Bei der Auswahl von Fruchtgehölzen für den Hausgarten gelten künftig ganz neue Kriterien

Köstlich, robust und klimatauglich

Früchte frisch vom Baum: Wer einen Obstgarten anlegt oder neue Bäume pflanzt, sollte bei der Gehölzwahl nicht nur auf Robustheit und Wuchs, sondern auch Klimaverträglichkeit und Hitzestresstauglichkeit achten. Unser Bild zeigt den roten Herbstapfel „McIntosh“.
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Früchte frisch vom Baum: Wer einen Obstgarten anlegt oder neue Bäume pflanzt, sollte bei der Gehölzwahl nicht nur auf Robustheit und Wuchs, sondern auch Klimaverträglichkeit und Hitzestresstauglichkeit achten. Unser Bild zeigt den roten Herbstapfel „McIntosh“.

Frisch gepflückt, schmecken Äpfel und andere Früchte immer noch am besten. Obstgehölze und Beerensträucher gehören daher bei einer Gartenplanung unbedingt dazu. Nun ändern sich gerade die altbewährten Grundsätze hinsichtlich der Sortenempfehlungen: Neben Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten geht es bei der Pflanzenauswahl künftig auch um Klimatauglichkeit.

Bisher sollten Obstsorten vor allem wenig anfällig gegen Krankheiten sein, dazu robust und resistent oder zumindest widerstandsfähig gegen die üblichen Schädlinge. Von eher untergeordneter Bedeutung war dabei, ob es sich beim Wunschobst um eine bewährte, gebietstypische, heimische Regionalsorte oder eine Neuzüchtung handelte, weiß der Leiter der Gartenakademie Rheinland-Pfalz, Werner Ollig, aus Erfahrung.

Werner Ollig, Leiter der Gartenakademie Rheinland-Pfalz

Klimatauglichkeit

Diesen altbekannten Kriterienkatalog fürs Selbstversorgerobst werde man, so der gelernte Agraringenieur, jetzt wohl erweitern müssen um den Aspekt „Klimatauglichkeit“ und „Klimaanpassung“. Der Wandel sei bereits in vollem Gange, denn viele der infrage kommenden Pflanzen gedeihen in wärmeren Regionen oder an geschützten Standorten schon jetzt in unseren Gärten. Sogar wärmeliebende Pflanzen wie Feigen und Pfirsiche wachsen und fruchten mittlerweile auch außerhalb der klassischen Weinlagen, hat Ollig festgestellt. Ähnliches gilt für Exoten wie etwa Granatapfel und Kakipflaume (beide bedingt winterhart). Sogar die essbare, weißblühende Mandel, einst Synonym für die warme, geschützte Weinbergslagen Deutschlands, wird mittlerweile in den Niederlanden oder England kultiviert.

Leider haben mit dem Klimawandel gleichzeitig auch Sonnenbrandschäden an heimischen Strauchbeeren und Baumobst zugenommen, sorgen Hagelschlag und regionale Gewitter mit Starkregen bei Pflanzen für mehr Stress und verbreiten sich verstärkt wärmeliebende Insekten aus Südostasien wie Kirschessigfliege, Marmorierte Baumwanze, Maulbeerschildlaus und rote Austernförmige Schildlaus immer rasanter. Altbekannte Schädlinge wie der Apfelwickler bilden dank Klimawandel mancherorts schon drei statt zwei Generationen pro Saison aus.

Während die Politik in Sachen Klimawandel über Geschwindigkeit, weitere Entwicklung und Auswirkungen auf Pflanzen, Gärten und Menschen noch diskutiert, gibt es vonseiten der Gartenexperten bereits klare Empfehlungen für Klimawandelstrategien im Obstgarten. Diese betreffen die Obstarten ebenso wie die Sorten.

Heimische Sorten und Exoten

Alte Regionalsorten sind natürlich weiterhin willkommen. Darüber hinaus müssten Hobbygärtner jetzt aber auch zwingend Erfahrungen sammeln mit Arten/Sorten aus anderen Regionen und Klimazonen Europas und der ganzen Welt, rät Ollig. Dabei gebe es durchaus spannende Einwanderer zu entdecken. Schon seit einigen Jahren werden zum Beispiel Pflanzen wie Echter Tee (Camelia sinensis), Chinesische Dattel (Ziziphus jujuba), Essbare Ölweide (Elaeagnus multiflora) und sogar winterharte Oliven fürs Freiland angeboten, die bis zu -15 Grad aushalten.

