Interview mit Gärtnermeister Michael Moll über mangelndes Naturverständnis, „unfertige“ Pflanzen und die Hoffnung, dass was kommt

Gärtnern braucht Geduld: Nur im Märchen wachsen Bohnen über Nacht

Wächst über Nacht bis zum Himmel: Die Zauberbohne aus dem englischen Märchen „Hans und die Bohnenranke“.
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Wächst über Nacht bis zum Himmel: Die Zauberbohne aus dem englischen Märchen „Hans und die Bohnenranke“.

Ach, wäre es im Garten doch manchmal so einfach wie im Märchen, wo magische Bohnen über Nacht zuverlässig bis in den Himmel wachsen – vollkommen unbeeindruckt von klimabedingten Wetterkapriolen, fiesem Schneckenfraß und mehr oder weniger grünem Daumen. Weil es mit der Zauberei aber nicht klappt, setzen Blumenliebhaber und Gemüsepflanzer im richtigen Leben immer wieder auf die Hoffnung, dass ihre Gartenträume trotz aller Widrigkeiten wahr werden mögen. Dazu brauchen sie vor allem eines: Geduld.

Tugend ist aus der Mode geraten

„Diese Tugend ist in unserer schnelllebigen Zeit etwas aus der Mode geraten“, weiß Staudengärtner Michael Moll aus dem baden-württembergischen Leinfelden-Echterdingen aus langjähriger Erfahrung. Die Hoffnung, dass die Saat aufgeht und „etwas kommt“ ist eben ungewiss. Auf jeden Fall erfüllt sie sich erst später. Oder gar nicht.

Tieferes Verständnis für Abläufe in der Natur fehlt

Zur Ungeduld kommt ein gewisses Unvermögen, Unfertiges nicht nur als Entwicklungsstufe zu akzeptieren, sondern auch das Wachstums-Potenzial darin zu erkennen. Der Grund: Offenbar fehlt immer mehr Gartenbegeisterten das tiefere Verständnis für die Abläufe in der Natur – also den Kreislauf von Wachsen und Vergehen, der eben auch Misserfolge einschließt. Warum das so ist, verrät Gärtnermeister Moll, Vorsitzender beim Bund deutscher Staudengärtner, im Interview.

Gärtnermeister Michael Moll

Waren Gärtner in früheren Zeiten geduldigere Leute, die an botanische Zauberei nur im Märchen glaubten? So manch modernem Pflanzenfreund scheint der Sinn für das Machbare abhandengekommen zu sein. Wie kommt das?

Nicht nur die Gärtner waren früher geduldiger. In unserer schnelllebigen Zeit erwarten und erleben wir in allen Bereichen eine sofortige Belohnung unserer Aktivitäten. Beim Einkauf im Netz wird am nächsten Tag geliefert, kommt die Antwort-Mail nicht, wird nachtelefoniert.

Fehlt es an Demut oder ist unser Wissen um die Natur lückenhafter denn je?

Vieles hängt an der verloren gegangenen Naturverbundenheit: Jahreszeiten, Vegetationsruhe, Wachstumsprozesse werden nicht mehr bewusst wahrgenommen. Dass Pflanzenentwicklung stark temperaturabhängig ist, verstehen viele Gartenfreunde nicht mehr. Ich kann nur empfehlen, sich dazu bei Fachleuten Rat zu holen.

Gärtnern ist bei jungen Leuten wieder beliebt. Dennoch verstehen viele nicht, weshalb es so lange dauert, bis botanische Bedürfnisse befriedigt werden können: das ausgesäte Gemüse erntereif, der Rasen fußballtauglich und das Staudenbeet dicht zugewachsen. Woran liegt’s?

Dass junge Leute sich für Pflanzen interessieren und auch auf engstem Raum gärtnern und ernten, erlebe ich auch in der eigenen Familie. Das freut mich natürlich. Ungeduld ist dabei ganz natürlich, Gelassenheit und Geduld müssen erlernt werden, am besten von Vorbildern. Früher säte die Großmutter mit Kindern Kresse, Sonnenblumen und Stangenbohnen und der schnelle Erfolg war motivierend.

