit Hang zur Selbstaussaat: sie sind schnell und ohne Werkzeug zu entfernen.

  • Aconitum carmichaelii var. arendsii (Hoher Herbsteisenhut)
Hoher Herbsteisenhut

Jedes Jahr wieder das Staunen im Herbst. Was für eine Kraft und Gesundheit, was für eine Höhe (teils an die 2,50 Meter) und was für ein sagenhaftes Blau. Dazu früh erscheinendes schönes Laub und trotz der Höhe absolut standfest.

  • Calamintha nepeta „Triumphator“ (Steinquendel)
Steinquendel

Eine Bergminze mit weiß-hellblauer Blüte von Juli bis September, duftendem Laub. Keine Aussaat, perfekter Wuchs in voller Sonne und der Bienenmagnet. 

  • Persicaria amplexicaulis „Blackfield“ (Kerzenknöterich)
Kerzenknöterich

Eine Staude mit tiefroten Blütenrispen und langer Blütezeit. Hummel und Bienenweide in einer Zeit, in der Nahrung knapp ist. Gut für sonnige bis halbschattige Standorte. Nicht zu trocken pflanzen. 

  • Foeniculum vulgare „Atropurpureum“ (Bronzefenchel)
Bronzefenchel

Kann bis zu 160 Zentimeter hoch werden, hat feines aromatisches und essbares, rotbraunes Laub und lockt im Hochsommer mit seinen Doldenblüten Tausende von Insekten an. Aber Achtung: Kann sich üppig aussäen.

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