Pflanzen ausprobieren

„Das Angebot wird täglich größer, deshalb lautet die Devise: Ausprobieren!“, empfiehlt der Experte. Neben einer vorhandenen Frosthärte sollten die Pflanzen möglichst robust sein und möglichst ohne oder mit ganz wenig Pflanzenschutzaufwand zu kultivieren sein. Darüber hinaus sollten Früchte und Samen einen ökologischen Nutzen für die Tierwelt haben. „Ganz sicher wird man mit der einen oder anderen Pflanze „Lehrgeld“ zahlen, sie wachsen oder fruchten nicht oder erfrieren – zumindest ist man dann um eine Erfahrung reicher“, sagt Ollig. Wo etwas verschwindet, ist Platz für etwas Neues.

Starke Unterlagen

Die Wachstumseigenschaften eines veredelten Obstgehölzes werden bestimmt von der Unterlage, nicht von der aufpfropften Sorte. Schwachwachsende Unterlagen seien wegen der meist kleineren Gärten mittlerweile Standard. Allerdings seien schwächer wüchsige Unterlagen anfälliger für Trockenstress. Wo räumlich möglich, sollten daher stärker wachsende Unterlagen gewählt werden, um die Vitalität zu fördern. Sämlinge (also aus Samen gezogene, nicht-veredelte Gehölze) und Wildobst gelten dabei als besonders robust und anspruchslos. Der Grund: Sämlinge wachsen langsamer und wurzeln tiefer, sind also besser gewappnet gegen Trockenheit.

Schatten durch Bäume

Größere Bäume können zudem für völlig neue Gartenbilder sorgen: Statt sonnenverbrannter, pflegeaufwendiger Rasenflächen dominieren großkronige, Schatten spendende Bäume (Sämlinge) wie Walnuss und Edelkastanie, ergänzt durch weißblühende Mandel, Wildapfel, Wildkirsche und Sträucher wie Mispel, Kornelkirsche, Wildrosen und Felsenbirne. Darunter, im Parterre dieser Obstgehölzgesellschaft, finden Strauchbeeren ihren Platz.

„Unsere Gärten brauchenklimaangepasste, trockenheitsverträgliche und robuste Obstgehölze, neue und alte, heimische und Neuankömmlinge aus aller Welt“, sagt Ollig. „Deshalb sollten wir uns mutig mit diesen spannenden neuen Arten und Sorten vertraut machen und sie in unsere Gärten pflanzen.“

Erklärungen zu Obst-Unterlagen gibt es hier.

Wunschbäume und Lieblingssträucher für jeden Geschmack

Von der Martin Luther zugeschriebenen Empfehlung für das Apfelbäumchen mal abgesehen, ist die Auswahl an geeigneten Obstsorten für den Hausgarten riesengroß. Zu den traditionell beliebten Äpfeln und Birnen, Kirschen und Pflaumen gesellen sich im Angebot vieler Baumschulen in Zeiten des Klimawandels auch zunehmend exotische Früchte und mediterrane Pflanzen wie Feigen, Kiwis und Pfirsiche, von denen viele Sorten mit unseren Wintern gut zurechtkommen. Je nach Geschmack findet also jeder seinen Wunsch-Obstbaum und -Strauch. Einige davon listet die Bayerische Landesanstalt für Weinbau- und Gartenbau Veitshöchheim hier als Empfehlung auf.

Späte Köstlichkeit reift erst im Herbst: Gartenbirne „Alexander Lucas“.

Obstbäume

Äpfel: „Gerlinde“ ist ein Sommerapfel zum Sofortverzehr mit kurzer Haltbarkeit; „Santana“, „Rebella“, „Rubinola“ und „Roter Aloisius“ sind Herbstäpfel mit Haltbarkeit bis Dezember; „Topas“, „Florina“ und „Solaris“ sind späte Lagersorten.