Angeblich sehen die Engländer das botanische Werden und Vergehen viel gelassener als wir. Was können wir da lernen?

Es gibt viele große Gärtnerpersönlichkeiten auf der Insel, die als Vorbilder taugen. Wenn wir etwa die jahrzehntelange gestalterische Betätigung von Beth Chatto verfolgen, lernen wir, dass ein Garten Zeit braucht, dass Rückschläge vorkommen und Beharrlichkeit zum Ziel führt.

Wir ahnen es, wollen es aber nicht wahrhaben: Der mit „Likes“ überschüttete Traumgarten bei Instagram ist immer nur eine Momentaufnahme. Warum fällt es so schwer, das bei uns daheim zu akzeptieren?

Ein Garten ist nie fertig, der Weg ist das Ziel. Viele der Bilder von „perfekten“ Gärten zeigen nur Ausschnitte, die sich so auch in „normalen“ Gärten finden lassen. Man muss nur mit offenen Augen diese Bereiche suchen. Ein stimmungsvolles Staudenbeet anzulegen, das über das ganze Jahr attraktiv ist, ist die hohe Schule der Gartenkunst. Dabei hilft die gute Beratung eines Gärtners oder man nutzt die erprobten Mischpflanzungen, die vom Arbeitskreis Staudenverwendung konzipiert und optimiert sind.

Kleine Töpfe, große Wirkung – damit tun sich Staudenkäufer oft schwer und geben lieber mehr Geld aus für Großcontainer mit voll erblühten Pflanzen, als für kleine Töpfchen mit „fast nichts drin“.

Auch wir Fachleute sind immer wieder überrascht, in welch kurzer Zeit sich die kleinen Stauden bei guter Bodenvorbereitung und fachgerechter Pflanzung zu ansehnlichen Beeten entwickeln. Natürlich macht es Spaß, eine prächtige Solitärstaude oder blühende Rose zu pflanzen. Noch schöner ist es aber, das Ergebnis der eigenen Pflanzung zu begleiten. Jeden Tag sieht man die Entwicklung der Pflanze, das Schieben der Knospen, das Erblühen. Dieses Erlebnis kann man nicht kaufen.

Junge Bohnenpflanze im Garten.

Eigentlich funktioniert Natur ganz einfach: Zu früh ist zu früh, zu spät ist zu spät. Aber wer die „Eisheiligen“ abwartet, so suggerieren Gartenmärkte, ist selbst schuld, wenn die beste Ware schon vergriffen ist. Was tun?

Viel schlimmer als das Abwarten ist die Frustration, wenn die liebevoll gepflanzten Blumen vom Spätfrost dahingerafft werden. Alles zu seiner Zeit, also im Frühjahr lieber winterharte, abgehärtete Stauden pflanzen und mit den Sommerblumen abwarten. Die holen bei optimalen Wachstumsbedingungen die zu früh Gepflanzten immer ein. Bei den Kartoffeln heiß es bei uns: „Steckst Du mich im April, komm ich, wann ich will. Steckst Du mich im Mai, komm ich glei“.

Info: Vorschläge für erprobte, standortgerechte Stauden-Mischpflanzungen (von „Blütenmosaik“ bis „Schattenzauber“) bietet der Bund deutscher Staudengärtner hier.

Sechs Geduldsfehler und warum man sie vermeiden sollte

Zu frühe Aussaat: Zarte Sämlinge verkraften einen Kälteschock schlecht und holen nur langsam auf. Etwas später in der erwärmten Erde starten sie leichter und schneller durch.

Zu dichte Pflanzung: Das spätere Ausbreitungs-Wachstum wird unterschätzt, Pflanzen nehmen sich dann gegenseitig Licht und Luft.

Zu viel und zu oft düngen: Dies übersättigt die Pflanzen und lässt sie verkümmern. Das Optimum ist immer von der Art abhängig.

Rasen zu oft und zu tief mähen: Die Grasfläche vermoost dann schneller und ist bald weniger widerstandsfähig gegen Unkraut.

Falsch gießen: Statt oft ein bisschen zu wässern lieber seltener und dafür tiefgründiger gießen. Dann erzieht man die Pflanzen dazu, tiefe Wurzeln zu bilden, und sie überstehen Phasen der Trockenheit deutlich besser.

Geduld kann man nicht lernen und sie macht keinen Spaß: Der größte Irrtum überhaupt, sagt Michael Moll. Auf etwas Schönes kann man warten. Lebkuchen im August verdirbt die Vorfreude auf Weihnachten und Vorfreude ist doch die schönste Freude.

Wenn es schnell gehen muss: Vom Rollrasen bis zur Bodendeckermatte

Ein Garten braucht Zeit. In der Regel dauert es mehrere Jahre, bis Stauden, Gehölze und Kletterpflanzen die gewünschte Größe erreichen und es ein harmonisches Miteinander mit Zwiebel- und Knollengewächsen gibt. Wenn es schneller gehen soll, entscheidet die Kostenfrage: Größere Bäume und dichte Hecken liegen preislich im höheren Segment. Schnellen Sichtschutz bieten Rankpflanzen an Gittern und Pergolen wie zum Beispiel Geißblatt, Schlingknöterich, Blauregen und Efeu. Bodendecker werden im Fachhandel auch als Meterware auf vorkultivierten Matten angeboten. Rollrasen ist zwar schnell verlegt und sieht zumindest gleich fertig aus, benötigt aber zunächst eine ebenso lange Pflege wie Rasensaat. 

Das Märchen von Hans und der Bohnenranke

„Hans und die Bohnenranke“ (Jack and the Beanstalk) ist ein englisches Märchen, das in der Version von Joseph Jacobs ab 1890 auch in Deutschland bekannt wurde. Darin tauscht der Junge Jack die letzte Kuh seiner verwitweten Mutter bei einem Fremden gegen fünf magische Bohnen, die über Nacht bis in den Himmel wachsen. Jack klettert hinauf und trifft dort oben einen Riesen, dessen Gold er stiehlt und fortan mit seiner Mutter in Reichtum leben kann.

Nach Forschermeinung gehört die Geschichte zu den ältesten überlieferten Märchen der Menschheit überhaupt und soll etwa 5000 Jahre alt sein. Die Bohnenranke erinnert sehr an den religionsgeschichtlichen Mythos vom Weltenbaum, der Erde und Himmel verbindet und zur Mythologie vieler Völker gehört.

Buchtipp: „Das grüne Wunder“ von Ina Sperl

Erstaunliches passiert an jedem Tag in unserem Garten – aber kaum jemand sieht genau hin: Was hat die Form der Blüte damit zu tun, welche Insekten sie anlockt? Warum bloß wächst Unkraut scheinbar schneller als Gemüse? Und was verrät die Farbe des Laubes über den Zustand der Pflanze? Alles, was im Garten passiert, hat seinen Grund und es ist hilfreich, das Zusammenspiel von Tieren und Pflanzen besser zu verstehen. Dazu begleitet uns Gartenexpertin Ina Sperl mit ihrem Buch, das 2020 als Ratgeber für Garteneinsteiger ausgezeichnet wurde, sachkundig und humorvoll durch ein Gartenjahr.

Scheinbar geheimnisvolle Zusammenhänge erklären sich bei näherer Betrachtung fast von selbst: Nein, der Rittersporn wird niemals im Schatten gedeihen, manche Pflanzen können einander einfach nicht riechen und im Totholz steckt, oh Wunder, jede Menge Leben. Sperl verweist beim Spaziergang durchs Gartenjahr auch auf jene Dinge, die man nicht sieht oder auf Anhieb wahrnimmt, wie die ätherischen Öle der Frühlingsblüten und das spannende Bodenleben mit seinen Bakterien, Pilzen und Kleinstlebewesen. Sehr lesenswert.

„Das grüne Wunder“ von Ina Sperl, Gräfe und Unzer, 192 Seiten, 17,99 Euro.

(von Gisela Busch)

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