Birne: „Williams Christ“ und „Harrow Delight“ sind frühe Sorten ab August , „Harrow Sweet“, „Condo“ und „Uta“ mittelfrüh und „Alexander Lucas“ und Novembra“ eher spät.

Quitten: Nostalgisch wieder im Trend liegen die Sorten „Muskatnaja“, „Krymska“ und „Cydora Robusta“.

Süßkirschen: Auf schwachwachsenden Unterlagen eignen sich „Burlat“, „Bellise“, „Kordia“, „Regina“ und „Sunburst“ für Hausgärten.

Sauerkirschen: „Achat“, „Morina“ und „Safir“ sind kaum Monilia-anfällig.

Zwetschge: Früh (ab Mitte Juli) reifen „Katinka“, später folgen „Hanita“, „Kulinara“, „Hauszwetschge“, erst ab September „Haroma“ und „Presenta“.

Mirabelle: Wieder im Kommen sind süße Klassiker wie „Mirabelle von Nancy“ und „Aprimira“.

Süße Klassiker: Mirabellen waren eine zeitlang aus der Mode. Nun sind sie wieder im Kommen, hier die Sorte „Aprimira“.

Reneclode: Ebenfalls bewährt sind „Große Grüne Reneklode“ und „graf Althans“.

Pfirsich: Wenig Probleme mit der Kräuselkrankheit haben die weißfleischigen „Benedicte“ und „Revita“.

Aprikose: An warmem und geschütztem Standort gedeihen „Goldrich“ und „Kioto“.

Obststräucher

Johannisbeere: Bewährt sind rote Sorten wie „Jonkher van Tets“, „Rolan/Rotet“ und „Rovada“ sowie die schwarzen Sorten „Titania“, „Ometa“, Bona“ und „KieRoyal“.

Stachelbeere: Grün-gelbe Sorte „Invicta“, rote „Remarka“, Rokula“ und Redeva“ und „Captivator“ (stachellos).

Heidelbeere: Saures Substrat brauchen alle Sorten wie „Duke“, „Patriot“, „Bluecrop“, „Darrow“ und „Elisabeth“ (Kübel oder Freiland).

Himbeere: Herbsttragende „Aromaqueen“, „Himbo Top“, „Polka“ und Sugana“, sommertragende „Meeker“, „Glen Ample“, „Schönemann“ und „Tula magic“.

Brombeere: Dornenlose sind „Loch Tay“, „Loch Ness“, „Asterina“ und „Navaho“.

Kleinfrüchtige Kiwi: Kiwi sind zweihäusig, das heißt man braucht, um Früchte zu ernten, eine männliche Sorte (wie „Blütenwolke“) für die weiblichen Pflanzen wie „Weiki“, Fresh Jumbo“, „Red Jumbo“, „Super Jumbo“, „Maki“ und „Issai“.

Buchtipp: Natürlich natürlich - prima Klima für Haus und Garten

Eine Fülle kluger Ideen für „prima Klima“ in Haus, Garten und auf Balkonien stellt der praktische Ratgeber „Natürlich, natürlich“ vor. Das Buch enthält viele wissenschaftlich fundierte Fakten und praktische Tipps, Best-Practice-Beispiele, vorbildliche Aktionen von Institutionen und Initiativen sowie 10 Direktmaßnahmen, die jeder im eigenen Umfeld sofort umsetzen kann. Es geht um Gartenglück und Outdoor-Workout, um Lebensmittelanbau, intaktes Bodenleben und natürliche Gartenmaterialien. Um wertvolles Regenwasser für den Garten zu bewahren statt in die Kanalisation zu leiten, rät Mit-Autor Werner Ollig in sein“ zum kostengünstigen Einbau eines Wassersammlers („Regendieb“) ins Fallrohr. Per Schlauch wird das kostbare Nass vom Dach aber nicht in eine Tonne, sondern direkt an den gewünschten Stellen (Obstbäume, Staudenbeet, Rasen) in den Boden geleitet, wo es tiefgründig versickert und später von Pflanzen wieder abgerufen werden kann.

„Natürlich, natürlich!“, Knechtverlag, Preis 16,90 Euro.

(Gisela Busch)

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